Budget- und Ressourcenschonung Refurbished Hardware: Sinnvolle Alternative für das Rechenzentrum?

Von Dr. Dietmar Müller

Wir haben es bereits mehrfach gesagt: Die Produktlebenszyklen von IT-Geräten werden stetig verkürzt, im Schnitt tauschen Unternehmen ihre Hardware nach drei bis fünf Jahren aus. Dieses Konzept ist alles andere als nachhaltig, es handelt sich um eine eklatante Verschwendung von Rohstoffen.

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Der Einsatz von wiederaufbereiteter Hardware kann eine sinnvolle Alternative zu Neuware darstellen.
Der Einsatz von wiederaufbereiteter Hardware kann eine sinnvolle Alternative zu Neuware darstellen.
(Bild: HPE)

Das Recycling der Hardware ist nicht nachhaltig – besser wäre der Verkauf an IT-Remarketing-Spezialisten, also eine Wiederverwendung gebrauchter Hardware. Wirtschaftlich betrachtet gibt es hier nur Gewinner, der Verkauf an Profis erlöst hohe Restwerte und spart Aufwendungen für die Entsorgung.

Auf den ersten Blick ist dann auch der Handel mit Second-Hand-Hardware ein Riesengeschäft, wie auch Gartner in einem Report von 2019 feststellte. HPE beispielsweise hat für die Wiederaufbereitung solcher Geräte und zusätzlich ausgemusterter HP-PCs und Notebooks weltweit zwei große Technology Renewal Centers (TRCs) in Betrieb.

Laut Axel Sidki, Sales Director HPE Financial Services bei HPE, durchliefen 2018 etwa vier Millionen Geräte diese Werke: etwa 1,7 Millionen Datacenter- Produkte und 2,3 Millionen Workplace-Geräte. Etwa 89 Prozent der Einheiten wurden aufbereitet und in irgendeiner Form wieder in den Handel gebracht, knapp elf Prozent dem Recycling zugeführt. Nur 0,4 Prozent der Hardware landete im Elektroschrott.

Dieser Trend hin zur Nutzung von „refurbished“ Hardware, wie die Geräte aus zweiter Hand gerne genannt werden, ist nicht neu, aber auch 2021 stabil: Für die Studie „Herausforderungen der IT-Infrastruktur in Zeiten der COVID-19-Krise“ wurden von der Technogroup insgesamt 359 Entscheider und Fachleute aus den Bereichen IT, kaufmännische Leitung und Einkauf in Unternehmen im DACH-Raum kontaktiert.

Das Bestreben ihrer Geschäftsleitung, die Kosten für Hardware und IT zu senken, schätzen mehr als 60 Prozent der Befragten als hoch oder sehr hoch ein. Fast 80 Prozent der Befragten sehen in den fachmännisch aufbereitet und qualitätsgesicherten gebrauchten Hardware-Komponenten teilweise oder uneingeschränkt eine sinnvolle Alternative zur Neuware, um Budgets und die Umwelt zu schonen.

Aber nur 15 Prozent nutzen bislang diese Hardware im Rechenzentrum. „Es ist eine klare Diskrepanz zu erkennen“, so Klaus Stöckert, CEO der Technogroup und Evernex Managing Director Central, Northern & Eastern Europe. „Wenn wie momentan bei vielen IT-Abteilungen die Anforderungen steigen, aber die Ressourcen sowohl personell als auch budgetär begrenzt sind, ist Prozessoptimierung das Gebot der Stunde.“

In diesem Artikel gehen wir der Frage nach, wieso dies so ist und ob der Trend hin zu mehr Nachhaltigkeit eventuell befeuert werden kann. Zunächst gilt es aber zu klären, welche Hardware genau für eine Wiederverwendung in Frage kommt, denn Hardware ist nicht gleich Hardware. In einem zweiten Teil sehen wir uns an, wie beziehungsweise von wem IT-Hardware am besten für die Wiederverwendung in Rechenzentren aufbereitet werden kann. Und in einem abschließenden Teil gehen wir auf Sicherheitsbedenken beim Einsatz gebrauchter Hardware ein, die laut Studien weit verbreitet, aber möglicherweise unberechtigt sind.

