Modernisierung und Generationenwechsel im Großrechner-Computing Young Professionals und die Mainframes

Autor / Redakteur: Stefan Rühle* / Ulrike Ostler

Während sich so vieles um Cloud-Nutzung und Digitalisierung dreht, läuft IT-Leitern vor allem von Banken und Versicherungen bei einem anderen Thema gerade die Zeit davon: Die Spezialisten der für diese Bereiche so wichtigen Mainframe-Technologie, stehen meist kurz vor dem Ruhestand – und es fehlt an Nachwuchskräften. Wie sind Mainframe-Modernisierung und Generationenwechsel zu schaffen, ohne dass wertvolles Anwenderwissen in den Unternehmen verloren geht?

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Hier entsteht ein „z15“-basierter Mainframe.
Hier entsteht ein „z15“-basierter Mainframe.
(Bild: IBM)

Cloud-Computing ist allgegenwärtig in den IT-Abteilungen deutscher Unternehmen: Bereits über drei Viertel der Unternehmen hierzulande nutzen Cloud-Dienstleistungen; weitere 19 Prozent planen oder diskutieren deren Einsatz, wie der Cloud-Monitor 2020 von KPMG und Bitkom Research zeigt (siehe auch: Abbildung).

Das Budget für Public Cloud steigt
Das Budget für Public Cloud steigt
(Bild: KPMG/Bitkom Research)

Gleichzeitig liegen riesige Datenmengen, gerade bei Banken und Versicherungen, durchaus nicht auf Cloud-Servern, sondern verborgen in den Kellern und Untergeschossen der Firmengebäude, auf Mainframes. Die tonnenschweren IT-Urgesteine sind extrem zuverlässig und leistungsstark, darauf ausgelegt, sehr viele Transaktionen parallel zu verarbeiten.

Mainframes stehen für höchste Systemverfügbarkeit, Redundanz und Skalierbarkeit

Konzept wie auch Betriebssystem „z/OS“ für die Großrechner wurden schon in den 1960er Jahren von IBM entwickelt, die Mainframe-Technologie ist also alt, jedoch nicht veraltet. Allen Abgesängen zum Trotz bildet sie bis heute die strategische IT-Plattform für viele Unternehmen, bei deren Transaktionen es auf höchste Systemverfügbarkeit ankommt, wie eben Banken und Versicherungsunternehmen, aber auch Behörden, Fluggesellschaften, Automobilhersteller oder Logistikunternehmen. Aus gutem Grund: Mainframes zeichnen sich durch ein Höchstmaß an Systemverfügbarkeit und Ausfallsicherheit aus.

Diese Sicherheit ist bei Cloud-Anwendungen so noch nicht gegeben, auch das zeigt die erwähnte Cloud-Monitor-Studie: Jedes zweite Unternehmen berichtet über Ausfälle in den letzten 12 Monaten aufgrund technischer Probleme beim Cloud-Anbieter. Das ist für viele auch ein Grund, durch Multi-Cloud-Modelle mehr Redundanz und somit weniger Ausfälle anzustreben.

Bei Mainframes dagegen beträgt die Downtime nur wenige Minuten im gesamten Betriebsjahr. Redundanz gehört hier zu den Grundprinzipien, ebenso wie Skalierbarkeit. Die Großrechner sind nicht nur rund um die Uhr verfügbar, es können auch beliebig Rechnerinstanzen dazu- oder abgeschaltet und sogar Hardwarekomponenten im laufenden Betrieb ausgetauscht werden.

Eigentlich müsste Modernisieren leicht sein

Das erleichtert die Modernisierung der Systeme. Und Modernisierung und Adaption der Legacy Systeme ist natürlich ein Thema für Mainframe-Nutzer. Es geht um Automatisierung, die Kombination mit Cloud-Anwendungen und die Nutzung agiler Methoden.

Technisch sind diese Aufgaben lösbar: Es gibt spezialisierte Dienstleister und auch seitens der Hersteller werden die Betriebssysteme stetig weiterentwickelt. So wurde etwa das Betriebssystem z/OS schon vor Jahren für Linux und Open Source geöffnet, seit dem Betriebssystem „z14“ (2017) sind auch Ende-zu-Ende-Verschlüsselungen möglich. Die Mehrzahl der Unternehmen nutzt bereits moderne Programmiersprachen wie Java, sehr viele arbeiten mit agilen Umsetzungsmethoden (DevOps).

Mainframe-Spezialisten für Betrieb und Modernisierung sind rar

Doch die Frage, die viele Unternehmen umtreibt, ist: Wer soll diese Anpassungen vornehmen, wer wird die Mainframe-Systeme in die Zukunft führen oder auch nur weiter bedienen? Denn nicht nur die Technologie ist in die Jahre gekommen, auch Fachleute, die sie beherrschen, stehen kurz vor dem Eintritt ins Rentenalter. Was ist zu tun?

Der Blick ins Ausland hilft hier nicht weiter, es ist ein globales Problem. Laut einer aktuellen Erhebung von Vanson Bource im Auftrag von Lzlabs unter IT-Entscheidern in Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien, der DACH Region, USA, Kanada und Nordeuropa sehen 63 Prozent der Befragten ein großes Risiko, dass mit der Verabschiedung hochqualifizierter Mitarbeiter aus dem Mainframe-Bereich in den Ruhestand deren Anwenderwissen und Erfahrung dem Unternehmen verloren geht. Die interne Weiterbildung und Weitergabe von Wissen wäre eine wirkungsvolle Maßnahme, wird aber noch nicht intensiv genug genutzt.

