Investment-Berater Reinhard Liebing: „Das ist ein Weckruf“

Milliarden-Dollar-Investition in Europäische Datacenter

| Autor: Ulrike Ostler

Singapur-Staatsfonds und Equinix bilden ein Joint-Venture für den Aus- und Aufbau von Hyperscale-Rechenzentren
Singapur-Staatsfonds und Equinix bilden ein Joint-Venture für den Aus- und Aufbau von Hyperscale-Rechenzentren (Bild: Markus Spiske on Unsplash)

Am 1. Juli haben der Interconnection- und Rechenzentrumsanbieter Equinix und die Vermögensfondsgesellschaft aus Singapur-Staatsfonds GIC vertraglich die Gründung eines Joint Venture zur Entwicklung und zum Betrieb von Hyperscale-Rechenzentren in Europa vereinbart. Die so genannte Limited-Liability-Partnerschaft ist 1,0 Milliarde Dollar wert.

Schon seit einiger Zeit, spätestens aber seit ein bis zwei Jahren, kündigt sich an, dass auch Rechenzentren in Europa für Makler und Investoren interessant werden. Zugleich hat sich das Co-Location-Geschäft stark gewandelt; die großen Anbieter von Rechenzentrumsdiensten vermieten kaum noch einzelne, halbe oder gar Viertel-Racks, sie nehmen die Hyperscaler auf, die ganze Hallen oder gar komplette Datacenter anmieten.

Aus dem Blog-Beitrag von Equinix: Die Verteilung von Hyperscale-Rechenzentren weltweit
Aus dem Blog-Beitrag von Equinix: Die Verteilung von Hyperscale-Rechenzentren weltweit (Bild: Synergy Research Group)

Zudem sind Angebote wie Interconnectivity beziehungsweise Netz-Provider-Neutralität und Cloud-Provider-Vermittlung oder Brokarage gefragt. Zu den Wachstumstreibern gehört es, dass die Unternehmen zunehmend Hybrid- und Multicloud als IT-Architektur nutzen.

Auch bei dem Deal zwischen CIC (ehemals: Government of Singapore Investment Corporation, eine Behörde, die mehrere Staatsfonds verwaltet) und Equinix geht es um Entwicklung und Betrieb von „xScale“-Rechenzentren, das heißt: große, in Europa und damit auch in Frankfurt am Main. Denn die Einrichtungen auf oder in der Nähe einiger der bestehenden „IBX“-Sites von Equinix sollen es den Schlüsselunternehmen der digitalen Transformation ermöglichen, ihr Wachstum zu rationalisieren und gleichzeitig die Führungsposition von Equinix im Cloud-Ökosystem stärken. IBX steht für International Business Exchange.

Ein Meilenstein für den hiesigen Datacenter-Markt

Reinhard Liebing: „Eigentlich müssten die Europäer ein Gegengewicht schaffen.“
Reinhard Liebing: „Eigentlich müssten die Europäer ein Gegengewicht schaffen.“ (Bild: Reinhard Liebing)

Ergänzendes zum Thema
 
Über Reinhard Liebing

Für Investment-Berater Reinhard Liebing (siehe: Kasten) ist die Beteiligung eines Staatsfonds, eines asiatischen Staatsfonds an dem Joint Venture ein Meilenstein. „Hier geht ein Staatsfond extrem strategisch vor: Eine Partnerschaft mit einem der führenden Anbieter von Rechenzentrumsleistungen, der bereits global Geschäftsbeziehungen zu den Hyperscaler hat, zum Auf- und Ausbau der Rechenzentren in Europa. Aus Sicht von Singapur ist das sehr clever. Ein Schritt in ein globales digitales Eco-System, das für das Gesamtportfolio des Staatsfonds sicherlich sehr wertvoll sein wird.“

Im Rahmen dieses Joint Venture sind neue Rechenzentren in Amsterdam, Frankfurt (zwei Standorte) und London angedacht. Diese ersten sechs Anlagen werden, wenn sie vollständig ausgebaut sind, eine Leistung von rund 155 Megawatt (MW) erbringen.

