Der Mainframe im Software-Container

Lz Labs „Gotthard“ entführt Mainframe-User in die Cloud

| Autor: Ulrike Ostler

Das vordere Gerät von LzLabs verarbeitet 19.000 MIPS und kostet rund 1.000 Franken. Rechts daneben befindet sich ein Raspberry-Pi.
Das vordere Gerät von LzLabs verarbeitet 19.000 MIPS und kostet rund 1.000 Franken. Rechts daneben befindet sich ein Raspberry-Pi. (Bild: Vogel IT-Medien GmbH)

Es gab spontanen Applaus von all den Beratern, die sich mit Mainframe-Migration befassen. Geladen hatte sie am Dienstag das Schweizer Unternehmen Lz Labs. Den Applaus gab es für eine Live-Demo, bei der in wenigen Minuten aus einer Mainframe-Applikation ein „Azure“-Service wurde. Mit dieser Premiere ist der erste Software Defined Mainframe (SDM), „Gotthard“, auf dem Markt.

„Am liebsten hätten die Mainframe-Anwender die Funktionen, die sie über viele Jahre auf ihren Großrechner geladen, gehegt und gepflegt haben, als Service“, verrät Gartner-Analyst Dale Vecchio, „einfach nur konsumieren, keine Abhängigkeit von IBM, keine Sorgen um fehlenden Mainframe-Nachwuchs und wuchernde Lizenzkosten“. Man darf ja träumen? Oder eröffnet nun Lz Labs, in Zürich zuhause, mit „Gotthard“ nun einen komfortablen und sicheren Weg aus dem Mainframe-Land?

Mit dem Software Defined Mainframe (SDM) sollen Anwender jetzt erstmals in der Lage sein, ihre Mainframe-Anwendungen und -Daten auf alternative Systeme zu migrieren, ohne Code neu schreiben, re-kompilieren oder Daten in ein anderes Format konvertieren zu müssen. Damit können die Applikationen, die noch heute 70 Prozent aller Finanztransaktionen abwickeln, auf Server und Red Hat Linux im eigenen Rechenzentrum oder in die Microsofts-Cloud Azure transferiert werden.

Mark Creswell ist der CEO von LzLabs, Zürich.
Mark Creswell ist der CEO von LzLabs, Zürich. (Bild: Vogel IT-Medien GmbH)

Keine Frage: Mainframes bilden oftmals das Gehirn von Organisationen, die kritische Infrastrukturen für die Wirtschaft und Gesellschaft bereitstellen, von der Wasser- bis zur Energieversorgung, Banken und Versicherungen, Transportwesen, die öffentliche Hand, …. „Mehr als 5.000 der weltweit größten Unternehmen verlassen sich auf Mainframes, allein wenn es um Online- und Batch-Verarbeitung auf Cobol-Basis geht“, so Mark Creswell, CEO von LzLabs. Die geschätzte Anzahl an Codezeilen beträgt 200 Milliarden.

Unverzichtbar sind die Mainframe-Applikationen

Und keinesfalls sind alle diese Anwendungen veraltet. So löst jede dritte Handy-Aktion eine Transkation auf einem Mainframe aus. Und doch: „Mainframe-Anwender warten schon seit 30 Jahren auf einfache Wege, um Ihre Legacy-Anwendungen auf moderne Systeme zu migrieren“, so Creswell.

Seine Einschätzung wird von Gartner-Analyst und Mainframe-Spezialist unterstützt. Er fasst zusammen, was Mainframe-Kunden sagen, wenn sie modernisieren wollen:

  • den kundenspezifischen Code (Legacy) reduzieren
  • auf Standard-Software migrieren
  • Anwendungen von der Stange kaufen
  • die Anwendungen auf Commodity-x86-Hardware laufen lassen
  • Scale-Out in Windows- oder Linux-Umgebungen, also Wechsel von vertikalem Aufbau in einen horizontalen
  • die Option auf Cloud-Services

Was die Anwender hindert, sind die immens hohen Anforderungen an die Anwendungen und das System (bezogen beispielsweise auf I/O, auf das Volumen der Batch-Verarbeitung, der hohe Integrationsgrad etwa beim Daten-Sharing zwischen den Anwendungen sowie Sicherheit und Verfügbarkeit) sowie das damit verbundene Risiko bei einem Wechsel. Zugleich aber treffen diese Supereigenschaften von Großrechner-Applikationen oftmals auf recht diffuse Änderungswünsche, al la :„Ich will etwas ändern“. Vecchio stellt gar eine Worst-Practices-Liste auf:

  • Migration wird lediglich als IT-Projekt begriffen
  • Es werden nicht alle Testfälle durchgespielt – „Das recht schon“, „Wir decken 99 Prozent ab“, seien typische Aussagen.
  • Die IT-Landschaft, die ein Mainframe abbildet, wird fahrlässig analysiert und kartiert, die Lücken bleiben unentdeckt
  • Der Aufwand wird unterschätzt. Da stünden schon einmal 17 Millionen Codezeilen zur Disposition, aber die Anwender wollen alles sofort und gleich.

