Interview mit Jörn Kellermann, T-Systems

Von 92 auf 13 Datacenter: „Wir haben konsolidiert“

| Autor: Ulrike Ostler

Jörn Kellermann, SVP Managed Infrastructure Services & Private Cloud bei T-Systems, erläutert, warum und wie die Rechenzentrumskonsolidierung stattgefunden hat und welche Änderungen gleichzeitig die IT vollzogen hat.
Jörn Kellermann, SVP Managed Infrastructure Services & Private Cloud bei T-Systems, erläutert, warum und wie die Rechenzentrumskonsolidierung stattgefunden hat und welche Änderungen gleichzeitig die IT vollzogen hat. (Bild: T-Systems)

2012/2013 begann T-Systems den Plan umzusetzen, die Anzahl der eigenen Rechenzentren zu schrumpfen - ein Mammutprojekt. Standorte mussten aufgelöst, andere gefunden und neue gebaut werden. Derweil hatte die IT nicht nur zu funktionieren, Neugeschäft wollte generiert werden. Im Interview erläutert Jörn Kellermann, SVP Managed Infrastructure Services & Private Cloud bei T-Systems, wie sein Team das bewältigt hat.

Jörn Kellermann ist seit Anfang des Jahres als Senior Vice President Managed Infrastructure Services & Private Cloud unter anderem für den globalen Rechenzentrumsbetrieb von T-Systems verantwortlich. Nach seiner Zeit beim Debis Systemhaus stieß der Diplom-Informatiker 2007 zu T-Systems und leitete zunächst das Telco-Geschäft für Großkunden. Ab 2012 steuerte Kellermann den Bereich Dynamic Platform Services bevor er ein Jahr später den gesamten IT-Betrieb der Großkundensparte der Deutschen Telekom verantwortete.

Wie viele Rechenzentren haben Sie konsolidiert und mit welchen Zielen?

T-Systems meldet den Vollzug seiner Datacenter-Konsolidierung

Geschafft: Aus 89 wurden 13 Rechenzentren

T-Systems meldet den Vollzug seiner Datacenter-Konsolidierung

04.02.19 - Nach eigenen Angaben hat T-Systems das weltgrößte Transformationsprojekt gestemmt: In sechs Jahren reduzierte der IT-Dienstleister der Deutschen Telekom die Zahl seiner Rechenzentren rund um den Globus von 89 auf 13. lesen

Jörn Kellermann: Wir hatten einmal 92 Rechenzentren weltweit und über 20 alleine in Deutschland. Doch waren die in Bezug auf Energie-Effizienz und Skalierbarkeit nicht mehr zeitgemäß.

Einige stammten aus der Zeit des Deutschen Herbst. So gab es etwa in einem Rechenzentrum gar einen Explosionsschutzraum, der blieb zwar nach Bombenangriffen erhalten, doch schützte keineswegs die Mitarbeiter.

Doch damit waren die Klarheiten auch schon abgehakt. Denn der erste Punkt war: Welche Zahl an Rechenzentren ist für uns eine gute? Letztlich haben wir uns auf elf geeinigt.

Außerdem mussten wir für eine IT planen, von der keiner weiß, wie sie in fünf, sechs Jahren aussieht. Das ist in der IT eine Aufgabe, als wolle man ins nächste Jahrtausend schauen.

In Deutschland wollen wir noch drei Standorte haben und dafür sollten mehrere Hundertmillionen Euro in die Hand genommen werden, schließlich haben wir ein Commitment für die Präsenz in Deutschland, für die sicherste und zuverlässigste IT, und mit der Entscheidung für Biere wollten wir auch ein Zeichen setzen.

Wie haben Sie den Umzug hinbekommen?

Jörn Kellermann: Ja, das war dann das Nächste: Alle finden es toll, dass investiert wird. Doch in den ganzen IT-Planungen kommt nicht unbedingt vor, dass man neben der Einführung neuer Produkte und Services auch noch Infrastrukturumzüge erledigen muss. Und: Umzüge findet niemand schön.

Es gab dann ein Lernen während des Laufens - heute würde man das Vorgehen wohl agil nennen. Aber es gibt auch ganz tolle Geschichten: In Cerdanyola del Valles(Barcelona) haben wir ein ganzes Rechenzentrum heruntergefahren und die IT auf Lastwagen verfrachtet (Es handelt sich um das größte in Containern befindliche Datacenter in Europa.) Der Transport erfolgte während der Nacht: sechs Polizeifahrzeuge vorne und sechs dahinter, dazwischen zehn LKWs. Das war natürlich spektakulär.