Kelly Morgan, Vice President - Datacenter Infrastructure & Services vom Marktforschungsunternehmen 451 Research, kommentiert: „Da Hyperscaler weltweit expandieren, werden sie zunehmend auf Partner zurückgreifen, die sowohl eine breite globale Reichweite als auch tiefes lokales Wissen bei der Bereitstellung von Rechenzentrumsflächen bereitstellen. Equinix, mit seiner langjährigen Erfahrung in der Betriebssicherheit, zusammen mit seiner Expertise in der Finanzierung, Genehmigung und dem Bau von Rechenzentren weltweit, ist ein Beispiel für einen Partner, der eine Plattform bieten kann, damit Kern-Workloads sowie Vernetzungen innerhalb eines Ökosystems von Partnern und Kunden skalieren können.“

Win-Win

Seit Jahren arbeiten Hyperscaler, darunter Alibaba Cloud, Amazon Web Services, Microsoft Azure, Oracle Cloud Infrastructure und Google Cloud, mit Equinix zusammen, um ihre globale Plattform von 200 IBX-Rechenzentren zu nutzen und sich direkt mit ihren strategischen Geschäftspartnern und Kunden zu verbinden. Nach Equinix-Angaben bietet das Unternehmen heute die meisten Zugangspunkte - die „On- und Off-Ramps to the Cloud“ - für die globalen Cloud Service Provider.

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Zusätzlich zu diesen Kundenzugangspunkten investieren die Hyperscaler in groß angelegte Rechenzentrumsbereitstellungen, um ihren schnell wachsenden Kernaufgaben gerecht zu werden. Mit den „xScale“-Rechenzentren sollen sie ihre bestehenden Installationen bei Equinix erweitern, möglichst das Wachstum auf einer einzigen Plattform vorantreiben.

Das aber könnte auch anderen Unternehmen, die bei Equinix unterschlüpfen, zu Gute kommen: Je stärker die Cloud-Anbieter vertreten sind, je größer die Vernetzung weltweit, desto leichter fällt die Anbindung an diverse Clouds beziehungsweise die Verbindung von Cloud-Services und Enterprise-IT, die Kombination von Cloud-Services und dem eigenen Geschäft.

Das Potenzial

Die Hoffnung: Die Bereitstellung zentraler Hyperscale- Infrastruktur wird zum Magnet für weitere Partner, Anwendungsentwickler und andere Hyperscaler. Das wiederum könnte die Auswahl und Innovationsmöglichkeiten für bestehende und künftige Equinix-Kunden erhöhen.

Das Potenzial ist nach Angaben der Vertragspartner riesig. Schon jetzt übersteigen die globalen Implementierungen der führenden Hyperscaler den Jahresumsatz von Equinix um mehr als 500 Millionen Dollar, wobei die vernetzten Implementierungen im Einzelhandel das am schnellsten wachsende Segment ihrer Implementierungen darstellen.

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Die Vereinbarung sieht vor, dass die xScale-Rechenzentren so konzipiert werden, dass sie die technischen, betrieblichen und preislichen Anforderungen der wichtigsten Workloads von Hyperscalern erfüllen können. Damit soll es diesen möglich sein, sowohl Kernanwendungen zu betreiben als auch genügend Access-Points in ausreichender Bandbreite zur Verfügung zu haben, um ein schnelles Wachstum möglichst einfach, und zwar auf einer Plattform, verwirklichen zu können.

Co-Location, Hub und Interconnectivity

Dafür muss Equinix eine umfassende Palette von Interconnection- und Edge-Services bieten. Diese Dienste werden in die bestehenden Zugänge der Hyperscaler bei Equinix integriert. Die xScale-Rechenzentren werden von Equinix verwaltet und mit Personal ausgestattet. Das soll insbesondere eine nahtlose Anbindung an die globale Plattform von Equinix gewährleisten.

