End of Life Huawei lässt die Server sterben

Autor Ulrike Ostler

Wie passend: Endlich stehen die Präsenzveranstaltungen, auch bei Huawei, wieder auf, der deutsche Part der Veranstaltung „Huawei Eco-Connect Europe 2021“ findet am 28. Oktober 2021 in einem Düsseldorfer Kino statt, wo die Teilnehmer zum Schluss in den aktuellen „James-Bond: Keine Zeit zu sterben“ eingeladen worden sind und das Ende ist kein Gutes: Huawei stellt die Produktion von Servern ein. Dazu Jörg Karpinski im Interview:

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Ausgebremst: Huawei bekommt keine Intel-Chips und baut keine Server mehr.
Ausgebremst: Huawei bekommt keine Intel-Chips und baut keine Server mehr.
(Bild: © evannovostro - stock.adobe.com)

Karpinski, heute Sales und Marketing Director Germany, Enterprise Business bei Huawei Technologies Deutschland GmbH, ist quasi ein Huawei-Urgestein in Deutschland, ist er doch bereits seit Mai 2013 bei dem Ableger des chinesischen Konzerns. Hierzulande steht Huawei gut da, zumindest läuft das Storage-Geschäft gut. Karpinski verweist gerne darauf, dass Huawei mit einem Anteil von 9,4 Prozent etwa gleichauf mit Netapp und hinter Hewlett-Packard Enterprise (HPE) der drittgrößte externe Anbieter ist.

2020 war der Channel-Umsatz im Jahresvergleich um 54 Prozent gestiegen und auch 2021 sieht es mehr als gut aus. Laut Chris Lu, Managing Director, Enterprise Business Group, Huawei Technologies Germany, hatte Huawei 2020 insgesamt ein Plus von 34 Prozent zu verzeichnen und in den ersten drei Quartalen 2021 ein Plus von 40 Prozent. Insgesamt wachse der Umsatz in allen Regionen der Welt, außer in den USA. Ob diese Aussage sich ausschließlich auf den Enterprise-Bereich bezieht, den Umsatz mit den Telekommunikationskunden inkludiert und lediglich die Consumer-Produkte ausschließt, bleibt an dieser Stelle unklar.

Der Umsatz

Jedenfalls hatte der Konzern durchaus Umsatzeinbußen zu beklagen: Im ersten Halbjahr 2021 fiel der Umsatz um rund 29 Prozent auf 320,4 Milliarden Yuan (knapp 42 Milliarden Euro). Die Einbußen stammen hauptsächlich aus dem Verbrauchergeschäft, dessen Erlöse um rund 47 Prozent auf 135,7 Milliarden Yuan absackten. Das Netzwerk-Geschäft schrumpfte um 14 Prozent auf knapp 137 Milliarden Yuan.

Schuld daran sind die Sanktionen, die Ex-US-Präsident Donald Trump verhängt hatte, zum Beispiel durfte Intel keine Chips mehr liefern, TSMC durfte keine SoCs mehr für den Huawei-Chipbereich Hisilicon produzieren, …. und der Zugang zu Google-Diensten für Android-Smartphones - von Karten bis zur App-Plattform Play Store- beziehungsweise deren Vermarktung blieb verwehrt . Auch US-Präsident Joe Biden hat die von seinem Vorgänger Donald Trump verhängten Sanktionen zunächst in Kraft gelassen und in puncto Supercomputer neue verhängt, um eine generelle Überprüfung chinesischer Unternehmen anzuordnen.

Und jetzt berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf informierte Kreise, Huawei Technologies befinde sich in fortgeschrittenen Verhandlungen zum Verkauf seiner x86-Server-Sparte. Und mehr noch: Das Servergeschäft soll an ein Konsortium gehen, zu dem mindestens ein staatlicher Käufer gehöre.

Das Interview mit Jörg Karpinski, Sales & Marketing Director Germany, Enterprise Business bei Huawei Technologies Deutschland GmbH, hat während der Veranstaltung „Huawei Eco-Connect Europe 2021“ stattgefunden. Austragungsort des deutschen Präsenzparts ist ein Düsseldorfer Kino gewesen, mit dem aktuellen „James Bond“-Film „Keine Zeit zu sterben“ als Tagesabschluss.
Das Interview mit Jörg Karpinski, Sales & Marketing Director Germany, Enterprise Business bei Huawei Technologies Deutschland GmbH, hat während der Veranstaltung „Huawei Eco-Connect Europe 2021“ stattgefunden. Austragungsort des deutschen Präsenzparts ist ein Düsseldorfer Kino gewesen, mit dem aktuellen „James Bond“-Film „Keine Zeit zu sterben“ als Tagesabschluss.
(Bild: Ulrike Ostler)

Gibt es noch Server von Huawei? Das Ende naht sang und klanglos.

