Wer hätte damit gerechnet? Intel und AMD im Preiskrieg um Server-CPUs

Von Anna Kobylinska und Filipe Pereira Martins*

Intel hat intern Alarmstufe Rot ausgerufen: Für jede sechste Server-CPU bekommt jetzt AMD mit „Epyc“ den Zuschlag. In der Gerüchteküche brodelt es. Der Grund: die fallenden Chip-Preise. Lieber kaufen oder lieber doch noch warten?

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Beim Wiedereintritt von AMD in dern Markt für Server-CPUs sah es ganz nach einem Kampf David gegen Goliath aus. Doch jetzt luchst AMD dem Konkurrenten und der ewigen Nummer 1 nennenswerte Marktanteile ab. Das sorgt für einen Preiskampf.
Beim Wiedereintritt von AMD in dern Markt für Server-CPUs sah es ganz nach einem Kampf David gegen Goliath aus. Doch jetzt luchst AMD dem Konkurrenten und der ewigen Nummer 1 nennenswerte Marktanteile ab. Das sorgt für einen Preiskampf.
(Bild: Mystic Art Design auf Pixabay)

Im Markt für Server-CPUs konnte AMD im zweiten Quartal einen Rekordanteil von 16 Prozent für sich verbuchen. Die neueste, dritte Generation von AMDs Datencenter-Chips, „Epyc Milan“, stößt offenbar auf regen Zuspruch. Die ersten Lieferungen hatten die drei Public-Cloud-Hyperscaler verschlungen.

Lisa Su, CEO und Vorstandsvorsitzende von AMD, heizt den Markt kräftig an.
Lisa Su, CEO und Vorstandsvorsitzende von AMD, heizt den Markt kräftig an.
(Bild: AMD via Twitter)

Intel sitzen jetzt die Investoren im Nacken. Insiderberichten zufolge hat der Chip-Riese Gegenmaßnahmen ergriffen und überflutet den Markt mit CPUs zu Dumping-Preisen.

Intel-CEO Pat Gelsinger will jetzt beschleunigt zum Gegenschlag ausholen.
Intel-CEO Pat Gelsinger will jetzt beschleunigt zum Gegenschlag ausholen.
(Bild: Intel Corp.)

AMD kämpft gerade mit Fertigungsproblemen und kann Intels Preissenkungen momentan schlecht kontern. Intel hatte zwischendurch mit Lieferengpässen zu kämpfen, als der 10+-nm-Fertigungsprozess (das Performance-Äquivalent zu TSMCs 7nm, siehe: „Aus 10 wird 7, aus 7 wird 4 und aus Nanometer Angström; Intel läutet Angström-Ära ein “) beim Anlauf der Produktion von „Ice Lake“ stotterte. Jetzt geht Intel zum Angriff über.

Schlank und rank

Das ist nicht das erste Mal, dass Intel einen Preiskrieg anzettelt. Versuche hatte der Chip-Riese schon in der Vergangenheit mehrere unternommen; es hat aber noch nie richtig funktioniert.

Aufteilung der globalen Marktanteile von x86-CPUs zwischen Intel und AMD von 2012 bis 2021, von Quartal zu Quartal
Aufteilung der globalen Marktanteile von x86-CPUs zwischen Intel und AMD von 2012 bis 2021, von Quartal zu Quartal
(Bild: Statista)

Nichts scheint logischer als seine Rivalen mit niedrigeren Preisen zu unterwandern, um Marktanteile zurückzuerobern. Doch in einem Oligopol wie dem Markt für x86er Server-CPUs gelten besondere Spielregeln.

Nach der reinen Betriebswirtschaftslehre müsste ein Preiskrieg für alle Teilnehmer eines Oligopols – in diesem Fall also Intel und AMD – nach hinten los gehen. Am Ende würden beide Marktakteure mehr als zuvor produzieren müssen, um denselben Gewinn einzufahren, weil sie infolge ihres Preiskriegs pro Produkteinheit geringere Umsätze als zuvor erzielen würden. Nur für die Kunden wäre es ein Grund zum Feiern. Für das Oligopol gilt: Wer auch immer zuerst aus der Reihe tanzt, verliert am meisten.

Dann kann aber auch keiner der Anbieter seine eigenen Preise einfach so mal eben wieder anheben, solange sein(e) Rival(en) noch über freie Kapazitäten verfügen – außer im Falle einer kartellrechtswidrigen Absprache (dafür ist im Markt für Erdöl die OPEC da). Aus Intels Perspektive erscheint ein Preiskrieg zwar riskant, aber durchaus verlockend. Denn AMD hat zwei relevante Schwachpunkte: weniger diversifizierte Einnahmequellen und keine eigenen Fabriken.

Gewinner? Verlierer?

Intels erzielbarer Umsatz ist eine Funktion der eigenen Preise und der bestellten und gelieferten Menge, die von der Anzahl geplanter Server-Lieferungen abhängt. Diese Zahl bestimmt wiederum das Zusammenspiel aus der Server-Nachfrage und der Wettbewerbsfähigkeit von Rivalen.

