Jenseits des Outsourcing Hilfe aus Bharat Unterschätzt: Der Software-Reifegrad in Indien

Von Rajesh Nambiar* 5 min Lesedauer

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Auf dem deutschen IT-Arbeitsmarkt klafft eine Lücke, die sich mit Förderprogrammen, Recruiting-Kampagnen oder Quereinsteiger-Initiativen längst nicht mehr schließen lässt. Internationale Engineering-Partnerschaften schließen genau diese Lücke quantitativ wie qualitativ und werden damit vom rein operativen Instrument zur strategischen Voraussetzung. Indien ist bereit.

Früher einmal waren 'Bodyshopping' und Outsourcing die Aspekte, wenn es um Siftware-Entwicklung in Indien ging. Heute sollen Qualität und Reifegrad der Softwareprodukte vom Subkontinent als Auswahlkriterien für den Einkauf dienen. (Bild: ©  MT - stock.adobe.com / KI-generiert)
Früher einmal waren 'Bodyshopping' und Outsourcing die Aspekte, wenn es um Siftware-Entwicklung in Indien ging. Heute sollen Qualität und Reifegrad der Softwareprodukte vom Subkontinent als Auswahlkriterien für den Einkauf dienen.
(Bild: © MT - stock.adobe.com / KI-generiert)

Während der Bedarf an KI- und Software-Kompetenz in Rechenzentren, Cloud-Operations-Teams und KI-Plattformprojekten von Quartal zu Quartal wächst, schrumpft das verfügbare Talentangebot im selben Tempo. Allein dem Digitalverband Bitkom zufolge sind branchenweit inzwischen 109.000 IT-Stellen unbesetzt, und die Diskrepanz zwischen Anspruch und Kapazität deutscher Digitalstrategien öffnet sich täglich weiter.

Eine offene IT-Stelle bleibt in Deutschland im Schnitt 7,7 Monate unbesetzt und 79 Prozent der Unternehmen rechnen mit einer weiteren Verschärfung. Strukturell wird die Lage zusätzlich kippen, denn bei einer Geburtenrate von gerade einmal 1,35 Kindern pro Frau fällt auch die nachrückende Fachkräftegeneration deutlich kleiner aus.

Besonders bitter trifft es Mittelständler und Rechenzentrumsbetreiber abseits der Ballungsräume, die auf ausgeschriebene Entwicklerstellen häufig nicht eine einzige Bewerbung mehr erhalten. Zugleich konkurrieren sie um dasselbe schrumpfende Talentangebot mit Tech-Riesen wie Google oder Meta sowie mit einer wachsenden Zahl von KI-Startups, die mit höheren Gehältern, flexibleren Arbeitsmodellen und attraktiveren Technologie-Stacks locken.

Nasscom und BVMW gründen Arbeitsgruppe „KI für den Mittelstand“

Die Non-Profit-Organisation Nasscom mit mehr als 3000 Mitgliedern hat im April dieses Jahres Im strategischen Rahmen des indisch-deutschen KI-Paktes eine Zusammenarbeit mit dem Bundesverband mittelständischer Unternehmen (BVMW) die Gründung der Arbeitsgruppe „KI für den Mittelstand“ bekannt gegeben.

Unter der Leitung und Anleitung des deutschen Bundesministeriums für Digitales und Verkehr (BMDS) und des Ministeriums für Elektronik und Informationstechnologie (MeitY) arbeitet der Verband Nasscom eng mit deutschen Interessengruppen zusammen, um neue Wege für Technologiepartnerschaften zu erschließen. Das Programm „KI für den Mittelstand“ wird als zentrale Initiative in diesem Rahmen entwickelt. Mit dem Start am 15. April wurde die Gründung einer strukturierten Arbeitsgruppe besiegelt.

Am Ende wird es teuer

Wer die Tragweite dieses Software-Defizits unterschätzt, zahlt am Ende teuer. Volkswagens Software-Tochter Cariad etwa hatte bis Anfang 2025 rund 7,5 Milliarden Euro an operativen Verlusten angehäuft, Modellanläufe verzögerten sich um Jahre. Letztlich verständigte sich der Konzern auf ein Joint Venture mit dem amerikanischen Startup Rivian, in das er bis 2027 bis zu 5,8 Milliarden Dollar einbringen will, um zu kompensieren, was er aus eigener Kraft nicht leisten konnte.

