Post-Virtualisierungsära: Wahrheit oder Fiktion?

Knocken Kubernets und Docker die Virtualisierer aus?

| Autor / Redakteur: Lars Herrmann* / Ulrike Ostler

Der Knock-out von Virtualisierungstechniken a la VMware ist Unsinn, sagt Kars Herrmann von Red Hat Deshalb gibt es auch keine Post-Virtualisierungsära.
Der Knock-out von Virtualisierungstechniken a la VMware ist Unsinn, sagt Kars Herrmann von Red Hat Deshalb gibt es auch keine Post-Virtualisierungsära. (Bild: Sergey Nivens/ Fotolia.com)

Verschiedentlich wird die Frage aufgeworfen, ob wir mit dem Aufkommen der Container-Technologie in ein Post-Virtualisierungszeitalter eingetreten sind. Doch diese Einschätzung wäre etwas voreilig. Neben Container- haben auch Virtualisierungstechnologien nach wie vor ihre Berechtigung. Grund sind nicht zuletzt die unterschiedlichen Vorteile und Einsatzszenarien.

Die IT-Landschaft ist von zwei zentralen Entwicklungen geprägt. Zum einen verschiebt sich der Fokus: Heute stehen nicht mehr nur Themen wie Stabilität, Konsolidierung und Optimierung sowie Kostenreduzierung im Vordergrund, sondern Aspekte wie Agilität, Flexibilität und Geschwindigkeit.

Die Rolle der IT hat sich dahingehend gewandelt, dass sie nicht mehr nur unterstützenden, sondern vor allem auch wertschöpfenden Charakter für ein Unternehmen hat. Und zum anderen gewinnen neue Technologien, Entwicklungs- und Betriebsprozesse wie Container-Tools, Microservices, DevOps oder „x-as-a-Service“ zunehmend an Bedeutung. Dies wiederum ist dem Umstand geschuldet, dass agile Prozesse unterstützt werden müssen.

Und gerade an diesem Punkt zeigen Container ihre Vorteile: Sie starten deutlich schneller als virtuelle Maschinen und können weitgehend automatisiert werden. Dadurch werden IT-Prozesse erheblich beschleunigt. Container haben sich in kurzer Zeit in der Linux-Welt zu einer zentralen Application-Packaging- und Delivering-Methode herausgebildet; Entwickler verwenden sie, weil sie eine einfache und schnelle Bereitstellung von Applikationen ermöglichen.

Was die Container können

Linux-Container bieten zum einen die Möglichkeit der Softwarepaketierung, mit der Entwickler Applikationen zusammen mit ihren Laufzeitabhängigkeiten bündeln und auf kompatiblen Container-Hosts ausführen können. Solche Container sind schnell betriebsbereit und portabel, da sie die komplette Applikationsumgebung enthalten.

Fachkundiger Diskutant: Lars Herrmann von Red Hat zu Besuch in München.
Fachkundiger Diskutant: Lars Herrmann von Red Hat zu Besuch in München. (Bild: Vogel IT-Medien GmbH)

Zum anderen unterstützen sie auch die isolierte und performante Bereitstellung von mehreren Applikationen auf einem Host-Betriebssystem. In beiden Fällen werden den Containern die Systemressourcen fest zugeordnet. Der Linux-Kernel wird dabei von allen auf einem System laufenden Instanzen geteilt, dadurch ist der Verwaltungsaufwand sehr gering.

Post-Virtualisierung ist Unsinn

Dass wir uns heute keinesfalls in einer Post-Virtualisierungsära befinden, zeigt bereits ein Blick auf die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Virtualisierungs- und Container-Lösungen.

Sowohl die Virtualisierung als auch Container-Technologien sorgen für eine Applikationsisolation und ermöglichen es, mehrere Anwendungen auf dem gleichen physischen System in verschiedenen Runtime-Umgebungen ablaufen zu lassen. Sie unterscheiden sich jedoch in ihren Arbeitsweisen und eignen sich für unterschiedliche Anwendungsszenarien.

Die Virtualisierung stellt eine Abstraktionsschicht zwischen der Hardware und einem Host-Betriebssystem mit einer virtualisierten Hardwareumgebung bereit, in der das Gast-Betriebssystem läuft. Gast- und Hypervisor-Betriebssystem können unterschiedlich sein, indem beispielsweise Windows als Gast mit Linux KVM als Host oder auch umgekehrt läuft. Während die Virtualisierung der Hardware-Umgebung eine hohe Flexibilität bewirkt, führt sie auf der anderen Seite aber auch zu einem hohen Verwaltungsaufwand, da jede virtuelle Maschine eine eigene Betriebssysteminstanz benötigt.

