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Stimmen zu: Nvidia kauft ARM für 40 Milliarden Nvidia-ARM-Deal sorgt weltweit für Unmut in der Chipindustrie

| Autor: Sebastian Gerstl

Der bisherige ARM-Eigentümer Softbank und Nvidia sind sich einig: Für 40 Milliarden Dollar soll der amerikanische GPU-Spezialist die britische Prozessorschmiede übernehmen. Doch nur wenige Stunden nach Ankündigung des Deals wurden weltweit bereits kritische Stimmen in der Chipbranche laut.

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Nur wenige Stunden nach der Ankündigung des Nvidia-Arm-Deals macht sich weltweit in der Industrie Missstimmung breit: Nvidia-Konkurrenten wie Intel, Qualcomm oder Samsung fürchten eine Verzerrung des Wettbewerbs. Chinesische Firmen bangen um die Zukunft des heimischen Chipmarkts.
Nur wenige Stunden nach der Ankündigung des Nvidia-Arm-Deals macht sich weltweit in der Industrie Missstimmung breit: Nvidia-Konkurrenten wie Intel, Qualcomm oder Samsung fürchten eine Verzerrung des Wettbewerbs. Chinesische Firmen bangen um die Zukunft des heimischen Chipmarkts.
(Bild: NVIDIA)

In den frühen Morgenstunden des 14. September 2020 meldete Nvidia, dass man sich nach monatelangen vorangegangenen Verhandlungen mit Softbank einig geworden sei. Für 40 Milliarden Dollar soll der britische Chip-Designer ARM den Besitzer wechseln.

Nvidia-CEO Jensen Huang freut sich vor allem auf die Synergien, die die beiden Unternehmen speziell im Wachstumsmarkt Künstliche Intelligenz vorantreiben dürften. „Simon Segars und sein Team bei ARM haben ein außergewöhnliches Unternehmen aufgebaut, das zu fast jedem Technologiemarkt der Welt beiträgt," sagte der Nvidia-Chef anlässlich der abgeschlossenen Vereinbarung mit Softbank. „Indem wir die KI-Computing-Fähigkeiten von Nvidia mit dem riesigen Ökosystem der CPU von ARM vereinen, können wir das Computing von der Cloud über Smartphones, PCs, selbstfahrende Autos und Robotik bis hin zum Edge-IoT vorantreiben und das KI-Computing auf jeden Winkel der Welt ausdehnen."

„Zu Recht ein großer Widerstand"

Doch eben der Umstand, dass die ARM-Prozessor-IP weltweit den Technologiemarkt durchdringt, sorgt für einen massiven Gegenwind aus der Chipindustrie. Auch Unternehmen wie Intel, Qualcomm, Samsung oder Xilinx zählen zu ARMs Kunden und setzen deren Prozessor-IPs in ihren Produkten ein - und zählen auf dem Server- und KI-Markt sowie im aufstrebenden Feld des autonomen Fahrens zu Nvidias direkter Konkurrenz.

ARM ist kein Prozessorhersteller mit eigenen Fertigungsstätten. Das britische Unternehmen hat sich darauf spezialisiert, seine RISC-basierte Prozessorarchitektur auf zahlreiche Anwendungsfelder zu verfeinern und an Interessenten in allen Märkten zu lizenzieren. Das Ökosystem, dass auf ARM-Architekturen aufsetzt, ist gigantisch: Schätzungsweise 160 Milliarden weltweit verkaufte Chips setzen ARM-IPs ein.

Die Architektur ist nicht nur in Smartphones und Automobilen, sondern von intelligenten Toasten bis hin zu Supercomputern in nahezu allen vorstellbaren Einsatzfeldern der Elektronik zu finden. In den USA und Europa gilt es bereits als gesichert, dass die geplante Akquise ein besonderer Fall für die Wettbewerbshüter werden dürfte.

Geoff Blaber, Vizepräsident für Forschung für den amerikanischen Kontinent bei CCS Insights, sagte, dass das Geschäft „zu Recht auf großen Widerstand" seitens der Kunden von ARM stoßen wird. „Eine Übernahme durch Nvidia wäre für ARM und sein Ökosystem nachteilig", zitiert die Nachrichtenagentur Reuters Blaber. „Die Unabhängigkeit ist entscheidend für den anhaltenden Erfolg von ARM. Sobald diese gefährdet ist, wird ihr Wert zu erodieren beginnen.“

Ärger auch in China und Südkorea

Aber nicht nur in Amerika und der EU, auch weltweit sorgt der angekündigte Deal für Aufruhr. Derzeit ist das britische Unternehmen ARM Teil das japanischen Softbank-Konzerns. Mit einer Übernahme durch Nvidia würde die Chip-Schmiede allerdings in die Hände eines US-amerikanischen Anbieters gelangen - und damit mitten ins Zentrum des weiter andauernden Handelsstreits zwischen den USA und China.

