Der Bebauungsplan für das Rechenzentrum in Birstein ist in Kraft. Argaman nennt erstmals Details zu Stromversorgung, Kühlung, Arbeitsplätzen und Inbetriebnahme.
Symbolbild: Nach dem Satzungsbeschluss kann das Projekt in die nächste Phase gehen. Geschäftsführer Dr. David Roitman erläutert den Stand der Planungen und die Erwartungen an den Standort.
(Bild: Midjourney / Paula Breukel / KI-generiert)
Nach einem 14-monatigen öffentlichen Dialog mit der Gemeindevertretung und der Öffentlichkeit um das geplante Rechenzentrum im osthessischen Birstein ist die planungsrechtliche Grundlage geschaffen: Die Gemeindevertretung hat am 11. Juni 2026 den Bebauungsplan „Im obersten Grünnel“ als Satzung beschlossen, mit 14 Ja- und neun Nein-Stimmen bei einer Enthaltung. Ebenfalls an diesem Abend verabschiedete das Gremium den städtebaulichen Vertrag mit der Argaman Group, mit 12 zu 10 Stimmen bei zwei Enthaltungen.
Bürgerbegehren scheitert an zwei juristischen Stellungnahmen
Bereits zu Beginn derselben Sitzung hatte die Gemeindevertretung ein Bürgerbegehren der Initiative „Gemeinsam für Birstein“ (GFB) mit 16 zu 8 Stimmen abgelehnt. Ausschlaggebend seien laut Roitman zwei juristische Gutachten gewesen, die sowohl inhaltliche Mängel als auch einen formalen Grund festgestellt hätten: „Formal war die Bauleitplanung bereits abgeschlossen. In Hessen ist ein Bürgerbegehren nach Vollendung der Bauleitplanung unzulässig“, erläutert der Geschäftsführer im Gespräch mit DataCenter-Insider.
Diese Einschätzung sei vom zuständigen Amt des Landes Hessen und von einer unabhängigen Kanzlei bestätigt worden, die die Gemeinde beraten habe. Ein anschließender Antrag auf ein Vertreterbegehren, für den eine Zwei-Drittel-Mehrheit nötig gewesen wäre, wurde mit demselben Stimmenverhältnis abgelehnt.
Bei der Stromversorgung lägen laut Roitman bereits zwei Konzepte vor, die eine Versorgung ab 2029, spätestens jedoch 2030, ermöglichen werden. Details wollte er im Gespräch jedoch nicht offenlegen: „Wir haben zunächst darauf gewartet, dass der Bebauungsplan da ist.“
KI spielt vorerst keine Rolle
Zur geplanten Nutzung des 200-Megawatt-Standorts sagt Roitman: „Der Standort liegt am Rand der Frankfurter Availability Zone – dieser wächst gerade stark Richtung Osten, nach Hanau und Erlensee. Deshalb ist der Standort ideal für einen Hyperscale oder Colocation-Site geeignet.“ Ein KI-Rechenzentrum sei an diesem Standort derzeit nicht vorgesehen: „Im Moment rechnen wir nicht mit einem Standort für KI.“
Beim Kühlkonzept ist die Richtung bereits klar, auch wenn viele technische Details noch offen seien: „Was die Kühlung angeht, haben wir konkrete Vorstellungen, entweder ganz mit Luft oder mit einem geschlossenen Kühlkreislauf zu arbeiten. Es soll auf jeden Fall ein wasserarmes oder gar kein Wasser benötigendes System sein.“
Zu Leistungsdichten pro Rack könne er noch nichts sagen, so Roitman: „Da müssen wir noch weiter die Gespräche führen mit den Nutzern.“ Diese kommen gerade ins Rollen, „da wir jetzt das Baurecht haben.“
Es entstehen zwischen 100 und 200 Arbeitsplätze, nicht 250
Die Zahl von 250 Arbeitsplätzen stammt laut Roitman nicht von der Argaman Group selbst: „Wir können uns bis zu maximal 200 Arbeitsplätze vorstellen, also zwischen 100 und 200.“
Die konkrete Zahl hänge vom gewählten Betriebskonzept ab: „Ein Hyperscaler braucht weniger Mitarbeiter als ein Colocation-Betrieb, da es mehr Personal für jeden einzelnen Mieter bedarf.“ Auch eine Aufteilung in Hyperscaler- und Colocation-Flächen sei denkbar.
Zu den vorgesehenen Funktionen zählt Roitman unter anderem Standortleitung und Verwaltung, einen technischen Leiter, Facility Management, Rechenzentrumsbetrieb im 24/7-Schichtbetrieb, Elektro- und Techniker für Heizungs-, Lüftungs- und Klimatechnik (HLK-Techniker), Ersatzteil- und Lagerverwaltung sowie Compliance-, Sicherheits- und HSE-Management (Health, Safety, Environment). Hinzu kämen Reinigungs- und infrastrukturelle Dienste sowie Personal der künftigen Mieter. Daraus ergebe sich laut dem Geschäftsführer auch die Möglichkeit, dass sich das Personal teilweise vor Ort ansiedelt.
