Edge Datacenter - Der Bremsklotz ist gelöst Der Edge-Markt kommt ins Rollen

Autor / Redakteur: lic.rer.publ. Ariane Rüdiger / Ulrike Ostler

Mit IoT, Smart Cities, Smart Grids und 5G wird das Edge-Datacenter zur unverzichtbaren Infrastrukturkomponente. Zu diesem Thema hat Datacenter Dynamics eine Tagung veranstaltet. Hersteller warten mit Marktzahlen, Konzepten, Techniken und Produkten auf.

Firmen zum Thema

Mit der massenweisen Generierung von Daten wird deren schnelle Verarbeitung näher am Entstehungsort nötig.
Mit der massenweisen Generierung von Daten wird deren schnelle Verarbeitung näher am Entstehungsort nötig.
(Bild: Iceotope)

Brandneu ist die Idee des Edge Computing nicht; schließlich gibt es schon viele Jahre CDNs (Content Distribution Networks). Doch der Umfang, in dem das Edge die IT und insbesondere Cloud-Infrastrukturen umgestalten wird, ist beträchtlich. Und ebenso die Investitionen.

So will unter anderem British Telecom in den kommenden vier Jahren 20 Milliarden Pfund in Edge-Infrastruktur investieren, wie Neil McRae, Manging Director und Chief Architect bei BT Global Services anlässlich eines Roundtables während einer virtuellen Tagung im April zum Edge-Thema berichtet hat. Und auch ein deutscher TK-Provider wolle, so Thomas Rahkonen vom Uptime-Institut in seinem Referat, noch im laufenden Jahr seine Infrastruktur durch eine dreistellige Zahl an Edge-Standorten erweitern.

Edge Datacenter würden durch die stärker verteilte Datenerzeugung geradezu erzwungen, meinte Peter Hewkin, CEO von Smartedge DC. Dieses Unternehmen befasst sich mit Aufbau und Betrieb von Edge Datacenter und deren Vertrieb im Großhandelsmodell an Unternehmen. Die Kunden von Smartedge DC können mittels der Edge-Lokationen ihre Kunden mit Services versorgen.

Henne-Ei-Problem zwischen Apps und Edge-Infrastruktur

Hinderlich wirkt sich zur Zeit ein Henne-Ei-Problem zwischen Apps und Infrastruktur aus: Noch gibt es keine Killer-App, also sieht jeder in entsprechenden Infrastrukturerweiterungen vor allem einen Kostenfaktor. Doch ohne entsprechende Infrastruktur dürfte es sehr schwer sein, Applikationen mit zwingenden Vorteilen durch Edge-Rechenzentren überhaupt zu finden.

Allerdings gibt es genug Ideen. BT-Manager McRae berichtete von einem Motorenhersteller, der mittels redundanter IT-Pods vor Ort seine Motoren ständig in Echtzeit mit „Tausenden Kameras“ beobachtet, die alle Bandbreite brauchen. Das große Potential der Edge-Technologie liege nämlich nicht beim Endkunden mit seinen Gaming- oder Entertainment-Apps, sondern in der Industrie.

Auch der öffentliche Sektor hat Potential. Schließlich lebt der Großteil der Bevölkerung heute in Städten oder größeren Siedlungen, und die sollen mit Hilfe von IoT und anderen Smart-City-Technologien intelligent und möglichst nachhaltig gesteuert werden. Ohne Edge-Technologien geht das nicht.

Die Basistechnologien für die Edge sind da

Rahkonen (Uptime) hat in seiner Präsentation einen Überblick über die aktuelle technische und Marktentwicklung für die Edge gegeben. Uptime versteht unter Edge-Rechenzentren solche, die bis zu einige Hundert Kilowatt Leistung haben und Daten näher an Endkunden oder Devices verarbeiten.

Es fehle aktuell an Standards, auch wenn es positive Anzeichen für eine beginnende Standardisierung gebe. Derzeit sei aber noch unklar, welche Technologien sich durchsetzen.

Basistechnologien wie hybride Stromversorgungen für Offgrid-TK-Basisstationen, robusteres Stromversorgungsequipment, das draußen einfacher montiert werden kann, Wartungsfreiheit durch Versiegelung seien inzwischen verfügbar und machten das Edge-Konzept praktikabel.

Markt vor Expansion

In zwei Jahren, so Rahkonen, würden schon 88 Prozent der Organisationen Edge Datacenter nutzen (heute: 69 Prozent), wobei der Anteil privat betriebener Edge-DV von heute 40 auf dann 45 Prozent ansteigen werde. Entwicklungen wie „AWS Outpost“, die es ermöglichen, sich zur Public Cloud kompatible Technologie unter eigener Regie ins Haus zu holen, würden den Markt anheizen.

Der Edge-DC-Markt werde in den kommenden zwei bis drei Jahren erheblich expandieren, auch wenn COVID-19 einen kurzfristig negativen Einfluss entfalte. Rahkonen erwartet demnächst doppelt so viele Endanwender als heute mit mehr als 20 Edge-DC und dreimal mehr Edge-DC-Lieferanten mit mehr als hundert Edge-DC-Auslieferungen pro Jahr.

