Gastkommentar zur Rechenzentrumsstrategie Deutschlands Was Deutschland aus dem OpenAI-Aus lernen kann

Ein Gastkommentar von Helmut Kohl* 3 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Das gescheiterte OpenAI-Projekt löste eine Debatte über Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit als KI-Standort aus. Helmut Kohl ist überzeugt: Deutschlands Stärke liegt nicht in einzelnen Gigawatt-Campus, sondern in einer flächendeckenden Rechenzentrumsinfrastruktur.

Helmut Kohl spricht sich für einen stärker dezentralen Ausbau der Rechenzentrumslandschaft aus.(Bild:  Midjourney / Paula Breukel / KI-generiert)
Helmut Kohl spricht sich für einen stärker dezentralen Ausbau der Rechenzentrumslandschaft aus.
(Bild: Midjourney / Paula Breukel / KI-generiert)

Das geplante KI-Rechenzentrum von OpenAI mit einer Anschlussleistung von bis zu einem Gigawatt hätte zu den größten Infrastrukturprojekten Europas gezählt. Nach Gesprächen mit der Bundesregierung kam das Vorhaben nicht zustande. Als Gründe gelten unter anderem die Energieversorgung, regulatorische Rahmenbedingungen und unterschiedliche Vorstellungen über den Standort.

Gleichzeitig verfolgt die Bundesregierung mit ihrer Nationalen Rechenzentrumsstrategie ehrgeizige Ziele: Bis 2030 sollen sich die Rechenkapazitäten in Deutschland mindestens verdoppeln, die Kapazitäten für Künstliche Intelligenz (KI) und High Performance Computing (HPC) sogar vervierfachen. Der Bedarf an zusätzlichen Rechenkapazitäten wächst. Laut dem „Cloud Report 2026“ des Bitkom bevorzugen alle befragten Unternehmen Rechenzentren in Deutschland, 97 Prozent berücksichtigen den Serverstandort bei der Wahl ihres Cloud-Anbieters.

Helmut Kohl, Gründer und Geschäftsführer der Helmut Kohl Management, bewertet das Scheitern des OpenAI-Projekts aus einer anderen Perspektive. Aus seiner Sicht sollte sich die Debatte weniger um einzelne Gigawatt-Rechenzentren drehen als um die Frage, welche Infrastruktur Industrie, Mittelstand und Betreiber kritischer Infrastrukturen in Deutschland tatsächlich benötigen.

Gastkommentar: Nicht die Größe, sondern die Struktur entscheidet

„Deutschland diskutiert über ein Rechenzentrum, das nie gebaut wurde, als wäre damit die digitale Zukunft des Landes abgesagt. Das ist die falsche Schlussfolgerung. Während über das geplatzte OpenAI-Leuchtturmprojekt gestritten wird, befindet sich hierzulande bereits rund ein Gigawatt zusätzliche Rechenzentrumskapazität im Bau. Deutschland hat daher nicht zuerst ein Größenproblem, sondern muss vorrangig eine Antwort auf die Frage finden, welche Infrastruktur seine Wirtschaft braucht.

Ein einzelner Standort mit einer geplanten Kapazität von bis zu einem Gigawatt hätte Rechenzentrumsinfrastruktur in außergewöhnlichem Umfang an einem Ort konzentriert. Insgesamt verteilt sich die Anschlussleistung der deutschen Rechenzentren von knapp drei Gigawatt derzeit auf rund 2.000 Anlagen. Die hundert größten vereinen etwa die Hälfte davon auf sich.

Diese Struktur entspricht einer Mittelstandsökonomie, deren Wertschöpfung in tausend Fertigungen, Laboren und Hidden Champions im ganzen Land entsteht. Sie benötigen Rechenleistung für Inferenz, Maschinendaten und KRITIS-Anwendungen mit kurzer Latenz und klarer Datenhoheit.

Unter deutschen Wirtschaftsakteuren ist die Nachfrage nach inländischer technischer Infrastruktur hoch. Für 97 Prozent der Unternehmen spielt laut Bitkom „Cloud Report 2026“ bei der Wahl ihrer Cloud-Dienstleister eine Rolle, an welchem Ort deren Server stehen. Alle befragten Firmen würden Deutschland als Standort bevorzugen. Gefragt sind also leistungsfähige, rechtssichere sowie mittelstandsnahe Rechenkapazitäten.

Die Gegenposition muss man aushalten: Frontier-Training lässt sich nicht auf Edge-Standorte verteilen. Wer keine Großkapazität im Zugriff hat, mietet sie in Virginia – mit allen Souveränitätsfolgen. Nur: Diese Aufgabe ist europäisch, nicht national. Frankreich hat den Strom und die Ambition; sollen die Trainingscluster dort stehen. Deutschlands komparativer Vorteil liegt in der Fläche. Ein Me-too bei Hyperscalern wäre teuer erkaufte Symbolpolitik. Wer dem entgangenen Gigawatt nachtrauert, hat die Standortfrage nicht zu Ende gedacht.

Auch aus Investorensicht darf die Größe eines Projekts nicht zum entscheidenden Kriterium werden. Entscheidend ist, ob Finanzierung, Energieversorgung und Netzanschluss gesichert sind und die geplanten Kapazitäten einem konkreten wirtschaftlichen Bedarf gegenüberstehen. Nicht das größte Rechenzentrum gewinnt, sondern das Netz aus vielen – Deutschland sollte bauen, was zu seiner Wirtschaft passt.“

Über den Autor:
Diplom-Ingenieur Helmut Kohl ist Inhaber und Geschäftsführer der Helmut Kohl Management GmbH, einer auf digitale Infrastruktur spezialisierten M&A-Boutique-Beratung.
Er blickt auf rund 40 Jahre Branchenerfahrung zurück und bekleidete in dieser Zeit Führungspositionen in diversen Telekommunikationsunternehmen. 2002 gründete er die Helmut Kohl Management GmbH und begleitet seither mittelständische Firmen bei der Unternehmensnachfolge und dem Verkauf an strategische Investoren, Family Offices sowie Private-Equity-Gesellschaften.

Als Herausgeber des täglichen Branchenbriefings „FREQUENZ“ ordnet er regelmäßig Entwicklungen rund um internationale IT, Telekommunikation, KI und M&A ein.

Darüber hinaus engagiert sich Helmut Kohl als Mitglied verschiedener Beiräte und Aufsichtsräte von Unternehmen der digitalen Infrastruktur und bringt seine Expertise regelmäßig als Gastredner auf internationalen Family-Office-Veranstaltungen ein.

Er war Präsident des Telecom e.V. sowie Gründungspräsident der Digital Infrastructure Investor Association (Di4) e.V. und prägte in diesen Funktionen die Entwicklung bedeutender Branchennetzwerke.

Bildquelle: Helmut Kohl Management GmbH

(ID:50911596)

Jetzt Newsletter abonnieren

Täglich die wichtigsten Infos zu RZ- und Server-Technik

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung