Eigentlich ist Android doch Open Source?

Google versus Huawei: Technologie als Faustpfand

| Autor / Redakteur: Filipe Pereira Martins und Anna Kobylinska* / Ulrike Ostler

Die Skyline von Shenzen - in dieser jungen Stadt befindet sich der Sitz des Konzerns Huawei.
Die Skyline von Shenzen - in dieser jungen Stadt befindet sich der Sitz des Konzerns Huawei. (Bild: )

Eine massive Technologie-Exportsperre der Vereinigten Staaten gegen den weltgrößten Telekommunikationsausrüster, Huawei, im Kontext von 5G, schickte vergangenen Sonntag eiserne Fieberschauer durch die ITK-Industrie. Heute ist das Thema vorerst vom Tisch — doch für wie lange? Und noch wichtiger: Wer ist als Nächster dran?

Kurz vor dem Wochenende setzte Google sämtliche Lieferungen von Technologieprodukten an den chinesischen Ausrüster in Sachen IT und Telekommunikation Huawei mit sofortiger Wirkung aus. Durch die Medien rollte eine Lawine haltloser Verblüffung.

Was passiert mit mobilen Apps auf Huawei-Smartphones? Wie kommen Telekommunikationsanbieter an kritische Sicherheits-Updates für ihre Netzwerk-Hardware?

Laut einem Bericht der Reuters-Agentur vom Sonntag hätten auch Intel Corp, Qualcomm Inc, Xilinx Inc. und Broadcom Inc. ihre Mitarbeiter in den Vereinigten Staaten angewiesen, mit den Vorgaben der BIS in Einklang zu bringen. Daraufhin ließ Google die Android-Lizenz des chinesischen Netzwerk- und Telekommunikationsgiganten erlöschen. Microsoft hat Huawei-Laptops aus dem Store entfernt.

Der Stein des Anstoßes

Als der größte Telekommunikationsausrüster der Welt beteiligt sich Huawei massiv an dem 5G-Rollout. Im Lichte der Anklagen gegen U.S.-Sanktionen, Bankbetruges und Spionage liegt eben der Stein des Anstoßes.

Die 5G-Technologie schafft allumfassende, durchdringende Konnektivität. Erst mit 5G-Konnektivität kann die Digitalisierung die kritische Masse erreichen. Doch das großflächige Aufkommen von Maschine-to-Machine-Interaktionen, welches mit 5G zwangsweise einhergeht, bringt mit sich ein erhöhtes Risiko maliziöser Fernzugriffe auf kritische Infrastrukturen und Kommunikationsnetze.

„Als High-End-Industrieunternehmen in Deutschland würden Sie Ihr Netzwerk Huawei anvertrauen?“ warf am Dienstag ein Diskussionsteilnehmer auf CNBC in die Runde auf. „Würden Sie sich dann um die Industriespionage nicht auch Sorgen machen?“

Auch der ehemalige Chef des britischen Nachrichtendienstes MI6 (von 1999 bis 2004) Sir Richard Dearlove äußerte Bedenken zu Huawei: „Wir müssen schlussfolgern, dass das Engagement von Huawei ein potenzielles Sicherheitsrisiko für Großbritannien darstellt.“

Googles unsichere Haltung gegenüber Huawei reflektiert die Bemühung, den Entscheidungen einer föderalen Behörde, des Bureau of Industry and Security (BIS), vom 16. Mai und 20. Mai, in beiden Fällen punktgenau Folge zu leisten.

Freigekauft

Ein ähnliches Verbot hatte ja bereits 2018 den chinesischen Telekommunikationsausrüster ZTE schwer getroffen — mit verheerenden Auswirkungen auf Mobilfunkanbieter in Südostasien und nahezu überall in Europa. Den Zorn der U.S.-Behörden sollte sich ZTE durch wiederholte Verletzungen von U.S.-Sanktionen gegen Nord Korea und den Iran zugezogen haben. Nach massiven Verlusten in Kernsparten im Laufe von etwa drei Monaten stimmte ZTE einer Strafe in Höhe von 1 Milliarde Dollar zu; weitere 400 Millionen Dollar wanderten auf ein Treuhand-Konto.

Auch im Falle von Huawei hat das Verbot ein hohes disruptives Potenzial. Diesmal hat das U.S.-Bundeswirtschaftsministerium am vergangenen Montag den inländischen Mobilfunkunternehmen und Internet-Breitbandanbietern eine Übergangsfrist von 90 Tagen (bis zum 19. August) gewährt, um Netzwerk-Ausfällen vorzubeugen und Sicherheitsrisiken zu mildern. So sollen die betroffenen Unternehmen ihre Abhängigkeit von Huawei reduzieren und die Zusammenarbeit vermutlich sanft ausklingen lassen.

