PUE reicht nicht mehr Rechenzentren müssen und können intelligenter mit Lasten umgehen

Von Torge Lahrsen* 7 min Lesedauer

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PUE bleibt wichtig, reicht aber nicht aus: Rechenzentren müssen Lastprofile, Kühlung, Speicher und Beschaffung intelligent steuern. So senken sie Kosten, nutzen knappe Anschlussleistung besser und können das Stromsystem entlasten.

PUE zeigt Effizienz. Intelligente Laststeuerung entscheidet darüber, wie viel Rechenleistung ein Standort aus seiner verfügbaren Energie- und Netzkapazität herausholt, so Torge Lahrsen.(Bild:  Daniel Schrader / GPT Image 2 / KI-generiert)
PUE zeigt Effizienz. Intelligente Laststeuerung entscheidet darüber, wie viel Rechenleistung ein Standort aus seiner verfügbaren Energie- und Netzkapazität herausholt, so Torge Lahrsen.
(Bild: Daniel Schrader / GPT Image 2 / KI-generiert)

Rechenzentren stehen vor einem Paradigmenwechsel. Lange war Energie vor allem ein Effizienzthema. Künftig wird sie zunehmend zum Kapazitäts- und Standortfaktor. In Deutschland lag der Strombedarf von Rechenzentren und kleineren IT-Installationen 2025 bei 21,3 Milliarden Kilowattstunden. Das ist mehr als doppelt so viel wie 2010. Für Rechenzentren sank der durchschnittliche PUE-Wert (Power Usage Effectiveness, eine zentrale Kennzahl für die Energieeffizienz der Rechenzentrumsinfrastruktur im Verhältnis zur IT-Last) auf 1,43. Die Branche ist also effizienter geworden, doch Energie wird trotzdem zunehmend zum Engpass. Der Grund: Der Bedarf an Rechenleistung wächst schneller als viele Effizienzfortschritte wirken können.

Das Problem ist, dass Rechenzentren in der Energiedebatte oft auf ihren Stromverbrauch reduziert werden. Diese Zahl ist wichtig, weil sie zeigt, wie stark digitale Infrastruktur, Cloud und KI wachsen. Sie erklärt aber noch nicht, wie ein Standort tatsächlich mit Energie umgeht. Es geht nicht mehr nur darum, wie viel Strom ein Rechenzentrum verbraucht, sondern auch um das Wann, das Wofür und die Wirkung auf Kosten und Energiesystem.

Ein Rechenzentrum ist zwar kein beliebig flexibler Verbraucher, aber auch kein starres System. Deshalb werden Lastprofile zur strategischen Steuerungsgröße. Sie entscheiden künftig nicht nur über Energiekosten, sondern können – sofern die Leistungsspitze den Engpass bildet – auch darüber, wie viel zusätzliche Rechenleistung ein bestehender Standort innerhalb seiner vorhandenen Infrastruktur aufnehmen kann.

Die Kilowattstunde allein sagt nicht genug aus

Ein Lastprofil ist der Fingerabdruck eines Rechenzentrums im Energiesystem. Es zeigt, wann, wie stark und wodurch ein Rechenzentrum elektrische Leistung nachfragt. Entscheidend ist neben der absoluten Leistung vor allem die Dynamik. Zwei Rechenzentren können über das Jahr denselben Energieverbrauch haben und trotzdem völlig unterschiedliche Lastprofile aufweisen. Für Stromkosten, Netzentgelte, Beschaffung und Betrieb macht das einen großen Unterschied.

Die Kilowattstunde allein erzählt nicht mehr die ganze Geschichte. Der Zeitpunkt wird wichtiger. Das Ziel lautet daher nicht mehr nur „weniger Energie pro Recheneinheit“, sondern „mehr Rechenleistung pro verfügbarem Megawatt“.

Strommarkt drängt zu Anpassungen

Das liegt auch am Strommarkt. Die Bundesnetzagentur meldete für 2025 einen durchschnittlichen Day-Ahead-Großhandelspreis von 89,32 Euro je Megawattstunde. Zugleich gab es 573 Stunden mit negativen Preisen und 40 Stunden mit Preisen über 300 Euro je Megawattstunde. Strom ist damit nicht einfach teuer oder günstig. Sein Preis ist stark zeitabhängig.

Mit dem weiteren Ausbau von Wind- und Solarenergie dürfte die Bedeutung zeitlich unterschiedlicher Preise und flexibler Lasten tendenziell zunehmen. Wie stark sich dies auf die tatsächlichen Kosten eines Standorts auswirkt, hängt allerdings vom Beschaffungsmodell ab – etwa von Spotmarktbezug, indexierten Verträgen, Festpreisanteilen oder der konkreten Ausgestaltung eines PPA.

Für Rechenzentren ist das relevant, weil sie neben kritischen Echtzeit- und Verfügbarkeitsanforderungen auch planbare und teilweise flexible Lasten haben, die sich in Zeiten günstiger Strompreise verschieben lassen. Die zeitliche Preisvolatilität macht die Steuerung von Lastprofilen damit wirtschaftlich relevant. Wer den Betrieb in teuren Stunden genauso fährt wie in günstigen, verschenkt unter Umständen Kostenpotenziale.