Gartner-Analyst äußert scharfe Kritik an IBM-Strategie

Tatsächlich beziffern sich fehlgeschlagene Versuche auf zig-Millionen, obwohl es viele verschiedene Wege gibt, den Großrechner loszuwerden von Re-Hosting bis Re-Write. Auch Hilfen gib es, zum Beispiel Asset-Discovery-Tools, die bei der Durchforstung des Codes helfen. Doch während das bei Online-Anwendungen gut funktionierten, so Vecchio, stießen diese Werkzeuge bei der Batch-Verarbeitung an ihre Grenzen und seien für die Codetransformation in diesem Umfeld gänzlich ungeeignet. Anwendungsteile aus dem Mainframe-Gebilde herauszulösen scheitern zumeist daran, dass es schwer ist, zu identifizieren, welcher Teil das sein soll, ihn auszulösen und adäquat durch Standardsoftware zu ersetzen.

Zugleich aber stehen die Unternehmen vor dem Dilemma hoher Kosten, einem immer kleiner werdenden Kreis von Experten für die Systeme und den Einschränkungen im Bereich Integration und Innovation. „Derzeit lässt sich überall in der IT Innovation beobachten“, sagt Vecchio, „nur im Mainframing nicht“. Der Analyst ergänzt seine harte Kritik: Was die IBM-Strategie bietet, sind Linux und Java auf dem Mainframe. Doch das mögen die Leute nicht wirklich“.

Zudem werde auch ein technisches Problem nicht gelöst: „Die Anwender sagen, der Mainframe skaliere nicht“, will heißen: Die vertikale Integrationen wird den Mainframe-Kunden zu aufwändig und zu teuer. Dazu trage auch der Mangel an Standardsoftware bei. „Es gibt vielleicht 3.000 solch paketierter Software für Mainframes, aber 30.000, die unter Linux laufen.“

Der Mainframe skaliert nicht!

Zudem sei nicht einmal sicher, ob IBM das Mainframe-Geschäft nicht doch loswerden wolle, so Vecchio und rekursiert dabei auf jüngste Überlegungen im Web, Hitachi wäre eventuell daran interessiert die z-System-Abteilung von IBM zu kaufen, siehe beispielsweise: „The mainframe is dead. Long live the mainframe!

Bringt nun der Software Defined Mainframe die Erlösung? Gotthard, das erste Release, stellt einen Managed Container bereit, der die Eigenschaften nachstellt, die Anwendungen aus den Bereich Online, Batch, Datenbanken, Datei- und Sicherheitssubsysteme auf Mainframes vorfinden. Bisher waren Mainframe-Kunden gezwungen, die Kompatibilität mit dem Großrechner aufzugeben, damit sie ihre alten Anwendungen und Daten auf Linux oder in die Cloud verlagern konnten. Der Software Defined Mainframe von Lz Labswill die Investitionen der Kunden in ihre Geschäftsprozesse, schützen indem er Neukompilierungen der Großrechner-Programme, das Konvertieren von Daten und komplexe Tests überflüssig macht.

Lz Labs geht dem Mainframe per Container an den Kragen

Software Defined Mainframe

Lz Labs geht dem Mainframe per Container an den Kragen

14.03.16 - Immer wieder gab und gibt es Versuche, sich mit Hilfe von Software-Migrations-Tools vom Mainframe mit seinen zahlreichen essentiellen Business-Anwendungen zu verabschieden. Der jüngste Versuch kommt aus der Schweiz und heißt Lz Labs. lesen

Der Managed Software-Container erlaube eine rentable Möglichkeit, Anwendungen von Großrechnern auf Linux-Rechner oder in private und Hybrid-Cloud-Umgebungen zu übertragen, so Lz Labs. Die Platzierung alter Anwendungsprogramme in den Container ermöglichten, dass sie auf Standradrechnern laufen könnten. Jahrzehntealte APIs würden durch neuere und zeitgemäßere ersetzt.

Der Mainframe im Container

Die LzLabs-Software ermöglicht den Betrieb der Executable-Form bestehende Großrechner-Kundenprogramme ohne Änderungen und ohne Kompromisse bei der Performance in anderer Umgebung. Dabei können die Großrechner-Daten in ihren nativen Formaten geschrieben und gelesen werden.