Wir haben aber auch Rechenzentren gehabt, bei denen der Umzug drei Jahre gedauert hat und sukzessiv erfolgt ist - immer dann, wenn ein Kunde eine Umstellung vornimmt, und wir uns an ein Migrationsprojekt, einen Technologiewechsel dranhängen können.

Heutzutage ist es vermutlich möglich, sich an den Erfahrungen anderer zu orientieren, doch damals - 2012, 2013 - gab es noch nicht so viele Hyperscaler. Dennoch kann man von einem Erfolg sprechen, haben wir doch die Hälfte des CO2-Ausstoßes reduzieren können und zugleich eine Menge an Geld gespart.

Wie haben Sie letzten Endes das Henne-Ei-Problem gelöst? `Und wie passt Biere ins Konzept?

Jörn Kellermann, SVP Managed Infrastructure Services & Private Cloud: „Ich bin wirklich stolz auf mein Team, das wir das so gut hinbekommen haben.“
Jörn Kellermann, SVP Managed Infrastructure Services & Private Cloud: „Ich bin wirklich stolz auf mein Team, das wir das so gut hinbekommen haben.“ (Bild: T-Systems/ ahold 2019)

Jörn Kellermann: Wir haben modular gebaut - in Biere am Anfang 6 oder sieben Module, die sich in diesem Komplex aber auf 70 erweitern ließen. Vergangenes Jahr haben wir noch einmal Hundertmillionen investiert und „Biere II“ in Betrieb genommen. Am Anfang weiß man einfach nicht, wie groß der Bedarf sein wird.

Zum Beispiel haben wir damit gerechnet, dass die IT immer kleiner und kompakter wird, der Platzbedarf durch die Verdichtung sinkt. Wir sind davon ausgegangen, dass die IT, die damals 100 Quadratmeter benötigt, nach der Bauzeit etwa 60 Quadratmeter ausmachen würde. Tatsächlich sind es 30 Quadratmeter. Was Biere trotzdem so schnell gefüllt hat, war zum einen die Konsolidierung der Rechenzentren aber auch das Neugeschäft.

Wie sieht das mit den Eigentumsverhältnissen aus? Wem gehört zum Beispiel in Biere was?

Das Rechenzentrum in Biere in Gänze.
Das Rechenzentrum in Biere in Gänze. (Bild: Deutsche Telekom AG)

Jörn Kellermann: Natürlich gibt es Finanzbeteiligungen. Doch was den Grund und Boden, das Gelände, die Gebäude und die Nutzung angeht, ist niemand anderes als die Deutsche Telekom involviert. Wir betrachten das als unser Property, in dem unsere Ingenieursleistung und das Wissen zum Betrieb steckt.

So bin ich insbesondere stolz darauf, das die beiden Projekte in Biere on time und besser als on budget fertig geworden sind.

Für den Betrieb ist T-Systems zuständig?

Jörn Kellermann: Ja. Da steckt auch T-Systems-Technologie drin.

Überhaupt: Unser Vorteil ist und war, dass wir schon sehr lange Rechenzentren betreiben . Klar gehen wir auch in Co-Location, aber überall da, wo eine kritische Masse erreicht wird, übernehmen wir auch die volle Kontrolle: In Amsterdam, London, Sao Paulo und Singapur etwa haben wir eigene Gebäude, wir mieten uns aber auch so groß ein, dass wir über die Ausstattung, die Technik und wie das Ganze betrieben wird, bestimmen können.

Wie sind Sie jeweils zu der Entscheidung gelangt, welches Rechenzentrum, welcher Standort aufgegeben werden muss?

Gemeinsam mit diesem Rechenzentrum in Magdeburg bildet der Neubau in Biere den von T-Systems so genannten „Twin Core“.
Gemeinsam mit diesem Rechenzentrum in Magdeburg bildet der Neubau in Biere den von T-Systems so genannten „Twin Core“. (Bild: Deutsche Telekom AG)

Jörn Kellermann: Tatsächlich kann ein Rechenzentrum aus verschiedenen Lokationen bestehen; zum Beispiel betrachten wir die Standorte Magdeburg und Biere als ein Datacenter. In München befindet sich ein Datacenter in einem ehemaligen Bunker, MTU hat da einmal Motoren gefertigt, und ein zweites befindet sich im Industriepark in einem ehemaligen Möbelhaus.

Die Entscheidung, was wohin gehört ist letztlich von drei Variablen abhängig, die ein Entscheidungsdreieck bilden: Kundenanforderung, Qualität und Investitionsschutz. Für die Kühleffizienz wäre etwa ein Rechenzentrum in einem isländischen Gletscher das beste. Doch die Kundschaft, etwa Banken, hätten wenig Verständnis dafür.

