Ein Jahr nach der Ankündigung nachgefragt:

Was ist aus dem OTRS-Fork KIX geworden?

| Autor / Redakteur: Ludger Schmitz / Ulrike Ostler

In den neu gestalteten Räumen der einstigen Webmaschinenfabrik Schönherr in Chemnitz hat auch Cape IT seinen Firmensitz. Hier fand die Anwenderkonferenz zum zehnjährigen Bestehen statt.
In den neu gestalteten Räumen der einstigen Webmaschinenfabrik Schönherr in Chemnitz hat auch Cape IT seinen Firmensitz. Hier fand die Anwenderkonferenz zum zehnjährigen Bestehen statt. (Bild: Ludger Schmitz / CC BY 3.0)

Der Ankündigung vor zwölf Monaten sind Fakten gefolgt: Es gibt die OTRS-Alternative KIX. Was ist bisher geschehen, und wie sehen die Pläne für die absehbare Zukunft aus?

Vor einem Jahr brach die Cape IT GmbH mit dem Ticketing-System Open Ticket Request System (OTRS). Das Chemnitzer Softwarehaus kündigte mit KIX einen Open-Source-Fork an, der nach einer Übergangszeit eine eigenständige Codebasis bekommen sollte. In diesem Vorgang kumulierte die offenbar zunehmende Unzufriedenheit mit der Produktpolitik der Bad Homburger OTRS AG. Inzwischen hat die Situation um OTRS zu einer weiteren Open-Source-Konkurrenz geführt: Zammad vom gleichnamigen Berliner Unternehmen, über das hier kürzlich berichtet wurde.

KIX4OTRS 8 ist die Brücke zum neuen KIX

Wie angekündigt stellte Cape Ende Januar 2016 mit KIX4OTRS 8 das letzte Release seiner bisherigen Produktreihe vor. Es basiert auf der OTRS-Version 5 und wird bis Ende 2018 von Cape Support erhalten. Diese achte Hauptversion von KIX4OTRS, das es seit 2008 gibt, ist gleichzeitig für Anwender die notwendige Zwischenversion zur Migration von KIX4OTRS zu KIX.

Cape gab KIX Anfang April 2016 in einer gleichnamigen Basisversion und als KIX Professional frei. Die Lizenzform ist wie bei den vorherigen Produkten die GNU AGPL v3. Dieses erste KIX ist quasi ein „Soft Fork“, indem es noch viel Code von OTRS enthält. Es ermöglicht eine automatische Migration von OTRS 5 nach KIX.

"Die KIX-Pipeline ist gut gefüllt"

Cape-Geschäftsführer Rico Barth
Cape-Geschäftsführer Rico Barth (Bild: Cape IT)

Nach Angaben von Cape-Geschäftsführer Rico Barth gibt es bisher 40 KIX-Professional- und mehrere Hundert KIX-Installationen. Auf Anwenderseite ist dabei kein Schwerpunkt nach Branche oder Unternehmensgröße feststellbar. Fast 100 weitere Migrationen von KIX4OTRS zu KIX Professional sind bei Cape in Aussicht. Barth: „Die KIX-Pipeline ist wirklich gut gefüllt.“

KIX umfasst Installer für die sechs meistgenutzen Linux-Distributionen und unterstützt außerdem SELinux. Es gestattet automatische Updates und arbeitet mit dem Datenbanksystemen PostgreSQL, MariaDB, MySQL und Oracle zusammen. Zu KIX und KIX Professional ist ein erstes Feature-Release erschienen. Dieses umfasst nicht nur Bug-Fixes sondern neue Eigenschaften wie einen Kalender zur Organisation von Ticket-, Geräte- oder Vertrags-spezifischen Terminen.

Vom Soft Fork zum Hard Fork

Wie angekündigt sind für KIX erste neue Module verfügbar, nämlich ein „Wartungsplaner“ und ein „FieldService“-Modul. Eine App ermöglicht die Offline-Nutzung im mobilen Support. Diese Erweiterungen sind von zentraler Bedeutung für das Branchen-Bundle MRO (Maintenance, Repair and Overhaul) das Cape auf der diesjährigen Hannover-Messe Industrie erstmals vorstellte und inzwischen fertig ist.

