Die Reichweite soll sich erhöhen

Merger-Optimismus auf dem Red-Hat-Forum

| Autor / Redakteur: Ariane Rüdiger / Ulrike Ostler

Unter dem Motto „Ideas Worth Exploring“ trafen sich rund 700 Kunden und Partner von Red Hat zum ersten in Deutschland stattfindenden „Red-Hat-Forum“ seit fünf Jahren.
Unter dem Motto „Ideas Worth Exploring“ trafen sich rund 700 Kunden und Partner von Red Hat zum ersten in Deutschland stattfindenden „Red-Hat-Forum“ seit fünf Jahren. (Bild: Ariane Rüdiger)

Auf dem deutschen „Red-Hat-Forum“ gab sich das Management optimistisch bezüglich der Chancen der von IBM angestrebten Übernahme. Ansonsten fokussierte sich der Open-Source-Spezialist auf Informationen zur Umsetzung von Digitalisierungsstrategien.

Unter dem Motto „Ideas Worth Exploring“ trafen sich in einem Tagungszentrum in der Münchner Stadtrandgemeinde Unterschleißheim rund 700 Gäste zum ersten Red-Hat-Forum in deutschen Landen seit fünf Jahren. Auf der Veranstaltung sollte es, so Robert Lindner, Vertriebsdirektor Deutschland, weniger um Produkte gehen als darum, Red Hat „als Unternehmen besser kennenzulernen“.

Zudem sollten die Kunden Anregungen für ihre Digitalisierungsbestrebungen mit nach Hause nehmen. „Technologie, Prozesse und Kultur“, so das Management unisono, müssten sich ändern, damit erfolgreiche Digitalisierung möglich wird. Dabei bilde die Kultur bei weitem das schwierigste Kapitel.

Diesem Thema rückt Red Hat wie übrigens auch viele andere Unternehmen durch „Open Innovation“ zu Leibe. So bezeichnet man gesteuerte Kreativ- und Innovationsprozesse. Dabei versuchen Kunden und Unternehmen mit unterschiedlichen Methoden, neue Lösungen für Herausforderungen des Kundenunternehmens zu finden – meistens unter Einsatz neuer digitaler Technologien wie AI, DevOps, Cloud und Mobile.

KI als Zukunftstechnologie

An den Ständen der Sponsoren gab es großes Gedränge. Die Rolle des Platin-Sponsors übernahm DXC Technologies. Der ehemalige Beratungszweig von HP, bestehend aus HP- und CSC-Mitarbeitern, ist gerade einmal ein Jahr alt. Gold-Partner waren Atos, Cancom Pironet, Computacenter und Microsoft sowie kleinere Integratoren und Softwarefirmen wie Devoream, Viada oder der Datenbankanbieter Couchbase. Alle trugen durch gut besuchte Vorträge zum fachlichen Input bei.

DXC Technologies versuchte die Gäste in seinem Plenumsvortrag für den baldigen Einstieg in KI zu begeistern. Das Unternehmen hat für BMW eine AI-basierte Entwicklungs-Workbench für die Entwicklung von Applikationen fürs autonome Fahren entwickelt. Sie soll auch anderen Unternehmen als Produkt oder Service angeboten werden.

IBM-Aufkauf: Rosige Aussichten?

Doch der heimliche thematische Mittelpunkt der Veranstaltung war etwas anderes: die Frage, wie Kunden und Partner den laufenden Aufkaufversuch des reinen Open-Source-Players durch den Mainframe-Nestor IBM aufnehmen würden. Zur Erinnerung: IBM möchte Red Hat für 34 Milliarden Dollar übernehmen. Davon, so jedenfalls Rainer Liedtke, Regional Manager DACH Red Hat, müssten 20 Milliarden Dollar durch Kredite aufgebracht werden.

Gleich im ersten Referat des Vormittags versuchte Robert Knoblich eventuelle Vorbehalte beim Publikum zu zerstreuen. Der Senior Vice President und General Manager EMEA ist seit 16 Jahren unter dem „roten Hut“. Knoblich: „Das ist der bisher größte Aufkauf eines Open-Source-Unternehmen weltweit. Zudem kauft IBM unser Logo, unsere Kultur, aber keine Urheberrechte.“

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Nur wenn Red Hat weiterexistiere wie bisher, sei garantiert, dass beides erhalten bleibe und das Unternehmen selbständig weiterwirtschaften könne. Red Hat, seit 66 Quartalen ununterbrochen wachsend, sei so wertvoll, weil sich Open Source habe als die Zukunft der Software erwiese habe.