Mainframe-Wissen gehört nicht zur Standardausbildung

Grundsätzlich ist IT-Fachkräftemangel eine Herausforderung, mit der sich IT-Leiter und Recruiting-Verantwortliche fast aller Unternehmen konfrontiert sehen. Wenn ausgebildete Fachkräfte am Markt schwer zu finden sind, begibt man sich näher zur „Quelle“: Unternehmen gehen direkt an die Universitäten, nutzen Absolventenmessen, Vorträge und Kooperationen, um IT-Nachwuchskräfte zu rekrutieren.

Im Fall von Mainframe-Spezialisten verschärft sich allerdings diese Herausforderung nochmals, denn dieses Wissen wird nicht flächendeckend gelehrt. Cobol, die ursprüngliche Programmiersprache, in der die seit Jahren erfolgreichen Anwendungen programmiert sind, gehört nicht mehr zur Ausbildung.

IT-Studierende kommen mit dem Thema Mainframe kaum in Berührung. Es gibt in Deutschland nur wenige Universitäten mit entsprechenden Lehrstühlen und auch der nötigen (teuren) technischen Ausstattung – die Universtäten in Leipzig, Frankfurt und Tübingen sind hier zu nennen. Weiterbildungen werden eher in Zusammenarbeit mit Mainframe-Herstellern oder Fördervereinen wie dem Academic Mainframe Consortium angeboten.

Neue Wege in der Ausbildung von Young Professionals

Talentsuche, spezifische Weiterbildung und vor allem auch die intensive Einarbeitungsphase – dafür fehlen in den Unternehmen oft die Ressourcen. Doch die Zeit drängt und die Mainframes sind als Rückgrat der IT-Transaktionen systemkritisch. Hier hilft ein ganzheitliches Modell wie es die Talentschmiede Unternehmensberatung AG entwickelt hat, um Unternehmen und Young Professionals in der IT zusammenzubringen.

Die Talentschmiede sucht zunächst nach geeigneten Kandidaten für ein Projekt beim Kunden, die zum gewünschten Einsatzprofil im Kundenunternehmen passen: „Wir sehen einen großen Bedarf sowohl im technischen Support als auch in der Entwicklung, der Architektur und besonders in der Beratung von Fachprozessen“, erläutert Ulrike Stagl, Vorstand bei der Talentschmiede. Wichtig ist aber auch die Motivation und Begeisterung für den Mainframe-Bereich bei den Absolventen. Bei der Auswahl geeigneter Kandidaten sind die Kunden stets eingebunden.

Die anschließende Ausbildung ist individuell auf die jeweilige Zielrolle zugeschnitten. Zur Vermittlung der theoretischen Grundlagen kommen Formate wie E-Learning und Virtual Classrooms zum Einsatz sowie Vorträge und Diskussionen in Form von Tech-Talks. Das Wichtigste aber ist die Weitergabe und Vermittlung des spezifischen Anwenderwissens.

Mentoren helfen weiter

Hier liegt die Besonderheit: Die IT-Absolventen arbeiten in Projekten beim Kunden, durch Mentoren der Talentschmiede bei der Einarbeitung betreut und auch an den kundeneigenen Systemen geschult. Im Anschluss an das Projekt können die Young Professionals im beiderseitigen Einverständnis zum Kundenunternehmen wechseln.

Ulrike Stagl nennt ein Beispiel aus einem Einsatz im Automotive-Bereich: Learning on The Job beim Kunden, mit stetigem Verantwortungsausbau, parallel zwölfmonatiges Training in allen Themen und Skills wie Cobol, Mainframe Architektur, Transaktionsverarbeitung, IT-Security und „DB2“, mit einer umfassenden Abschlussarbeit und einer Internalisierung nach drei Jahren.

Zukunftssicher mit der neuen Generation von Mainframe-Spezialisten

Für die anstehenden Modernisierungsaufgaben benötigt die neue Generation von Mainframe-Spezialisten zusätzlich zur Mainframe-Ausbildung auch weitere Kenntnisse. Für Entwickler etwa sind das neben Cobol auch Java, .Net und weitere Programmiersprachen, für die Front-End-Seite, zum Beispiel „Websphere“. Dazu kommt die Vermittlung agiler Methoden.

Stefan Rühle ist Vorstand von der The Digital Workforce Group AG
Stefan Rühle ist Vorstand von der The Digital Workforce Group AG
(Bild: The Digital Workforce Group AG)

Mit einer solchen Ausbildung wird die Grundlage geschaffen, Mainframes mit Cloud-Technologien zu kombinieren, Automatisierungen einzuführen und auch Künstliche Intelligenz sowie IoT anzuwenden. Damit bleiben Unternehmen auch in Zukunft wettbewerbsfähig: Sicher in der Durchführung ihrer Transaktionen und gleichzeitig flexibel bei sich schnell ändernden Kundenanforderungen.

* Stefan Rühle ist Vorstand bei The Digital Workforce Workforce Group.

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