Da ein geschützter Austausch zwischen Unternehmen, strategischen Cloud-Service-Providern und Netzwerkdiensten unerlässlich ist, treibt die digitale Transformation die Nachfrage nach lokalen und lokalisierten digitalen Diensten zu neuen Spitzen. Laut dem „Global Interconnection Index, Volume 2“, einer von Equinix veröffentlichten Marktstudie, wird die Kapazität für den privaten Datenaustausch zwischen Unternehmen und Cloud- und Netzwerkdienstleistern bis 2021 voraussichtlich fast zehnmal schneller wachsen als der öffentliche Internet-Verkehr.

Charles Meyers, Präsident und CEO von Equinix, bewertet die Vereinbarung wie folgt: „Es war ein langer Weg, um diesen Punkt zu erreichen, aber wir freuen uns sehr, die Gründung unseres ersten xScale Data Center Joint Ventures bekannt zu geben.“ Investment-Berater Liebing macht darauf aufmerksam: „Man bemerke: Er spricht von einem ersten Joint Venture für die XScale-Rechenzentren. Für das Wachstum dieser Plattform benötigt er weiteres Kapital, das ist aus eigenen Mitteln nicht zu stemmen.“

Ausbaupläne

Zugleich aber dürften weitere globale Player ins Spiel kommen und es stehe zu befürchten, dass europäische Investoren, insbesondere deutsche am Spielfeldrand stehen blieben. „Eigentlich ist dieser Deal ein Weckruf; denn diese Zusammenarbeit bedeutet, dass ein US-Unternehmen und ein asiatischer Staatsfond den europäischen Datacenter-Markt dominieren wollen – Und deutsche Firmen arbeiten auf dieser Plattform.“ Eigentlich müssten die Europäer ein Gegengewicht schaffen, da die Asset Klasse „Rechenzentren“ auch für europäische institutionelle Investoren von Interesse sei. „Gerade deutsche Institutionelle haben jedoch enorme Schwierigkeiten diese 'systemrelevanten Infrastrukturinvestments' zu integrieren“, so Liebing.

Das sei insbesondere denkwürdig, da Investoren auch hierzulande nach lohnenden Anlegern suchten: „Da gerade die deutschen institutionellen Investoren ihre Infrastrukturquote erhöhen wollen, sollte darüber nachgedacht werden, wie dieses Themenfeld von europäischen Playern erfolgreich besetzt werden kann. Deutsche Player nutzten jedoch noch nicht die Chancen einer Kooperation mit institutionellen Investoren, um die digitale Transformation gemeinsam zu bewältigen.“

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„Die Energiewende hat gezeigt, dass es neue Rollen für Investoren und Energieversorger gibt. So gibt es nunmehr zahlreiche Kooperationen zwischen Institutionellen und Energieversorgern, um gemeinsam bspw. in Windparks, Solarparks und Wasserkraftwerke zu investieren. Ähnliches ist auch für den Bereich der digitalen technischen Infrastruktur denkbar. “

Liebing führt weiter aus, was er sich vorstellen könnte: „Aktuell begleiten wir ein Co-Investment Institutioneller mit einem Energieversorger als Lead-Investor für ein größeres Wasserkraftwerk im deutschsprachigen Raum , das zudem auch von einem der führenden europäischen Energieversorger betrieben wird.

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Gerade der deutsche Edge-Datacenter-Markt oder auch ein Co-Investment in Schweden könnte ein attraktiver Ansatz für eine Zusammenarbeit mit institutionellen Investoren sein. Allerdings muss man die Sprache und die regulatorischen Prozesse der Investoren verstehen,“ sagt Liebing.

