Aus dem Rechenzentrum zu den Dingen

Was ist eigentlich aus HPE Moonshot geworden?

| Autor / Redakteur: Peter Widmer* / Ulrike Ostler

Das „Moonshot 1500“- Chassis ist ein Kraftpaket: Das 4,3 Units-Design ist für die Aufnahme von System on a Chip (SoC)-Technik gedacht, und stellt Management, Networking, Storage, Power und Switching als shared ressources zur Verfügung. Von den abgebildeten Cartridges kann das System bis zu 45 aufnehmen.
Das „Moonshot 1500“- Chassis ist ein Kraftpaket: Das 4,3 Units-Design ist für die Aufnahme von System on a Chip (SoC)-Technik gedacht, und stellt Management, Networking, Storage, Power und Switching als shared ressources zur Verfügung. Von den abgebildeten Cartridges kann das System bis zu 45 aufnehmen. (Bild: HPE)

HPE hatte „Moonshot“ einst als ultrakompakten Blade-Server für das Rechenzentrum angekündigt – heute ist die Moonshot-Technologie vor allem ein Kernbaustein vom Edge-Computing-Portfolio des Herstellers. Der Rollenwechsel spiegelt den großen Trend zur Dezentralisierung in der IT.

Das Internet der Dinge (IoT) lebt vom echtzeitnahen Kreislauf aus Sensoren, Datenanalyse und Aktoren: Ob Fitnessarmband, autonomes Fahrzeug oder Fließband in der vollvernetzten Werkshalle, das Versprechen von IoT und Industrial IoT ist stets die schnelle Analyse von Messdaten, oft inklusive unmittelbarer Reaktion. Eine Datenverarbeitung im zentralen Rechenzentrum oder in der Cloud verbietet sich dabei häufig aus Gründen der Latenz, Bandbreite oder Sicherheit. 2019, so IDC, wird man deshalb 45 Prozent der dezentral erhobenen Daten auch dezentral verarbeiten: am Netzwerkrand (Edge).

Die echtzeitnahe Reaktion in der Industrie 4.0 erfordert oft eine Datenanalyse direkt am Netzwerkrand (Edge).
Die echtzeitnahe Reaktion in der Industrie 4.0 erfordert oft eine Datenanalyse direkt am Netzwerkrand (Edge). (Bild: HPE)

Die Fragen, auf die Edge Computing Antworten geben muss, lauten demnach:

  • Wie erziele ich hohe Performance auf möglichst kompaktem Raum?
  • Wie erhalte ich eine hohe Rechendichte, ohne die Temperatur und Kosten in die Höhe treiben?

Hier setzen die physischen Gegebenheiten zum Beispiel einer Fertigungsanlage oder einer Ölförderplattform dem Rechnen vor Ort enge Grenzen.

Hohe Packungsdichte

Es ist eben jene Kombination aus hoher Packungsdichte und niedrigem Stromverbrauch, mit der Moonshot Ende 2011 antrat, die Blade-Server-Architektur auf die nächste Stufe zu heben. Ursprünglich zielte HPE mit dem „Moonshot 1500“ Chassis und dessen „Proliant“-Cartridges auf das Web-, Cloud- und Hyperscale-Computing.

Bald zeigte sich, dass Moonshot mit Standard-Arbeitslasten wie Web-Hosting schlicht unterfordert ist. So definierte HPE vier hauptsächliche Einsatzgebiete für das System: High-Performance Computing (HPC), Remote Desktops, Big-Data-Analysen und Video-Transkodierung.

Hier kann das Kraftpaket glänzen: Moonshot 1500 packt 45 Cartridges (HPE Proliant m710x, m510 oder m700p) mit bis zu 180 Servern in ein Chassis mit nur 4,3 Höheneinheiten. Gemäß HPE-interner Tests braucht das System bis zu 65 Prozent weniger Strom, 90 Prozent weniger Platz und 98 Prozent weniger Verkabelung als ein herkömmlicher Server.

