Der Hosting-Markt in Deutschland

IoT und Blockchain wachsen stärker als klassisches Hosting

| Autor / Redakteur: Jürgen Frisch / Ulrike Ostler

Auch in diesem Jahr findet ein HOSTING & SERVICE PROVIDER SUMMIT statt. Gerhard Sundt, ausgewiesener Kenner der Branche, skizziert im Interview, welche Herausforderungen anstehen.
Auch in diesem Jahr findet ein HOSTING & SERVICE PROVIDER SUMMIT statt. Gerhard Sundt, ausgewiesener Kenner der Branche, skizziert im Interview, welche Herausforderungen anstehen. (Bild: Vogel IT-Medien GmbH)

Vom Edge Computing bis SAP-Hosting, von Microsoft und dem Supreme Court bis zu Blockchain: Ein Interview mit Gerhard Sundt, Beiratsmitglied des HSP-Summit, über aktuelle Entwicklungen in der Hosting-Szene.

Welche Segmente im deutschen Hosting-Markt wachsen, welche kommen nur langsam voran oder schrumpfen?

Gerhard Sundt: Alle Marktsegmente, die ich beobachte, legen zu. Besonders stark wächst Software as a Service mit 30 Prozent pro Jahr. Ebenfalls gute Erfolge verzeichnen Microsoft Office und Sharedrive-Angebote. Je älter die Hosting-Services sind, desto schwächer wachsen sie. So legen einfache E-Mail-Services und das Hosting kleinerer Web-Präsenzen um 4 Prozent pro Jahr zu.

Weil große Player wie Amazon und Google in den Markt für Infrastructure as a Service eindringen, kommt es hier zu einer Konsolidierung. Traditionelle Hoster ändern ihr Angebot in Richtung Software as a Service, um dem Preiskampf zu entkommen. Teilweise mieten Spezialanbieter die Grundservices von Microsoft oder Amazon und packen Dienstleistungen wie etwa Routenoptimierung, Schadens-Management Software und andere SaaS Services oben drauf.

Im Rahmen von Multi-Cloud-Ansätzen stellen sich Unternehmen Services von verschiedenen Providern zusammen. Was beobachten Sie hier?

Gerhard Sundt: Die Wirtschaft in Deutschland wächst, und die IT-Abteilungen können den Bedarf ihrer Unternehmen nur noch mit Cloud-Angeboten abdecken. Da kein Provider von Software as a Service sämtliche Applikationen im Angebot hat, müssen die Unternehmen mehrere Provider kombinieren. Darunter leider jedoch möglicherweise die Fähigkeit, die einzelnen Anwendungen zu managen.

Edge Computing besagt, dass bestimmte Berechnungen beispielsweise für das autonome Fahren vor Ort im Pkw passieren müssen, um Latenzen zu vermeiden. Wie reagieren die Provider darauf?

Gerhard Sundt: Edge Computing muss zuallererst auf der Infrastrukturebene gelöst werden. Edge Computing bedeutet, dass der Server räumlich nahe beim Client installiert wird. Bei fahrenden Clients, wie in Autos, wandert das Rechenzentrum idealerweise dem autonomen Pkw hinterher. Software-Container könnten beispielsweise einem Auto folgen, wenn auf der Autobahn in Abstand von wenigen hundert Metern eine Mobilfunkantenne steht. Man braucht dann sehr viele kleine Datacenter, um die Laufzeitgarantie von einer Millisekunde zu garantieren.

Wie weit ist hier die Praxis?

Gerhard Sundt: Ich kenne bislang keinen Hoster, der sich dieses Themas intensiv angenommen hat. Immerhin gibt es eine Norm, wie SLAs aussehen sollten, damit die Provider untereinander Software Container austauschen können. Nach aktueller Kalkulation brauchen Sachen Shared Datacenter allerdings mindestens 300 Quadratmeter Grundfläche, um profitabel arbeiten zu können. Mittelständische Unternehmen haben solche Kapazitäten, und in ihren Rechenzentren wird Platz frei, wenn sie Inhouse-Applikationen in die Cloud verlagern.

Wie sieht dabei das System-Management aus?

Gerhard Sundt: Das ist noch eine offene Frage. Bislang sind die Endbenutzer dafür verantwortlich, dass die Applikationen das Herumschieben der Container zwischen verschiedenen Rechenzentren aushalten, ohne in der Performance einzubrechen. In der Praxis fehlen allerdings die Cockpits, auf denen ein Systemadministrator nachverfolgen kann, ob die Systeme ordnungsgemäß laufen. Ebenfalls fehlen die Schnittstellen, um einen solchen Container-Verbund in die bisherigen Systemmanagement-Lösungen der Provider einzuklinken.

Das Hosting von SAP-Services haben Sie 2017 zurückhaltend beurteilt. Wird dieser Bereich nicht wachsen, wenn SAP im Rahmen der Leonardo-Plattform Lösungen für das Internet of Things, Big Data Analytics oder Blockchain in die Cloud schiebt?

