Strato-Chef Dr. Christian Böing im Interview

Hoster und RZ-Betreiber Strato auf neuen Wegen

| Autor: Ulrike Ostler

Das Bild zeigt einen Server-Kaltgang im Strato-Rechenzentrum, Berlin.
Das Bild zeigt einen Server-Kaltgang im Strato-Rechenzentrum, Berlin. (Bild: Strato AG)

Sie erinnern sich? Die Fernsehkampagne „Das beste Netz“, inszeniert wie eine Oscar-Verleihung und der Telekom-Darsteller geht leer aus? Das war der TV-Spot von 1&1. Kurze Zeit später jubelte Mr. Internet im 10-Sekünder: Die Telekom-Tochter Strato ließ ihn auf einer Bühne als „Service Champion feiern, während die 1&1-Mann-Kopie in der Warteschleife hängt. Der Strato-Vorstandsvorsitzende Christian Böing nimmt nicht nur dazu Stellung.

Ganz schön frech waren die Fernsehkampagnen von 1&1 und Strato aus dem vergangenen Jahr, fast schon eine Fortsetzungsgeschichte und sicherlich ein Bruch mit deutschen Wettbewerbsgepflogenheiten.

Christian Böing: Tja, da hatte sich zuerst 1&1 und dann wir etwas ganz Gemeines ausgedacht (Böing, schmunzelt). Der Schuss gegen die Telekom durch die Werbung mit dem angeblich besten Netz war eigentlich besonders amüsant, weil 1&1 gar kein eigenes Netz betreibt. Der Testsieg von 1&1 ging letztlich nur auf einen besseren WLAN-Router zurück. Insofern fußte die Werbung mit der Auszeichnung „bestes Netz“ auf dem Nichts.

Hier ein Bild aus der TV-Kampangne "Strato rockt das Internet".
Hier ein Bild aus der TV-Kampangne "Strato rockt das Internet". (Bild: Strato)

Wir hingegen können auf eine Service-Studie hinweisen, die im Oktober 2015 unter Beteiligung der Publikation „Die Welt“ und der Goethe-Universität in Frankfurt erhoben wurde. Strato wurde in dem Ranking 2015 zum zweiten Mal Testsieger der Branche 'Webhosting-Anbieter'.

Die Reaktionen waren durchaus unterschiedlich. In den sozialen Medien gingen 60 bis 70 Prozent der Bewertungen in Richtung „cool“, manche aber sahen die Werbung als „billig“ an, von der Tendenz her „Das macht man nicht.“ Von 1&1 indes kam nichts, doch bei der Telekom selbst herrschte große Aufregung. Ein Großteil der Diskussion drehte sich hier um den Punkt, man werde instrumentalisiert.

Jedenfalls sorgten die Retourkutschen für viel Wind. Und jetzt?

Christian Böing: Die Marke Strato stand bislang für standardisiertes Massen-Hosting. Doch schon seit einiger Zeit bieten wir Managed Solutions für durchaus anspruchsvolle Geschäftskunden an, und zwar bis vor kurzem mithilfe der Tochtergesellschaft Cronon AG. Diese ist auf ERP-Software und Datenbank-Management, Rechenzentrums-Outsourcing sowie Internet Service Providing spezialisiert. Immerhin generierte Cronon Umsatz im einstelligen Millionen-Bereich. Doch die meisten Strato-Kunden kennen weder den Namen noch das Angebot.

Doch nun sprechen wir seit dem vergangenen Jahr unter „Strato Business Solutions“ unsere Bestandskunden mit individuellem Managed Hosting an. Das umfasst die Planung, den Aufbau und den Betrieb einzelner Server bis hin zur kompletten IT-Infrastruktur, vom Miniunternehmen bis zu großen E-Commerce-Sites.

Und anders als bisher steht der Service-Gedanke im Vordergrund. Dazu gehören dedizierte Ansprechpartner in allen Bereichen des Produktportfolios, vom Berater, der mit den Kunden diskutiert, wie die Geschäftsentwicklung verlaufen und die IT skalieren kann, Migrationsunterstützung, ein deutschsprachiger 24/7-Support mit festen Ansprechpartnern, eine schnelle Reaktionszeit und flexible Vertragsmodelle, die Berücksichtigung kundenorientierter Prozesse und Rechnungslegung.