So stand es auch Google frei, einen Richtungswechsel einzuleiten, was der Konzern ja auch prompt am Dienstag getan hat. Googles Mutterkonzern Alphabet hat jedoch zugleich beachtliche finanzielle Interessen in China.

Zwickmühlen allenthalben

Die Zusammenarbeit des Konzerns mit Huawei deckt das Feld künstlicher Intelligenz mit dem „Tensorflow“-Framework von Google ab. Googles Muttergesellschaft Alphabet ist in der unangenehmen Zwangslage — eingeklemmt zwischen widersprüchlichen nationalen Interessen — bei Weitem nicht allein.

Während der Übergangsfrist soll sich Huawei an der Entwicklung von 5G-Standards weiterhin beteiligen dürfen. Unter welchen Bedingungen die Übergangsfrist dann eventuell verlängert und das Verbot gar aufgehoben werden könnte, ist bisher nicht klar.

„Wir glauben, das Verbot ist temporär, ähnlich wie [damals] im Falle von ZTE“, sagte Rajvindra Gill, ein Analyst und Managing Director für Equity Research bei Needham & Company. „Wir denken, das Verbot ist Teil einer Verhandlungstaktik“ im Rahmen des U.S.-Handelskriegs mit China.

Daumenschrauben

Andere Beobachter teilen diese Ansicht nicht. Laut einem Bericht der Reuters Agentur sei davon auszugehen, dass sich die juristischen Probleme Huaweis nicht einfach plötzlich in Luft auflösen könnten. Denn der Beweiserfassung liege der U.S. Foreign Intelligence Surveillance Act (FISA) zu Grunde und die Vorwürfe seien besonders schwerwiegend.

Für die Überwachung von Telekommunikationsnetzen unter den Vorgaben von FISA ist ein Durchsuchungsbefehl eines Sondergerichts erforderlich. Brian Frey, ein ehemaliger Bundesanwalt, der an dem Huawei-Fall nicht beteiligt ist, kommentierte, dass dieses Vorgehen typischerweise im Zusammenhang mit mutmaßlicher Spionage ersucht werde.

Bankbetrug und IT-Spionage

Bei der Anhörung eines Bundesgerichtsverfahrens in Brooklyn, New York, konnte der stellvertretende United States Attorney Alex Solomon knallharte Beweise gegen Huawei vorlegen. Solomon vertritt die U.S.-Bundesregierung in Straf- und Zivilverfahren vor den Bundesbezirks- und den Bundesappellationsgerichten. Die von ihm präsentierte erdrückende Beweislast deutet darauf hin, dass Huawei sowohl gegen Sanktionen verstoßen als auch Bankbetrug und Wirtschaftsspionage begangen haben soll.

„Der Grund, warum sie normalerweise die Überwachung durch ein FISA-Gericht erhalten hätten, ist der begründete Verdacht, dass jemand im Auftrag einer ausländischen Macht spioniere“, erläutert Frey und fügt hinzu, die US-Regierung sei „über die Spionage durch Huawei seit Jahren besorgt“.

Noch kein Weg aus der Krise in Sicht ....
Noch kein Weg aus der Krise in Sicht .... (Bild: hansun-lu)

Im vorliegenden Fall wird dem Unternehmen Huawei und seinem Finanzvorstand Meng Wanzhou vorgeworfen, sie hätten sich verschworen, um HSBC Holdings Plc und andere Banken zu betrügen, indem sie die Beziehung von Huawei zu Skycom Tech Co Ltd, einem mutmaßlichen Frontunternehmen mit nachweisbaren Aktivitäten im Iran, falsch dargestellt hätten.

Huawei soll Skycom genutzt haben, um in den USA verbotene Waren, Technologien und Dienstleistungen für den Iran zu beschaffen und Geld über das internationale Bankensystem zu bewegen. Verstöße gegen US-Sanktionen zählen zu den besonders schwerwiegenden Anklagen.

Die gefürchtete schwarze Liste

Mit ihrem Beschluss vom 16. Mai setzte die BIS die chinesische Huawei Technologies Co., Ltd. auf die sogenannte Entity List, eine schwarze Liste vermeintlicher Widersacher der nationalen Interessen der Vereinigten Staaten.

Damit würde Huawei unter anderem keine eigenen Updates für Googles quelloffene Betriebssystem Android mehr bekommen; öffentlich verfügbare Software-Aktualisierungen des quelloffenen Betriebssystems stünden zwei weiterhin zur Disposition, aber erst nachdem diese im Rahmen von AOSP (Android Open Source Project) aller Öffentlichkeit bereitgestellt sein sollten.

