„So schwierig ist Rechenzentrumsbau heute“

Planung und Bau eines Datacenter aus Sicht des Bauherrn

| Autor / Redakteur: Doris Breitenreuter / Ulrike Ostler

Bild aus dem Frühjahr 2015; es geht jetzt in großen Schritten voran.
Bild aus dem Frühjahr 2015; es geht jetzt in großen Schritten voran. (Bild: Hartl Group)

Peter Hartl, Geschäftsführer und Gründer der Hartl-Group, baut derzeit an einem neuen Rechenzentrumsstandort im niederbayerischen Hofkirchen. Im Interview erklärt der Unternehmer und Bauherr, welche Hürden beim Rechenzentrumsbau überwunden werden müssen, für wen es sich angesichts gestiegener Energiekosten noch lohnt, und was man dafür können muss.

Wachsender Bedarf an Datenmengen und Rechenleistung treibt Unternehmen und Systemhäuser heute um und damit die Überlegung: Investiere ich in ein eigenes Rechenzentrum oder doch lieber Outsourcen? Auch die Hartl Group baut in unmittelbarer Nähe der jetzigen Firmenzentrale und einem bereits bestehenden Rechenzentrum ein neues. Die Ausrichtung? Die Hartl Group will der wachsenden Nachfrage seiner Kunden nach Rechenzentrumsleistungen nachkommen.

Ist für Unternehmen der Trend ein eigenes Rechenzentrum zu betreiben vorbei?

Peter Hartl: Größere Firmen betreiben heute häufig noch eigene Rechenzentren, die allerdings nicht immer auf dem neuesten Stand der Technik sind und deren Modernisierung hohe Kosten mit sich bringt. Für sie, aber auch viele kleinere und mittelständische Unternehmen mit steigendem Daten- und Rechenaufkommen, ist es in der Regel günstiger auf die Server-Leistung eines Dienstleisters und immer preiswertere Hosting-Modelle zurückzugreifen. Der Trend zu Mega-Rechenzentren aus den USA schafft dabei immer günstigere Preise der Cloud-Lösungen auf dem Markt. Der Eigenbetrieb wirkt dagegen beinahe unverhältnismäßig teuer.

Lohnt sich denn angesichts des weltweiten Preisverfalls von Cloud-Angeboten überhaupt noch ein regionaler Rechenzentrumsbau?

Peter Hartl: Für den „normalen“ Anspruch lohnt es sich sicherlich nicht. Wer heute ein Rechenzentrum betreiben will, dem muss klar sein, dass die Kosten enorm sind, sowohl in der Bauphase als auch im Betrieb. Das „Blech“, also die Hardware, ist dabei der geringste Kostenfaktor. Wir schaffen es, dank unserer Voraussetzungen, ein höchstzertifiziertes Rechenzentrum zu bauen, das den wachsenden Zertifizierungsanforderungen unserer Kunden nachkommt und gleichzeitig die Preise eines – ich sage mal –Standardrechenzentrums bietet.

Ergänzendes zum Thema
 
Die Hartl Group und das künftige Rechenzentrum

Wie ist das möglich?

Peter Hartl: Bei dem hohen Stromverbrauch und den steigenden Energiekosten ist ein wesentlicher Aspekt höchste Energie-Effizienz. Diese erreichen wir durch ein einzigartiges Konzept der automatischen Verwaltung, Steuerung und Monitoring der Rechenzentrums-Leistungen, aber auch des Raumlayouts, das bei kleinstmöglichem Raum die bestmögliche Packungsgröße der Server erreicht.
Zudem haben wir uns für eine innovative Kühllösung basierend auf Adiabatik von der Firma Munters entscheiden. Diese Lösung ist so in Deutschland noch nicht im Einsatz. Wir erreichen damit insgesamt einen PUE-Wert (Power Usage Effectiveness) von unter 1,1 und senken dadurch unsere Betriebskosten auf ein Minimum. Zum Vergleich: Rechenzentrums-Riesen haben Werte von 1,2-1,4 PUE.

Hatten Sie dazu Spezialisten, die Sie bei der Planung unterstützten?

Peter Hartl: Hier sprechen Sie ein grundlegendes Problem an, denn die meisten Berater des Marktes haben hier vor allem die Sicherheit im Auge und sind weniger an der Optimierung der Kosten interessiert. Deswegen habe ich selbst proaktiv die Konzeption in die Hand genommen, selbst sozusagen „Tetris“ bei der effizienten Raumgestaltung gespielt und zahlreiche Gespräche mit Herstellern geführt.

Was wäre hier also Ihr Tipp?

