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Datacenter-Wachstum gemessen in Megawatt Der (EU-) Rechenzentrumsmarkt bricht Rekorde

Autor: Ulrike Ostler

Zusammengenommen wurden Rechenzentren, die in Frankfurt, London, Amsterdam, Paris und Dublin angesiedelt sind, im zweiten Quartal 2020 mit mehr als 2.000 Megawatt Strom versorgt. Das lässt auf ein erhebliches Wachstum beim Bedarf an Datacenter-Leistungen, bei den Investitionen und an Fläche schließen.

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Die Coronavirus-Pandemie hat deutlich gezeigt: Rechenzentren sind wichtig, ja, kritische Infrastruktur. Das spiegelt auch die aktuelle Entwicklung in den europäischen Datacenter-Metropolen wider.
Die Coronavirus-Pandemie hat deutlich gezeigt: Rechenzentren sind wichtig, ja, kritische Infrastruktur. Das spiegelt auch die aktuelle Entwicklung in den europäischen Datacenter-Metropolen wider.
(Bild: © your123 - stock.adobe.com)

Die Stromversorgung für Rechenzentren in Frankfurt, London, Amsterdam, Paris und Dublin durchbrach im zweiten Quartal 2020 die 2.000-MW-Grenze. Der Stromverbrauch summierte sich auf insgesamt 2.053 Megawatt (MW), im ersten Quartal waren es 1.972 MW. Das berichtet der US-Dientsleister Datacenter Hawk, nach eigener Darstellung ein 'One-Stop-Shop' für IT-Fachleute, Berater, Rechenzentrumsbetreiber und Investoren, die Rechenzentren- und Cloud-Anbieter sowie -Sites finden wollen.

Zum Vergleich: Der Strombedarf in den wichtigsten Rechenzentrumsmärkten in Nordamerikas ist im gleichen Zeitraum um 277,5 Megawatt (MW) gewachsen – um mehr als das Doppelte eines durchschnittlichen Quartalswachstums (einschließlich Stromlieferung im Auftrag und Vorvermietung). Damit ist der Verbrauch auf kumulierte 4.429 MW angewachsen.

Datacenter Hawk führt das auf das gestiegene Hyperscaler-Geschäft und rege Aktivitäten im Finanzsektor zurück. So liegt Nord-Virginia vorne; im Vergleich zum Anstieg in diesem Bundesstaat ist die Nachfrage in den meisten anderen US-Staaten sogar zurückgegangen.

Datacenter in den europäischen Metropolen

In Europa verzeichne Frankfurt den höchsten zusätzlichen Bedarf. Das US-Unternehmen folgert daraus „ein in drei aufeinanderfolgende Perioden solides Marktwachstum“.

Bis zum 2. Quartal 2020 sei jedoch London mit einer in Betrieb genommenen Gesamtleistung von 777,6 MW der größte Markt für Co-Location-Rechenzentren in Europa. Frankfurt und Amsterdam hätten das Quartal nahezu gleich groß beendet und bekleideten in puncto Strombedarf den zweiten und den dritten Platz. Der Stromverbrauch in den Städten habe sich jeweils auf 451,3 MW und 430,6 MW summiert.

Das Wachstum, das nötig war, um dorthin zu gelangen, sei für Frankfurt „keine geringe Anstrengung“ gewesen, so der US-Dienstleister. Der Anstieg in Frankfurt am Main belaufe sich auf 37,3 MW, etwa neun Mal so hoch wie in Amsterdam (4,1 MW).

Von Cloud bis Edge

Der Dienstleister setzt den Strombedarf im Wesentlichen gleich mit Wachstum: So sei ein Großteil des Frankfurter Anstiegs auf einen 27-MW-Vormietvertrag zurückzuführen, den Iron Mountain mit einem großen Anbieter von Cloud-Diensten an dessen Standort FRA-1 abgeschlossen habe.