Die von Intel de-facto erzielten Preise entstehen in brutalen Verhandlungen mit großen OEMs und Hyperscalern, Unternehmen wie IBM, Dell, HPE, Inspur, AWS, Microsoft & Co. Einige dieser Schwergewichte haben einen höheren Jahresumsatz als Intel selbst. Sie können Intel und AMD gegeneinander ausspielen – und sie stecken selbst in der Zwickmühle.

Lieferengpässe in den Versorgungsketten drohen, Server-Anbietern einen Strich durch die Rechnung zu ziehen. Mängel an Komponenten wie integrierten Schaltkreisen für PMUs (den sogenannten PMICs) könnten den Server-Lieferungen zum Jahresende einen deutlichen Dämpfer verpassen – und was dann? Intel versucht, das Eisen zu schmieden, solange es heiß ist.

Die Entwicklung der Lieferungen von Server-CPUs der beiden Rivalen Intel und AMD (in Stück, linke Achse) und der persistent steigende Anteil von AMD-Chips an der Gesamtanzahl (rechte Achse in Prozent) bis Anfang des Jahres 2021 haben Pat Gelsinger den CEO-Posten bei Intel beschert. Anteile anderer CPU-Architekturen sind in dieser Darstellung nicht berücksichtigt.
Die Entwicklung der Lieferungen von Server-CPUs der beiden Rivalen Intel und AMD (in Stück, linke Achse) und der persistent steigende Anteil von AMD-Chips an der Gesamtanzahl (rechte Achse in Prozent) bis Anfang des Jahres 2021 haben Pat Gelsinger den CEO-Posten bei Intel beschert. Anteile anderer CPU-Architekturen sind in dieser Darstellung nicht berücksichtigt.
(Bild: Mercury Research)

Intel will es auch nicht bei einer Preisreduktion belassen. Das Unternehmen tüftelt an neuen Designs, um auch die Fertigungskosten weiter nach unten zu drücken. Letzteres kann sich auf die Wettbewerbsfähigkeit der x86-Chips mit ARM-Designs positiv auswirken und Intel gegenüber Anbietern wie Ampere, Fujitsu oder Huawei langfristig besser aufstellen.

Die Grenzkosten einer Halbleiterschmiede wie Intel liegen deutlich unter den Durchschnittskosten, weil zusätzlicher Output nach dem erstmaligen Hochfahren der Kapazitäten keine Fixkosten mehr verursacht. Diese Kostenstruktur schafft für Intel Anreize, die Preise zu senken, um die Auslastung der Produktionsanlagen zu maximieren.

Auf AMD trifft es aber schon mal nicht zu. Denn AMD ist eben „schlank und rank“ (Eng. „lean and mean“).

Die Produktion der Halbleiter für die „Zen“-Mikroarchitektur von AMDs CPU-Familien Epyc und „Ryzen“ läuft bei der taiwanesischen TSMC vom Band. Der Nachteil: AMD kann den Karren nicht selbst aus dem Dreck ziehen.

Intel hingegen ist vertikal integriert; die Entwicklung und Fertigung finden in einer Lieferkette statt, die man selbst fast vollständig kontrolliert. Intels CEO Pat Gelsinger kann so einen viel größeren Hebel in Bewegung setzen, um die konkrete Ausgestaltung seines Angebots und die Preise zu beeinflussen, als sein um die Hälfte kleinerer Erzrivale AMD.

Intel fand auch bereits einen Weg, um sich der eigenen Kostendynamik zu entziehen: durch die kommerzielle Bereitstellung seiner Fertigungskapazitäten an die eigenen Mitbewerber im Rahmen von „Intel Foundry Services“ - wie Samsung oder TSMC.

Die Roadmap von Intel bis zum Jahr 2025
Die Roadmap von Intel bis zum Jahr 2025
(Bild: Intel Corporation)

Das junge Foundry-Geschäft konnte bereits erste große Erfolge verbuchen. AWS möchte Intels Chip-Packaging-Dienste nutzen, während Qualcomm für künftige Chipdesigns auf den 20-Angstrom-Prozess zurückgreifen will (1 Angström = 0,1 Nanometer).

Mit der Öffnung der eigenen Fertigungslinien verfolgt Intel mehrere Ziele. Zum einen möchte das Unternehmen neue Einnahmequellen erschließen, zum anderen eine bessere Auslastung der Kapazitäten erreichen. Letzteres erlaubt es der Halbleiterschmiede, die massiven Fixkosten über höhere Stückzahlen abzuschlagen. Nebenbei lässt sich das Projekt unter dem Mantel der nationalen Sicherheit im großen Maßstab vermarkten.

Im vergangenen September erhielt Intel den Zuschlag für die Bereitstellung seiner jungen Foundry-Dienste von dem Chip-hungrigen US-Verteidigungsministerium. Intel will bei dem Projekt mit anderen Branchenführern zusammenarbeiten, darunter Unternehmen wie IBM, Cadence und Synopsys, um den Bedarf der US-Regierung an der Entwicklung und Herstellung hochgesicherter integrierter Schaltkreise zu unterstützen.