Nicht nur die Altstadt von Shanghai und die dort für Touristen angebotene Ware ist an China für US-Bürger und Europäer faszinierend. Aus China kommen etwa Klamotten, Elektroroller und jede Menge Hightech; Huawei liefert Antennen genauso wie Smartphones, Telekommunikations-Router, Server und Switches sowie Infrastruktursoftware und ist an vielen Open-Source-Projekten, auch führend, beteiligt.
Nicht nur die Altstadt von Shanghai und die dort für Touristen angebotene Ware ist an China für US-Bürger und Europäer faszinierend. Aus China kommen etwa Klamotten, Elektroroller und jede Menge Hightech; Huawei liefert Antennen genauso wie Smartphones, Telekommunikations-Router, Server und Switches sowie Infrastruktursoftware und ist an vielen Open-Source-Projekten, auch führend, beteiligt. (Bild: sagar-dani)

„Google Play“ und „Google Play Protect“ sollten nicht betroffen sein, wohl aber sämtliche Lieferungen von Hardware, Software und Dienstleistungen. Im Übrigen: Huawei hat eine eigene Alternative für den Google Play Store entwickelt.

Die gefürchtete schwarze Liste des Bureau of Industry and Security (BIS) ist Teil von Supplement No. 4 zum Abschnitt 744 der Export Administration Regulations. Die Online-Version wird üblicherweise mit einigen Tagen Verzögerung aktualisiert.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Die Maßnahmen gegen Huawei kommen für den Konzern wohl kaum überraschend. Das Drama hing lange in der Luft.

Erste Medienberichte über Huaweis vermeintlichen Bankbetrug erschienen im Dezember 2018. Im Februar 2019 kam dann die interne HSBC-Untersuchung hinzu, die zu den Anklagen gegen Huawei und den Finanzvorstand Meng Wanzhou führte.

Meng wurde im Dezember in Kanada auf Ersuchen der Vereinigten Staaten verhaftet, wegen Bank- und Überweisungsbetrugs angeklagt. Meng bestreitet die Anschuldigungen.

Maßnahmen der Vorbeugung

In Erwartung der neuesten Entscheidung der U.S.-Behörde soll Huawei für etwa sechs Monate Vorräte an Komponenten angelegt haben, also über das Ende der aktuellen Übergangsfrist hinweg. Auch in puncto Software soll Huawei vorgesorgt haben. Doch Vorräte werden letztendlich auslaufen und ein eigenes Ersatzbetriebssystem für Smartphones und Laptops könne über massive Störungen der Versorgungskette wohl kaum hinwegtrösten, warnen Analysten.

Huaweis eigene anwendungsspezifische Chips für mobile Endgeräte sind kein Ersatz für Arbeitsspeicher. Ohne U.S.-Technologie würde es Huawei „nicht überleben“, argumentiert Rajvindra Gill, ein Analyst und Managing Director für Equity Research bei Needham & Company.

„Die Versorgungskette von Huawei in den Vereinigten Staaten ist großflächig und tiefgreifend, von mobilen Endgeräten bis hin zur Netzwerkinfrastruktur“, bemerkt Rajvindra Gill. Bei den kritischen Netzwerkkomponenten müsse sich Huawei in den U.S.A. eindecken. „Jede Unterbrechung der Versorgungskette wäre für Huawei „massiv disruptiv“. Das Unternehmen sei in den U.S.A. „fest verankert“.

Auswirkungen auch hierzulande

Analysten erwarten, dass Huawei die Übergangsfrist nutzen werde, um sich mit Komponenten wie Prozessoren und Speicherchips weiter einzudecken und den Bedarf künftiger Quartale vorzuziehen. Der chinesische Netzwerkausrüster bezieht jährlich Technologieprodukte im Wert von 70 Milliarden Dollar. Dazu zählen nicht zuletzt Chips von U.S.-Anbietern wie Qualcomm, Intel und Micron Technology im Wert von etwa 11 Milliarden Dollar pro Jahr — nicht gerade eine Bagatelle. Huawei verantwortet etwa 60 Prozent der Netzwerkausrüstung in China.

Die Turbulenzen rund um Huawei könnten die ITK-Branche auch in Europa hart treffen. Große Teile europäischer Internet-Infrastruktur laufen eben auf Huawei-Hardware. „Im Grunde genommen betreibt Huawei ganz Europa“, ließ CNBC am Dienstag verlauten.

Von Huaweis Strapazen dürften einige europäische Unternehmen aber auch profitieren. Zu potenziellen Gewinnern zählt der schwedische Telekommunikationsausrüster Ericsson dank seiner Technologiekompetenzen in 5G. Eigenen Angaben zufolge sollen zirka 40 Prozent des weltweiten mobilen Datenverkehrs durch Ericsson-Netzwerke fließen. Strukturelle Veränderungen der Telekommunikationsnetze bieten europäischen Ausrüstern eine einmalige Chance, an Boden zu gewinnen.

