Ein Mitbewerber aus dem Nichts reitet die Welle des kognitiven Computing

Keine HPE-Commodity-Hardware für die Hyperscaler – Was macht die Konkurrenz?

| Autor / Redakteur: Filipe Martins und Anna Kobylinska* / Ulrike Ostler

Gähnende Leere - keine HPE-Commodity-Server mehr für Hyperscaler. Was macht die Konkurrenz?
Gähnende Leere - keine HPE-Commodity-Server mehr für Hyperscaler. Was macht die Konkurrenz? (Bild: HPE)

Den Hyperscaler möchte HPE im Geschäftsjahr 2018 für seine „schörkellosen Server“, so genannte „Commodity-Hardware“, die Tür weisen. Das Augenmerk des Anbieters gilt nun margenstärkeren Produkten. Doch aus dem Schatten des angeschlagenen Marktführers tritt ein hierzulande weitgehend unbekannter Mitbewerber hervor.

Im Geschäftsjahr 2018 wird HPE den Verkauf kundenspezifischer, anpassungsfähiger Commodity-Server an Hyperscaler einstellen. Betroffen sind von der Entscheidung in erster Linie Amazon, Google, Microsoft, Facebook, Apple, Tencent, Alibaba und Baidu — Unternehmen, die ohne erweiterte Service-Verträge auskommen.

Mit rein schnörkelloser Datencenter-Hardware habe HPE eigenen Aussagen zufolge nicht ausreichend hohe Margen erwirtschaften können, um ein fortlaufendes Engagement für diese Zielgruppe zu rechtfertigen. (Das HPE-Geschäftsjahr 2018 endet am 31. Oktober.) Der Anbieter richtet sein Augenmerk in Zukunft auf profitablere Wachstumsbereiche.

Produkte mit höheren Margen, darunter Speicher, Netzwerkausrüstung und höherwertige Server wird HPE auch an die Hyperscaler weiterhin verkaufen, etwa „Apollo“-Servers und „3PAR“ -Storage.

Service-Provider aus der zweiten Reihe im Visier

HPE beabsichtigt außerdem, mit einer standardisierten Computing-Plattform für Tier-2- und Tier-3-Service-Provider neue Marktanteile zu gewinnen. In diese Kategorie fallen Unternehmen wie Dropbox, eBay und Salesforce.com, die ihr Geschäft in der Cloud aufgebaut haben. Diese SKUs werden ohne kundenspezifisches Design, einschließlich Software und Services, geliefert, um den Kunden einen Mehrwert zu sichern ohne die Rentabilität aufs Spiel zu setzen. Die Entscheidung erlaubt es HPE, die nötigen Ressourcen zu Gunsten der übrigen Server-Linien umzuleiten.

HPE bietet Channel-Partnern eine Vielzahl von Server-Optionen, darunter die „HPE Proliant DL“-Reihe, Blade-Server, die hyperkonvergente „Simplivity“-Produktlinie und die zusammensetzbare „Synergy“-Infrastruktur.

Ergänzendes zum Thema
 
Der Autorenkommentar

Schnäppchenjagd: Die Akquisition von Simplivity konnte HPE 35 Prozent unterhalb der Börsenvaluierung abschließen; jetzt verabschiedet sich der Konzern von dem Geschäft mit Hyperscaler, um sich auf die beiden Kernkompetenzen Hyperkonvergenz und Composable Infrastructure zu besinnen.
Schnäppchenjagd: Die Akquisition von Simplivity konnte HPE 35 Prozent unterhalb der Börsenvaluierung abschließen; jetzt verabschiedet sich der Konzern von dem Geschäft mit Hyperscaler, um sich auf die beiden Kernkompetenzen Hyperkonvergenz und Composable Infrastructure zu besinnen. (Bild: HPE)

HPE kam in den Besitz der Simplivity-Technologie im Zuge der Acquisition des gleichnamigen Service-Management-Anbieters (abgeschlossen Anfang 2017 für 650 Millionen Dollar). Server auf der Basis dieser Technologie bieten unter anderem Dell EMC und Lenovo als eine Alternative zu ihren Nutanix-basierten Lösungen (siehe „Ein strategischer Blick auf die EMC-Akquisition durch Dell“). HPE hat Simplivity mit der eigenen „Proliant“-Server-Familie integriert.

Auf Talfahrt in einem boomenden Markt

Als der umsatzstärkste Server-Anbieter der Welt kontrolliert HPE derzeit rund einen Fünftel des Marktes (laut einem Gartner-Bericht 21,3 Prozent). In den vergangenen sieben Jahren sah der Anbieter seine Margen und die weltweiten Marktanteile erbarmungslos dahinschwinden, zum Teil zweistellig pro Jahr.