Da stimme ich zu. Innovationssysteme wie das Internet of Things dürften sehr häufig in die Cloud wandern. Einen Teil dieses Marktes wird die SAP selbst bewirtschaften, und die dazugehörigen Applikationen über Schnittstellen an die Inhouse-Rechenzentren der Unternehmen anbinden. Da die SAP nicht alles selbst machen kann, muss sie auf Partner zurückgreifen. Die Speziallösungen der Partner werden nach meiner Einschätzung um ein Vielfaches stärker wachsen als der Teil, den SAP selbst betreibt.

Werden auch komplette SAP-Systeme in die Cloud wandern?

Gerhard Sundt: Das wohl kaum. Die zentralen Datenbestände werden die Unternehmen wohl im hauseigenen Rechenzentrum behalten. Der Grund liegt im Preismodell der Hoster: Der Datentransfer in die Cloud ist um ein Vielfaches teurer als die angemietete Rechenleistung. Wer seine zentrale SAP-Datenbank in die Cloud schiebt, ist ökonomisch gebunden. Will er die Daten nämlich ins eigene Rechenzentrum zurückholen, zahlt er die hohe Gebühr für den Datentransfer ein zweites Mal.

Die SAP-Anwendervereinigung DSAG geht davon aus, dass die Cloud die Rückkehr des Best-of-Breed-Konzepts einleitet. Unternehmen suchen sich künftig für jede Anforderung die am besten geeignete Cloud-Lösung. Stimmen Sie dieser Einschätzung zu?

Ja, genau das wird passieren. Um die Integration der verschiedenen Anwendungen kümmert sich dann nicht der Provider, sondern ein Systemintegrator. Der muss sowohl in die Cloud-Module eingreifen als auch in das inhouse laufende SAP-System. Je stärker die SAP-Systeme an den individuellen Bedarf eines Unternehmens angepasst und modifiziert wurden, desto aufwändiger und teurer wird das.

Microsoft verhandelt gerade vor dem Supreme Court, ob das Unternehmen unabhängig vom internationalen Datenschutz die Kundendaten an US-Behörden herausgeben muss. Nimmt das Vertrauen der Unternehmen in die Cloud Schaden, wenn Microsoft diesen Prozess verliert?

Gerhard Sundt ist Beiratsmitglied des HSP-Summit und langjähriger Kenner der deutschen und internationalen Hosting-Szene.
Gerhard Sundt ist Beiratsmitglied des HSP-Summit und langjähriger Kenner der deutschen und internationalen Hosting-Szene. (Bild: Gerhard Sundt)

Gerhard Sundt: Zunächst Mal schadet es Microsoft selbst, wenn die US-Behörden diesen Prozess gewinnen. Ich bin weder Rechtsanwalt noch Politiker, aber ich gehe davon aus, dass Unternehmen, die ihren Sitz in Amerika haben, die Daten ihrer Kunden herausgeben müssen, egal wo diese geographisch liegen. Das trifft dann nicht nur Microsoft, sondern auch Google, Salesforce und SAP. Nicht hingegen Brands, die ausschließlich in Deutschland tätig sind, wie etwa die DATEV.

Anbieter von Kryptolösungen werben dafür, die Daten in der Cloud zu verschlüsseln, um den Datenschutz zu erzwingen. Halten Sie das für einen gangbaren Weg?

Machbar ist so etwas, aber ich glaube nicht an den kompletten Erfolg. Die NSA hat enorm große Rechenressourcen, und sie kann mit Brute-Force-Algorithmen viele der gängigen Verschlüsselungen knacken. Encryption erschwert zwar den Datenabgriff, aber komplett wird sie das Ausschnüffeln nicht verhindern.

Wie beurteilen Sie das Konzept der Datentreuhänderschaft, bei dem Microsoft die Kundendaten gar nicht selbst hat und sie deshalb auch nicht herausgeben kann?

Gerhard Sundt:Hier wird das Problem schlicht verlagert. Wenn Microsoft die Daten nicht herausgibt, dann muss es halt der Datentreuhänder tun, sofern dieser eine Tochtergesellschaft in den USA betreibt. Die USA werden dann versuchen, das Tochterunternehmen für den Mutterkonzern haftbar zu machen. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie so vorgehen.

Wie sollten die an den EU-Datenschutz gebundenen deutschen Manager reagieren?

Gerhard Sundt:Die meisten Unternehmen sind so unter Wasser, dass sie auf die Cloud gar nicht verzichten können. Sie versuchen möglicherweise, auf einen rein deutschen Provider auszuweichen. Ist das nicht möglich, werden einige mit Verschlüsselung experimentieren. Die allermeisten Manager werden das Restrisiko schlicht tragen.

Veranstaltungshinweis: Hosting & Service Provider Summit 2018

Highlights der zweitägigen Veranstaltung "HOSTING & SERVICE PROVIDER SUMMIT 2018", die Agenda und die Möglichkeit der Anmeldung finden Sie auf der Event-Website.

IoT und Blockchain wachsen stärker als klassisches Hosting HOSTING & SERVICE PROVIDER SUMMIT 2018

Mehr Informationen zum HOSTING & SERVICE PROVIDER SUMMIT 2018

* Jürgen Frisch ist freier Redakteur und lebt in Stuttgart.

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