Interview mit Peter Ganten, Open Source Business Alliance

Warum kleine Firmen wenig Open Source einsetzen

| Autor / Redakteur: Ludger Schmitz / Ulrike Ostler

(Bild: Univention)

Keine Lizenzkosten! Der häufig angeführte Preisvorteil von Open-Source-Software zieht bei kleinen Unternehmen nicht. Ohnehin sind bei solchen Firmen andere Argumente angebracht, erklärt einer der prominentesten deutschen Open-Source-Vertreter Peter Ganten im Interview.

Je kleiner die Firma, desto weniger Open Source. Die Ursachen des Phänomens erläutert Peter Ganten, Gründer und Geschäftsführer des Bremer Linux-Infrastrukturspezialisten Univention sowie Vorsitzender der Open Source Business Alliance. Aus der Situation der Kleinunternehmen leitet er ab, welche Argumente für quelloffene Software hier eigentlich eigentlich viel besser angebracht wären als der Preis, und was die Anbieter tun müssen.

25 Jahre nach Start des Linux-Projekts durch Linus Torvalds ist Open-Source-Software überall anzutreffen. Sind Sie zufrieden?

Interview-Partner Peter Ganten, Univention und OSBA
Interview-Partner Peter Ganten, Univention und OSBA (Bild: Peter Ganten)

Es ist weit über Linux hinaus wirklich viel erreicht worden. Alle Fortune-500-Companies, alle DAX-Firmen verwenden Open-Source-Software. Mit Google, Amazon und Facebook haben die erfolgreichsten IT-Firmen der jüngeren Zeit Open Source als zentrales Element ihrer IT-Strategie.

Dieser technischen Orientierung folgen so gut wie alle IT-Startups. Die einst massive Opposition der traditionellen, proprietäre IT-Anbieter weicht zusehends auf. Selbst Microsoft macht immer mehr Open Source; unser einstiges Lieblingsfeindbild löst sich auf. Jeder IT-Kenner weiß, dass Open Source die Zukunft der IT ist.

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Hier in meiner kleinen Stadt Kelheim weiß so gut wie niemand mit dem Begriff Open Source etwas anzufangen, nicht in der Stadtverwaltung, nicht bei den Firmen.

Genau, Open Source ist nicht wirklich überall. In der Öffentlichen Verwaltung gibt es noch riesige Defizite, und die Politik scheut sich, zukunftsorientierte Maßstäbe zu setzen. Auch in der Wirtschaft gibt es noch gewaltige weiße Flecken. Je kleiner die Anwenderunternehmen, desto weniger Open Source.

Im Mittelstand ist quelloffene Software meistens auf wenige isolierte Aufgabenbereiche begrenzt; das klassische Beispiel sind Webserver, vielleicht hier und da noch Datenbank- oder SAP-Server. Bei kleinen Unternehmen bis rund 50 Mitarbeitern findet man so gut wie keine Open-Source-Software.

Wie kann das?

Im unteren Bereich der so genannten KMUs, der kleinen und mittelständischen Unternehmen, handelt es sich meistens um gründergeführte oder Familienunternehmen. Ihre Eigentümer haben ein ausgeprägtes Interesse am langen Bestand ihrer Firma. Außerdem sind diese Eigentümer sehr kostenbewusst.

Na prima! Dass Open-Source-Software keine Lizenzen kostet, ist da doch ein Argument.

Gar nicht prima, genau das ist es nicht. Gegenüber diesen Firmen sollten wir überhaupt nicht von Lizenzkosten reden.

Warum?

In einem Betrieb mit so 50 Mitarbeitern arbeiten vielleicht drei im Verkauf, zwei im Marketing, zwei in der Buchhaltung, alles in allem zehn oder zwölf in der Administration. Da gibt es keine IT-Fachkraft, auch wenn auf allen Desktops Rechner stehen und Server im Keller. Vielleicht kümmert sich einer der Mitarbeiter nebenher um IT-Alltagsaufgaben wie Backup. Für alles andere sorgt ein Dienstleister. So eine Firma hat ihr Office-System, ihre File- und Datenbank-Server, ihre Website, ihr Mail-System, Groupware mit Kalendern und Adressbüchern, CRM und ERP ... vielleicht noch CAD und eine Branchenanwendung.

Und all das gibt es auch als Open Source.

Genau. Aber es würde wirklich viel Zeit kosten, Wochen oder Monate dauern, diese Anwendungen zu ersetzen, sie zu installieren, sicher einzurichten, anzupassen, sie zu integrieren. Und dazu bräuchte es eine Fachkraft, die natürlich kostet.

Langfristig rentiert sich das nicht?

Es ist kein einmaliger Aufwand. Nach der Umstellung müsste da jemand sein, der sich immer wieder um Bug-Fixes und Security-Patches kümmert. Jemand muss schauen, ob es Updates oder neue bessere Releases der Anwendungen gibt, ob die sich mit dem bestehenden System vertragen.

Das könnte ja ein Dienstleister machen – wie zuvor schon.