Auch Linux-Container laufen in einer isolierten Umgebung, nutzen aber einen gemeinsamen Linux-Host. Damit können Applikationen samt ihrer Systemabhängigkeiten getrennt voneinander mit einem geringen Overhead laufen, da sie das Betriebssystem mit seinem Hardwaresupport, dem Ressourcenmanagement und den Sicherheitsfunktionen gemeinsam nutzen.

Die PaaS-Technik "Red Hat OpenShift", bei der viele Prozesse in einem System parallel und voneinander isoliert laufen, nutzt Linux-Container.
Die PaaS-Technik "Red Hat OpenShift", bei der viele Prozesse in einem System parallel und voneinander isoliert laufen, nutzt Linux-Container. (Bild: Red Hat)

Container als Ergänzung der Virtualisierung

In den meisten Fällen sind Container kein besserer Ersatz für die Virtualisierung, sondern ergänzen sie. Das Einsatzspektrum von Container-Technologien ist aufgrund der zahlreichen Vorteile wie hohe Agilität, geringer Platzbedarf oder einfaches Management weitreichend:

  • Vor allem bei Applikationen, die aus Komponenten bestehen und einer Microservices-Architektur folgen, bieten Container eine effiziente Möglichkeit, Microservices ohne den bei traditionellen virtuellen Maschinen üblichen Overhead zu implementieren.
  • Auch PaaS-Lösungen wie Red Hat OpenShift, bei denen viele Prozesse in einem System parallel und voneinander isoliert laufen, wurden von vornherein mit Containern implementiert und erweitern nun ihre Anwendungsgebiete auf ein breiteres Spektrum von Anwendungen.
  • Nicht zuletzt damit bereiten Open-Source-Container-Technologien den Weg für applikationsoptimierte Infrastrukturen, indem sie den gesamten Applikations-Lebenszyklus vereinfachen – von der Entwicklung und Bereitstellung bis zur Wartung und Verwaltung.

Aufgrund dieser Vorteile werden die Container-Technologien bei der schnellen Verbreitung von DevOps-Infrastrukturen in der Linux-Welt eine zentrale Rolle bei der Bereitstellung und Verwaltung von Applikationen spielen.

Wenn Betriebssysetmunabhängigkeit gefragt ist

Für andere Anwendungsszenarien ist die Virtualisierung mit Hypervisoren nach wie vor die geeignete Lösung. Das gilt vor allem, wenn in IT-Umgebungen eine Betriebssystemunabhängigkeit gefordert ist und heterogene Welten mit unterschiedlichen Windows-Versionen und Linux unterstützt werden müssen.

Schwerpunkte der Virtualisierung bleiben generell Anwendungsszenarien, in denen sich traditionelle Applikationen nur in längeren Zyklen von mehreren Monaten ändern. Solche Use Cases erfordern eine hohe Stabilität.

Container-Lösungen hingegen bieten sich für Infrastrukturen an, in denen eine große Zahl von Applikationsinstanzen parallel beispielsweise auf Clustern oder in Private-, Public- oder Open-Hybrid-Cloud-Umgebungen betrieben wird und die Applikationen häufigen Updates und funktionalen Erweiterungen unterliegen.

Der Autor des Kommentars ist Lars Herrmann, General Manager Integrated Solutions und Container Strategy bei Red Hat.
Der Autor des Kommentars ist Lars Herrmann, General Manager Integrated Solutions und Container Strategy bei Red Hat. (Bild: Red Hat)

Virtualisierung bietet sich auch an als Infrastruktur-Ebene unterhalb der Container-Lösungen, wobei sich das Beste aus beiden Welten nutzen lässt. Nicht zuletzt sollte auch nicht unterschlagen werden, dass Virtualisierung allein schon deshalb eine unverzichtbare Technologie bleiben wird, weil nicht alle Applikationen ohne Weiteres „containerisierbar“ sind.

Die Folge: Beide Technologien werden nebeneinander weiterbestehen. Das einzige, was man konstatieren kann: Sicher werden Container-Lösungen auch in Bereiche vorstoßen, die heute noch einzig und allein die Virtualisierungsdomäne sind.

* Lars Herrmann ist General Manager Integrated Solutions und Container Strategy bei Red Hat.

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