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Appian präsentiert das Ergebnis der Jidoka-Akquisition Der Low-Code-Ansatz auf die Automatisierung übertragen

| Autor / Redakteur: Karin Johanna Quack / Ulrike Ostler

Mehr als nur ein turnusmäßig veröffentlichtes neues Release ist die Version 20.1 der Low-Code-Plattform von Appian: Sie schließt erstmals ein akquiriertes Softwareprodukt ein: „Jidoka“ vom spanischen Anbieter Novayre, den Appian im Januar offiziell übernommen hat. Mit der Entwicklungssoftware für Robotics Process Automation (RPA) erweitert Appian seinen Aktionsradius weiter in den Automationsbereich.

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Automatisierung gehört unbedingt zur Digitalisierung genauso wie Künstliche Intelligenz. Appian verstärkt das menschliche Schaffen durch KI- und RPA-Tools.
Automatisierung gehört unbedingt zur Digitalisierung genauso wie Künstliche Intelligenz. Appian verstärkt das menschliche Schaffen durch KI- und RPA-Tools.
(Bild: PIRO4D auf Pixabay)

Die moderne Workforce hat vier Teilnehmergruppen – Menschen, Geschäftsregeln, Artificial Intelligence und RPA. Diese These vertrat Appian-CEO Matt Calkins anlässlich der diesjährigen „Appian World“, die wegen der Covid-19-Pandemie heuer remote stattfand.

In den Arbeitsalltag übersetzt heißt das: Die meisten von uns haben heute schon zahlreiche Automatisierungsprozesse als virtuelle Kollegen, und dieser Trend wird sich weiter ausbreiten. Die IT-Abteilungen müssen dafür Sorge tragen, dass sich alle Mitglieder der Workforce reibungslos in den Workflow integrieren lassen. Dabei will Appian ihnen helfen.

Schaubild „The Modern Workforce“; dazu gehören Menschen, Geschäftsregeln, Artificial Intelligence und Robotic Process Automation.
Schaubild „The Modern Workforce“; dazu gehören Menschen, Geschäftsregeln, Artificial Intelligence und Robotic Process Automation.
(Bild: Appian)

Bereits auf der letztjährigen „Appian World Europe“ hatte der als Low-Code-Spezialist bekannte Software-Anbieter die Integration neuer „AI Services“ in seine „Platform“ angekündigt. Appian begreift und behandelt die „Künstliche Intelligenz“ explizit als eine Automatisierungstechnik. Die schon in Release 19.4 eingebauten Funktionen zur Entwicklung von komplexen, sich selbst optimierenden Automatisierungsroutinen ist allerdings keine Eigenentwicklung, sondern basiert auf „Google AI“ – wie der Name nahelegt, einer Technik des Appian-Partners Google.

Intelligente Dokumentenverarbeitung

Auf diesen AI Services beruht zum Beispiel die Funktion „Intelligent Dokument Processing“ (IDP), die Appian in das jüngste Release seiner Plattform integriert hat. „Damit verwandeln wir unstrukturierte .pdf-Dokumente in strukturierte Daten“, sagte Malcom Ross, stellvertretender Chief Technology Officer (Deputy CTO) und Vice President Product Strategy bei Appian.

Grob gesagt, erkennt die Funktion, die ohne Zusatzkosten nutzbar ist, automatisch die Standardbestandteile von Dokumenten, auch wenn diese Komponenten immer wieder anders gestaltet sind. IDP „versteht“ quasi das Dokument und beschleunigt dessen Verarbeitung erheblich.

Mit Hilfe von Machine-Learning-Algorithmen wird die Software dabei immer sicherer und korrekter in ihren Kategorisierungen. Trainiert wird sie durch anfänglich häufigere Korrekturen der menschlichen Mitarbeiter.