Ein Moonshot 1500 Chassis beherbergt bis zu 45 Cartridges, im Bild die Cartridge HPE ProLiant m710x.
Ein Moonshot 1500 Chassis beherbergt bis zu 45 Cartridges, im Bild die Cartridge HPE ProLiant m710x. (Bild: HPE)

Moonshot ist das Herzstück von HPEs konvergenten Edge-Systemen

Im vergangenen Jahr hat HPE unter der Bezeichnung „Edgeline“ die ersten konvergenten Edge-Systeme vorgestellt, um die erschwerten IoT-Anforderungen am Netzwerkrand zu bedienen: „Edgeline EL1000“ mit einer Cartridge sowie „Edgeline EL4000“ mit vier Cartridges und bis zu 64 „Xeon“-Server-Cores. „Konvergent“ nennt HPE diese Systeme, weil sie den kompletten Kreislauf von Sensorik, Analytik und Aktorik unterstützen und damit die Integration von Maschinen- und IT-Technik ermöglichen.

Moonshot ist das Herzstück der konvergenten Edge-Systeme HPE Edgeline EL 1000 (links) und EL 4000.
Moonshot ist das Herzstück der konvergenten Edge-Systeme HPE Edgeline EL 1000 (links) und EL 4000. (Bild: HPE)

Das Herzstück dieser Edgeline-Systeme bildet die Moonshot-Technik. Denn ein sparsamer Server, der im Rechenzentrum anspruchsvolle Arbeitslasten stemmt, eignet sich im temperatur-, feuchtigkeits- und vibrationsgeschützten Gehäuse auch für den Edge, zum Beispiel für die vorausschauende Wartung in der Industrie 4.0 oder die intelligente Verkehrsüberwachung, aber auch für Remote Desktops.

Fahrzeugerkennung vor Ort

Ein Einsatzgebiet ist zum Beispiel der Straßenverkehr. Angenommen, eine Stadt will seine Fußgängerzone für nur drei Fahrzeuggruppen freigeben: Anwohner-PKW, Lieferverkehr – aber nur bis 7,49 Tonnen und nur zwischen 6 und 11 Uhr – sowie Fahrzeuge mit Sondererlaubnis, etwa von der Straßenreinigung; Verkehrssünder sollen Bußgeldbescheide erhalten.

Dieses IoT-Szenario erfordert neben Überwachungskameras an allen Zufahrtsstraßen die laufende Kontrolle der Nummernschilder, Fahrzeugtypen, Uhrzeit und Sonderausweise. Die Analyse der Videos muss lokal erfolgen, denn die Menge der Rohdaten ist zu groß für die Übertragung in ein Rechenzentrum: Ein dreiminütiges 720p-Video kommt schnell auf über 5 Gigabyte. Die Fahrzeugerkennung und -zuordnung mittels künstlicher Intelligenz (KI) stellt wiederum hohe Ansprüche an die Rechenpower, da KI-Systeme Bildmaterial in unterschiedlicher Granularität selbstlernend verarbeiten müssen.

Ein KI-System interpretiert Bilddetails auf unterschiedlichen Granularitätsebenen.
Ein KI-System interpretiert Bilddetails auf unterschiedlichen Granularitätsebenen. (Bild: HPE)

Dies erfordert witterungsgeschützte Rechner direkt an oder zumindest nahe bei den Kameras. Sie übernehmen die Analyse und übertragen nur die Nummernschilder der Verkehrssünder samt Belegfoto zur zuständigen Behörde.

Die Erstellung der Bußgeldbescheide sowie Speicherung und Langzeitarchivierung der Bilder erfolgt dann im kommunalen Rechenzentrum oder in der Cloud. Ähnlich kann die Arbeitsteilung zwischen Edge Computing und Cloud in verwandten Fällen aussehen, zum Beispiel bei der Überwachung der Zufahrten zu einem Werksgelände oder einer „No Touch“-Nutzung künftiger Parkhäuser.

Vorausschauende Wartung

In der Industrie 4.0 erfordert die laufende Überwachung einer Fertigungsanlage ebenfalls Korrelations- und Analyseleistung vor Ort, vor allem aus Latenzgründen: Die Anlage muss sich bei drohendem Schaden unverzüglich stoppen lassen. Die Edge-Systeme müssen kompakt und Energie-effizient sein. Hitze, Staub und Erschütterung erfordern gehärtete Systeme.

HPE Edgeline EL 20 überwacht Industriegeräte vor Ort, die Visualisierung der Daten übernimmt ein EL 1000 im Server-Schrank der Werkshalle.
HPE Edgeline EL 20 überwacht Industriegeräte vor Ort, die Visualisierung der Daten übernimmt ein EL 1000 im Server-Schrank der Werkshalle. (Bild: HPE)

„Edgeline EL 10“ und „EL 20“ bieten hierfür robuste, optional per WLAN oder 3G/4G angebunden Kleinstgeräte als IoT Gateways. Diese übertragen ihre Daten zum EL 1000 oder EL 4000 im Server-Schrank. PCIe- oder PXI- Steckplätze bieten zusätzliche Anschlussoptionen für zusätzliche Sensorik oder für externen Speicher. Storage-Virtualisierung sorgt für ausfallsichere Datenhaltung.