Ann Kelleher, Senior Vice President und General Manager of Technology Development bei der Intel Corporation, spricht während einer virtuellen Präsentation im Rahmen der Veranstaltung "Intel Accelerated" am 26. Juli 2021.
Ann Kelleher, Senior Vice President und General Manager of Technology Development bei der Intel Corporation, spricht während einer virtuellen Präsentation im Rahmen der Veranstaltung "Intel Accelerated" am 26. Juli 2021.
(Bild: Intel Corp.)

Das ultimative Ziel besteht in der Erschaffung eines IP-Ökosystems für Halbleiter zur Entwicklung und Herstellung von Testchips auf 18A, Intels fortschrittlichster Prozesstechnologie, um die nationalen Versorgungsketten resilienter zu gestalten.

Neue Fertigungsstätten

Zwei neue Fertigungsstätten sollen dazu beitragen: Fab 52 und Fab 62 auf dem viel bestaunten Campus Ocotillo. Die 20 Milliarden Dollar schwere Investition ist die größte in der Geschichte des US-Bundesstaates Arizona. Intel steht derzeit mit rund 36 Milliarden Dollar bei einem Verschuldungsgrad von 45 Prozent in der Kreide. (Zum Vergleich: AMD ist nur zu 4,4 Prozent verschuldet.)

Entwicklung der Umsätze der führenden Halbleiterschmieden.
Entwicklung der Umsätze der führenden Halbleiterschmieden.
(Bild: Statista)

Beim Spatenstich rieb sich Gouverneur Doug Ducey entsprechend hoffnungsvoll die Hände. Die rund 3.000 neuen Arbeitsstellen im High-Tech-Sektor (plus genauso viele zeitweise in der Baubranche) sollen weitere 15.000 Jobs in anderen Branchen ermöglichen und „Arizonas Position als Weltmarktführer in der Halbleiterfertigung festigen“. Die beiden neuen Fabriken nehmen den Betrieb im Jahr 2024 auf. Dann kann Intel endlich aufatmen.

Satte 63 Prozent der weltweiten Halbleiterfertigung konzentriert sich im kleinen sprechenden Inselstaat, dessen Souveränität seine große Schwesternation immer wieder bestreitet: Taiwan. Nur wenige Flugminuten vom Festland entfernt spricht Taiwan dieselbe Sprache.

Im Spielfeld nationaler Interessen

Am chinesischen Nationalfeiertag am ersten Oktober schickte das Reich der Mitte insgesamt 38 Kampfflugzeuge nach Taiwan in der bisher größten Machtdemonstration des Jahres, am Tag und in der Nacht. An dem Einsatz waren unmissverständlich achtzehn J-16-Kampfjets und zwei H-6-Bomber beteiligt. Taiwan habe die Manöver mit seinen Luftverteidigungssystemen mitverfolgt, erklärte das Verteidigungsministerium des Inselstaates in einer Mitteilung.

Geografische Verteilung der Marktanteile der Auftragsfertigung von Halbleitern im gesamten Pandemiejahr 2020; Angaben in Dollar
Geografische Verteilung der Marktanteile der Auftragsfertigung von Halbleitern im gesamten Pandemiejahr 2020; Angaben in Dollar
(Bild: Trend Force)

China spielt gegenüber dem Inselstaat, den es als Teil seines Territoriums beansprucht, beinahe täglich die Muskeln, in der Luft und auf See. Taiwan und China trennten sich 1949 im Zuge eines Bürgerkriegs; China schwebt seither eine Wiedervereinigung vor.

Peking lehnt die Beteiligung von Taipei an internationalen Organisationen kategorisch ab. Nachdem Taiwan Ende September Interesse bekundet hatte, sich um die Aufnahme in eine pazifische Handelsgruppe zu bewerben (der übrigens auch China angehören möchte), ließ das Festland 24 Kampfflugzeuge die Insel überfliegen.

Japans Premierminister Yoshihide Suga hat sich für die „Bedeutung von Frieden und Stabilität über die Taiwan-Straße hinweg" und auch für „die friedliche Lösung der Probleme zwischen den beiden Seiten der Taiwanstraße“ ausgesprochen. Der japanische Verteidigungsminister Yasuhide Nakayama rief auch schon die westlichen Demokratien dazu auf, mal endlich „aufzuwachen“ und „Taiwan als ein demokratisches Land zu schützen“. Japans stellvertretender Premierminister Taro Aso sieht in einer Übernahme von Taiwan durch China eine „existenzielle Bedrohung“.

Die Deglobalisierung der Halbleiterfertigung

Nachdem eine weltweite Halbleiterknappheit die Gefahren der Abhängigkeit von asiatischen Lieferanten aufgezeigt hatte, ist man im Westen auch schon darauf gekommen. Die Vereinigten Staaten und die Europäische Union schmieden seither Pläne für einen Exodus der Halbleiterindustrie aus Asien. Ob das Taiwan hilft, die eigene Staatssouveränität zu wahren, steht auf einem anderen Blatt.

Sollten weltweite Kapazitäten der Halbleiterfertigung plötzlich einbrechen, dürften sich fallende CPU-Preise als ein kurzlebiges Phänomen entpuppen. Wer rechnen will, kann jetzt ruhig zuschlagen.

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