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Interview mit Simon Ford, Cyrusone „Der Datacenter-Markt in Frankfurt ist wie ein BMW“

| Autor: Ulrike Ostler

„Der Markt in Frankfurt am Main ist wie ein BMW“, sagt Simon Ford, European Area Vice President Sales beim Real Estate Investment Trust (REIT) Cyrusone, „unglaublich robust und zuverlässig.“ Die Cyrusone Inc. plant gerade ihr viertes Rechenzentrum in Sossenheim – mit 17 Megawatt Leistung. Im Interview erläutert Ford, warum das Bauen nicht schnell genug vonstatten gehen kann.

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Das von Cyrusone geplante Rechenzentrum „Frankfurt IV“ in Sossenheim.
Das von Cyrusone geplante Rechenzentrum „Frankfurt IV“ in Sossenheim.
(Bild: Cyrusone)

„Frankfurt IV“ ergänzt das bestehende Portfolio von Cyrusone, das derzeit aus zwei Rechenzentren im Frankfurter Stadtteil Sossenheim besteht, die sich im Betrieb befinden, und einem betriebsbereiten. Insgesamt erreicht das Unternehmen damit in der Mainmetropole eine Gesamtkapazität von fast 90 Megawatt. Nach Fertigstellung wird Frankfurt IV 17 Megawatt Leistung auf 4.800 Quadratmetern in einem einzigen vierstöckigen Gebäude liefern.

Das Rechenzentrum folgt dem Standard-Design von Cyrusone und verfügt über einen geschlossenen Kaltwasserkreislauf. Dieses System verwendet Luftkühlung mit einem integrierten Kompressor und Kondensator, die den geschlossenen Wasserkreislauf kühlt. Dadurch reduziert sich der Wasserverbrauch während des Kühlprozesses. Ein niedriger PUE-Wert (Power Usage Efficiency) ist möglich.

Cyrusone betreibt fast 50 Rechenzentren in den Vereinigten Staaten, Europa und Asien. Das europäische Portfolio des Unternehmens umfasst insgesamt rund 150 Megawatt an Betriebsanlagen und in Entwicklung befindlichen Standorten in Frankfurt, London, Amsterdam und Dublin.

Simon Ford ist als European Area Vice President Sales bei Cyrusone verantwortlich für die Kundenbetreuung in der gesamten Region.
Simon Ford ist als European Area Vice President Sales bei Cyrusone verantwortlich für die Kundenbetreuung in der gesamten Region.
(Bild: Cyrusone)

Der Strom in Deutschland ist für Rechenzentren teuer. Warum bauen Sie trotzdem dort weiter, wo der Strom gar knapp werden könnte?

Simon Ford: Die FLAP- Märkte, das Akronym steht für Frankfurt, London, Amsterdam und Paris, sind, wie ein BMW einfach unglaublich stabil und funktionieren zuverlässig. Das kommt in Frankfurt auch aus der Historie: Hier gab es alle Banken und es gibt ausreichend Glasfaserverbindungen.

Davon konnten auch wir unheimlich profitieren: 2016 haben wir 18 bis 20 Megawatt anbieten können, heute sind es 44 Megawatt. „Frankfurt III“ ist ein 22-Megawatt-Rechenzentrum und davon sind bereits 20 vermietet. Frankfurt IV wird in der ersten Ausbaustufe 11 Megawatt bieten können. Doch gibt es bereits einen „Letter of Intend“ für den Ankauf und die Nutzung eines weiteren Areals.

Tatsache ist, wir können gar nicht schnell genug bauen, um die Nachfrage zu befriedigen.

Wer fragt denn nach?

Simon Ford: Hauptsächlich die Cloud-Companies - inklusive der Anbieter von Online-Gaming. Auch der Bau der vierten Anlage in Sossenheim wird durch die starke Nachfrage durch Hyperscaler vorangetrieben. Schon im Jahr 2019 haben die 80 Prozent des Marktes in Frankfurt ausgemacht.