Generell für Deutschland spricht die politische Stabilität, eine vergleichsweise gute Infrastruktur und eine hohe Kundenakzeptanz. Für die Verteilung innerhalb des Landes spricht, dass sich die Kunden unwohl fühlen, wenn das Rechenzentrum weiter weg ist, obwohl für die meisten kein Unterschied zu bemerken wäre, egal ob das Rechenzentrum 50 oder 500 Kilometer entfernt steht.

Zudem haben wir alle Rechenzentren ausgemustert, die zu klein waren - ab einer bestimmten Größe stellen sich Skaleneffekte ein, und die, die einem PUE-Wert von 1,3 nicht genügen konnten. Umgekehrt haben wir berücksichtigt, wo vor Kurzem erst investiert wurde, um diese Investitionen zu schützen.

Haben Sie bei allen den Aktionen standardisierte Methoden, Techniken für Inbetriebnahme, Umzug, Migration entwickelt, die Sie als Empfehlung weitergeben können?

Jörn Kellermann: Wir haben und werden auch danach gefragt. Wir haben aber auch ein gutes Netzkonzept und Software Defined Infrastructure, mit der wir gut von A nach B migrieren können und die Kunden beispielsweise von ihrem eigenen Rechenzentrum zu uns. Dazu kommen Prozessmethoden, die helfen, eine Umgebung zu analysieren und Empfehlungen zu geben sowie viel Erfahrung im Projekt-Management. Dazu kommt die Erfahrung an best practices. Aber wir verkaufen diesen Service nicht.

Jörn Kellermann: „Unser Vorteil war und ist die lange Datacenter-Erfahrung.“
Jörn Kellermann: „Unser Vorteil war und ist die lange Datacenter-Erfahrung.“ (Bild: T-Systems/)

Zu welchem Prozentsatz ist Ihre Infrastruktur virtualisiert? Und wie hoch ist dadurch die Server- beziehungsweise CPU-Auslastung?

Jörn Kellermann: Wir haben alles, was sich virtualisieren lässt, auch tatsächlich Software Defined vorliegen. Ausnahmen sind Anwendungen wie HANA, High Performance Computing und Geodatenanwendungen. So ist auch CPU, bis auf die spare capacity, die man für schnelle Änderungen benötigt, immer voll ausgelastet.

Außerdem wollen manche Kunden dedizierte Systeme, so dass wir darauf keinen Einfluss haben. Allerdings war das früher häufiger der Fall. Heute liegt das Vertrauen in die Cloud höher und wir können für die Auslastung sorgen. Bei manchen HANA-Anwendungen aber, um das noch zu erklären, geht es um die Belastung des Random Access Memory (RAM) und die CPU kann nicht höher belastet sein.

Welches waren die größten Herausforderungen sowohl bei der IT-Umstellung als auch bei der Ausmusterung der Rechenzentren?

Jörn Kellermann: Ein Kaufmann würde wohl sagen: Die Unsicherheit zwischen Investitionsentscheidung und dem was hinterher herauskommt.

Haben Sie den IT-Umzug mit eingerechnet?

Jörn Kellermann: Das ist kommerziell keine Herausforderung. IT kann man hoch- und runterfahren. Das Datacenter-Geschäft ist viel statischer.

Auf wie viele Jahre haben Sie kalkuliert?

Jörn Kellermann:Auf zehn Jahre.

Für die Amortisation oder für den Bestand?

Jörn Kellermann: Der Return on Investment trat viel schneller ein. Doch Rechenzentrumskapazität für nur wenige Jahre anzubieten und anzumieten ist extrem unattraktiv. In Biere, wo wir selbst neu gebaut haben rechnen wir mit einem wesentlich längeren Nutzungszeitraum. In dieser Umgebung werden wir mindestens 20, 30 Jahre bleiben.

Für die IT-Techniker war sicher die bedeutsamste Frage: Wie migriere ich? Dazu ein Beispiel: Techniker A möchte alles auf einmal migrieren, Techniker B sagt: Die beste Zeit ist vor Weihnachten, dann kommt der Jahresabschluss. Und Techniker C wendet ein: Weihnachten geht gar nicht, mein Kunde, ein Paketversender, macht in diesem Zeitraum sein größtes Geschäft. Das also musste man ausbalancieren.