Für die Zukunft der europäischen Datacenter-Hotspots Frankfurt, London, Amsterdam, Paris und Dublin sieht das Medium keine Statusänderungen als wichtige Knotenpunkte. Zugleich aber nehme das Interesse an kleineren europäischen Tier-2- und Tier-3-Märkten zu.

So umgingen einige Rechenzentrumsbetreiber, die neu in Europa sind, die Tier-1-Märkte und entschieden sich dafür, ihren ersten Standort direkt in kleineren Märkten zu errichten, wo sie schnell Dynamik erzeugen könnten. Edge-Standorte gewännen ebenfalls an Fahrt, da große Rechenzentrumsbetreiber und Cloud-Service-Anbieter über 100 Edge-Standorte in ganz Europa einrichten wollten.

Was sich in Frankfurt getan hat

Die Global Data Center Advisory Group von Cushman & Wakefield bestätigt mit ihrem jüngsten Report über die europäischen Datacenter die Einschätzung. Der Lockdown habe die Notwendigkeit einer robusten IT-Infrastruktur bewiesen, wegen Homeoffice und weil die Menschen in ihrer Freizeit mehr Video-Streaming und Online-Spiele genutzt hätten. Sofortige Spitzen im Internet-Verkehr die neue Realität widergespiegelt.

Der Internet-Austauschknoten DE-CIX hat einen Weltrekord-Durchsatz von 9,1 Terabit pro Sekunde gemeldet. Dieser Datenfluss beinhaltete einen 50-prozentigen Anstieg bei Video-Konferenzen und einen 25-prozentigen Anstieg sowohl bei Online-Glücksspielen als auch bei der Nutzung sozialer Medien.

So sei in Frankfurt am Main eine Expansion von weit über 100 MW in vollem Gange ist. Dazutragen die globalen Anbieter Digital Realty und Equinix bei, die an mehreren Standorten arbeiten, die REIT-Wettbewerber Cyrusone und Iron Mountain sowie Colt, Interxion und Etix. Sie erwarteten, einen der Cloud-Giganten als Ankermieter zu gewinnen. Die zuvor angekündigte "Xscale"-Partnerschaft zwischen Equinix und dem Investor Government of Singapore Investment Corporation (GIC) trage bereits Früchte, wobei die erste Phase von „FR9x“ Mitte 2021 online gehen soll.

In den vergangenen Monaten wurden zwei große Fusionen abgeschlossen, die ebenfalls beide Auswirkungen zeigen und die weitere Entwicklung vorantreiben. Die Übernahme von Interxion durch Digital Realty im Wert von 7,6 Milliarden Euro wurde im Frühjahr abgeschlossen, wobei die gemeinsame Plattform 86 MW in ganz Frankfurt überspannt. Interxion, wird zu einer separaten Einheit und bekommt den Zusatz „A Digital Realty Company“.

Die Vantage-Rechenzentren kündigten im Februar eine beeindruckende Expansion in ganz Europa an, planten neue Projekte in mehreren Sekundärmärkten und erwarben die luxemburgische Firma Etix Everywhere, um sofort Fuß zu fassen. Von besonderem Interesse war der kürzlich angekündigte Offenbacher Campus, der nun auf dem Weg zu einer ersten 15-MW-Phase ist, die bis Ende des Jahres abgeschlossen sein soll. Im Vollausbau wird sich der Campus über eine Fläche von 60.000 Quadratmetern erstrecken und eine Kapazität von 55 MW für Großmieter bieten.

Keppel Data Centre REIT indes hat den Erwerb einer Anlage in Kelsterbach für knapp 82 Millionen Euro abgeschlossen. Die bis 2025 an IBM vermietete Immobilie ist nach dem früheren Erwerb der Maincubes „FRA01“ das zweite lokale Rechenzentrum von Keppel.

Maincubes hat in jüngster Zeit in seinem Rechenzentrum FRA01 beachtliche Erfolge erzielt, angefangen mit Centurylink die sich Anfang des Jahres für einen neuen Point of Presence (PoP) angemeldet hat. Auch Cogent Communications hat Router hier in FRA01 platziert.

