Der IT und den Kunden sind die Stromverschwendung egal

Wird es einen Blauen Colo-Engel geben?

| Autor: Ulrike Ostler

Macht ein "Blauer Engel" für Co-Location-Rechenzentren Sinn? Die Branche diskutiert mit dem Umweltbundesamt.
Macht ein "Blauer Engel" für Co-Location-Rechenzentren Sinn? Die Branche diskutiert mit dem Umweltbundesamt. (Bild: gemeinfrei - webtop1/Pixabay / CC0)

Am 26. November 2018 lädt der Eco - Verband der Internetwirtschaft e.V. Co-Location-Betreiber zu einem Workshop „Blauer Engel“ ein. Denn das Umweltbundesamt möchte zusammen mit interessierten Experten ein Konzept für Co-Location-Datacenter entwickeln. Im Interview erläutert Béla Waldhauser, CEO der Telehouse Deutschland GmbH und zuständig für das operative Geschäft der KDDI in Deutschland, was er davon hält.

Den „Blauen Engel“ für Rechenzentren gibt es seit 2012. Vor allem Rechenzentren der Öffentlichen Hand richten sich nach den Effizienz- und Nachhaltigkeitsbewertungen, die das Umweltbundesamt erarbeitet hatte. Doch Co-Location-Rechenzentren fallen aus dem Raster. Marina Köhn von der Beratungsstelle nachhaltige Informations- und Kommunikationstechnik („GreenIT“) beim Umweltbundesamt sowie Mark Wilkens, Leiter der Eco-Kompetenzgruppe „Datacenter Efficiency“ werden zum Workshop, der im DE-CIX Meeting Center in Frankfurt stattfindet, erste Überlegungen zum Konzept präsentieren und erwarten weitere Ideen.

Bei einer kürzlich stattgefundenen Konferenz des Umweltbundesamts zu „Grünen Rechenzentren“ habe ich mit Erstaunen vernommen, dass Sie einen Blauen Engel für Co-Locator gut fänden. Haben Sie keine anderen Sorgen? Gibt es nicht schon genug Vorschriften und Regularien für Rechenzentren?

Béla Waldhauser: „Jeder einzelne Aufruf einer App verursacht einen sieben bis zehnfach höheren Stromverbrauch in einem Rechenzentrum.“
Béla Waldhauser: „Jeder einzelne Aufruf einer App verursacht einen sieben bis zehnfach höheren Stromverbrauch in einem Rechenzentrum.“ (Bild: Telehouse/KDDI)

Béla Waldhauser: Tatsächlich scheint die Flut an Regeln, Maßgaben, Zertifizierungen, Audits und Gesetzen noch immer anzuwachsen. Ich verbringe jedenfalls immer mehr Zeit damit und beschäftige zudem immer mehr Leute mit Aufgaben, um die internen und externen Revisionen bewältigen zu können. Die ISO 27001 muss jeder haben und oder die ISO 50001. Große Rechenzentren, wie die unseren, gehören zu den KRITIS-Unternehmen, also denen die den Vorschriften des BSI für Kritische Infrastrukturen genügen müssen. Das erfordert ebenfalls Audits und ein entsprechendes Berichtswesen.

Einige Kunden erwarten ISAE 3402: Die betrieblichen Abläufe, etwa Wartungen, sind dokumentiert, nachvollzieh- und überprüfbar. Das gibt es noch PCI DSS für das Payment, das Erfüllen von Uptime- und TÜV-Klassifizierungen und die europäische Rechenzentrumsnorm EN 50600 …. Die Latte an möglichen Zertifikaten ist lang.

Und natürlich dürfen die Kunden von uns Unterstützung bei ihren internen sowie externen Audits erwarten.

Und da sagen Sie nicht: Es muss doch einmal gut sein und unterstützen den Blauen Engel für Co-Locator?

Béla Waldhauser: Es schlagen zwei Herzen in meiner Brust; denn eigentlich finde ich den Ansatz gut, da der Blaue Engel für Rechenzentren nicht nur die Rechenzentrumsinfrastruktur, sondern auch die IT betrachtet.

Moderne Rechenzentren kommen auf einen PUE-Wert von 1,3 – vielfach sogar besser. Damit gehen rund 25 Prozent für die Kühlung und Klimatisierung drauf. Umgekehrt heißt das: 75 Prozent der Energie, die in einem Rechenzentrum verbraucht wird, ist zumeist außen vor – beim PUE-Wert ist das die „1“ vor dem Komma, der Anteil, den die IT benötigt. Die scheint so ineffizient sein zu dürfen wie sie will.

Der Blaue Engel oder auch die Bewertungskriterien KPI4DCE (Key Performance Indicators for Data Center Efficiency) vom UBA beziehen IT-Effizienz mit ein, etwa den Virtualisierungsgrad und die Lebensdauer der Hardware. Da aber haben die Co-Locator keinen Einfluss darauf. Die Kunden bringen ihre IT mit. Ein Blauer Engel für Co-Locator müsste sich also auf Kriterien stützen, die durch die Betreiber gesteuert werden können.