Kellermann: „Bis auf wenige Sicherheitsprozente sind unsere Server sowie die CPUs ausgelastet. Darauf, wie die Kunden ihre dedizierte IT betreiben, haben wir keinen Einfluss.“
Kellermann: „Bis auf wenige Sicherheitsprozente sind unsere Server sowie die CPUs ausgelastet. Darauf, wie die Kunden ihre dedizierte IT betreiben, haben wir keinen Einfluss.“ (Bild: Deutsche Telekom AG)

Können Sie ein paar Größenordnungen nennen, in denen Sie sich bewegt haben?

Jörn Kellermann: Zeitweilig liefen 400 Migrationsprojekte parallel. Wir haben physisch mehr als 23.000 Server bewegt und eine signifikant höhere Zahl an logischen. Die verlegten Kabel würden mehrfach bis zum Mond und wieder zurück reichen.

Wie sind Sie mit dem Storage, den Storage-Devices verfahren?

Jörn Kellermann: Wir haben zuvor schon konsequent auf Software Defined Storage gesetzt. Doch daneben gibt es nach wie vor große Storage-Arrays. Was Sie dagegen gar nicht mehr bei uns finden, sind Midrange-Systeme, die in gewachsenen Umgebungen gerne einmal hier, einmal dort angebaut werden.

Können Sie im Nachgang sagen, wie sich das Verhältnis von Planung zur Umsetzung gestaltet hat?

Jörn Kellermann: Planung und Planungsnachführung haben sicherlich ein Drittel des Aufwands ausgemacht. Das liegt daran, dass ein solches Projekt, weil es so lange dauert, nur eine Grobplanung zulässt und man immer wieder anpassen muss.

Kellermann: „Die verlegten Kabel würden ein paar Mal bis zum Mond reichen und zurück.“ Für das High Performance Computing (HPC) hat T-Systems eigene Zonen eingerichtet. Hier reicht die normale Kühlung nicht aus.
Kellermann: „Die verlegten Kabel würden ein paar Mal bis zum Mond reichen und zurück.“ Für das High Performance Computing (HPC) hat T-Systems eigene Zonen eingerichtet. Hier reicht die normale Kühlung nicht aus. (Bild: Deutsche Telekom AG)

Würden Sie aus heutiger Sicht einiges anders angehen? Was lief schief?

Jörn Kellermann: Ich bin ganz froh, dass ich nicht viel darüber sprachen kann, was ich anders machen würde. Da bin ich auch ganz stolz auf mein Team: Das haben wir so richtig gut hinbekommen.

Sie haben konsolidiert, zentralisiert und jetzt kommt die Edge und damit die Dezentralisierung. Haben Sie nur einen Teilerfolg errungen?

Jörn Kellermann: Aus meiner Sicht ist die Edge eine Ergänzung. Edge Computing heißt ja nicht, dass man überall auf der Welt kleine Rechenzentren hinkleckert.

Sie hatten zu Beginn schon die erzielten Energie-Einsparungen erwähnt. Doch wie steht es mit der Nachhaltigkeit: Was machten Sie mit der vorrätigen Energie in Biere: Strom, Wärme?

Jörn Kellermann: Wir heizen derzeit nur unsere eigenen Büros mit der Restwärme. Bei den USV-Anlagen haben wir größtenteils auf Schwungrad-Anlagen gewechselt.

Podcast: „Interview mit Jörn Kellermann, T-Systems“

Open Source in der Datacenter-Administration,Teil 1 „Ich bin stolz auf mein Team, dass wir das so gut hinbekommen haben“, sagt der Senior Vice President Managed Infrastructure Services & Private Cloud bei T-Systems.
Dieses hat in sieben Jahren die damals weltweit verstreuten 92 Telekom-Rechenzentren zu 13 konsolidiert, ein Herkules-Job. Doch warum? Und wie? Was ging schief? (PDF | ET 19.07.2019)

Podcast anhören »

Hinweis: Das Interview stellt DataCenter-Insider auch als Podcast zur Verfügung. Unter anderem erläutert Kellermann, was er sich von den Datacenter-Ausstattern wünschen würde.(Achtung! Es geht etwas ruckelig los)

Was meinen Sie zu diesem Thema?
Kommentar aus Linkedin von Andreas Schwall, Delivery Executive - Shared Delivery Germany at...  lesen
posted am 24.07.2019 um 13:43 von Unregistriert

Kommentar aus Linkedin von Philipp Sauerteig Good read, thanks for sharing the insights and...  lesen
posted am 24.07.2019 um 13:41 von Unregistriert


Mitdiskutieren
copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de/ (ID: 46034602 / Virtualisierung)