HPEs Umsatz mit Servern schrumpfte zudem wesentlich schneller als der Umsatz seiner bisher beiden größten Herausforderer, Dell und Lenovo. So fiel beispielsweise HPEs Verkaufserlös im dritten Quartal 2016 um -11,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr, während die Anzahl der gelieferten Server-Units um satte -19,5 Prozent und damit zwei- bis vier Mal schneller zurückging als Stückzahlen der zwei umsatzstärksten Herausforderer (Dell lieferte schätzungsweise „nur“ um zirka 9,8 Prozent weniger Server als im Vorjahr, Lenovo um -5,7 Prozent weniger).

Die HPE-Vision des Fortschritts: Evolution der Datencenter-Architektur von System-Silos über konvergente und hyperkonvergente Infrastruktur bis hin zur zusammensetzbaren Infrastruktur.
Die HPE-Vision des Fortschritts: Evolution der Datencenter-Architektur von System-Silos über konvergente und hyperkonvergente Infrastruktur bis hin zur zusammensetzbaren Infrastruktur. (Bild: HPE)

Im ersten Quartal 2017 hat sich HPEs Verlust an Marktanteilen, gemessen am Umsatz, laut IDC sogar noch auf -15.8 Prozent beschleunigt. Im Hinblick auf die Stückzahlen konnte Dell im ersten Quartal 2017 mit einem nominalen Wachstum von 0,1 Prozent den um -14,3 Prozent gegenüber Vorjahr geschrumpften Marktführer HPE um weniger als 0,2 Prozent überholen. (Zum Trost für HPE: Lenovo hat im gleichen Zeitraum 27,3 Prozent der Stückzahlen des Vorjahreszeitraums verloren). Als Gewinner im Hinblick auf die Gesamtzahl gelieferter Systeme gingen zu diesem Zeitpunkt noch klar ODM Direct mit einem Jahreswachstum von 44,1 Prozent und Huawei mit 32,7 Prozent hervor.

Schnäppchen gemacht!

HPE entschied sich daraufhin, die Flucht nach vorne zu ergreifen, und wählte den Weg des geringsten Widerstands mit hohen Synergien: Die Akquisition von Simplivity, eines der Pioniere von Hyperkonvergenz.

In dem kürzlich noch insgesamt einstellig schrumpfenden Server-Markt sind die Weichen inzwischen auf Wachstum gestellt. IDC berichtete bereits im September von massiven Bestellungen der Hyperscaler als einem Antriebsmotor dieser Trendwende. Laut einem Gartner-Bericht vom Dezember 2017 stieg der weltweite Umsatz mit Servern im dritten Quartal 2017 gegenüber Vorjahr um 16 Prozent an; die Stückzahlen nahmen um 5,1 Prozent nur moderat zu, woraus sich schließen lässt, dass sich das größte Wachstum im mittleren und höheren Preissegment und unter Einbezug von Services ereignet.

HPE konnte die Talfahrt mit einem Umsatzrückgang von „nur“ -3,2 deutlich verlangsamen, jedoch noch nicht anhalten. Dell EMC festigte seine frisch errungene Führungsposition im Hinblick auf die gelieferten Stückzahlen bei einem Wachstum von 11,2 Prozent während HPE einen Rückgang von 6,2 Prozent verbuchen musste. Lenovo allerdings lieferte um 33,5 Prozent weniger Server als im Vorjahreszeitraum aus und wurde im Hinblick auf die Stückzahlen von Inspur Electronics, einem traditionsreichen chinesischen Anbieter auf Platz vier verdrängt.

Die chinesische Anbieter Inspur Electronics (in Deutschland vertreten durch die Inspur Germany GmbH aus Frankfurt am Main) konnte im Laufe des Jahres zwar „nur“ knapp halb so viele Systeme wie HPE ausliefern, dafür lieferte der chinesische Datencenter-Anbieter sagenhafte 69,5 Prozent mehr Server als im Vorjahreszeitraum und konnte den Umsatz mehr als verdoppeln (Wachstum gegenüber Vorjahreszeitraum: 116 Prozent (in Worten: hundert und sechszehn Prozent).

Nur das fünfte Rad am Wagen?

Mit dem Verzicht auf Server-Lieferungen an Hyperscaler mag HPE einen hinderlichen Ballast abgeworfen haben — laut EX-CEO Meg Whitman nach einem deutlichen Bestellrückgang seitens der Tier-1-Klientel. Doch gleichzeitig hat der angeschlagene Marktführer das margenschwache,stückzahlenreiche Marktsegment de facto an Inspur Electronics abgetreten.