RPA auf Java-Basis

Aktuell folgt nun die Integration der weniger komplexen, schnellen und preiswerten RPA-Technik, die in Kürze bereits zu einer Flut von Robotics-Routinen in den IT-Systemen führen wird. Um seinen Kunden den Zugang zu erleichtern, war Appian schon Anfang vergangenen Jahres Partnerschaften mit drei führenden RPA-Anbietern eingegangen: zunächst mit Blue Prism, dann auch mit Uipath und Automation Anywhere. Diese Schnittstellen will Appian auch weiterhin unterstützen. „Wir sind keine Konkurrenten“, stellte Calkins klar: „Es geht uns darum, dem Kunden das zur Verfügung zu stellen, was er will.“

Für Kunden, die keine Anbieterpräferenzen haben und dafür eine besonders tiefe Integration mit der Appian-Software wünschen, hat das Unternehmen aus Tysons Corner im Großraum Washington D.C. zum ersten Mal in seiner 20-jährigen Firmengeschichte eine Akquisition getätigt: Anfang des laufenden Jahres erwarb es die andalusische Softwareschmiede Novayre und damit das Produkt „Jidoka“, ein Entwicklungssystem für RPA-Routinen.

Da stellt sich die Frage, warum sich Appian nicht mit einem seiner bisherigen RPA-Partner zusammengetan hat. Victor Ayllón, ehemals CEO von Novayre, heute RPA-Entwicklungschef bei Appian, beantwortet sie folgendermaßen: „Unsere Technik basiert auf Java, und wir sind Cloud-native; außerdem passen unsere Kulturen gut zusammen. Wir sind beide Bootstrap-Unternehmen, die ihre Profite größtenteils reinvestieren.“ Alle 25 Mitarbeiter seien denn auch an Bord geblieben.

Flatrate für Robot-Entwicklung

Laut offizieller Ankündigung ermöglicht „Appian RPA“, so die neue Bezeichnung für Jidoka, es den Anwendern der Appian Platform 20.1, Cloud-native Softwareroboter innerhalb eines einheitlichen „Automatisierungs-Stack“ zu installieren und zu betreiben. Der Begriff Stack bezeichnet in diesem Zusammenhang die Gesamtheit aller Automatisierungskomponenten, die sich über eine gemeinsame Schnittstelle steuern lassen.

Dieser Stack kombiniert KI-Algorithmen und RPA-Tasks mit Entscheidungsegeln und Case-Management. Aus diesen Komponenten lassen sich nun – mit Hilfe der grafikbetonten Low-Code-Technik – durchgängige Workflows erstellen. Die Kombination von Low Code und Prozessautomatisierung ist nach dem Urteil von Marktbeobachtern wie Gartner quasi das Alleinstellungsmerkmal von Appian: „Wir sind hier immer schon zweigleisig gefahren“, bestätigte Appian-Manager Dirk Pohla, Regional Vice President für EMEA und weitere Teile Europas.

Appian-CEO Matt Calkins: „Die Kombination von Menschen, Regeln, AI und RPA ist deshalb so wichtig, weil jede Komponente ihre Stärken hat und die Schwächen der jeweils anderen kompensieren kann.“
Appian-CEO Matt Calkins: „Die Kombination von Menschen, Regeln, AI und RPA ist deshalb so wichtig, weil jede Komponente ihre Stärken hat und die Schwächen der jeweils anderen kompensieren kann.“
(Bild: Appian)

Appian RPA ist voraussichtlich ab dem 27. März dieses Jahres als Add-on für die Appian Platform 20.1 verfügbar. Wer die RPA-Funktionen nutzen will, muss allerdings seinen Nutzungsvertrag erweitern und etwas tiefer in die Tasche greifen: Für 5.000 Euro im Monat bekommt er dann eine RPA-Flatrate: Er darf unbegrenzt viele Robot-Tasks entwickeln und dabei alle Ressourcen nutzen, die er dafür braucht.

Wie Technik- und Produkt-Manager Ross erläutert, steht im Mittelpunkt von Appian RPA ein „Orchestration Server“, auf den die Web-basierende Design-Konsole nahtlos zugreift. Mitgeliefert werde ein „Nexus“-Repository von Sonatype, mit dem sich unterschiedliche Softwarekomponenten verwalten lassen. Der Entwickler von RPA-Tasks greift von seinem Laptop aus auf das Repository zu und stellt die Robotics-Abläufe grafisch zusammen. Für die Auslieferung kann er das Open-Source-Werkzeug „Maven“ nutzen.

Die Governance der Automatisierung

„Die Kombination von Menschen, Regeln, AI und RPA ist deshalb so wichtig, weil jede Komponente ihre Stärken hat und die Schwächen der jeweils anderen kompensieren kann“, führte Appian-CEO Calkins aus: „Momentan sehen wir nur vier unterschiedliche Workforce-Teilnehmer, aber vielleicht reden wir in Kürze schon von fünf, sechs oder mehr.“

Die Aufgabe der Menschen besteht für Appian vor allem darin, Aufgaben an die Automatisierungssoftware zu delegieren und deren Ausführung zu kontrollieren, auf Neudeutsch: in der Governance. Appian empfiehlt den Unternehmen hierfür, ein Automation Center of Excellence einzurichten.

Um diesem Center die Arbeit zu erleichtern, hat das Software-Unternehmen unter der Bezeichnung „Robotics Worforce Manager“ (RWM) eine Governance-Konsole in seine Platform integriert. Damit lassen sich Automatisierungsanforderungen im Unternehmen sammeln und verwalten; zudem hilft sie, den Überblick über die Funktionsweise von KI- und RPA-Komponenten zu behalten.

„Bots und KI-Algorithmen sind nicht perfekt“, konstatierte Michael Beckley, Chief Technology Officer und Mitbegründer von Appian, „falls Sie davon ausgehen, landen Sie in einer Katastrophe“. Deshalb sei es wichtig nachzuhalten, wer welchen Bot entwickelt und freigegeben habe.

Dirk Pohla, Regional Vice President bei Appian: „Wir sind hier immer schon zweigleisig gefahren“, sagt er zur Kombination von Low Code und Prozessautomatisierung.
Dirk Pohla, Regional Vice President bei Appian: „Wir sind hier immer schon zweigleisig gefahren“, sagt er zur Kombination von Low Code und Prozessautomatisierung.
(Bild: Appian)

Auch ein Tracking des RPA-Einsatzes im Unternehmen ist mit RWM möglich. Das Tool findet Antworten auf Fragen wie: Welche Automatisierungsroutinen kommen am häufigsten zum Einsatz? Wie oft und wie extensiv werden sie genutzt? So ermöglicht die Software eine Wert- und Wirkungsanalyse der Automatisierung. RWM funktioniert mit „Appian RPA“, aber auch mit Blue Prism, Uipath und Automation Anywhere.

Modernisierungshilfe für Behörden

Last, but not least, kündigte Appian anlässlich der virtuellen Konferenz an, mit Hilfe seines Partners Deloitte die öffentliche Hand bei IT-Modernisierungsvorhaben unterstützten zu wollen. Die beiden Partner wollen Bundes- und Landesbehörden in den USA helfen, vorhandene IT-Systeme mit Hilfe von Low-Code-Entwicklung sowie Automatisierungstechniken agiler und effektiver zu machen.

In Europa spielt diese Vereinbarung eine weniger große Rolle: Anders als in den USA ist Appian auf dem alten Kontinent nicht so stark auf Behörden fokussiert. Hierzulande arbeite man zudem eher mit KPMG und PWC als mit Deloitte zusammen, stellte der europäische Regional Vice President Pohla klar.

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Über den Autor

 Karin Johanna Quack

Karin Johanna Quack

Freie Journalistin für Wirtschaft und Technik