Digitalisierung braucht Finanzhilfen

Dass Rechenzentren und Netze insbesondere hierzulande benötigt werden, steht für Liebing außer Frage und er stimmt in den Konsens ein: „Die Digitalisierung benötigt Rechenzentren und Netze und damit Geld, sonst ist sie nicht zu schaffen.“

Equinix-CEO Meyers jedenfalls hat große Pläne: „Die Partnerschaft mit einem erstklassigen Investitionspartner wie GIC wird die Möglichkeit bieten, erhebliche Investitionen zu tätigen, um gezielte Implementierungen mit großem Umfang zu realisieren und gleichzeitig unsere Kapitalstruktur weiter zu optimieren. Die JV-Struktur wird es uns ermöglichen, unsere Cloud-Führerschaft auszubauen und gleichzeitig einen erheblichen Mehrwert für eine kritische Gruppe von hyperskaligen Kunden zu schaffen. Wir freuen uns auf die Markteinführung ähnlicher JVs in anderen Regionen und gehen davon aus, dass diese Bemühungen Equinix weiterhin als vertrauenswürdiges Zentrum einer Cloud-First-Welt differenzieren werden“.

Finanzielle Details

Im Rahmen der Vereinbarung erhält GIC eine 80-Prozent-Beteiligung an dem Joint Venture, die restlichen 20 Prozent hält Equinix. Das Joint Venture wird voraussichtlich im dritten Quartal 2019 geschlossen, vorbehaltlich der Genehmigung durch die Aufsichtsbehörden und anderer Abschlussbedingungen.

Eingeschlossen in den Deal ist, dass Equinix sowohl sein Londoner LD10 (das einen Teil dieses Geschäfts im Rahmen eines Leaseback-Verhältnisses behält) als auch die Pariser PA8 IBX-Rechenzentren und die damit verbundenen Leasingverträge sowie bestimmte andere Entwicklungsinteressen an das Joint Venture verkaufen wird. Ein erheblicher Teil der Londoner LD10 und Pariser PA8 sind bereits geleast.

Abhängig vom Stichtag des Joint Ventures wird der Verkauf von LD10 und PA8 an das Joint Venture voraussichtlich zu einer Verringerung der Umsatzerlöse, des bereinigten EBITDA und der AFFO-Guidance von Equinix im Jahr 2019 um etwa 15 Millionen Dollar oder weniger führen, abzüglich der vereinnahmten Gebühren und der Leasingraten für das Joint Venture von Equinix.

Ist das Joint-Venture gegründet soll GIC Barmittel zur Finanzierung seiner 80-prozentigen Beteiligung eingebracht und Equinix seine LD10- und PA8-IBX-Vermögenswerte sowie weitere Entwicklungsinvestitionen gegen einen Nettoerlös und die 20prozentige Beteiligung übertragen haben. Zu einem späteren Zeitpunkt, bis zur Erfüllung bestimmter vertraglicher Meilensteine im Zusammenhang mit den vier Entwicklungsstandorten, wird Equinix zusätzliche liquide Mittel erhalten, die durch zusätzliche Kapitaleinlagen finanziert werden.

Das Joint Venture hat Finanzierungszusagen in Höhe von 850 Millionen für gesicherte Kreditfazilitäten erhalten, bestehend aus einer besicherten langfristigen Kreditfazilität in Höhe von 200 Millionen Euro, die zur Finanzierung eines Teils der an Equinix gezahlten Gegenleistung für den Verkauf der IBX-Rechenzentren LD10 und PA8 an das Joint Venture und anderer Entwicklungsinvestitionen verwendet wird.

Dazu kommen eine gesicherte, zeitlich verzögerte Kreditfazilität in Höhe von 610 Millionen Euro, die zur Finanzierung eines Teils der geplanten Entwicklungs- und Baukosten für die neuen xScale-Rechenzentren in Amsterdam, Frankfurt und London verwendet wird, sowie eine gesicherte, revolvierende Kreditfazilität in Höhe von 40 Millionen Euro, die zur Finanzierung des Betriebsmittelbedarfs und anderer allgemeiner Unternehmenszwecke des Gemeinschaftsunternehmens vorgesehen ist.

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