Neue strategische Orientierung samt neuer Organisation

OpenStack = Open Cloud + Open Infrastructure

| Autor: Ludger Schmitz

Schon der Fette Untertitel zum OpenStack Summit in Berlin wies auf die Neuorientierung hin
Schon der Fette Untertitel zum OpenStack Summit in Berlin wies auf die Neuorientierung hin (Bild: / Ludger Schmitz / CC BY 3.0)

Für OpenStack beginnt eine neue strategische Ära. Es wird künftig nicht mehr nur um Open-Source-Software für Cloud Computing gehen, sondern darüber hinaus Projekte für offene Infrastrukturen geben.

Was sich vor einem halben Jahr noch recht diffus auf dem OpenStack Summit in Vancouver abgezeichnet hatte, ist auf der Nachfolgeveranstaltung in Berlin manifest geworden. Das Open-Source-Projekt tritt über seine historischen Grenzen, wächst über die traditionellen Leitplanken Cloud Computing hinaus.

Eine rasante Erfolgsgeschichte

OpenStack wurde erst vor acht Jahren gestartet. Heute zählt die OpenStack Foundation nach eigenen Angaben 675 Mitgliedsorganisationen und 100.000 Entwickler aus 187 Ländern. Sie ist damit eins der bedeutendsten Open-Source-Projekte, und mit zuletzt durchschnittlich 182 Changes pro Tag eins der aktivsten.

Der rasante Erfolg hat historische Gründe. Das Grundprinzip von Open-Source-Entwicklung war 2010 weiten Teilen der IT-Industrie das Mittel der Wahl, um der sich abzeichnenden Dominanz von Amazon, Google und Microsoft bei Public Clouds etwas entgegen zu setzen, nämlich Private Clouds. Dieses personelle und finanzielle Engagement der IT-Industrie war und ist die Grundlage der Erfolgsgeschichte. OpenStack ist heute quasi Standard für Private Computing und damit ein Schwergewicht im angesagten Multi-Cloud Computing.

Die Aufteilung der Cloud-Welt

Anders bei Public Clouds. Auch wenn OpenStack-Technik für Public Clouds grundsätzlich geeignet ist, hat das nicht viel in diesem Marktsegment geändert. Die „Big Three“ sind proprietär wie eh und je. Allerdings gibt es alternative OpenStack-basierende Public-Cloud-Angebote, weltweit aus insgesamt rund 70 Rechenzentren. In Europa sind vor allem OVH und die deutsche Telekom beziehungsweise T-Systems mit der „Open Telecom Cloud“ (OTC) bekannte Anbieter.

Deutlich verbreiteter sind OpenStack-Public-Clouds in Asien, vor allen in China. Der bedeutendste Anbieter ist Huawei, der von der Hardware bis zur OpenStack-basierenden Infrastruktursoftware alles offeriert (die OTC hat diese Basis) und selber auch Public-Cloud-Anbieter ist. Weitere Anbieter sind unter anderem China Telecom, Alibaba, 99cloud und Tencent, die zumindest einen Teil ihres Service-Portfolios auf OpenStack-Basis aufgebaut haben.

Über die Cloud hinaus

In der Zwischenzeit hat sich OpenStack in eine ganz andere Richtung entwickelt, nämlich über die Cloud hinaus. Und diese Änderung schlägt sich in einer strategischen Neuorientierung der OpenStack Foundation (OSF) nieder. Genau genommen sind dabei zwei Richtungen zu beobachten. Zum einen sind es Edge Computing beziehungsweise Internet of Things. Dies ist vom technischen Konzept noch ziemlich naheliegend für die OpenStack-Wolke, sozusagen als seine natürliche Erweiterung in entferntere Mikrokosmen.

Etwas anderes ist es jedoch mit den neueren Projekten Kata Containers und Zuul. Sie benötigen nicht unbedingt erst OpenStack als Grundlage. Es sind unabhängige Tools für Container beziehungsweise CI/CD. Beide Projekte sind aus anderen OpenStack-Projekten entstanden. Zuul ist zum Beispiel ein Tool, dessen Grundlagen in den letzten sechs Jahren in diversen Projekten Verwendung und Verbesserung fanden.

Überschneidungen mit anderen Open-Source-Foundations

Aber Kata und Zuul könnten ebenso gut Projekte der Linux Foundation sein. Gleiches gilt für die Edge- und IoT-Projekte Airship und StarlingX. Deren Sourcecode fließt in der Tat upstream in das Akraino-Projekt der Linux Foundation ein.

Es ist nicht klar, warum die neuen Projekte in der OpenStack Foundation sind. Nach Darstellung der OSF-Leitung haben sie es halt so beschlossen. COO Mark Collier: „Den neuen Projekten sagt die OpenStack Foundation zu; ihnen sind unsere Grundprinzipien und unsere Arbeitsweisen wichtig.“ Die OSF-Prinzipien Offenheit bei Quellcode, Design, Community und Entwicklung sind allerdings auch in anderen Open-Source-Organisationen die Eckpfeiler.