Jörg Karpinski: Tatsächlich ist die Produktion seit März dieses Jahres, sagen wir einmal, eingefroren. Das hat unter anderem zu großen Diskussionen mit unseren Partnern geführt. Immerhin waren wir der drittgrößte Abnehmer von Intel-Prozessoren weltweit.

Das heißt, es gibt gar keine Server von Huawei mehr. Immerhin hat die Company noch die „Taishan“-Server. Die Rechenzentrumssysteme basieren auf dem „Kunpeng“-Prozessor von Huawei, sind also ARM-basiert.

Jörg Karpinski: Mit der ARM-Entwicklung machen wir weiter. Ursprünglich ist die RISC-Architektur von IBM für das Militär entwickelt worden, also für einen sehr eingeschränkten Bereich, der schlank, schnell und sicher sein sollte. Tatsächlich haben wir ARM-Prozessoren auch immer dort eingebaut, wo es auf Geschwindigkeit ankommt oder hohe Lasten anfallen. So stecken schon seit Dezember 2019 ausschließlich ARM-Chips in allen unseren Storage-Systemen – und kaum jemand hat das gemerkt. Unser AI-Chip „Ascend“ wird ohnehin überall eingebaut. Die Netzwerk- und Storage-Produkte lernen damit anhand des Nutzerverhaltens.

Und seien wir einmal ehrlich: Ein Server ist ein Server, ist ein Server – zumindest im Commodity-Bereich, wo Intel rund 90 Prozent dessen vorgibt, was sich damit anstellen lässt. Die Stärke von Huawei beginnt aber dort, wo wir mehr Freiheiten zum Entwickeln haben, zum Beispiel, wenn größere, stärkere Systeme, etwa ab 8 Cores, gebraucht werden.

Aber gerade Künstliche Intelligenz beziehungsweise das Training von Modellen und die Analysen, wie sie im High Performance Computing anfallen, brauchen leistungsstarke Server.

Jörg Karpinski: Der Verzicht auf den HPC-Bereich hat wehgetan. Das war einer der am besten laufenden Geschäftsbereiche für uns hat und hat auch hierzulande Millionen gekostet. Die von uns angefangenen Projekte werden wir natürlich noch beenden und zwar so, dass die Kunden zufrieden sein können. Außerdem können wir darauf hoffen, dass die HPC-Kunden, die vielfach aus der Forschung kommen, ARM-Architekturen eher akzeptieren, zumal sich die Physik verlagert- die Grenzen zwischen Computer und Speicher-Nodes verschwimmen.

Hyperkonvergente Systeme, die derzeit boomen, benötigen nebst Storage, Networking und Management auch Computer-Power. Ohne Compute-Nodes kann Huawei keine HCI-Appliances anbieten.

Jörg Karpinski: In der Tat wären hier Partner eine Option.

Wie wäre es mit Supermicro?

Jörg Karpinski: Kein Kommentar.

Was haben die Kunden zu erwarten?

Jörg Karpinski: Wir werden niemanden sauer fahren. Service und Support wird nicht eingestellt. Selbst wenn ein System komplett ausfiele, könnten wir es ersetzen - und das gilt nicht nur für Europa, sondern weltweit.

Das Thema der Event-Serie ist Nachhaltigkeit. Mir scheint, dass Huawei etwas spät auf diesen Zug aufspringt.

Jörg Karpinski: Jain. Was das Thema inhouse angeht, so gibt es zwar das klare Ziel CO2-neutral zu sein und auch Überlegungen, die Ziele auf die gesamte Lieferkette zu übertragen. Dennoch könnte man hier weiter sein.

Allerdings tun wir einiges dafür, wie sich die Hardware länger nutzen lässt. In diesem Bereich können wir Erfahrungen, die wir im Carrier-Segment bereits haben, übertragen. Denn die Carrier können ihre Infrastruktur nicht einfach so alle paar Jahre austauschen. Die KI hilft uns, einen Zwischenschritt einzuführen: Neue Software erweitert die Nutzungsmöglichkeiten der Hardware.

Normalerweise korrespondiert im Enterprise, im Rechenzentrum der Hardware-Austausch mit den Abschreibungszyklen: Server alle zwei bis drei Jahre, Netzwerk-Equipment alle drei bis vier Jahre und Storage-Devices alle fünf Jahre. Das ist für den Investor okay, aber für den Administrator, die Administratorin ein Desaster. Zu den dadurch bedingten Schwierigkeiten kommen neue Themen hinzu, wie derzeit Software-Defined Wide Area Network (SD-WAN). Mithilfe der KI lässt sich die Hardware behalten.

Zudem können Carrier im Feld keine Strommonster gebrauchen. Stattdessen muss die Ausstattung mit Solarpanelen und Batterien funktionieren können. Das adaptieren wir auch für die Datacenter-Devices.

Insgesamt glaube ich, dass wir auf einem guten Weg sind. Aber machen wir uns nichts vor: Letztlich wird sich die CO2-Neutralität in absehbarer Zeit nur durch Ankauf entsprechender Zertifikate bewerkstelligen lassen.

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