Genau dasselbe Muster wiederholt sich heute an ganz anderer Stelle, ob beim Aufbau souveräner KI-Plattformen, beim Betrieb GPU-dichter Rechenzentren oder beim Bau Cloud-nativer Industrieanwendungen. Und genau dort, wo deutsche Akteure an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen, hat Indien in den vergangenen Jahren einen Reifegrad entwickelt, den die alte Outsourcing-Logik nicht mehr abbildet.

Vom Dienstleister zur Softwaremacht

Wie weit Indien dabei vorgerückt ist, lässt sich an wenigen, aber sehr eindeutigen Marken ablesen.

  • Mit „Sarvam-30B“ und „Sarvam-105B“ stellte Indien im Februar 2026 auf dem „India AI Impact Summit“ zwei souveräne, von Grund auf in indischer Eigenregie trainierte Large Language Models vor, die alle 22 offiziellen indischen Sprachen abdecken und unter Apache-2.0-Lizenz quelloffen verfügbar sind.
  • Mit „QpiAI-Indus“ läuft zudem seit April 2025 der erste vollintegrierte supraleitende 25-Qubit-Quantencomputer in indischer Eigenregie, entwickelt vom Startup QpiAI aus Bangalore im Rahmen der nationalen Quantenmission.
  • Stanford listet Indien im Global AI Vibrancy Index inzwischen auf Rang drei, hinter den USA und China, aber vor Großbritannien, Südkorea und Japan.

All das ist keineswegs Nische oder Ausreißer. Mittlerweile betreiben über 1.700 globale Konzerne eigene Forschungs- und Entwicklungszentren in Indien, so genannte Global Capability Centres (GCC), in denen rund 1,9 Millionen Fachkräfte arbeiten. Allein in den GCCs der Fortune-500-Unternehmen sind über 126.000 KI-Spezialisten beschäftigt, und mit über 17 Millionen Entwicklern auf Github stellt Indien zudem die zweitgrößte Developer-Community der Welt.

Architekturverantwortung statt verlängerter Werkbank

Für deutsche Tech-Verantwortliche eröffnet diese Entwicklung eine Option weit jenseits klassischen Outsourcing. Indische Anbieter übernehmen heute Architekturverantwortung für komplette Software-Stacks, statt einzelne Module oder Bug-Tickets abzuarbeiten. Sie agieren als Tier-1-Innovationspartner auf Augenhöhe, tragen technologische Risiken aktiv mit und reden längst auch dabei mit, was überhaupt entwickelt werden sollte.

  • Und Bosch betreibt mit seiner Softwaretochter BGSW in Indien das mit über 23.000 Mitarbeitenden größte Software- und Technologiezentrum des Konzerns außerhalb Deutschlands.

Für deutsche IT- und Infrastrukturverantwortliche eröffnen solche Partnerschaften vor allem drei Hebel. Sie ergänzen fehlende Softwarekapazitäten gezielt, verkürzen Entwicklungszyklen für neue Plattformfunktionen und bringen KI-gestützte Workloads spürbar schneller in den produktiven Betrieb. Operativ heißt das, dass ein Unternehmen, das heute bis zu acht Monate auf einen Embedded- oder Plattform-Entwickler warten muss, über ein GCC bereits innerhalb weniger Wochen ein leistungsfähiges Team aufbauen kann, das sowohl KI-Modelle entwickelt als auch domänenspezifische Anforderungen sicher beherrscht.

*Der Autor
Rajesh Nambiar ist Präsident des Verbandes des mächtigen indischen Software- und IT-Services-Verbands Nasscom. Sein Fazit lautet: Hardwarekompetenz, Ingenieurskunst und Domänenwissen bleiben fraglos das Fundament der deutschen IT- und Infrastrukturwirtschaft. Als alleinige Differenzierungsfaktoren reichen sie inzwischen jedoch nicht mehr aus.
In einer Welt, in der Software-Stacks zunehmend über den Wert von Plattformen, Rechenzentren und KI-Anwendungen entscheiden, fehlen vielen deutschen Akteuren schlicht die Kapazitäten, um in der nötigen Tiefe und Geschwindigkeit nachzuziehen. Wer den Reifegrad indischer Software- und KI-Kompetenz weiter unterschätzt, läuft sehenden Auges Gefahr, in fünf Jahren festzustellen, dass die Innovationspartnerschaft, die man hätte haben können, längst von der Konkurrenz besetzt ist.

Bildquelle: Nasscom

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