Handelsblatt Live Data Center Summit Deutschlands neue Datacenter fahren unter Tage ein

Von Dr. Dietmar Müller 6 min Lesedauer

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Wenn Flächen knapp, Energie teuer und Sicherheitsrisiken größer werden, braucht Deutschland dann ein radikal neues Standortkonzept für Rechenzentren? K+S und Accenture sagen Ja: Sie wollen aus Kali- und Salzbergwerke hunderte Meter unter der Erde Cloud- und KI-Festungen machen.

Symbolbild: Liegt die Zukunft der digitalen Souveränität und der hochsicheren IT-Infrastruktur tatsächlich unter der Erdoberfläche?(Bild:  Dall-E / Paula Breukel / KI-generiert)
Symbolbild: Liegt die Zukunft der digitalen Souveränität und der hochsicheren IT-Infrastruktur tatsächlich unter der Erdoberfläche?
(Bild: Dall-E / Paula Breukel / KI-generiert)

Wenn oberirdische Flächen zum unbezahlbaren Engpass werden, der Nachbar im städtischen Ballungsraum zum regulatorischen Risiko mutiert und die Energieversorgung zur kritischen, kaum noch verfügbaren Größe reift, braucht Deutschland dann ein radikal neues Standortkonzept für seine Rechenzentren? Genau diese Frage warfen Mathias Hübner, Head of New Business Areas bei K+S, und Gerd-Michael Hüsken, Managing Director beim Technologie- und Beratungsgiganten Accenture, auf dem Handelsblatt Live Data Center Summit in Düsseldorf auf.

Ihre Antwort ist so pragmatisch wie einfach: Die Zukunft der digitalen Souveränität und der hochsicheren IT-Infrastruktur liegt nicht auf der Erdoberfläche – sie liegt hunderte Meter tief unter Tage. In einer gemeinsamen strategischen Initiative wollen der Rohstoffkonzern und das Beratungshaus ungenutzte Kali- und Salzbergwerke in moderne Cloud- und KI-Rechenzentren verwandeln.

Die ungleichen Partner: Bergbaukompetenz trifft Tech-Expertise

Auf den ersten Blick ist die Kooperation ungewöhnlich, doch bei genauerer Betrachtung ergänzen sich die Kernkompetenzen: K+S bringt mit ihren weltweit 11.000 Mitarbeitern und Bergwerken in Deutschland und Kanada eine gigantische, bereits erschlossene industrielle Infrastruktur ein. Als internationaler Rohstoffversorger verfügt das Unternehmen über tiefes Know-how im Management kritischer Infrastrukturen und logistischer Großprojekte.

Accenture steuert mit über 48.000 Mitarbeitern in Zentral- und Osteuropa sowie einem Ökosystem von mehr als 350 Partnern die notwendige technologische Schlagkraft bei. Die Expertise reicht von Cloud-Architekturen über KI-Infrastruktur bis hin zum Betrieb hochregulierter IT-Umgebungen und leistet damit einen wesentlichen Beitrag zur europäischen Technologiesouveränität. Gemeinsam wollen die Partner das traditionelle „Glück Auf!“ im digitalen Zeitalter neu interpretieren.

Raum im Überfluss: 100.000 Quadratmeter sofort verfügbar

Während Betreiber oberirdischer Rechenzentren in Ballungsräumen wie Frankfurt am Main jahrelang um Genehmigungen und freie Grundstücke kämpfen, bietet das unterirdische Stollensystem von K+S immense Kapazitäten. Sofort verfügbar sind laut Hübner 100.000 Quadratmeter Fläche pro Location – mit einem signifikanten, langfristigen Skalierungspotenzial.

Da sich die Bergwerke über verschiedene Regionen in Deutschland verteilen, lässt sich auch eine geografische Verteilung für kritische Cloud-Architekturen problemlos realisieren. Und das System wächst stetig weiter: Das kilometerlange Kali-Bergwerk wird tagtäglich betriebsbedingt ausgebaut, wodurch theoretisch kontinuierlich neuer Raum für die digitale Expansion entsteht.