Aktuelle Sanktionen hindern amerikanische Unternehmen daran, direkt amerikanische Highend-Technologien an chinesische Firmen zu verkaufen. Solange die ARM-IP in britisch-japanischen Händen war, war die Lizensierung der Architektur von diesen Auflagen nicht wirklich betroffen. Der Verkauf an einen amerikanischen Eigner könnte allerdings Chinas hauseigene, immer noch im Aufbau befindliche Chipindustrie ins Chaos stürzen.

„China wird den Deal hassen", zitiert Reuters eine chinesischer Chip-Führungskraft. Amerikanische Firmen, die mit ARM zusammenarbeiten, um Server-Chips herzustellen, dürften im Gegenzug Schwierigkeiten bekommen, ihre Produkte in China zu verkaufen, wenn ARM eine amerikanische Muttergesellschaft hätte.

Auch in Südkorea regt sich Unmut. Experten der südkoreanischen Chipindustrie sagten, dass Nvidias Kauf von ARM den Wettbewerb mit Samsung, Qualcomm und anderen bei selbstfahrenden Autos und anderen Zukunftstechnologien intensivieren würde. Gleichzeitig fürchte man, dass ARM die Lizenzgebühren für Nvidias Wettbewerber erhöhen könnte.

Demnach sähen sich die meisten Hersteller lieber bereits nach anderen Lösungen für ihre künftigen Produkte um: „Kunden von ARM könnten versuchen, längerfristig Alternativen zu ARM zu finden", gab ein Vertreter der südkoreanischen Chipindustrie gegenüber Reuters zur Auskunft.

Geoff Blabler von CCS Insights und weiter Industrieexperten sind der Ansicht, dass der Verkauf von ARM an Nvidia ehemalige Kunden zu einem Wechsel auf die offene RISC-V-Prozessorarchitektur bewegen dürfte. Diese wird von der gemeinnützigen RISC-V-Foundation verwaltet, die vergangenen November ihren Hauptsitz von den USA in die Schweiz verlagert hat, um ihre technologische Neutralität zu wahren.

ARM soll offenes Lizensierungsmodell beibehalten

Nvidia-CEO Jensen Huang und ARM-Boss Simon Segars versuchen, diese Bedenken zu beschwichtigen: Nvidia habe vor, ARMs Hauptsitz weiterhin an seinem Standort im britischen Cambridge zu belassen - was das Unternehmen von vielen US-Exportbeschränkungen ausnehmen soll. Forschung und Entwicklung der ARM-Technologien sollen ebenfalls im Vereinigten Königreich verbleiben. Auch das offene Lizenzmodell an den freien Markt soll beibehalten werden.

Huang kündigte darüber hinaus an, dass Nvidia das bestenende Modell erweitern will: Einige von Nvidias Designs - einschließlich Teile seiner GPU-Technologie - sollen künftig über das Partnernnetzwerk von ARM lizensierbar sein. Dieser Schritt würde es diesen Unternehmen theoretisch ermöglichen, direkt mit Nvidia auf Augenhöhe zu konkurrieren.

Nvidia „bemühte sich sehr, zu betonen, dass ARM weiterhin als neutraler Lieferant agieren wird, und es darf sich nicht in die Lizenzierungsbemühungen von ARM einmischen, auch wenn einige Kunden von ARM mit Nvidia konkurrieren", sagte Linley Gwennap, leitender Analyst bei The Linley Group. An der Skepsis aus der Industrie änderten diese Ankündigungen allerdings wenig: Ein namentlich nicht genannter Vertreter eines großen amerikanischen Chipherstellers gab gegenüber Reuters an, dass der Verkauf eine bereits begonnene Verlagerung der Industrie von ARM-Konstruktionen auf RISC-V beschleunigen werde. „Dies wird dies nur noch verstärken", zitiert Reuters die mit der Angelegenheit vertraute Person.

Hinweis:Den Artikel haben wir vom Partnerportal „Elektronik Praxis“ übernommen.

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