Im Energiesystem macht es einen Unterschied, ob ein Megawatt in einer windreichen Nacht, während einer Solarspitze oder in einer angespannten Abendstunde bezogen wird. Für eine tatsächlich netzdienliche Steuerung reichen Großhandelspreise allein jedoch nicht aus: Sie erfordert zusätzlich belastbare, möglichst regionale Netzsignale und geeignete Vereinbarungen mit Netzbetreibern.

Die Energieinfrastruktur wird zum Hebel

An dieser Stelle entsteht schnell ein Missverständnis: Lastprofiloptimierung heißt nicht, kritische IT-Lasten zu verschieben. Rechenzentren sind hochverfügbare digitale Infrastruktur. SLAs, Redundanzen, Notstromkonzepte und Sicherheitsanforderungen stehen nicht zur Disposition. Es geht vielmehr darum herauszufinden, welche Freiheitsgrade innerhalb eines sicheren Betriebsraums tatsächlich nutzbar sind.

Bei produktiven und geschäftskritischen IT-Lasten ist dieser Spielraum oft eng. Echtzeitanwendungen, Kundensysteme und sicherheitskritische Prozesse lassen sich in der Regel nicht verschieben. Einzelne Workloads können je nach Anwendungsfall anders aussehen: Batch-Prozesse, Backups oder bestimmte KI-Trainings lassen sich manchmal zeitlich planen. Darauf sollte man aber nicht die gesamte Optimierungslogik stützen.

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Der Blick sollte sich daher auf die Energiestruktur und auf die Systeme richten, die den IT-Betrieb ermöglichen, ohne selbst Teil der kritischen IT-Last zu sein. Dazu gehören Kühlung, Batteriespeicher, USV-Systeme, Photovoltaik, Ladeinfrastruktur, Netzbezug und Strombeschaffung. Dort entstehen häufig die realistischeren Freiheitsgrade.

Flexibilität jenseits kritischer Workloads

Diese Komponenten lassen sich auf Strompreise, Wetterprognosen oder – soweit verfügbar – Netzsignale abstimmen, ohne Kundensysteme anzutasten. Wie weit das gehen kann, zeigt Microsoft in Dublin: Dort nutzen Rechenzentren ihre USV-Batterien für schnelle Frequenz- und weitere Systemdienstleistungen im irischen Stromsystem. Voraussetzung ist dabei, dass die Versorgungssicherheit jederzeit gewährleistet bleibt.

Das größte Potenzial liegt häufig in der Kühlung, dem größten Stromverbraucher neben der IT selbst. Denn Kälte lässt sich – anders als viele zeitkritische Rechenlasten – vergleichsweise gut thermisch speichern. Kaltwasser- oder Eisspeicher, Pufferspeicher und die thermische Trägheit von Gebäude und Kühlsystem können zusammen wie ein begrenzter thermischer Speicher wirken. Kaltwassersätze erzeugen die Kälte und können diesen Speicher in günstigen Stunden gezielt laden.

Wer in günstigen Stunden vorkühlt und in teuren Stunden die Kälteerzeugung drosselt, kann Last verschieben, ohne die zulässigen Temperaturgrenzen der IT zu verletzen. Voraussetzung sind geeignete Regelstrategien, ausreichende thermische Reserven und eine standortspezifische Validierung.

Feldstudien des Lawrence Berkeley National Laboratory haben gezeigt, dass Rechenzentren – abhängig von Architektur und Workload – kurzfristig relevante Lastreduktionen erzielen können. Dabei wurden unter anderem Workload-Steuerung, IT-Maßnahmen und Anpassungen der Kühlung kombiniert. Je nach Standort und Maßnahmenpaket lagen kurzfristige Reduktionen im Bereich von etwa 10 bis 25 Prozent der Rechenzentrumslast. Die Ergebnisse sind jedoch nicht ohne standortspezifische Prüfung auf jedes Rechenzentrum übertragbar.

Viele Rechenzentren verfügen über bislang wenig genutzte thermische Flexibilität – etwa durch Pufferspeicher, Kältespeicher oder die thermische Trägheit von Gebäude und Kühlsystem. Wie groß sie ist, muss jedoch für jeden Standort einzeln ermittelt werden.

Beschaffung und Betrieb müssen zusammenarbeiten

Viele Rechenzentren machen den Fehler, Strombeschaffung und operativen Betrieb noch getrennt zu denken. Auf der einen Seite stehen Verträge, Tranchen, PPAs oder indexbasierte Modelle. Auf der anderen Seite laufen Kühlung, Speicher, IT-Last und Gebäudetechnik nach eigenen Betriebslogiken.