Energie und Resilienz: Eigene Kraftwerke und Salzbatterien

Ein Rechenzentrum steht und fällt mit seiner Stromversorgung. Das Standortkonzept unter Tage geht hierbei neue Wege und setzt auf lokale Energieerzeugung, bis die Netzanschlüsse stehen. Aktuell sind lokal Energiekapazitäten von circa 20 Megawatt (MW) vorhanden, in Summe stehen bis zu 100 MW zeitnah zur Verfügung. Eine schrittweise Erweiterung befindet sich bereits in der Planungsphase – vor allem aufgrund eigener Bedarfe.

Die Resilienz der Energieversorgung stützt sich auf drei Säulen: Erstens verfügt K+S an den Standorten über eigene, etablierte Kraftwerke. Die Anbindungen an das öffentliche Stromnetz werden zweitens für die neuen Anforderungen massiv ausgebaut. Und drittens wird es durch den Einsatz von Salzbatterien möglich sein, eine nachhaltige und physisch sichere Energiespeicherung direkt vor Ort zu realisieren.

Physischer Schutz aufgrund der Lage im Bergwerk

In Zeiten zunehmender geopolitischer Spannungen und der Bedrohung durch physische Sabotage bietet der Bergbau-Ansatz ein Sicherheitslevel, das oberirdisch kaum zu realisieren ist. Die geplanten Rechenzentren befinden sich in einer Tiefe von 500 bis 1.000 Metern.

Diese massive Gesteins- oder vielmehr Salzschicht gewährt einen Schutz auf Bunkerniveau gegen äußere Einwirkungen jeglicher Art. Zudem ist der Zutritt zu den Bergwerken von Natur aus streng reglementiert, stark überwacht und auf ein Minimum beschränkt. Das Risiko unbefugter physischer Zugriffe geht damit gegen null.

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Mathias Hübner, Head of New Business Areas bei der K+S Aktiengesellschaft. (Bild:  K+S Aktiengesellschaft)
Mathias Hübner, Head of New Business Areas bei der K+S Aktiengesellschaft.
(Bild: K+S Aktiengesellschaft)

Wie aber gestaltet sich bei diesen Tiefen die technologische Anbindung an die großen Glasfaser-Backbones an der Oberfläche, und mit welchen Latenzzeiten müssen Cloud-Betreiber rechnen, wenn sie dort zeitkritische Workloads oder KI-Anwendungen betreiben möchten? Hübner beruhigt: „Die Tiefe des Rechenzentrums ist für die Latenz irrelevant.“ Maßgeblich seien alleine die Entfernung zu den relevanten Netzknoten, die Trassenführung und das Carrier-Routing.

„Wetter können wir“: Kühlung ist bereits heute das Tagesgeschäft

Ein nicht zu unterschätzender Kostentreiber bei klassischen Rechenzentren ist die Kühlung der Server. Unter Tage herrschen in den dedizierten Klimazonen stabile, geregelte Bedingungen – vollkommen unabhängig von sommerlichen Hitzewellen an der Oberfläche. „Wetter können wir“, konstatiert Hübner trocken mit Blick auf die jahrzehntelange Erfahrung des Konzerns bei der Bewetterung von Bergwerken.

Gigantische Belüftungsanlagen bewegen zehntausende Kubikmeter Frischluft pro Minute durch das System. Diese kontinuierliche Luftzirkulation bietet eine ideale thermische Basis für hocheffiziente Kühlkonzepte der Serverfarmen.

Wie aber funktioniert das mit dem Support und dem schnellen Austausch von Hardware im Havariefall? „Der Transport größerer Komponenten oder Pakete über die bestehenden Schacht- und Aufzugssysteme ist etablierte Praxis und stellt kein Problem dar“, erläutert Hübner. „Für IT-Hardware sind passende Schutz-, Übergabe- und Dokumentationsprozesse umsetzbar.“

Schneller Go-Live durch bewährte Strukturen

Ein entscheidender Vorteil für Cloud-Anbieter und Unternehmen, die dringend souveräne Kapazitäten suchen, ist die Geschwindigkeit der Umsetzung. Da die Standorte vollständig erschlossen sind und K+S über jahrzehntelang bewährte Genehmigungsstrukturen mit den zuständigen Behörden verfügt, verkürzen sich die langwierigen bürokratischen Hürden oberirdischer Neubauprojekte.