Da IoT-Szenarien wie hier im Industriekontext sehr facettenreich sind, kann kein Hersteller sie allein abdecken. HPE setzt deshalb konsequent auf Partnerschaften. Zum Beispiel hat HPE zusammen mit Flowserve, National Instruments und PTC eine vorausschauende Wartung von Flowserve-Pumpen entwickelt, die dem Servicetechniker aktuelle Pumpendaten auf einer App per Augmented Reality ausgibt.

Video: HPE und die Flowserve-Pumpe, die Echtzeitdaten liefert

Verteilte, entfernte Arbeitsplätze

Zahlreiche Unternehmen haben Arbeitsplätze mittels Citrix-Technik virtualisiert und in Private- oder Hybrid-Cloud-Umgebungen zentralisiert – von Anfang an einer der Haupteinsatzfälle für Moonshot: Messungen mittels Login VSI Benchmark haben ergeben, dass eine Proliant m510 Cartridge mit 16 Cores 167 „XenApp“ Office Worker Sessions verarbeiten kann – also über 660 pro Höheneinheit bei 0,5 Watt pro Sitzung.

Das Edge Computing kommt hier in zweierlei Form zum Tragen: Erstens kann es über große Distanzen sinnvoll sein, Remote Desktops aus Performance- und Latenzgründen nicht im zentralen Rechenzentrum, sondern vom Server-Raum der Niederlassung aus bereitzustellen. So arbeiten mobile Power User zwar mit sicheren entfernten, aber eben nicht einen Kontinent weit entfernten Desktops.

Ein HPE Edgeline 4000 System in der entfernten Niederlassung erspart dem Endanwender die Latenz der WAN-Verbindung.
Ein HPE Edgeline 4000 System in der entfernten Niederlassung erspart dem Endanwender die Latenz der WAN-Verbindung. (Bild: HPE)

Die zweite Variante findet man zum Beispiel in Banken: Für Trader als High-End-Anwender wandert der Remote Desktop – kein Shared Desktop, sondern ein dediziertes Gerät – so nahe wie möglich an die Nutzer heran, also bis zum Server-Schrank auf dem Stockwerk. So arbeitet jeder Trader per „Intelligent Edge Workspace“ ungestört von PC-typischem Lüfterlärm, hat aber dennoch mit minimaler Latenz Zugriff auf „seine“ Workstation. Die Cartridge Proliant m710x bietet hierfür eine „Intel Xeon E3“ CPU mit On-Board-Grafikkarte, die acht Monitore unterstützt, „HPE iLO 4“ sorgt für die Fernverwaltung.

Edge zwingt zur Höchstleistung

Das Internet der Dinge und die Industrie 4.0, aber auch Einsatzbereiche wie der High-End Remote Desktop sind Treiber einer Entwicklung, die nach Jahren der Konzentration von Rechenleistung im Rechenzentrum wieder mehr CPU-Power am Netzwerkrand bündelt. Hier kommt es nicht nur auf Performance an, sondern auch auf kompakte Maße und geringen Stromverbrauch – ein Anforderungsprofil, das den Moonshot-Systemen auf den Leib geschneidert ist.

Moonshot de-virtualisiert den Desktop und findet deutschen Anwender

HP vervielfältigt die Moonshot-Modelle

Moonshot de-virtualisiert den Desktop und findet deutschen Anwender

06.05.14 - Als „Software-Defined Server“ bezeichnet HP seine „Moonshot“-Modelle, die sowohl mit AMD- als auch mit Intel-Prozessoren ausgestattet werden können: In einem „Proliant“-Chassis stecken viele hüllenlose Server, Switches und Storage. Nun gibt es ein Moonshot-System für hosted VDI und mit Myloc den ersten Anwender in Deutschland. lesen

* Peter Widmer arbeitet als Category Manager EMEA, Moonshot & Edgeline IoT, Hewlett Packard Enterprise.

Was meinen Sie zu diesem Thema?

Schreiben Sie uns hier Ihre Meinung ...
(nicht registrierter User)

Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
Kommentar abschicken
copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 44754436 / Server)