Dr. Christian Böing ist der Vorstandsvorsitzende der Strato AG.
Dr. Christian Böing ist der Vorstandsvorsitzende der Strato AG. (Bild: © kai abresch photography)

Welche Rolle spielen die eignen Rechenzentren in Deutschland?

Christian Böing: Strato betreibt hierzulande zwei Rechenzentren, eins in Berlin mit rund 5.000 Quadratmetern Whitespace und eins in Karlsruhe mit rund 1. 000 Quadratmetern. Ohne die eigenen Rechenzentren könnten wir unsere individuellen Managed Hosting Lösungen nicht so schnell und flexibel anbieten.

Nehmen die Kunden die Rechenzentren in Augenschein?

Christian Böing: Das kommt durchaus vor. Je größer die Kunden sind, desto wahrscheinlicher, dass sie etwa die Sicherungsmaßnahmen und –techniken in Augenschein nehmen wollen, etwa im Anbahnungsprozess.

Im Eco Verband der Internet-Wirtschaft e.V. scheint es einen Konsens darüber zu geben, dass insbesondere Hosting-Companies nicht gerade Standort-loyal sind und wegen möglicher Einsparungen gerne in Steuer- und Strompreis-begünstigte Regionen abwandern. Was hält Strato-Rechenzentren in Deutschland?

Christian Böing: Ich weiß, dass das bei anderen so ist; es locken Frankreich, Amsterdam, … Doch zum einen gibt es ein ganz klares Kommitment seitens Strato zu Deutschland, und zum anderen gibt es ein paar handfeste Vorteile. Ein Rechenzentrum vor Ort fühlt sich, selbst wenn es für die Kunden nicht das eigene ist, nicht als Fremdkörper an. Das gilt auch für die Mitarbeiter. Sie sind quasi stolz auf ihr Datacenter.

Und es befindet sich die gesamte Mannschaft in Rufbereitschaft. Wenn etwas sein sollte, können sie „´mal eben kurz ´rüberkommen“.

Klar ist vor allem der Strompreis ein Nachteil für den Rechenzentrumsbetrieb. Doch wir versuchen den steigenden Energiekosten mit Effizienzmaßnahmen entgegenzusteuern.

So bauen wir seit 2012 sukzessive auf freie Kühlung um, also: gefilterten Durchzug. Das funktioniert ohne Generatoren für Kühlmaschinen im Temperaturbereich von 3 bis 26 Grad.

Zudem haben wir die Hardware auf Effizienz getrimmt. Einige Server werden speziell für uns gebaut, etwa die, die im Bereich Dedicated Root Server eingesetzt werden. Diese sind nur selten stark ausgelastet, in der Regel 2 bis 3 Prozent, so dass diese Geräte in diesem Modus am effizientesten arbeiten. Zudem gibt es in vielen Geräten keine mechanische Kühlung.

Schließlich achten wir darauf, dass die Geräte von hoher Qualität sind. Damit gehen wir zwar in Vorleistung gegenüber den Kunden, denn diese bezahlen dafür keinen Aufpreis, doch über die Zeit rentieren sich die Investitionen.

Zu den Nachteilen am Standort Deutschland darf auch gezählt werden, dass Mitarbeiter für Rechenzentren nur schwer zu finden sind.

Christian Böing: Ich müsste lügen, wenn ich behauptete, dass uns die Leute einfach zuliefen. Doch erstens ist der Standort Berlin ein Glücksfall; denn da gibt es zahlreiche fachkundige Experten. Zweitens sind wir sehr erfolgreich, was die Beschäftigung fremdsprachiger Mitarbeiter angeht. Und schließlich spricht für uns, dass wir durch die Vielzahl verschiedenartiger Aufgaben ein interessantes Arbeitsumfeld bieten können. Da kommen uns die individuellen Projekte im Bereich Business Solutions zur Hilfe. Denn während die Aufgaben im Massen-Hosting stark standardisiert und automatisiert sind, bieten diese von der Konzeption über den Aufbau bis hin zum Konfigurieren und Betreiben von Shared Services eine große Bandbreite.

Derzeit planen wir etwas Neues. Bei uns soll es auch die Möglichkeiten eines Dualen Studiums geben: also praktische Ausbildung kombiniert mit einem Studium.

Hinweis: Dr. Christian Böing ist auf dem DataCenter Day am 25. Oktober 2016 Gast der Podiumsdiskussion zum Thema: „Datacenter – keine Alternative als die Flucht?“

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