Ein Motiv für die Loslösung von OTRS waren hunderte Feature Requests von Anwendern, die Änderungen an dem Ticket-System erforderten, auf die OTRS nicht einging. Das wird sich jetzt in der zweiten Phase des Befreiungsschlags ändern. Denn KIX geht derzeit in den „Hard Fork“ über, das massive Ersetzen von OTRS-Code hat begonnen. Cape hat nach eigenen Angaben bereits 300 Personentage für Feature Requests der nächsten Version eingeplant.

Mehr Bundles für spezifische Branchen

2017 werden die branchenspezifischen Bundles „ITSM“ für klassische IT-Umgebungen und „HC“ für Anwendungen im Gesundheitswesen erscheinen. Hinzu kommt die Integration von Verinice, dem vor allem in der Behörden-IT verbreiteten System für Sicherheitsmanagement. Angekündigt ist ein MSI-Installer für Windows. Schnittstellen zu zentralen Lösungen für Groupware, ERP und CRM sollen die Synchronisierung von Daten automatisieren und bereits zur nächstjährigen CeBIT verfügbar sein.

Die kurz- bis mittelfristigen Produktpläne für KIX sehen fünf Punkte vor: Das Modul Wartungsplaner soll mehr Übersichten ermöglichen, zum Beispiel zu Verfügbarkeiten des technischen Equipments. Für das Modul FieldService ist beispielsweise die Möglichkeit vorgesehen, Arbeiten zu priorisieren, um Wege zu verkürzen.

Die technische Entwicklung beschleunigt

Die Nutzbarkeit der mit KIX verbundenen CMDB soll verbessert werden. So sollen verschiedene anpassbare Sichten einen besseren Überblick über die IT-Umgebung erlauben. Ein Thema in diesem Kontext wird die stärkere Integration von Sensorikdaten wie Betriebszähler oder Füllstände von Geräten. Cape stellt sich auf das Internet of Things ein. Schließlich soll ein erweitertes Self-Service-Portal, abhängig von den Rechten der User, verfügbare Services bis hin zur Bestellung von Software anzeigen und vereinfachen.

Cape-Mitbegründer René Böhm
Cape-Mitbegründer René Böhm (Bild: Cape IT)

Cape, vor zehn Jahren gegründet, ist in den letzten Jahren personell immer schneller gewachsen. Derzeit hat das Softwarehaus 30 Mitarbeiter. Die personelle Stärke wird auch gebraucht, um einen Fork zu stemmen, der sich von der erweiterten Kopie einer Lösung zu einem selbständigen Produkt entwickelt.

Für Überraschungen gut

Gleichzeitig scheint der Fork Kräfte mobilisiert zu haben, um weit in die Zukunft zu denken. So überraschte auf der vierten Cape-Anwenderkonferenz Anfang November in Chemnitz Firmenmitgründer René Böhm die gut 60 Teilnehmer mit einem Ausblick auf Aktivitäten des Softwarehauses, mit deren Ergebnis nicht vor 2018 zu rechnen ist.

Für spontane Diskussionen bei den versammelten Anwendern sorgte, dass Cape an Designstudien zum generellen Bedienkonzept von KIX sowie zur besseren Ergonomie der Benutzeroberfläche arbeitet. Einige Anwender finden häufige Wechsel zwischen Maus und Tastatur unergonomisch und wünschen sich optimalere Möglichkeiten einer Tastaturbedienung.

"Technischer Service + IT-Service => IoT"

Ferner bereitet Cape die Integration von WebSockets vor und hat Studien begonnen, den Kern von KIX noch eingehender zu überarbeiten. Auf großes Interesse der Teilnehmer der Anwenderkonferenz stieß auch die Entwicklung der Suchfunktionen. Cape ist bereits mit dem Prototyping zur Integration von Elastic Search beschäftigt. Böhms letzte Vortragsfolie zeigte, wohin die Reise geht: "Technischer Service + IT-Service => IoT"

* Ludger Schmitz ist freiberuflicher Journalist in Kelheim.

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