Und COVID-19 hat den Bedarf noch einmal angekurbelt. Auch für uns gehört die Pandemie wirtschaftlich zu den größten Chancen. Denn die Unternehmen müssen so effektiv und effizient wie möglich arbeiten. Sie müssen sich fragen, wie viele Büro-Arbeitsplätze benötigt die Firma tatsächlich und können wir uns nicht besser über „Teams“, Webex“, „Zoom“… organisieren?

Das hat dazu geführt, dass die Download-Zahlen von Zoom im Jahresvergleich 33 Mal höher lagen; im April zählte der Anbieter 300 Millionen Teilnehmer an Online-Meetings, während es im Dezember gerade einmal 10 Millionen waren. Microsoft berichtet, dass zwischen dem 15. und dem 22. März rund 12 Millionen neue Teams-Nutzer registriert wurden; die Gesamtzahl ist auf 44 Millionen gestiegen, während es im Dezember 2029 noch 35 Millionen Nutzer waren. Die Zahl der Google-Nutzer ist im März/April um 16 Prozent gestiegen: täglich. Die Anwenderzahl in diesem Zeitraum ist gegenüber der des Januar 2020 um 22 Mal höher gelegen.

Und ich bin überzeugt: Das ist erst der Anfang, der Eintritt ins digitale Business.

Und wie spiegelt sich das bei Cyrusone wider?

Simon Ford: Zum Ende des zweiten Quartals 2020 hat Cyrusone einen Auftragsbestand in Höhe von 97 Millionen Dollar annualisiertem GAAP-Umsatz verzeichnen können. Das entspricht einem einem Gesamtauftragswert von etwa 710 Millionen Dollar und ist der höchste Auftragsbestand zum Quartalsende in der Unternehmensgeschichte.

„Frankfurt IV“ soll im Vollausbau Kapazität von 17 Megawatt zur Verfügung stellen können.
„Frankfurt IV“ soll im Vollausbau Kapazität von 17 Megawatt zur Verfügung stellen können.
(Bild: Cyrusone)

Mir scheint, alle Co-Location-Anbieter buhlen um die Hyperscaler. Wo bleiben die kleinen und mittelständischen Unternehmen mit ihrer IT?

Simon Ford: In den USA bieten wir auch schon einmal ein einzelnes Rack an. Aber das ist nicht unser Sweetspot, unser Honigtopf. Bei uns dreht sich alles um Größe, beziehungsweise Wachstum und Effizienz. Ein Rechenzentrum, das weniger als 10 Megawatt bieten kann, ist heute nicht mehr attraktiv.

Der enorme Strombedarf ist insbesondere in Frankfurt am Main ein absehbares Problem, sagt Cushman & Wakefield (siehe: „Datacenter-Wachstum gemessen in Megawatt Der (EU-) Rechenzentrumsmarkt bricht Rekorde“), in Amsterdam und Umland sind es womöglich die Umweltauflagen(siehe: „Notbremse oder Schikane? Keine neuen Datacenter mehr! Region Amsterdam verfügt Baustopp“ [Anm.: Der Baustopp ist mittlerweile aufgehoben]

Simon Ford: Zum einen sind wir schon ziemlich effizient und können PUE-Werte von 1,2 und 1,15 vorweisen. In Amsterdam nutzen wir die Abwärme, um rund 15.000 Haushalte damit zu versorgen. Und tatsächlich ist das die nächste Evolutionsstufe: Wir brauchen Innovationen, um mehr Leistung umweltfreundlicher zur Verfügung stellen zu können.

Eine Möglichkeit wäre die Dieselaggregate gegen Wasserstoff-betriebene auszutauschen. Doch derzeit sind diese Optionen noch viel zu teuer. Aber in zwei, drei Jahren werden wir einen großen Wandel erleben.

Es herrscht geradezu Goldgräberstimmung im Datacenter-Business; Konsolidierungen, zweistellige Wachstumszahlen, Investment-Fonds … Da wird es einem ganz schwindelig. Kommt es zur Bildung einer Blase und dem darauf unvermeidlichen Crash?