Peter Hartl: Der Rechenzentrumsbau über Ausschreibungen kann preislich nicht mit persönlichen Verhandlungen mithalten. Nur wer sich selbst das Know-how zulegt, ist auf der sicheren Seite. Klar, wurden meine Ideen mehrfach von Fachpersonal wie Rechenzentrumsplanern geprüft und mir die Machbarkeit meiner Ideen bestätigt.

Mit welchen Kosten und Hürden müssen Bauherren eines Rechenzentrums noch rechnen?

Peter Hartl: Die Modernisierung der Technologien geht rasant voran. Wer mit der Inbetriebnahme seines Rechenzentrums auf dem neuesten Stand sein will, muss noch während der Vorbereitung bis in den Bau hinein flexibel in seinen Investitionsentscheidungen bleiben. Allein für die Infrastruktur, also die Erstellung und die Liegenschaftskosten ohne Server-Struktur, liegen wir jetzt bei fünf statt zu Anfangs geplanten drei Millionen Euro. Der Grund dafür ist, dass wir uns eben bei jeder Entscheidung auch im laufenden Prozess für die optimale und neueste Technologie entschieden haben.

Wie lange dauert dann die Planung für solch ein Rechenzentrum?

Peter Hartl: Mit der Planung war ich etwa zwei Jahre beschäftigt, da ich viel selbst in die Hand genommen habe. Doch das ist wirklich schnell, zumal wir den Bau auch in gefühlter Rekordzeit mit der Wolf System GmbH umsetzen. Die Baufirma ist jetzt im Zeitplan fast zwei Monate voraus. Schon im Januar 2016 soll dann das Rechenzentrum in Betrieb gehen und die angegliederten Büroräume bezogen sein.

Zwei Jahre Planung, neun Monate Bau: Ist das der Schnitt, mit dem man rechnen muss?

Peter Hartl: Nein, denn regulär und vor allem im großstädtischen Raum kann allein der Genehmigungsprozess zwei bis vier Jahre in Anspruch nehmen. Da dann an den Plänen nichts mehr verändert werden darf, ohne wiederum die Bürokratiemaschinerie anzuwerfen, sind die Rechenzentren bei der Fertigstellung eigentlich schon nicht mehr up-to-date. Unsere Genehmigung am Standort im niederbayerischen Hofkirchen war innerhalb von zwei Tagen durch.

Dann ist der Standort also einer Ihrer Schlüssel zum Rechenzentrum?

Peter Hartl: Das kann man so sagen. Die Unterstützung ist viel wert und es gilt hier nicht nur die kommunale Verwaltung zu nennen. Auch die Landespolitik mit der Regierung Niederbayern unterstützt hier den Technologieausbau, uns als Arbeitgeber in der Region und hat unsere Bescheide in Kürze bearbeitet. Zu nennen wäre in diesem Zusammenhang auch die Sparkasse Passau und natürlich meine Mitarbeiter, die mir in der gesamten Zeit den Rücken frei gehalten haben.

Apropos „Mitarbeiter“. Alle klagen über den Fachkräftemangel in der IT-Branche. Wie sichern Sie personell den Betrieb des Rechenzentrums?

Peter Hartl: In diesem Bereich ist tatsächlich kaum qualifiziertes Personal zu finden, da haben Sie Recht. Die Hartl Group ist nicht nur Rechenzentrumsbetreiber sondern auch Software-Entwickler. Als solcher haben wir das Produkt `CPL-24´ für Service Provider geschaffen, die seit Januar 2015 auf dem Markt ist. Ebenso haben wir in Zusammenarbeit mit anderen Systemhäusern als Ideengeber eine Systemhaus Komplettlösung entwickelt, welche Ende des Jahres auf den Markt kommen wird. Diese Lösungen ermöglichen es, durch Prozesse anstatt durch mehr Personal unsere Leistung zu optimieren.

Was heißt das also zusammenfassend?

Peter Hartl: Für die meisten Firmen lohnt sich heute das teilweise oder vollständige Outsourcing der IT oder gegebenenfalls noch Containerlösungen, mit denen lange Genehmigungsprozesse umgangen werden können, die aber schlecht skalierbar sind. Systemhäuser sollten auf Partner mit modernen, hochverfügbaren Datacentern setzen, denn hier lohnt sich die langfristige Zusammenarbeit. Wer selbst ein Rechenzentrum will, muss Know-how mitbringen und sich gerade die Anfangs- und Aufbauphase leisten wollen und können.

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Wesentliche Aussagen von Herrn Hartl über seine Erkenntnisse und Erfahrungen bei der Planung und...  lesen
posted am 21.08.2015 um 00:12 von sting@prorz.de


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