Der Preis der Datensouveränität

Googles Geiselnahme von Android-Updates ist also vorerst aufgehoben. Doch das ist ein schwacher Trost.

Chinesische Technologie ist ja bereits seit Jahren in Produkten europäischer wie auch nordamerikanischer Anbieter bereits zutiefst verankert. Es stellt sich also die berechtigte Frage, inwiefern Spionageverdacht und Exportverbote eine Bedrohung für die „Uptime“ der Wirtschaft der betroffenen Länder darstellen. Diese Risiken beschränken sich im Übrigen wohl kaum auf die ITK-Branche.

Lauschen im Luxusauto: „Tmall Genie“, der intelligente Sprachassistent der A.I. Labs von Alibaba, soll ab Ende des Jahres 2019 in BMW-Fahrzeugen auf Anweisungen lauschen.
Lauschen im Luxusauto: „Tmall Genie“, der intelligente Sprachassistent der A.I. Labs von Alibaba, soll ab Ende des Jahres 2019 in BMW-Fahrzeugen auf Anweisungen lauschen. (Bild: raj-eiamworkakul)

BMW lässt beispielsweise die KI-Technologie der chinesischen Alibaba-Gruppe für sich arbeiten. Noch auf der diesjährigen Consumer Electronics Show in Las Vegas (CES 2019) führten die beiden Unternehmen die neuesten Früchte ihrer strategischen Partnerschaft medienwirksam vor. „Tmall Genie“, der intelligente Sprachassistent der A.I. Labs von Alibaba, soll Ende des Jahres 2019 in BMW-Fahrzeugen auf Anweisungen lauschen (vorerst nur in China).

Missbräuchliches Verhalten des chinesischen 5G-Ausrüsters Huawei ging für seine Geschäftspartner nach hinten los. Auch andere chinesische Unternehmen stehen potenziell unter direktem Einfluss der chinesischen Regierung. „Keiner [in der Griffweite] des kommunistischen chinesischen Staates ist letztendlich in der Lage, sich der Kontrolle durch die Führung der kommunistischen Partei zu entziehen", bemerkt Sir Dearlove.

Darum prüfe, wer sich bindet.

Unterdessen untersucht u.a. auch der niederländische Geheimdienst, ob Huawei in den Niederlanden an der Spionage für den chinesischen Staat beteiligt gewesen sei, berichtete die Zeitung „De Volkskrant“ am vergangenen Donnerstag (16. Mai 2019). Unter Berufung auf nachrichtendienstliche Quellen habe der General Intelligence and Security Service (AIVD) die Kundendaten eines der drei größten Telekommunikationsanbieter der Niederlande unter die Lupe genommen, darunter die niederländische Tochter der deutschen T-Mobile. Zur Klarstellung: Der deutsche Mobilfunkanbieter selbst steht nicht unter Verdacht.

Unser Fazit

Solange gewisse fremdländische Technologieanbieter offenbar stärker den Interessen ihrer kommunistischen Regierung als denen ihrer Endnutzer verpflichtet sind, bleibt das Ideal der Datensouveränität bloß eine Sinnestäuschung. Die Disruption der Technologiemärkte trifft leider auch Unschuldige gleich mit.

*Das Autorenduo

Anna Kobylinska und Filipe Pereira Martins arbeiten für McKinley Denali Inc. (USA).

Nur eine Anmerkung:

Wie die Seite "Bad Packets Report" berichtet, verraten aktuell etwa Router des US-Unternehmens Linksys eigentlich geschützte Daten ans öffentliche Netz: Dort heißt es: „Unter Verwendung der von `BinaryEdge` bereitgestellten Daten haben unsere Scans ergeben, dass 25.617 `Linksys Smart Wi-Fi-Router` derzeit sensible Informationen an das öffentliche Internet weitergeben, einschließlich:

  • MAC-Adresse jedes Geräts, das jemals mit ihm verbunden war (vollständiger historischer Datensatz, nicht nur aktive Geräte).
  • Gerätenamen (z.B. "TROY-PC" oder "Mat's MacBook Pro")
  • Betriebssystem (zum Beispiel ´Windows 7` oder ´Android`)“
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Die Technologie ist Open Source. Jeder kann sich von...  lesen
posted am 26.05.2019 um 18:47 von Unregistriert

Die ganze Aktion hat doch den faden Beigeschmack der amerikanischen Regierung, die inländischen...  lesen
posted am 23.05.2019 um 09:20 von Unregistriert


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