1. Hardware ist nicht gleich Hardware

Hardware ist nicht gleich Hardware. Nur ganz bestimmte Hardware kann gebraucht im Rechenzentrum zum Einsatz kommen. Bernd Dürr, der bekannte und vielzitierte Rechenzentrums-Experte aus dem Schwäbischen offeriert auf seiner Homepage seit Jahren auch eine Plattform für „Gebrauchte Infrastruktur“, hauptsächlich USV-Anlagen, vereinzelt auch Netzersatzanlagen oder Klimageräte, die er Drittanbietern überlässt. Wir haben nachgefragt: Die Resonanz ist konstant bescheiden, erklärt uns Dürr.

Er sieht einen eindeutigen und nicht von der Hand zu weisenden Grund für die Zurückhaltung der potenziellen Käufer: Die in der Regel fehlende Garantie auf die Hardware. „Das ist wie beim Kauf eines Gebrauchtwagens – nur dass Sie keine Probefahrt machen dürfen. Möglicherweise fährt der Wagen dann noch viele Jahre.

Wenn er aber nach drei Kilometer stehenbleibt, hat der Käufer ein massives Problem. Obwohl: Für den Autofahrer ist es ein vergleichsweise kleines Problem – ein stehendes Rechenzentrum zieht dagegen sehr viele Beteiligte in Mitleidenschaft, so etwas darf nicht passieren. Daher steht die Frage nach der Haftung und Gewährleistung im Mittelpunkt einer jeden Kaufentscheidung für Rechenzentrums-Hardware. Ohne so etwas kein Kauf.“

Große Unternehmen würden sich auf solche Deals niemals einlassen, so der Experte. Als potenzielle Kunden für gebrauchte Hardware sieht Dürr daher eher kleine Mittelständler mit überschaubarem Hardwarebedarf. „Mir ist kein Hersteller bekannt, der seine IT-Infrastrukturkomponenten auffrischt. Deshalb auch das Problem mit der Gewährleistung und Haftung“, so Dürr.

Nur kurze Garantie auf Storage-Komponenten

Wenn wir also im Folgenden von gebrauchter Hardware für das Rechenzentrum sprechen, dann ausschließlich von IT-Hardware, also Server, Racks, Router und Switches. Und die gibt es sehr wohl mit Garantie – kein Wunder: Beim Ausfall eines Servers gehen in der Regel ja keine Daten verloren, niemand kommt zu Schaden. Das Risiko des Käufers gebrauchter IT-Hardware für Rechenzentren ist überschaubar.

Der Anbieter von Gebraucht-IT Curvature – um nur ein Beispiel von vielen zu nennen, im folgenden Teil werden noch weitere Anbieter aufgeführt – gewährt eine „lebenslange“ Garantie auf Switches, Router, x86-Server, Access Points, Controller und Speicher-Arrays. Alle Geräte werden mit Gewährleistung geliefert und sind sofort einsatzbereit: „Curvature garantiert, dass die an den Käufer verkauften Geräte für die Lebensdauer dieser Geräte frei von Material- und Verarbeitungsfehlern sind, vorausgesetzt, die Geräte werden ordnungsgemäß verwendet und gewartet“, so das Unternehmen zum Thema Gerätegarantie.

Aber: Ungeachtet des Vorstehenden ist die Garantie für bestimmte Geräte begrenzt. Für gebrauchte x86-Server und alle komplexen Serverprodukte (mit Ausnahme von Festplatten und Solid-State-Laufwerken) gilt eine lebenslange Garantie, jedoch nur so lange, wie die Originalkonfiguration des Geräts beibehalten wird. Jegliche Änderungen an der Originalkonfiguration führen zum Erlöschen der Garantie, mit Ausnahme von Änderungen an Festplatten und Speicher.