Alle machen mehr als einst geplant

Dass OpenStack „über die Ufer tritt“ ist keine neue Erscheinung in der Open-Source-Welt. Die Linux Foundation wurde mal zum Schutz und zur Unterstützung von Linux gegründet. Inzwischen gibt es in ihr 89 Projekte höchst unterschiedlicher Zielrichtung, und gleich zwei dieser Projekte sind ebenfalls Cloud-orientiert, Cloud Native Computing Foundation (noch eine Foundation!) und Cloud Foundry, beide mit weiteren Sub-Projekten. Außerdem gibt es noch die Apache Foundation, unter deren Dach auch weit mehr steht als Apache, nämlich fast 200 Projekte, Hadoop, CloudStack, Tomcat, OpenOffice und CouchDB sind bekannte Beispiele.

Alle Foundations haben sich also über ihr ursprüngliches Ziel hinaus weiterentwickelt. Die Open-Source-Community ist in ihrer rasanten Entwicklung nie dazu gekommen, irgendeine Art von Abgrenzung der Aufgabenbereiche ihrer Foundations einzuführen.

Nur ein akademisches Problem?

Die OSF-Leitung weist entschieden Bedenken zurück, die Ausweitung von OpenStack könnte Mehrarbeit, Eifersüchteleien oder Kompetenzgerangel verursachen. „Wir haben eine hervorragende Kommunikation mit allen Foundations in der Open-Source-Welt“, erklärte in Berlin OSF-President Jonathan Bryce. „Es gibt keine Probleme.“ Sein COO Mark Collier ergänzte dort: „Die Anwender interessieren solche Fragen überhaupt nicht. Vielmehr sind sie es, die aus ihren guten Erfahrungen mit OpenStack von uns weitere Open-Source-Infrastruktur-Software möchten.“

Die neue Organisation der OpenStack Foundation

Das wird nicht nur zur Folge haben, dass ab sofort OpenStack-Summits immer den Untertitel „Open Infrastructure“ tragen werden. Auch die Foundation gibt sich eine neue Organisation. Der OpenStack-Kern „DefCore“ bleibt, aber für die Projekte darum herum gibt es nicht mehr das „Big Tent“, die alte Organisation hier. An seine Stelle tritt eine neue Organisation.

Neue Entwicklungsvorhaben sind künftig „Pilot Projects“ - zu diesen zählen zunächst auch Kata Containers, Zuul, Airship und StarlingX. Sie erhalten 18 Monate lang technische und organisatorische Unterstützung, müssen aber nicht bei der OpenStack Foundation gehostet sein. Voraussetzung ist allerdings, dass sie die vier Open-Prinzipien der OSF hinsichtlich Quellcode, Design, Community und Entwicklung übernehmen und unter einer von der Open Source Initiative genehmigten Lizenz veröffentlichen. Was Pilotprojekte werden, entscheidet die operative OSF-Leitung, wenn sie Projekte außerdem als relevant für das Ziel offener Infrastrukturen erachtet.

Von Pilotprojekten zu anerkannten

Der OSF-Verwaltungsrat kann Pilotprojekte nach Ablauf von 18 Monaten zu „Confirmed Projects“ erheben. Voraussetzungen sind, dass die Projekte mindestens Version 1 erreicht und offene Organisationsstrukturen (Open Governance) beschlossen haben. Mit der Aufnahme in diesen Kreis erhalten Projekte volle Unterstützung der Foundation. Zu den Confirmed Projects zählen jetzt alle Projekte aus dem bisherigen Big Tent der OSF.

Die neue Organisationsform soll den Projekten mehr Unabhängigkeit und mehr Entscheidungsfreiheit unter dem Dach der Foundation geben. Jedoch scheinen noch nicht alle Details entschieden zu sein. Am Vorabend der Berliner Summits hat den grundlegenden Beschluss der Verwaltungsrat der OpenStack Foundation gefasst. Es braucht jetzt noch die Zustimmung der Community-Vertreter auf einem für Mitte Januar 2019 angesetzten Treffen.

Langeweile kommt da nicht auf

Mit neuer Organisation und weiter gesteckten Zielen startet OpenStack in eine neue Phase seiner Entwicklung. Der Journalist und langjährige OpenStack-Kenner Frederic Lardinois hat bei TechCrunch geschrieben, OpenStack sei „langweilig“, weil der Hype um die Plattform weg sei. Letzteres stimmt insofern, als OpenStack über den Hypecycle hinausgewachsen ist.

Doch langweilig wird es bestimmt nicht. Es gibt noch keine Informationen über weitere geplante OSF-Projekte. Aber es ist mit ihnen vor allem dort rechnen, wo es Nähe zu Cloud-Themen gibt. In jedem Fall dürfte OpenStack mit der neuen Ausrichtung im Bereich der Infrastruktur-Software für frischen Open-Source-Wind sorgen. Man darf auf die nächsten Summits im Mai 2019 in Denver und Ende Oktober kommenden Jahres in China (Bejing ist im Gespräch) gespannt sein.

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