Die Initiative verspricht einen schnellen Go-Live für das radikal neue Standortkonzept. K+S und Accenture positionieren sich damit als First Mover für eine völlig neue Kategorie von souveräner, hochsicherer Infrastruktur „Made in Germany“.

Das Konzept hat weitreichende Folgen

Wenn man das Konzept vor Branchenexperten verteidigt oder weiterdenkt, stoßen zwei Welten aufeinander. Das macht den Ansatz aus technischer Sicht so spannend: In 500 bis 1.000 Metern Tiefe, umgeben von massiven Salz- und Gesteinsschichten, sind die Server perfekt vor elektromagnetischen Störungen (EMV) und kosmischer Strahlung geschützt.

Die Bewetterung mit Frischluft ist ideal für die Kühlung. Die logische Weiterentwicklung im Sinne der Nachhaltigkeit (und zur Einhaltung des Energieeffizienzgesetzes) ist jedoch die Abwärmenutzung. Im Salzbergwerk kann die heiße Serverabluft genutzt werden, um über Tage die Eindampfprozesse bei der Produktion zu unterstützen oder lokale Fernwärmenetze zu speisen.

„Eine Abwärmenutzung ist Bestandteil der technischen Gesamtarchitektur beziehungsweise -planung“, so Hübner. „Bei leistungsstarken KI-Systemen kann die Wärme über Flüssigkeitskühlung aufgenommen und über geschlossene Kühlkreisläufe an die Oberfläche transportiert werden. Dort ist eine direkte Nutzung oder eine Anhebung des Temperaturniveaus über Wärmepumpen möglich.“ Einsatzfelder seien unter anderem die Vorwärmung von Prozesswasser und Prozessluft, thermische Prozesse bei K+S sowie die Versorgung benachbarter Industrie- oder Wärmenetze. „Die konkrete Auslegung erfolgt standortbezogen und unter Einbeziehung geeigneter Wärmeabnehmer. Die Anforderungen des Energieeffizienzgesetzes werden dabei berücksichtigt.“

Ein Rechenzentrum braucht neben Strom vor allem Glasfaser. Da K+S-Werke meist an wichtige Eisenbahntrassen angebunden sind – entlang derer fast immer die Haupt-Glasfaser-Backbones der Telekom oder von Versorgern liegen –, ist die Anbindung an die großen Internet-Knotenpunkte über eigene Trassen logistisch gut machbar. „Die vorhandenen Schienen-, Energie- und Telekommunikationsinfrastrukturen können für die K+S-Standorte definitiv eine gute Ausgangslage hinsichtlich der Anbindungsplanung sein“, erklärt Hübner weiter. „Entlang vieler Bahntrassen verlaufen Glasfasernetze, über die eine leistungsfähige Anbindung realisiert werden kann. Für die einzelnen Standorte werden verfügbare Carrier, Übergabepunkte und Trassen geprüft. Vorgesehen sind mindestens zwei physisch getrennte Verbindungen zu unterschiedlichen Backbone- beziehungsweise Internetknoten.“

Souveräne Datenhaltung in 1.000 Metern Tiefe

Das Konzept von K+S und Accenture liefert darüber hinaus eine finale, physische Antwort auf die Frage nach der europäischen Datensouveränität. Wenn Initiativen wie Catena-X oder Manufacturing-X branchenspezifische Datenräume aufbauen, um sensible Lieferkettendaten zu teilen, scheitert die absolute Unabhängigkeit bisher oft am physischen Standort: Am Ende laufen die Daten doch wieder über die Server kommerzieller, oberirdischer Anbieter.

Ein gemeinschaftlich genutztes Untertage-Rechenzentrum könnte als der ultimative, neutrale Datentreuhänder-Standort fungieren. Indem sich mittelständische Konsortien die Kapazitäten in den thüringischen oder hessischen Salzstöcken im Sinne einer Shared Sovereignty teilen, schrumpfen die Kosten für die physische Absicherung auf ein erträgliches Maß. Die deutsche Industrie erhielte so nicht nur ein digitales, sondern ein echtes, unzerstörbares Fundament für ihre Plattformökonomie.

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