Die Garantiezeit für gebrauchte Festplatten und Solid-State-Laufwerke und andere gebrauchte Speicherprodukte einschließlich Speichersystemen, Controllern, Regalen, Bandlaufwerken und Bibliotheken beträgt dagegen lediglich ein Jahr ab dem Versanddatum. Die Garantiezeit für Solid-State-Laufwerke der Marke Curvature endet mit dem früheren der folgenden Zeitpunkte: fünf Jahre ab dem Versanddatum oder dem Zeitpunkt, an dem die Nutzung des Laufwerks die in den jeweiligen Produktspezifikationen angegebene Lebensdauergrenze überschreitet. Ob sich ein Storage-System mit lediglich einem Jahr Garantie rechnet, muss jeder Betreiber eines Rechenzentrums für sich selbst entscheiden.

Der Artikel entstammt des aktuellen Kompendium: „Nachhaltigkeit im Rechenzentrum“, das auf das DataCenter-Insider-Website zu finden ist:

Zögern und Zaudern sind Tabus

Kompendium: „Nachhaltigkeit im Rechenzentrum"

Nachhaltigkeit im Rechenzentrum
Nachhaltigkeit im Rechenzentrum

Datacenter müssen effizienter werden, nachhaltiger wirtschaften, in eine sektorübergreifende Kreislaufwirtschaft eingebunden werden. Für kann oder könnte, soll oder sollte, darf oder dürfte ist kein Platz im Sprachgebrauch, wenn es darum geht, die Umwelt zu entlasten.

Zögern, Zaudern, Zaghaftigkeit sind Tabus.

Es muss sein, jetzt, und es wird wehtun.
(PDF | ET 21.09.2021)

Lesen Sie im Kompendium unter anderem:

  • ... wie die Europäische DC-Branche die Vorreiter-Rolle anstrebt.
  • ... wie wir von anderen Branchen lernen können.
  • ... wie Rechenzentren nachhaltig und klimaneutral werden können.


    >>> Kompendium: „Nachhaltigkeit im Rechenzentrum“ zum Download
  • 2. Wartungsverlängerung durch Drittanbieter

    Gartner hat sich eine weitere Möglichkeit, gebrauchte Hardware im Rechenzentrum einzusetzen, genau angesehen. Tatsächlich ist die Übernahme der Wartung durch Drittanbieter nach Ablauf der Original-Garantie ein boomendes Geschäft: „Die Drittanbieter- Wartung begann sich 2015 durchzusetzen und gewinnt weiter an Akzeptanz“, so Christine Tenneson, Research Director, Infrastructure Services, Gartner, und Autorin des Leitfadens. „Viele Kunden aller Größen, aller Geografien und aller Branchen nutzen Third Party Maintenance (TPM) für ihre Geräte.“

    Sie schreibt: „Während Hersteller den Kunden meist darauf drängen, nach dieser Zeit einen Hardware-Refresh im Rechenzentrum durchzuführen, haben sich TPMs darauf spezialisiert, auch nach Ablauf eines Hersteller-Servicevertrags den Betrieb von IT-Komponenten zu gewährleisten – inklusive der Ersatzteilversorgung“, so Sascha Petry, Director of Business Development Germany bei Park Place, in einem Beitrag für DataCenter-Insider. „Anders als die Hersteller werden dabei die Wartungskosten nicht erhöht, sondern signifikant reduziert.“

    Als großer Vorteil der TPM wird immer wieder genannt, dass die Anbieter oft flexibler und schneller auf Hardware-Probleme reagieren als die Original-Hersteller. Darüber hinaus können sie Multi-Vendor-Support leisten und so einen Single-Point-of-Contact für Hardware- Störungen im Rechenzentrum offerieren.