Kombinierte Stromversorgung

In zwei bis drei Jahren werde bei 46 Prozent der Implementierungen Solar eine der drei wichtigsten Stromquellen sein. Rahkonen erwähnte das indische Unternehmen OMC, das Edge-Rechenzentren mit großen Solarinstallationen auf dem Dach mit der Stromversorgung umliegender 5G-Sendetürme kombiniere und so den Bau teurer Stromleitungen zu deren Versorgung überflüssig mache. Später werde man auch Hydrogen-Brennstoffzellen als Energielieferant sehen.

Das indische Unternehmen OMC baut Edge Datacenter mit Solardach und versorgt mit dem Strom umliegende 5G-Masten.
Das indische Unternehmen OMC baut Edge Datacenter mit Solardach und versorgt mit dem Strom umliegende 5G-Masten.
(Bild: Uptime/OMC)

In Zukunft werde man Batterien mit Grid- und Solarversorgung kombinieren, um zwei bis acht Stunden ohne externe Stromzufuhr überbrücken zu können. Die Sekundärverwertung von Autobatterien, etwa Teslas Megapack, biete dazu gute Ansätze.

Trend zur verteilten Redundanz

An Redundanzkonzepten stehen entweder hohe Verfügbarkeit jedes Standorts und entsprechend (teure) Ausstattung oder verteilte Resilienz durch Lastverteilung bei partiellem Verzicht auf Mehrfach-Auslegung am Einzelstandort zur Verfügung. Laut Rahkonen vermutet derzeit die Mehrheit der Marktakteure eher verteilte Resilienz als dominierende Infrastrukturform.

Dies erfordere allerdings dringend den Ausbau einer leistungsfähigen Glasfaser-Infrastruktur. Außerdem sind entsprechend leistungsfähige Remote-Management-Systeme erforderlich.

Wartung: geplant oder durch lokale Partner

Wartung werde in Zukunft vor allem geplant und vorbeugend erfolgen. Wo doch ungeplant gewartet werden muss, werde vielen Betreibern gar nichts anderes übrig bleiben als mit lokalen Partnern zusammenzuarbeiten, um zumutbare Ausfall- und Reparaturzeiten zu realisieren.

Ein Micropod von Submer: Der Kühlflüssigkeitstank ist links, rechts der gegen Umwelteinflüsse sicher versiegelte IT-Container.
Ein Micropod von Submer: Der Kühlflüssigkeitstank ist links, rechts der gegen Umwelteinflüsse sicher versiegelte IT-Container.
(Bild: Submer)

Bei den Kühltechnologien sieht Rahkonen derzeit noch keinen breiteren Übergang zur Flüssigkühlung. Allerdings machten die Experten auf der Tagung keinen Hehl daraus, dass an dieser Technologie am Edge dauerhaft wohl kein Weg vorbeiführt, um das leistungsfähige Equipment vor Überhitzung zu bewahren und wiederverwertbare Abwärme zu erzeugen. Trendsetter werden hier wohl wieder einmal die Hyperscaler sein.

Edge-Produkte

Zum Schluss noch einige Beispiele dafür, welche neuen Produkte die Technologie stimuliert:

Dataflex hat ein Mikro-Datacenter unter der Bezeichnung „Micro-Edge“ in zwei Modellen für zehn bis 18 Racks und 30 bis 35 kW/Rack respektive 8 bis 16 kW/Rack entwickelt. Es darf 5 bis 20 MW Leistung haben. Alle Modelle sind auf Wärmerückgewinnung eingerichtet.

Iceotope stattet Gesundheitsdiensleister mit Mikrorechenzentren aus, die auf GPU-reiche IT-Umgebungen ausgerichtet sind, beispielsweise für die intelligente diagnostische Bildverarbeitung mit AI-/ML-Algorithmen. Zu den Merkmalen gehören ein versiegeltes Chassis mit Flüssigkühlung, ein PUE von 1,03, ein um 10 Prozent verringerter Stromverbrauch und Vollredundanz bei Standard-Formfaktor. Iceotope kooperiert unter anderem mit Schneider Electric und Avnet.

Auch Submer, bekannt als Spezialist für Flüssigkühlung, setzt in seinem „Micropod“ eine Kühlflüssigkeit ein. Die kompakte Einheit ist seit November 2020 verfügbar. Der Container fasst Equipment für sechs Höheneinheiten bis 7 Kilowatt Leistung. Die Standzeit der Kühlflüssigkeit, die unkompliziert recycelt werden kann und nicht klima- oder umweltschädlich ist, beträgt mindestens 15 bis 20 Jahre. 95 Prozent der abgeführten Wärme lässt sich rezyklieren.
Der Container mit dem IT-Equipment ist gegen schädliche Außeneinflüsse versiegelt. Das Gerät besteht aus einem 90-Liter-Tank links und dem IT-Container rechts und wiegt derzeit über 300 Kilo. Durch technische Verbesserungen soll das Gewicht auf rund 200 Kilo gesenkt werden.
Das Ganze lässt sich auf Rädern fortbewegen. Laut Adrian Wheelan, Vice President Partnership bei Submer, senkt das System die TCO einer entsprechenden Hardware-Installation um 25 bis 40 Prozent, verringert Hardware-Ausfälle um 60 Prozent, senkt die Kapitalkosten um die Hälfte und erhöht die Lebensdauer der Hardware um ein Drittel.
Einen Rauchdetektor mit integrierter Löschtechnik für den Einbau ins Rack, der nur eine Höheneinheit verbraucht, hat der Datacenter-Brandschutzexperte entwickelt.

Artikelfiles und Artikellinks

(ID:47359161)