Inspur (aus dem Chinesischen als „die Welle“ zu übersetzen) ist kein Neuzugang in dem gewöhnlichen Sinne. Das Unternehmen blickt bereits auf eine 70-jährige Firmengeschichte zurück. Neuerdings reitet Inspur entschlossen die Welle des kognitiven Computings und künstlicher Intelligenz.

Das Produktportfolio des Anbieters beinhaltet ein rekonfigurierbares Server-System, die Cluster-Management-Software „AIstation (mit Unterstützung für ML/DL-Frameworks wie „Caffe“, „Microsoft Cognitive Toolkit“ (CNTK), „Google Tensorflow“ und andere), Tools zur Performance-Optimierung und quelloffene Frameworks für Deep Leraning (darunter Caffe-MPI, eine hochperformante Alternative zu Google Tensorflow).

Aufstrebend: Mit Servern wie den 4U/4-Way "NF8480M4"Enterprise Rackmount Server möchte Inspur den Markt erobern.
Aufstrebend: Mit Servern wie den 4U/4-Way "NF8480M4"Enterprise Rackmount Server möchte Inspur den Markt erobern. (Bild: Inspur Systems)

Eigenen Aussagen zufolge investiert Inspur neuerdings verstärkt in „gesamtheitliche, branchenspezifische Lösungen für ein größeres Partner-Ökosystem“ rund um kognitives Computing. Eine enge Zusammenarbeit mit chinesischen Hyperscalern, darunter Baidu, Alibaba und Tencent (gemeinsam bekannt unter dem Akronym BAT), resultierte in einem Umsatzwachstum mit diesen Kunden, inklusive Services, in Höhe von 400 Prozent im Laufe des vergangenen Jahres. Die Smart Computing-Technologie von Inspur steuert nahezu 90 Prozent von Chinas aktiven Anwendungen des kognitiven Computing und künstlicher Intelligenz auf BAT-Plattformen bei, vorwiegend in datenreichen Wirtschaftszweigen wie Telekommunikation, Energie, Fertigung und Finanzwesen.

Ein Sprungbrett in den Massenmarkt

Laut einem Bericht von IDC verzeichnet der weltweite Markt für KI-Hardware eine jährliche durchschnittliche Wachstumsrate (CAGR) in Höhe von 61 Prozent. IDC bescheinigt Inspur eine viel versprechende Zukunft mit einer „starken Nachfrage“ mit der Begründung, Inspur würde „zusammen mit den Vorreitern der KI-Anwendungsentwicklung innovieren, die Adoptionsinhibitoren kohäsiv adressieren und ein Partnerökosystem verstärkt kultivieren“.

So beteiligt sich der Anbieter aktiv an der Open19 Foundation , wirkt unter anderem in der OpenStack-Gemeinde mit (siehe „OpenStack im eigenen Rechenzentrum“) und pflegt eine enge Kooperation mit Intel, Nvidia und IBM.

Hyperscaler, einschließlich Facebook, Linkedin, Amazon und Google (kurz: FLAG) sowie das chinesische BAT-Trio, seien „Schlüsselakteure“ im Markt für kognitives Computing, urteilt das Forschungsinstitut IDC. KI böte chinesischen Technologieunternehmen wie eben Inspur „große Möglichkeiten“, sich an Hyperscaler anzuhängen und die eigene globale Präsenz auszubauen. IDC selbst gehört seit März 2017 mehrheitlich der China Oceanwide Holdings Group.

Die erste Liga der Server-Anbieter geht leer aus

Das Geschäft mit den Hyperscaler rechnet sich jedoch nicht für die erste Liga der Server-Anbieter wie eben HPE. Die Hyperscaler designen ihre quelloffenen Server-Architekturen größtenteils selber und veröffentlichen die Eckdaten im Open Compute Project (siehe den Bericht: „Open19 Foundation versus Open Compute Project (OCP)“).

Sie schreiben die Aufträge mehr oder weniger öffentlich aus; die Lieferanten müssen sich dann gegenseitig im gnadenlosen Geiz-ist-Geil-Wettbewerb gegenseitig unterbieten. Ohne profitable Zusatzleistungen rechnet sich das für HPE natürlich nicht. Im Gegensatz dazu ist das Geschäft mit Hyperscaler für Inspur & Co. alleine wegen des einseitigen Technologietransfers offenbar den Aufwand wert.

Mit der Entscheidung, diese Kunden außen vor zu lassen, spielt HPE den Ball wohl oder übel dem Wettbewerber zu. Doch während Inspur derzeit mit den Hyperscaler liebäugelt, besteht das erklärte Ziel des Konzerns darin, auf dem Rücken dieser Partner in Zukunft auch den Massenmarkt für Datencenter-Ausrüstung „zu erobern“.

*Das Autorenduo

Filipe Martins und Anna Kobylinska arbeiten für McKinley Denali Inc. USA.

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