Abwärme auch fürs Gemeindeschwimmbad
Für die Abwärmenutzung sei mit der Gemeinde bereits ein Wärme-Energiefonds vereinbart worden. Ein Energiekonzept solle zudem einen Wärmeanschluss für Birstein ermöglichen: „Es ist sogar noch extra im städtebaulichen Vertrag eine Wärmelieferungsleitung für das Schwimmbad der Gemeinde Birstein vereinbart.“
Stand: 08.12.2025
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400 bis 500 Megawatt erneuerbare Energie in der Umgebung
Ausschlaggebend für den Standort sei die Nähe zu erneuerbaren Energien gewesen. Als klaren Standortvorteil nennt Roitman, dass in unmittelbarer Umgebung des Grundstücks „ungefähr 400 bis 500 Megawatt erneuerbare Energie“ vorhanden seien, und zwar aus Windkraft und aus Photovoltaikanlagen: „Das finden wir als interessante Ergänzung zu unserem Energiekonzept.“
Öffentlich sichtbar sei das Projekt für die Argaman Group eine Premiere, wie Roitman einräumt: „Wir haben schon ein paar Projekte realisiert. Doch die Argaman Group hält sich in der Regel zurück mit dem Öffentlichmachen von unseren Projekten.“
Auf die Nachfrage, wie das Unternehmen mit dem Widerstand aus der Bürgerschaft umgeht, sagt er, dass man damit gerechnet habe: „Man erwartet immer, dass es Menschen gibt, die eine andere Meinung haben, und das ist in einer Demokratie normal." Zwölf Monate lang habe man sich den Diskussionen gestellt, Infoveranstaltungen organisiert und sich an einer Arbeitsgruppe beteiligt. Vorschläge der Bürgerinitiative seien dabei „eins zu eins“ in den städtebaulichen Vertrag übernommen worden, so Roitman: „Die Vorschläge waren vernünftig.“
Netzengpässe größere Hürde als Stromknappheit
Als größte Herausforderung für Rechenzentrumsprojekte in Deutschland nennt Roitman nicht die Verfügbarkeit von Strom, sondern die Übertragungskapazitäten:
„Ich glaube, das Hauptproblem in Deutschland ist nicht, dass wir keinen Strom haben. Das Hauptproblem ist, wir haben Probleme an den Übertragungsnetzen von Strom. Das ist das wesentliche Problem.“
Die Übertragungsnetzbetreiber ließen sich für ihre Prüfungen viel Zeit und sichern die Grundstücke nicht im Voraus für die Expansion des Netzes. Die eigentlichen Hürden für jedes Projekt sehe er entsprechend „beim Strom, bei der Genehmigung, bei der politischen Akzeptanz“ sowie sowie beim Finden hochwassersicherer Flächen.
Man wolle das Projekt daher mindestens bis zur Baureife vorantreiben: „Für die Nutzer ist im Moment die Rechtssicherheit und die Bausicherheit das Wichtigste.“
Die Inbetriebnahme verschiebt sich auf 2029/2030
Ursprünglich sei die Fertigstellung für 2028 geplant gewesen. Durch den längeren Abstimmungsprozess mit der Gemeinde rechne Argaman nun mit einer Inbetriebnahme zwischen 2029 und 2030.
Die Argaman Group sei nach eigenen Angaben derzeit ausschließlich in Deutschland aktiv, mit Projektgrößen zwischen 20 Megawatt und 400 Megawatt (MW). Geografisch konzentriere man sich auf wenige Cluster: „Wir sind in der Regel im Rhein-Main-Gebiet aktiv, würde ich sagen. Also alles, was bis zu 50 oder 80 Kilometer von Frankfurt entfernt ist.“ Auch Berlin beobachte man weiter.
Die Datacenter-Strategie der Bundesregierung sieht Roitman skeptisch: „Die Regierung hat gute Absichten, aber bis es zu konkreten Entlastungen kommt, dauert es zu lang , als der Markt darauf warten kann. Dadurch entgehen Deutschland wirtschaftliche Chancen.“
Grund dafür seien aus seiner Sicht zu lange Entscheidungswege zwischen den beteiligten Fachabteilungen, und dass die Regulierung reaktiv statt proaktiv das bestehende Netz ausbaut.
Über den Gesprächspartner:
Dr. David Roitman ist Geschäftsführer der Argaman Group. Der Frankfurter Investor entwickelt Immobilien und Infrastruktur Projekte, inklusive Rechenzentren, im Rhein-Main-Gebiet; „Frank Cube“ in Birstein ist nach eigenen Angaben das erste öffentlich sichtbar gewordene Rechenzentrumsprojekt des Unternehmens.