Interview „Wir sind der beste Beweis, dass souveräne Cloud funktioniert“

Aktualisiert am 01.09.2026 Von Paula Breukel 5 min Lesedauer

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Phoeniqs expandiert nach Deutschland. Im Interview spricht Gründer Thomas Taroni über Hundert-Kilowatt-Racks, Photonenchips und davon, was er vom Sovereign-Cloud-Markt hält.

Der Phoeniqs-Mitgründer Thomas Taroni hat zu vielem eine klare Meinung: Von Künstlicher Intelligenz über Quantencomputer bis hin zur digitalen Zukunft. Und dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund.(Bild:  PHOENIQS)
Der Phoeniqs-Mitgründer Thomas Taroni hat zu vielem eine klare Meinung: Von Künstlicher Intelligenz über Quantencomputer bis hin zur digitalen Zukunft. Und dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund.
(Bild: PHOENIQS)

Thomas Taroni wird deutlich, wenn es um den europäischen Wettbewerb geht. Auf die Frage, warum sich viele europäische Cloud-Anbieter mit souveränen Angeboten so schwertun, habe der Mitgründer und Executive Chairman von Phoeniqs eine klare Antwort: „We are not smart enough.“ Gemeint seien damit europäische Unternehmen, die mit den amerikanischen noch nicht mithalten könnten. Etwas zu bauen, ohne strenge Auflagen zu beachten, sei keine Kunst, so Taroni. Die Kunst liege darin, unter genau diesen Auflagen das bessere Produkt zu bauen. Phoeniqs sei der beste Beweis, dass das gelinge.

Phoeniqs, gegründet in der Schweiz, komme aus dem Confidential Computing. Das ist der Bereich, in dem Kunden ihre eigenen Verschlüsselungsschlüssel mitbringen und ihre Workloads in Trusted Execution Environments abschotten.

Was das konkret bedeute, habe sich laut Taroni über die Jahre verschoben, ohne dass sich an der technischen Basis etwas geändert habe: Vor fünf Jahren sei das Thema vor allem in Defense, Banking und Government relevant gewesen, heute komme Confidential AI dazu. Das Prinzip habe sich nicht geändert, wohl aber der Anspruch: Es gehe heute nicht mehr nur um einzelne abgeschottete Workloads, sondern um digitale Souveränität insgesamt.

Vom Zehn-Kilowatt-Rack zum Ein-Megawatt-Rack

Für die Rechenzentrumsinfrastruktur, auf der Phoeniqs aufsetzt, habe sich laut Taroni in kurzer Zeit einiges verändert: Vor einigen Jahren habe man mit standardisierten Racks zwischen zehn und fünfzehn Kilowatt gearbeitet. Heute liege der Standard bei hundert Kilowatt, die ersten Racks mit 280 Kilowatt kämen bereits, im Forschungsbereich sehe man schon Ein-Megawatt-Racks. In ein paar Jahren werde man in einem Raum mit zwanzig Racks zwanzig Megawatt haben, so Taroni.

Die absolute Rechenzentrumsfläche verändere sich dabei kaum, wohl aber ihre Nutzung innerhalb des Gebäudes: Jeder Meter, den man im Innenraum spare, gehe in die Kühlung. Die Fläche verschwinde nicht, sie verlagere sich. Den Engpass sehe Taroni mittlerweile nicht mehr bei den Chips selbst: Am Anfang seien die knapp gewesen, dann die Kühlelemente, dann die Kühltüren, dann der Schlauch zur Kühltür, jetzt seien es die Transformer. Wer zehntausend GPUs aufstelle, brauche einen Fünfzig-Megawatt-Transformer, und laut Taronis Erfahrung warte man darauf bis zu vier Jahre.

Diese Planungshorizonte prägten auch die Partnerschaft mit dem Colocation-Betreiber NorthC Datacenters, über den Phoeniqs unter anderem seine Rechenkapazität beziehe. Während früher ein Anschluss mit drei oder fünf Megawatt gereicht habe, um flexibel zu bleiben, verlange ein Bedarf von zwanzig Megawatt heute verbindliche Zusagen über fünf bis zehn Jahre. Bewusst setze man dabei nicht auf die großen Hyperscale-Parks: Phoeniqs glaube an Inferencing-Cluster zwischen zwanzig und 25 Megawatt, dezentral organisiert. Training-Supercomputer mit fünfhundert Megawatt oder mehr seien für Taroni „eine andere Hausnummer“.

Phoeniqs erweitert seine Cloud-Region auf Deutschland, Spanien und Großbritannien

Die Expansion nach Deutschland begründet Taroni in erster Linie mit Souveränitätsanforderungen von Kunden aus dem Defense- und Government-Bereich. Bei diesen Kunden brauche es eine Infrastruktur, die in Deutschland betrieben werde.

Phoeniqs strebt das Rollout seiner deutschen Cloud-Region in NorthC-Rechenzentren ab September dieses Jahres an. Mindestens drei Standorte seien für eine Region nötig, die Wahl richte sich nach Kundennähe und Latenz, die Replikation der Daten müsse unter vier Millisekunden bleiben. München sei als erster Standort bereits gesichert, der Rollout laufe dort bereits. Zu den weiteren Standorten wollte sich Taroni noch nicht näher äußern.