Ja, aber wenn so eine kleine Firma dann die Kosten kalkuliert, stellt sich heraus, was wir in diesen Kreisen oft hören: So viel teurer ist Microsoft nicht, wir bleiben bei denen. Auch Open-Source-Dienstleister können mit ihrem Preis nicht immer weiter heruntergehen. Gerade kleine Firmen ohne IT-Personal brauchen viel Support, auch wenn der nur kleines Geld kostet. Das rentiert sich nicht.

Die Höhe der Lizenzkosten richtet sich in der Regel nach der Größe der Organisation, während die Dienstleistungen etwa für Einrichtung und Pflege einer Lösung immer den selben Preis haben. Kleine Organisationen zahlen also lieber einen kleinen Betrag für die Software und vermeiden damit verhältnismäßig hohe Kosten für Dienstleistung. Für große Organisationen lohnt es sich hingegen, Dienstleistungen zu bezahlen und dafür bei Softwarekosten massiv zu sparen.

Kann man dann kleine Organisationen überhaupt für Open Source gewinnen?

Ja, das geht, in dem man ihnen eine Lösung gibt, die Out-of-the-box funktioniert, einfach zu administrieren ist und das tut, was ihre Anwender erwarten. Wir machen mit ´Univention Corporate Server` (UCS) ja so eine Software, allerdings verkaufen wir sie in erster Linie an größere Organisationen.

Warum?

Weil wir für die in diesem Segment üblichen Preise nicht den Service erbringen können, den unsere größeren und professionelleren Kunden von uns erwarten. Wir haben uns deswegen vor ungefähr 18 Monaten sogar entschlossen, die reine Nutzung des Produktes kostenlos zu machen. Nur wer langfristige Unterstützung, unsere Verantwortung und Haftung und natürlich unseren Support haben möchte, zahlt etwas.

Und zieht das?

Das funktioniert tatsächlich. Woche für Woche laden immer mehr Firmen UCS herunter und installieren es. Wir wissen, dass die meisten kleine Firmen sind, und sie zahlen uns nichts für unsere Produkte. Aber wir schaffen Verbreitung und Beachtung am Markt. Immer mehr Leute kennen uns. Mit mittelgroßen und großen Unternehmen brauchen wir nicht darüber zu diskutieren, welchen Sinn eine Enterprise-Subskription macht. Sie kaufen sie selbstverständlich, weil für sie ein kompetenter Partner, der gegebenenfalls sofort Probleme löst, unverzichtbar ist.

Dann muss den kleineren Unternehmen also erklärt werden, warum sie solche Subskriptionen brauchen, die einen Preis haben.

Genau. Eine Software ohne Gewährleistung und Unterstützung des Herstellers einzusetzen ist ja ein gewisses Risiko, das aber in den Bilanzen nicht abgebildet wird. Und die Unternehmen machen sich zu wenig Sorgen um die Folgen von Sicherheitslücken, Industriespionage oder das Verschwinden von Softwareherstellern vom Markt.

Aber eingangs sagten Sie, die Eigentümer kleiner Firmen hätten ein ausgeprägtes Interesse am langfristigen Bestand ihrer Unternehmen.

Ja, das haben sie, aber sie wissen einfach zu wenig von ihrer IT und deren Bedeutung. Sie ahnen nicht, welchen Gefahren die ausgesetzt ist. Viele wissen nicht, wie gefährlich es ist, von einem proprietären IT-Hersteller abhängig zu sein, der schnell untergehen kann. Siehe DEC und die legendären VAX-Rechner, Nixdorf, Siemens; demnächst gibt es keine Blackberry-Handys mehr, die früher jeder Firmenchef haben musste.

Also muss Open Source anders verkauft werden?

Wir sollten nicht mehr über den Preis reden, nicht mehr über so genannte freie Software, weil viel zu viel darunter so etwas wie Freibier verstehen. Wir sollten über die wahren Vorteile von Open Source reden.

Unsere Wirtschaft braucht langfristig existierende Unternehmen, sie schaffen Stabilität. Und dafür muss kritische Infrastruktur sicher sein. Das geht nur mit Open Source. Wir brauchen eine Diskussion darüber, wie sicher und unabhängig von externen Einflüssen wir diese Infrastruktur haben wollen.

Damit wäre aber das Problem der Kosten eines Umstiegs auf Open-Source-Software noch nicht behoben.

Deswegen brauchen wir außerdem Open-Source-Software, die extrem einfach zu installieren, anzuwenden und zu pflegen ist. Wir sind auf diesem Wege. Beispielsweise gibt es bei Univention UCS mit einen sehr breiten Spektrum von darauf abgestimmten Applikationen in Containern. Das ist eine komplette Infrastruktur für die IT-Anforderungen gerade auch kleiner Unternehmen, die sehr leicht einzurichten ist, extrem wenig Pflegeaufwand braucht, laufend Updates und automatisch Security-Patches erhält. Ich glaube, so kommt man zu einer langfristig stabilen und unabhängigen IT-Infrastruktur auch bei kleineren Unternehmen.

* Das Interview führte Ludger Schmitz, freiberuflicher Journalist in Kelheim.

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