Wichtig sein zudem der neue Standort für RETN, da der pan-eurasische Netzbetreiber eine beträchtliche internationale Kundschaft mitbringt und das sofortige Neugeschäft vom Managed-Services-Anbieter Efero. Schließlich konnte Maincubes Partnerschaften mit Hydro66 (für Marketing- und Kundenoptimierungsbemühungen) und Epsilon (software-definierte Vernetzung) melden.

Der Datacenter-Markt in London

Brexit und COVID-19 können dem Rechenzentrumsmarkt in London nichts anhaben, so Cushman & Wakefield. Über 200 MW befinden sich im Bau. Grund dafür dürfte die Nachfrage nach Cloud-Angeboten sein. In einer neueren Gartner-Studie (wenn auch vor der Pandemie) wurden die Ausgaben für globale Cloud-Dienste in UK als die zweihöchsten identifiziert, nur die Vereinigten Staaten weisen noch höhere auf.

Während andere Gewerbeimmobiliensektoren Betriebs- und Finanzpläne ausarbeiten müssten, sei die Kapitalisierung laut Cushman & Wakefield der Rechenzentren für ganz London „bemerkenswert gut“. In Dublin ansässige und 2017 gegründete Firma Echelon Data Centres beispielsweise, die Rechenzentren in ganz Europa entwickelt - jetzt das erste in London- und eine Tochterfirma von Aldgate Developments ist, hat sich gerade weitere Investitionen aus einer Partnerschaft zwischen Pioneer Point Partners und Davidson Kempner gesichert. Die Investoren ühaben dabei eine 15prozentige Beteiligung an dem Unternehmen übernommen.

Die Datenzentren von Ark erhielten Ende 2019 rund 450 Millionen Pfund neuer Mittel unter der Leitung der ING, um den Ausbau an drei Standorten im Großraum London fortzusetzen. NTT hat seine Betriebsgesellschaften weltweit vereinheitlicht und entwickelt einen neuen großen Campus in Dagenham.

Indikatoren für die Zukunft

Cushman & Wakefield folgert: „Die Aussichten für London bleiben daher vorsichtig optimistisch“, obwohl die Marktvoraussetungen in besserer Verfassung scheinen als auf einigen anderen, kontinentalen Märkten. Dazu gehörte, so die Studie die größere Verfügbarkeit von Standorten und Strom, wenngleich dieser auch in London schwer zu beschaffen sei. So werde London auch der führende Standort in Europa bleiben, mutmaßen Cushman & Wakelfield.

  • Dazu beitragen könnte, dass Cyrusone die IBM Public Cloud-Dienste im Februar in seinem Rechenzentrum „London I“ untergebracht hat; Außerdem wird an einer 6-MW-Erweiterung von „London III“ gearbeitet.
  • Eunetworks hat den 1.000 Kilometer langen „Super Highway 1“, ein Untersee- und Überland-Kabel fertiggestellt. Es verbindet London, Dublin, Manchester und die Anschlusspunkte Southport und Lowestoft zu einem Netzerk, so dass die angeschlossenen Rechenzentren hohe Geschwindigkeiten anbieten können.
  • Hurricane Electric hat heuer den Global-Switch-Rechenzentren drei Standorte hinzugefügt, London, Amsterdam und Sydney.
  • Amazon Web Services (AWS) hat begonnen, die „Outpost“-Dienste in sieben Cloud-Regionen anzubieten - mit London als einem der ersten Märkte. Outposts bieten die Möglichkeit, eine hybride IT-Umgebungen zu schaffen.

Der Datacenter-Markt in Amsterdam

Wie der De-CIX hat auch der Internet-Austauschknoten AMS-IX Ende März mit acht Terabit pro Sekunde einen neuen Durchsatzrekord erzielt. Der Großteil dieses Verkehrs hat seinen Ursprung in Europa.