Simon Ford: Im Jahr 2001 als die Dotcom-Blase platzte, gab es tatsächlich ein Überangebot an Kapazitäten so genannter Daten-Hotels, weil die Nachfrage eigentlich nur vorgegaukelt war. Tatsächlich existierte sie nicht. So gingen nicht nur die Dotcom-Firmen pleite, auch Rechenzentrumsanbieter waren betroffen.

Der Unterschied zu heute: Jetzt können wir quasi sehen, wie sich die Nachfrage entwickelt. So hat sich das Verhältnis von Storage und Compute gedreht. Heute gehen lediglich 5 Prozent der Datacenter-Kapazität zulasten des Processing; fast der gesamte Rest wird für Storage benötigt. Und die Datensammelwut steigt, etwa mit 5G, IoT …. In zwei, drei Jahren rollt eine riesige Welle auf uns zu.

Dennoch: Für Immobilienmakler haben Rechenzentren nur einen begrenzten Wert, weil sie heutzutage nur für einen einzigen Zweck gebaut werden und nutzbar sind. Zieht ein Betreiber aus, ist die Anlage gleichsam wertlos. Auch sehen sie ein Leerstandsrisiko, das umso höher ist, als die Mieter groß.

Simon Ford: Ein Leerstandsrisiko sehe ich für Cyrusone nicht. Zudem ist das Datacenter-Geschäft ein klebriges, zähflüssiges. Die Verträge werden mittel- bis langfristig geschlossen: auf zehn bis 15 Jahre.

Allerdings gilt Datacenter-Ausstattung, die etwa sieben Jahre alt ist, als veraltet. Das war vor ein paar Jahren noch anders. Doch heute schreitet die Entwicklung auch in Sachen Kühlung und Stromversorgung viel schneller voran.

Simon Ford: Trotzdem. Eine einmal bezogene Liegenschaft verlässt man eigentlich nicht mehr. Es wäre zu teuer. Erst ab etwa fünf Jahren trägt sich das Geschäft überhaupt. Dazu ein Beispiel: Wir haben einmal in einem Londoner Bürogebäude einen Switch aufgestellt. Der ist immer noch da, obwohl es längst nicht mehr derselbe ist, wir in London Datacenter haben und den Standort loswerden wollten, weil er unwirtschaftlich ist.

Wo sehen Sie denn dann die Grenzen Ihrer Branche? Wird diese durch das Edge Computing gesetzt?

Simon Ford: Edge ist absolut faszinierend, ganz abgesehen von den unterschiedlichen Interpretationen. Edge kann ein Device sein, aber auch das Enterprise-Rechenzentrum. Wir hatten aber auch schon den Fall, dass ein Unternehmen sein hauseigenes Datacenter als Core-Rechenzentrum sah und uns als Edge.

Letztendlich verstehen wir Edge als Konzept, das Rechenzentrumsdienste näher an die Daten(entstehung) und an die User rückt. Und wir beobachten, dass neue Zentren entstehen, zum Beispiel Warschau, Mailand, Berlin und Madrid, die insbesondere für die Tier-II-Hyperscaler interessant sind, also die nicht ganz so großen. Allerdings bringen die neuen Hotspots die bisherigen nicht in Gefahr. Sie sind vielmehr eine Ergänzung.

Was mögen Sie an Ihrem Job und worin besteht denn nun das größte Risiko?

Simon Ford:

Ich liebe meinen Job und bin wirklich sehr dankbar dafür, dass ich ihn ausüben darf. Das ganze Business ist sehr vielfältig, ich habe es mit vielen, sehr unterschiedlichen Leuten zu tun, mit verschiedenen Sprachen und Kulturen. Und es ist eine aufregende Zeit, nicht nur in einem negativen Sinn und Begleiterscheinungen wie Extremismus, Krankheit, Umweltzerstörung.

Die größte Herausforderung für mich und Cyrusone: „Placing the right bids in right markets“ – dort hingehen, wo Geschäft zu machen ist. Schließlich will man keine 200 Millionen für ein neues Rechenzentrum in den Sand setzen. Das käme gar nicht gut – und ist durchaus, anderen, schon passiert.

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Über den Autor

 Ulrike Ostler

Ulrike Ostler

Chefredakteurin DataCenter-Insider, DataCenter-Insider