Red Hat soll auch als IBM-Tochter eigenständig bleiben

„Es soll keine Integration geben und Red Hat damit eigenständig bleiben, auch ein Integrationsteam ist nicht vorgesehen,“ so Knoblich weiter. Ein Synergieteam dagegen wurde eingerichtet. Kein Red-Hat-Mitarbeiter bekommt einen IBM-Vorgesetzten, nur der CEO wird an Virginia Rometty berichten.

Das alles gilt freilich nur, wenn der Deal durchkommt. Die Aktionäre werden darüber schon im Januar abstimmen. Zudem entscheiden die Wettbewerbshüter mit. Auf die Frage, welche Teile Red Hat für einen Merger aufzugeben bereit wäre, mochte sich kein Manager äußern.

Für Red Hat liegen die Reize des Zusammengehens mit IBM vor allem in einer größeren vertrieblichen Reichweite. „In vielen kleineren Märkten in Europa und erst recht anderswo sind wir entweder nicht präsent oder nur mit wenigen Mitarbeitern“, sagt Rainer Liedtke, Regional Manager für Deutschland, Österreich und der Schweiz bei Red Hat. Er nennt Portugal und Ungarn als Beispiele. Dabei gebe es großen Bedarf.

Red Hat als Türöffner

IBM bekämpft mit dem Deal wohl den Eindruck, es sei altbacken. Die Blütenträume rund um die Watson-Technologie haben sich als weitgehend als maßlos übertrieben entpuppt. Also muss etwas anderes her, das den aktuellen Trends des Marktes entgegenkommt und IBM den Zugang zu den Umsatzquellen der Zukunft eröffnet.

Und die gehen in Richtung Open Source. „Alles, was in der Cloud passiert, ist Linux basiert. Software-Innovationen kommen aus der Open-Source-Community“, betont Knoblich. Auch heute schon trägt IBM viel zur Open-Source-Community bei. Mit Red Hat bekäme Big Blue nun eine breit am Markt anerkannte Linux-Distribution und Produkte für unterschiedliche Ebenen des Infrastruktur-Stacks hinzu.

Während die IBM-eigene Variante einer Container-Plattform eher vor sich hin dümpelt, gewinnt die Kubernetes-basierende Red-Hat-Suite „OpenShift“ immer mehr Anhänger. Auch „Red Hat OpenStack“ dürfte IBM gut schmecken. Bei Middleware dagegen hat IBM selbst mit „Websphere“ ein gutes Angebot. Hier bringt Red Hat die aufgekaufte „JBoss“-Software ein, die ebenfalls viele Freunde hat.

Bleibt die Identität erhalten?

Doch IBM ist bislang nicht dafür bekannt, Aufkäufe immer mit Samthandschuhen anzufassen. Firmen, die Mainframe-Software auf Standard-Intel migrieren wollten, werden schon mal aufgekauft und eingestellt. Lotus verlor sehr schnell seine Eigenständigkeit.

Es gibt allerdings das Gerücht, der derzeitige Red-Hat-CEO Jim Whitehurst könne nach erfolgreichem Merger die schon über 60jährige Ginny Rometty, derzeit CEO von IBM, bald ablösen. Doch ob sich die Kultur einer 13.000-Mitarbeiter-Firma in diesem Fall auf den Riesen mit mehr als 300.000 Mitarbeitern übertragen ließe, darf zumindest bezweifelt werden. Schließlich erzwingt allein die Größe mehr Hierarchie-Ebenen und Management.

„Bei OpenShift und OpenStack kein Vendor-Lock-In!“ sagt Volker Müller, Director Sales & Solutioning Cancom Synaix Illustration.
„Bei OpenShift und OpenStack kein Vendor-Lock-In!“ sagt Volker Müller, Director Sales & Solutioning Cancom Synaix Illustration. (Bild: Ariane Rüdiger)

Anwender und Partner zeigen sich mal skeptisch, mal optimistisch. Während ein Anwender, der nicht zitiert werden möchte, lediglich hoffte, „dass sich nichts verändert“, waren andere sicher, dass IBM im Open-Source-Bereich nicht denselben Allmachtsanspruch wie im Mainframe-Markt werde entfalten könnte.

Volker Müller, Director Sales & Solutioning bei Cancom Synaix: „Aufgrund der Open-Source-Strategie von Red Hat bei OpenShift und OpenStack, haben wir als Partner kein Vendor-Lock-In. Wir glauben aber an die großen Chancen, die sich aus dem Zusammenschluss von Red Hat und IBM ergeben.“

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