    „Unsere für Sie konfigurierte Hardware wird direkt vor dem Versand noch einmal getestet. Wir verwenden eine spezielle Testsoftware, welche die wichtigsten Parameter des konfigurierten Servers prüft und einen Hochleistungstest durchführt. Danach verpacken wir Ihren Server, damit er quasi ‚noch warm‘ an Sie geliefert werden kann“, wirbt etwa Gekko Computer. Immer gilt es jedoch darauf zu achten, wie lange eine Gerätegarantie tatsächlich angeboten wird.

    Aber nicht nur bei der Dauer von Garantien gibt es Unterschiede, auch die Service Level Agreements (SLAs) variieren stark. Hier gilt es für Anwender genau darauf zu achten, welche Art von Support offeriert wird – 24x4x4, 9x5x4 oder 9x5xnb (Next Businessday) – und wie schnell ein Techniker bei einem Geräteausfall vor Ort erscheint.

    3. Großer Hemmschuh: Security-Bedenken

    Es könnte noch viel mehr Gebraucht-Hardware für Rechenzentren in den Handel kommen – wenn diese denn vorrätig wäre. Gerade deutsche Unternehmen tun sich nämlich schwer mit dem Loslassen. Eine Umfrage der Blancco Technology Group unter 600 Experten für Rechenzentren in Nordamerika, den APAC-Staaten und in Europa – darunter 100 Experten aus Deutschland – hat 2019 ergeben, dass mehr als ein Viertel (26 Prozent) der deutschen Unternehmen jedes Jahr mehr als 100.000 Euro für die Aufbewahrung nutzloser Hardware ausgibt.

    Hauptursache hierfür ist die Gefahr, dass die Sicherheit der Daten auf aussortierter Hardware verletzt wird oder dass diese in die falschen Hände gelangen. Das heißt konkret, dass Unternehmen sich häufig entgegen den geltenden Datenschutzbestimmungen entscheiden, erhebliche Summen für die Aufbewahrung dieser Geräte auszugeben, anstatt diese Experten für sichere und rechtskonforme Datenlöschung anzuvertrauen und die Hardware anschließend wiederzuverwenden.

    „Deutsche Unternehmen verschwenden unnötig hohe Summen aufgrund von Mängeln bei der Einhaltung von gesetzlichen Vorschriften und durch Aufbewahrungskosten. Diese Kosten könnten problemlos minimiert werden“, zeigt sich Fredrik Forslund, Vice President, Enterprise and Cloud Erasure Solutions bei Blancco, überzeugt. „Dies deutet auf ein hohes Maß an Unkenntnis innerhalb der Branche hin, was mit defekter oder veralteter Hardware zu tun hat. Deutsche Unternehmen horten Hardware aus Angst vor Datenschutzverletzungen. Die Folge sind Effizienzverluste, steigende Kapitalkosten, mögliche Verstöße gegen geltende Datenschutzbestimmungen und potenzielle Sicherheitsrisiken.“

    Fazit

    Lassen Sie uns mit einem Fazit der eingangs zitierten Technogroup schließen: Um ITEquipment lange hochverfügbar zu halten, empfiehlt sich eine professionelle Hardwarewartung. Über das Ende des Herstellersupports hinaus bieten Drittwartungsanbieter auch bei refurbished Hardware Wartung mit hohen Standards und kurzen Reaktionszeiten. Und in der Regel ist eine Drittwartung wesentlich günstiger als die Wartung durch den Hersteller.

    „Die gebrauchten, aber neuwertigen Geräte schonen nicht nur den Geldbeutel der Kunden, sondern auch die Umwelt. Es werden Ressourcen für die Produktion eingespart und Elektroschrott vermieden“, so Klaus Stöckert, CEO der Technogroup.

    * Dr. Dietmar Müller ist freier Journalist und lebt in Niederbayern.

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