Solange Strompreise relativ stabil sind, fällt diese Trennung weniger stark ins Gewicht. Bei volatilen Märkten wird sie teuer. Ein dynamischer Tarif entfaltet seinen vollen Wert erst dann, wenn der Standort operativ darauf reagieren kann. Auch bei zeitlich granularen oder physisch strukturierten PPAs kann Flexibilität zusätzlichen Nutzen schaffen. Umgekehrt bleibt technische Flexibilität unter Wert, wenn sie nicht mit Beschaffung und Marktsignalen verknüpft wird.

PUE bleibt wichtig, reicht aber nicht mehr aus

Regulatorisch steigt der Druck. Das Energieeffizienzgesetz enthält – abhängig von Anwendungsbereich und Schwellenwerten – Vorgaben zu Effizienz, wiederverwendeter Energie, Energie- oder Umweltmanagementsystemen sowie Transparenz- und Berichtspflichten.

Diese Vorgaben erhöhen die Transparenz, was sinnvoll ist. PUE bleibt eine wichtige Kennzahl, weil sie zeigt, wie effizient die Infrastruktur im Verhältnis zur IT arbeitet. Aber PUE beantwortet nicht, wann Energie verbraucht wird, wie flexibel Lasten sind, ob Speicher sinnvoll genutzt werden, ob Netzengpässe vermieden werden können und ob Strombeschaffung und Betrieb aufeinander abgestimmt sind.

Die nächste Stufe ist deshalb nicht nur Energieeffizienz. Rechenzentren brauchen mehr operative Energieintelligenz. Sie müssen nicht nur weniger Strom verbrauchen, sondern ihren Strom besser nutzen.

Mehr Rechenleistung aus jedem Megawatt

Für Betreiber geht es dabei nicht nur um Kostensenkung. Die zentrale Frage lautet, wie sie unter einer begrenzten Anschluss- und Infrastrukturleistung möglichst viel Rechenkapazität zuverlässig betreiben können. Das gelingt, indem sie die Energieinfrastruktur des Standorts besser orchestrieren.

Speicher, PV-Anlage, Kühlung und weitere flexible Assets können zentral erfasst, ihr Verbrauch in Echtzeit gemessen und ihr Betrieb automatisiert gesteuert werden. USV- und Batteriespeicher können in geeigneten Konzepten zusätzliche Flexibilität bereitstellen. Ihre primäre Resilienzfunktion, erforderliche Reservekapazitäten, Alterung und Herstellervorgaben müssen dabei jedoch jederzeit Vorrang haben.

Rechenzentren können dadurch zu aktiveren Akteuren im Stromsystem werden. Sie können Lastspitzen reduzieren, Speicher in geeigneten Zeitfenstern einsetzen, Eigenstrom besser nutzen oder flexible Nebenprozesse in Stunden mit günstigerem Strom verschieben. Wenn externe Signale einfließen – etwa belastbare regionale Netzsignale, hohe Residuallast oder negative Preise –, kann das nicht nur die Wirtschaftlichkeit des Rechenzentrums steigern, sondern auch einen Beitrag zur Stabilität des Stromsystems leisten.

Der nächste Effizienzsprung entsteht im Zusammenspiel

Rechenzentren bleiben hochverfügbare Infrastruktur. Sicherheit und Verfügbarkeit stehen deshalb immer an erster Stelle. Flexibilität bedeutet nicht, kritische Lasten zu riskieren. Sie bedeutet, die Energieinfrastruktur so intelligent zu orchestrieren, dass Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit und Versorgungssicherheit zugleich erreicht werden.

Wer nur Jahresverbräuche betrachtet, sieht zu wenig. Wer nur PUE optimiert, übersieht den Zeitpunkt. Wer Strombeschaffung und Betrieb trennt, lässt Flexibilität ungenutzt. Langfristig könnte sich der Erfolg eines Standorts deshalb nicht allein an seinem PUE bemessen, sondern auch daran, wie viel Rechenleistung er innerhalb seiner vorhandenen Netzanschluss- und Infrastrukturkapazität zuverlässig betreiben kann.

In vielen attraktiven Rechenzentrumsregionen ist die verfügbare Netzanschlussleistung inzwischen eine der knappsten Ressourcen. Die nächste Generation von Rechenzentren wird daher nicht allein durch effizientere Hardware entstehen. Entscheidend wird sein, wie intelligent IT, Netzsituation und Markt miteinander verbunden werden. Dann wird das Rechenzentrum nicht automatisch zum Risiko für Stromsystem und Energiewende. Es kann Teil der Lösung werden, wenn es seine Energieinfrastruktur betrieblich sinnvoll und, wo möglich, netzdienlich steuert.

*Der Autor:
Torge Lahrsen ist Co-Founder und COO von Encentive, einem Hamburger Unternehmen für KI-gestützte Energieoptimierung und Lastflexibilisierung in der Industrie. In seiner Funktion verantwortet er nach Angaben des Unternehmens unter anderem Operations, Finance, Vertrieb, Marketing und Fundraising. Zuvor war Lahrsen unter anderem im Venture Capital und Controlling tätig, so bei Maersk Growth und Robert Bosch Venture Capital.

Bildquelle: Encentive

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