Der große Rückzug beginnt, der Rückzug aus d e r Cloud.
Rückzug aus der Cloud heißt nicht, dass die IT einfach in ein altes, einst verlassenes Rechenzentrum umziehen kann.
(Bild: Gemini / KI-generiert)
Erinnern Sie sich noch an die Zeiten, als „Cloud First“ das unumstößliche Mantra war und wir alle davon ausgingen, dass physische Rechenzentren ein Auslaufmodell seien? Nun, 2026 erleben wir eine bemerkenswerte Trendwende: Immer mehr Unternehmen holen ihre datenintensiven Workloads aus der Public Cloud zurück in eigene oder in eine angemietete Infrastruktur.
Die Gründe sind weniger ideologisch als pragmatisch: Wer täglich Petabytes bewegt, Maschine Learning trainiert oder datenbankintensive Anwendungen betreibt, stößt in der Cloud an eine einfache Grenze: die Rechnung. Während ein kleines Startup von der Flexibilität der Hyperscaler profitiert, zahlen etablierte Unternehmen mit konstanten, hohen Workloads oft das Drei- bis Fünffache dessen, was eine eigene Infrastruktur kosten würde.
Doch Rückbesinnung ist mehr als nur Kostensenkung. Es ist eine fundamentale Neubewertung, wo Rechenleistung physisch stattfinden sollte. Das aber hat direkte Auswirkungen auf die Art, wie wir Rechenzentren planen und betreiben.
Die Physik der Rückwanderung: Was bedeutet das für die TGA?
Aus TGA-Sicht bringt Cloud Repatriation eine interessante Herausforderung mit sich: Wir planen nicht mehr für abstrakte "Cloud-Kapazitäten", sondern für konkrete, messbare Lasten. Das klingt zunächst einfacher, ist es aber nicht.
Das liegt zumeist an der Verdichtungsproblematik. Workloads, die in der Cloud auf hunderte Server verteilt waren, konzentrieren sich nun auf wenige, hochperformante Racks. Moderne Server mit Dual-Socket-Konfigurationen und GPU-Beschleunigung ziehen problemlos 10 bis 15 Kilowatt pro Rack, Tendenz steigend. In vielen bestehenden Rechenzentren ist die Luftkühlung dafür schlicht nicht mehr ausgelegt.
Wer heute eine Rückführungs-Strategie entwickelt, muss sich eine zentrale Frage stellen: Kann unsere bestehende Kühlinfrastruktur diese konzentrierten Lasten überhaupt bewältigen? In unseren Projekten sehen wir regelmäßig, dass Bestandsrechenzentren mit klassischen Doppelboden- und Kaltgangsystemen bei mehr als 8 kW pro Rack an ihre thermodynamischen Grenzen stoßen.
Die Lösung liegt in der Diversifizierung: Wir müssen weg vom "One-Size-Fits-All"-Ansatz. Moderne Rechenzentren setzen auf zonale Kühlkonzepte – klassische Luftkühlung für Standard-Server, Row-based-Kühlung für mittlere Dichten und direkte Flüssigkühlung für GPU-intensive Systeme. Diese Hybridansätze erfordern jedoch eine präzise TGA-Planung bereits in der Konzeptphase.
TCO-Realität: Wo sich Eigenbetrieb wirklich lohnt
Die Entscheidung für oder gegen Cloud Repatriation ist keine Glaubensfrage, sondern eine Rechenaufgabe. Wir haben in mehreren Projekten TCO-Analysen durchgeführt und dabei klare Muster identifiziert.
1. Workload-Profile, die sich für Repatriation eignen:
Datenbanken mit hoher I/O-Last und konstantem Durchsatz
Batch-Processing und ETL-Prozesse mit vorhersagbaren Zyklen
KI-Training mit langen Laufzeiten und stabilen GPU-Anforderungen
2. Was in der Cloud bleiben sollte:
stark schwankende Workloads mit Spitzenlasten
Dev/Test-Umgebungen mit kurzen Lebenszyklen
geografisch verteilte Anwendungen mit Latenzanforderungen
Services mit hohem API-Integrationsbedarf zu Cloud-nativen Dienste
Die Schwelle liegt typischerweise bei etwa 60 bis 70 Prozent konstanter Auslastung über das Jahr. Liegt Ihre durchschnittliche Auslastung darunter, spricht wenig für Rückführung.
Darüber wird es zunehmend wirtschaftlich – vorausgesetzt, die TGA-Infrastruktur passt.
Der limitierende Faktor ist die Stromversorgung
Ein Aspekt wird in den meisten Diskussionen unterschätzt: die Stromversorgung. Während Cloud-Provider Megawatt-Kapazitäten aus dem Boden stampfen können, kämpfen deutsche Unternehmen mit realen Netzanschlusskapazitäten. In immer mehr unserer Projekte mussten wir feststellen, dass die Wartezeiten für einen zusätzlichen 2-MVA-Anschluss bei über 18 Monaten lag.
Der Netzbetreiber hatte schlicht keine freien Kapazitäten mehr. Das ist kein Einzelfall. In Ballungszentren wie Frankfurt am Main, München, Frankfurt und Hamburg erleben wir überall ähnliche Engpässe.
Die Konsequenzen für die Planung sind eindeutig:
Erstens: Rückholprojekte müssen die Stromversorgung frühzeitig klären, idealerweise bevor die ersten Server bestellt werden.
Zweitens: Wir müssen Energie-effizienter denken als je zuvor. Jedes Watt, das wir in der TGA einsparen, steht für IT-Last zur Verfügung.
Drittens: Modulare Lösungen wie Container-Rechenzentren mit eigener Netzersatzanlage werden zunehmend zur pragmatischen Alternative, wenn die Gebäude-Infrastruktur an ihre Grenzen stößt.
Stand: 08.12.2025
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PUE-Optimierung bedeutet mehr als das Schönen einer Kennzahl
Bei Cloud Repatriation kehrt eine Kennzahl zurück ins Rampenlicht, die zwischenzeitlich etwas in Vergessenheit geraten war: die Power Usage Effectiveness (PUE). Während Hyperscaler mit PUE-Werten von 1,1 bis 1,15 werben, liegen viele Unternehmensrechenzentren trotz Energie-Effizienzgesetz (EnEfG) noch immer bei 1,6 bis 1,8.
Diese Diskrepanz ist nicht nur peinlich und nach dem EneFG nicht mehr erlaubt. Sie ist teuer. Bei einem Megawatt IT-Last bedeutet ein PUE von 1,7 statt 1,2 einen zusätzlichen Infrastrukturverbrauch von 500 Kilowatt. Bei durchschnittlichen Industriestrompreisen von 25 Cent pro Kilowattstunde sprechen wir von jährlichen Mehrkosten von über einer Million Euro.
Was können wir aus TGA-Sicht tun?
Die größten Effizienzgewinne liegen in der Kühlung. Freie Kühlung sollte heute Standard sein, idealerweise mit adiabatischer Unterstützung für Spitzenlasttage. Wir setzen in unseren Projekten (wenn in der Region möglich) auf indirekte Verdunstungskühlung, die bei richtigem Datacenter-Betrieb selbst im Hochsommer sehr lange ohne mechanische Kälte-Erzeugung auskommt. Eine hybride Struktur mit wassergekühlten Serverlösungen steigert die Effizient nochmals deutlich, muss aber genau geplant werden.
Auch bei der Stromverteilung gibt es Potenzial: Moderne 400-VDC-Systeme eliminieren mehrere Umwandlungsstufen und senken die Verteilungsverluste um bis zu 15 Prozent. In Kombination mit hocheffizienten Lithium-Ionen-USV-Anlagen lassen sich PUE-Werte unter 1,3 auch in Bestandsgebäuden erreichen.
Modularität als Planungsprinzip
Ein zentraler Lernerfolg aus unseren Repatriation-Projekten steckt in diesem einfachen Merksatz: Flexibilität schlägt Perfektion. Unternehmen, die aus der Cloud zurückkehren, haben oft heterogene Anforderungen, die sich im Zeitverlauf ändern. Wer heute ausschließlich CPU-Server plant, braucht morgen vielleicht GPU-Cluster für KI-Training.
Modulare TGA-Konzepte bieten hier die Lösung. Statt ein monolithisches Kühlsystem zu bauen, setzen wir auf skalierbare Module: Kälte-Erzeuger, die sich bei Bedarf erweitern lassen, Pumpengruppen mit variabler Drehzahl und Verteilersysteme, die unterschiedliche Kühlzonen bedienen können.
Ein praktisches Beispiel: In einem Frankfurter Projekt haben wir ein Rechenzentrum mit 500 kW IT-Last geplant, aber die Infrastruktur so ausgelegt, dass sie - ohne grundlegende Umbauten - auf 1.200 kW erweiterbar ist. Die Vorlaufleitungen sind dimensioniert, die Einspeisepunkte vorbereitet, die Stellflächen reserviert. Wenn der Bedarf steigt, installieren wir zusätzliche Module.
Diese Vorgehensweise kostet initial etwa 15 Prozent mehr als eine starre Lösung, spart aber bei jeder Erweiterung das Drei- bis Vierfache der Kosten und vor allem: Ausfallzeiten.
*Der Autor Ulrich Terrahe ist Geschäftsführer der DC-CE RZ-Beratung GmbH & Co. KG, Frankfurt. Sein Fazit lautet: Die Hybridzukunft braucht pragmatische TGA. Rückzug aus der Cloud ist keine Rückkehr in die Vergangenheit, sondern der Beginn einer neuen Ära hybrider Infrastrukturen. Unternehmen holen nicht alles zurück, sondern das, was wirtschaftlich und technisch Sinn ergibt. Und genau hier liegt unsere Aufgabe als TGA-Planer: flexible, energieeffiziente und skalierbare Lösungen zu schaffen, die mit den Anforderungen wachsen. Die Physik lässt sich nicht verhandeln – aber wir können sie intelligent nutzen. Wer heute Repatriation-Rechenzentren plant, muss zonale Kühlkonzepte, modulare Stromversorgung und messerscharfe TCO-Kalkulationen beherrschen. Denn am Ende gewinnt nicht die schönste Lösung, sondern die wirtschaftlichste.