Gotthard enthält zudem Werkzeuge zur Migration, Hilfen für das Storage-Management und System Utilities. Das Gesamtpaket bilde die Grundlage, um Legacy-Anwendungen störungsfrei laufen zu lassen. Im Einzelnen enthält diese erste SDM-Version folgende Module:

LzOnline“ - Damit können Anwender Transaktionen basierend auf Cobol (Version 3) unverändert in einem SDM laufen lassen. Die Elemente der Transaktionen und der Online-Subsysteme lassen sich mit Hilfe der mitgelieferten Werkzeuge sehr einfach migrieren. Verfügbar ist das ab dem dritten Quartal 2016 sowohl für Batch- und Online-Transaktionen, Relationale Datenbank-Management-Systeme. Im vierten Quartal soll die Unterstützung für PL1 und für hierarchische Datenbanken folgen.

LzBatch - Hiermit können Administratoren eine Stapelverarbeitung entweder lokal oder remote unter Nutzung einer kompatiblen Job Control Syntax mit Ausgabe- und Spool-Management auslösen.

LzRelational - Relational Database Management System (RDBMS), kompatibel mit vergleichbaren Systemen, wie sie sich heute auf Legacy Hardware Mainframe befinden. Auch hier gehören umfangreiche Werkzeuge zur einfachen Migration zum Lieferumfang.

LzSecure - Authentifizierungs- und Autorisierungssubsystem, das die Sicherheitsrichtlinien, die vom Legacy Hardware Mainframe migriert werden, übernimmt.

Dataset-Unterstützung für VSAM und andere Datenbankformate – Erlaubt die Verwendung der meisten Track-basierten Datenformate. Hier verbleiben die Datasets unverändert in der Speichereinheit des SDM.

Migrationswerkzeuge – Einfache Migration von Anwendungen, Daten und Konfigurations-Objekten von der Legacy Hardware Mainframe zum Software Defined Mainframe.

Managed Storage Facilities – Unterstützt automatisierte Speicherklassen und -routinen, um Datasets auf dem SDM zu verwalten.

Mainframe System Utilities – Unterstützt die wichtigsten Mainframe Utilities, so dass keine Änderungen in den bisherigen Prozeduren notwendig sind.

Für das Frühjahr 2017 plant Lz Labseine „Workbench“ inklusive PL1- und Cobol-Compiler, integriertes Regression-Testing und Tools für die Cobol-zu-Java-Konvertierung.

Der Start einer Milliarden-Dollar-Company

Wenngleich Vecchio die Zukunft und “Cloud und OpenSource” sieht sowie in einem “kulturellen Wandel”, räumt er ein, dass nicht für alle Mainframe-Anwender die Ablösung und Transformation eine Option ist. Dennoch sagt er Lz Labs eine glorreiche Zukunft voraus. Insbesondere die Anwender mit Mainframes, die weniger als 5.000 MIPS repräsentieren seien ein attraktiver Zielmarkt.

Letztlich würden die Kunden ganze Mainframes kapseln und in Software emulieren, mutmaßt der Analyst, nicht einzelne Anwendungen. Und weiter: „Lz Labs könnte einen Großteil der Mainframe-Kunden erreichen“. Die Kosten für einen Software-Defined Mainframe sollen bei rund 10 Prozent der Kosten für eine IBM-Installation (1.000 Dollar pro MIPS, million instructions per second) liegen. Damit hätte das Start-up das Potenzial einer Milliarden-Dollar-Company.

Noch ist nicht alles perfekt. So kann Lz Labszwar die RDBMS-Daten und Datenstrukturen nachbauen, hat jedoch noch Probleme bei den Stored Procedures. Die für Mainframe-Anwender gewohnten Tools von BMC und CA Technologies etwa lassen sich für das Tuning der nachgebauten Anwendungen nicht verwenden.

Die Box, die Mark Crewell hier in der Hand hält verarbeitet 19.000 MIPS, Million Instructions Per Second.
Die Box, die Mark Crewell hier in der Hand hält verarbeitet 19.000 MIPS, Million Instructions Per Second. (Bild: Vogel It-Medien GmbH)

„Dafür aber“, so Lz-Labs-CEO Creswell, „können wir das Angebot aus dem Linux-Umfeld nutzen. Und sagen wir einmal so: Das Mainframe-Know-how wird über die Zeit weniger benötigt werden. Doch das Wissen um Container-Technik wie Docker und Linux nimmt zu.“

Bedenken hinsichtlich der Security-Funktionen eines Mainframes hingegen wiegelt er ab. Security-Definitionen etwa „Oarcle RAC“ und Resourcenklassen ließen sich ohne weiteres importieren.

Überlegt haben die beim Launch-Event anwesenden Berater, welchen Anwender sie zu einem solch frühen Zeitpunkt für ein Migrationsprojekt gewinnen könnten. So eigne sich das Produkt schon jetzt etwa für ressourcenschonende Testumgebungen oder für Migrationen weitgehend unkritischer Anwendungen.

Doch was ist, wenn IBM das Lz-Labs-Treiben missfällt? "Kann IBM Lz Labs kaufen und plattmachen"? wie einer der Anwesenden Migrationsberater nachfragte.

Die eigenen Geschäftsaussichten sein einfach zu vielversprechend, so die Antwort.

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