... mitsamt einer Verpflichtung, was die Kunden einbauen dürfen?

Béla Waldhauser: In der Tat sind einige Verhaltensmuster bei den Kunden kaum zu verstehen. So ist etwa eine Einhausung noch immer keine Selbstverständlichkeit. Wenn es Einhausungen gibt, beharren die meisten auf 23, 24 Grad im Kaltgang, obwohl ASHRAE schon seit Jahren 27 Grad empfiehlt. Jedes Grad höher auf der Temperaturskala bedeutet einen vielfach geringeren Aufwand bei der Kühlung und somit Einsparungen im Energieverbrauch.

Außerdem nehmen die Kunden nur einen Teil der vertraglich vereinbarten Leistung in Anspruch – im Schnitt werden nur 50 bis 60 Prozent der Stromversorgung abgerufen und die Fläche mit weniger Racks bestückt, als möglich wäre. Das boykottiert eine effiziente Kühlung.

Wir versuchen mit modulareren Konzepten dagegen zu steuern. Das neue Gebäude, das wir derzeit in Frankfurt errichten, besitzt im Endausbau 6 Kühltürme, 6 USV-Anlagen, 6 Dieselgeneratoren und 6 Kühlmaschinen in n+2-Design – 4 davon sind bis jetzt eingebaut und laufen nur mit halber Kraft. Das spart uns, ganz nebenbei bemerkt, Betriebskosten…

Man sollte doch meinen, dass die Kunden ebenfalls möglichst viel Strom sparen wollen, bei den Energiepreisen in Deutschland.

Béla Waldhauser: Rund die Hälfte der Kosten unserer Kunden sind Energiekosten.

Warum nehmen die Kunden diese in Kauf?

Béla Waldhauser: Es gilt noch immer der Ermessensdreiklang: Kosten, Verfügbarkeit, Effizienz. Verfügbarkeit bedeutet für die Kunden Redundanz und Redundanz kostet. Verzichtet man etwa auf die Absicherung der Stromversorgung, etwa durch USV-Anlagen wie das GSI Helmholtz-Zentrum für Schwerionenforschung in Darmstadt, geht es günstiger. Aber dort werden lediglich die Beschleuniger-Experimente berechnet und wenn für eine Stunde der Strom ausfällt: So what?

Zudem wird hier Wasserkühlung verwendet. Einen Wasserschaden könnte ich bei meinen Kunden nicht rechtfertigen. Beim GSI sind die Rack-Bereiche und Fassaden in Leichtbau errichtet und nur der elektrische Versorgungsbereich sowie die fußläufigen Verbindungen sind in Beton ausgeführt. Ein solches Green-Cube Konzept würden unsere Auditoren nie zertifizieren.

Aber überhaupt wurden andere Kühlungen mit Wasser oder Tauchbäder für Server noch nie von Kunden erfragt. Würden wir das ungefragt anbieten, hieße es: in Schönheit sterben.

Auf dem DataCenter Day in diesem Jahr war das Motto: „IT drives Infrastructure“. Doch noch rückt der Anwendungs-Aspekt viel zu selten in den Fokus. Es gehört klar gemacht, dass nicht nur Apps auf dem Handy, der Smartwatch, dem Tablet, dem Laptop Batterie-Power benötigt. Jeder einzelne Aufruf einer App – von Twitter und Instagram bis Facebook und Googlesearch – verursacht einen sieben bis zehnfach höheren Stromverbrauch in einem Rechenzentrum.

Béla Waldhauser ist ein gefragter Gesprächspartner, hier zusammen auf der Bühne "datacenter on the spot" beim diesjährigen DataCenter Day, zusammen mit (von links) Berater Gerd Simon, Oliver Menzel, Maincubes, und (rechts) Stefan Mink, 1&1, sowie Ulrike Ostler, DataCenter-Insider.
Béla Waldhauser ist ein gefragter Gesprächspartner, hier zusammen auf der Bühne "datacenter on the spot" beim diesjährigen DataCenter Day, zusammen mit (von links) Berater Gerd Simon, Oliver Menzel, Maincubes, und (rechts) Stefan Mink, 1&1, sowie Ulrike Ostler, DataCenter-Insider. (Bild: Vogel IT-Medien GmbH)

Bis jetzt bleiben die Konzepte des Umweltbundesministeriums auf Effizienzgewinne im Rechenzentrum beschränkt. Doch Sie wollen Ihre Abwärme loswerden, möglichst verkaufen?

Béla Waldhauser: Ich würde die Abwärme abgeben und dafür würde ich nicht einmal etwas verlangen. Wir könnten 34 Grad linear gleichmäßig liefern, also rund um die Uhr, jeden Tag. Somit wäre die Abwärme ideal für ein Nahwärmenetz geeignet, zum Beispiel für die 1.500 Wohneinheiten, die unserem jüngsten Rechenzentrum gegenüber entstehen sollen. Wir haben es angeboten, wollen nicht daran verdienen, sondern etwas für die Umwelt tun. Doch weder der Bauträger, noch die Kommune oder Energieversorger haben Interesse.

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