Laut Datacenter Hawk ist das 2019 in Kraft getretene Moratorium für Rechenzentren im 2. Quartal 2020 aufgehoben worden. Allerdings so Cushman & Wakkefiled habe es dafür gesorgt, dass nur eine Handvoll kleinerer Erweiterungen im Gange seien. Digital Realty und Interxion sind dabei - zusammen bieten sie in Amsterdam über eine Plattform von 99 MW -, sowie Iron Mountain und Equinix. Die derzeitigen Maßnahmen erhöhen die Kapazität um insgesamt 9 MW, laut Chushman & Wakefield.

Das vergleichsweise geringe Wachstum könnte demnächst zu einem Mangel an Kapazität führen und dazu, dass der Markt vorerst sehr eng werde, mutmaßt das Immobilienunternehmen. Doch die Kombination aus starker Nachfrage dürfte sowohl für Bewohner als auch für Investoren attraktiv sein, und in den kommenden Monaten wird trotz der Bauunterbrechung mehr Interesse an Amsterdam erwartet.

Das tut sich

Zu den interessanten Informationen, die das Geschehen in Amsterdam beschreiben, gehört, dass das Nationales Institut für subatomare Physik (Nikhef) angekündigt hat, die dortige Gemeinde wolle mehr Abwärme beziehen und zwar für weitere 720 Studentenwohnungen. Die Abwärme entsteht im Rechenzentrum und dem Forschungsinstitut. Die Anlage heizt bereits 800 lokale Häuser.

  • Colt Technology Services hat seine Kapazitäten bei Interxion in Amsterdam erweitert, um etwa mithilfe der „Azure Express Route SAP-Kundschaft zu gewinnen.
  • T-Systems erweitert die Partnerschaft mit NLDC um den zweiten europäischen Standort in Amsterdam. Das Unternehmen bietet seine europäische Open Telekom Cloud Suite vor Ort und vom ursprünglichen Standort in Deutschland aus an.

NorthC hat sein Amsterdamer Rechenzentrum um Relined-Konnektivität erweitert, jetzt mit vollem Zugriff auf das 30.000 Kilometer lange Glasfasernetz. NorthC ist das Ergebnis einer Fusion zwischen The Datacenter Group und NLDC.

Dublin und Paris und Tokio

  • Dublin bleibe eine wichtige Drehscheibe für Hyperscale-Entwicklungen. Derzeit in Planung: 153 MW.
  • Die Entwicklung in ganz Paris zeigt in Richtung Ausbau. Angekündigt sind neue Anlagen für Hyperscaler, derzeit im Bau befinden sich 28 MW.

Tokio ist nach wie vor einer der größten Rechenzentrumsmärkte der Welt, mit einer Wirtschaft, die tief im Finanzwesen, in der Technologie und in anderen Sektoren verwurzelt ist, die eine hohe Rechenkapazität erfordern. Equinix, Colt und Digital Realty in Partnerschaft mit Misubishi haben neue Projekte im Großraum Tokio gestartet, deren Fertigstellung für 2020 und 2021 erwartet wird.

Die Präfektur Inzaiin Chiba entwickelt sich mit diesen Entwicklungen rasch zu einem neuen regionalen Markt für Rechenzentren, und IIJ hat Mitte des Jahres einen neuen Campus im nahe gelegenen Shiroiat eröffnet. In Inzaiin gibt es nicht nur Co-Location, denn Google gab im Mai Pläne zur zur Entwicklung eines eigenen großen Campus bekannt, den ersten in Japan.

Ähnlich wie in den meisten entwickelten Märkten wird erwartet, dass die Ausgaben in der öffentlichen Cloud in den nächsten Jahren um mindestens 20 bis 25 Prozent steigen werden, da mittelgroße und große japanische Firmen ihre Infrastruktur modernisieren und ihre Arbeitslasten migrieren. In Verbindung mit der fortgesetzten Entwicklung von Osaka als Zielort für Rechenzentren bleiben die Aussichten für die landesweite Branche insgesamt positiv.

Gerade fertiggestellt oder im Bau befinden sich rund 111.400 Quadratmeter.

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Über den Autor

 Ulrike Ostler

Ulrike Ostler

Chefredakteurin DataCenter-Insider, DataCenter-Insider