Auch für Spanien und Großbritannien bestünden laut Taroni bereits Verträge, Details zur Gewichtung der beiden Märkte nannte er nicht. Für den Rollout einer neuen Geolocation veranschlagt Phoeniqs rund acht Wochen. Das Interesse an souveränen Cloud-Angeboten sei so groß, dass Standorte teils schon ausverkauft seien, bevor sie fertiggestellt würden. In Spanien etwa hätten bereits Zusagen vorgelegen, bevor der Standort fertiggestellt war.

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LLMs sind austauschbar: Worauf es wirklich bei KI ankommt

Wenn es um KI-Einführung geht, sieht Taroni den Engpass weniger in der Infrastruktur selbst als in der Bereitschaft der Nutzer, Systemen Zugriff auf ihre Daten zu geben. Sein Beispiel kommt aus dem Alltag: Er wolle heute Abend mit einer KI einen Tisch zum Essen reservieren, zum Beispiel mit Claude. Dafür brauche Claude Zugriff auf seine E-Mails, vielleicht auch seine Kreditkarte. Das mache er sicher nicht, das sei seine Hemmschwelle. Diese Zurückhaltung sei kein Einzelfall, sondern die Regel, so Taroni: Wenn das seine Hemmschwelle sei, sei das von achtzig Millionen Leuten da draußen auch die Hemmschwelle.

Das LLM an sich sei dabei ohnehin austauschbar geworden, so Taroni. Entscheidend sei etwas anderes: das Framework drumherum. Wie schnell lassen sich Daten anbinden? Ist dafür ein Migrationsprojekt nötig, oder lässt sich eine SharePoint-Instanz mit drei Klicks verbinden? Das seien die eigentlich entscheidenden Kriterien. Taronis Anspruch dabei: nicht gleichziehen, sondern besser sein. Man müsse etwas anbieten, was schlichtweg besser sei als das, was Claude, Gemini oder ChatGPT anbieten.

Konkret zeige sich das laut Taroni an „Apertus“, dem in der Schweiz trainierten Large Language Model, das Phoeniqs seit dem 24. Juli auf seiner Cloud bereitstellt. Bislang habe es agentenfähige LLMs praktisch nur aus China und den USA gegeben, so Taroni. Mit Apertus wolle man diese „letzte Meile“ für Souveränität schließen.

Quantencomputer, Supercomputer und Photonik

Für die Zukunft der Infrastruktur blickt Taroni, der Informatik mit Schwerpunkt Kryptografie studiert hat, auch auf Quantencomputing. Doch er erwartet den breiten praktischen Nutzen später als vielfach angenommen.

Die größte Stärke von Quantencomputern liege im Durchrechnen von Varianten, etwa in der Medikamentenentwicklung: Statt aus praktisch unendlich vielen Molekülkombinationen mühsam die gesuchte Kombination über Tierversuche und klinische Studien einzugrenzen, könne ein Quantencomputer das Spektrum auf eine sehr große, aber endliche Zahl reduzieren. Kombiniert mit einem Supercomputer, der aus dieser Menge die wahrscheinlichste Variante berechne, ergebe sich „eine sehr starke Kombination“. Deshalb stehe der Supercomputer in Basel direkt neben dem Quantencomputer. Als weitere Anwendungsfelder nennt er Fraud Detection im Bankwesen und die Erzeugung echter Zufallszahlen für quantensichere Verschlüsselung, etwa für Blockchain-Wallets.

Doch noch fehle die Automatisierung: Teils müsse man Quantencomputer noch physisch umkonfigurieren, um eine neue Berechnung zu starten. Den nächsten großen Sprung auf Protokollebene erwartet Taroni für 2027, ein professionell einsetzbares Error-Correction-Niveau bis 2030.

Persönlich treibt ihn aktuell ein anderes Thema mehr um: photonische Chips. Weil Quantencomputer als völlig eigenständige Architektur ohne Abhängigkeit von klassischer Transistorentechnik entstanden seien, wirke diese Entwicklung inzwischen auf die klassische Chip-Fertigung zurück, so Taroni: Man sehe jetzt Chips, die deutlich weniger Wärme erzeugen.

In zwei bis drei Jahren könnten solche Chips als CPUs und GPUs auf den Markt kommen. Für den Rechenzentrumsbetrieb wäre die Relevanz erheblich: weniger Abwärme, weniger Strombedarf, potenziell eine Gegenbewegung zum massiv gestiegenen Kilowattbedarf durch GPUs.

Darin sieht er auch eine industriepolitische Chance für Europa: Photonische Chips könnten die große Chance für Europa und das Engineering in Europa sein. Es gehe dabei um ein offenes Rennen, um Talente und um Patente.

Über den Gesprächspartner:
Thomas Taroni ist Mitbegründer und Vorstandsvorsitzender von PHOENIQS.

Bildquelle: PHOENIQS

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