Leitungs- und Planungsengpässe

Versiegt der Stromfluss für die Co-Locator in Frankfurt am Main schon bald?

| Autor / Redakteur: Harald Lutz / Ulrike Ostler

Der Datacenter-Standort Frankfurt bietet die Möglichkeit, Daten mit der notwendigen Performance in alle Welt zu versenden. Doch dafür waren die Stromnetze nicht geplant.
Der Datacenter-Standort Frankfurt bietet die Möglichkeit, Daten mit der notwendigen Performance in alle Welt zu versenden. Doch dafür waren die Stromnetze nicht geplant. (Bild: Digital Realty)

Hinter vorgehaltener Hand schon längst kein Geschäftsgeheimnis mehr: Am weltweit größten Datenumschlagplatz und ausgewiesenen Datacenter-Hotspot Frankfurt am Main haben viele der dort ansässigen Co-Location-Rechenzentren Probleme damit, den Energiebedarf für einen weiteren Ausbau decken zu können. Bestandsrechenzentren mit festen Stromzusagen dagegen müssen sich keine Sorgen machen.

Warum ausgerechnet Frankfurt am Main? Was hebt die heute in der öffentlichen Wahrnehmung primär vom Finanzmarkt und dem internationalen Flughafen geprägte Geburtsstadt des nationalen Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe für den bundesdeutschen Rechenzentrumsmarkt so heraus? „Das hat vor allem mit dem DE-CIX (Deutscher Commercial Internet Exchange) in der Stadt zu tun. Gemessen am Datendurchsatz ist Frankfurt am Main der größte Datenumschlagplatz der Welt“, klärt Ulrich Terrahe auf, Geschäftsführer der DC-CE Rechenzentrumsberatung und treibende Kraft hinter dem jährlichen Branchenevent „Future Thinking“.

Ulrich Terrahe, Geschäftsführer der dc-ce Rechenzentrumsberatung in Frankfurt am Main und treibende Kraft hinter dem jährlichen Branchen-Event „Future Thinking“ und Initiator des Deutschen Rechenzentrumspreis.
Ulrich Terrahe, Geschäftsführer der dc-ce Rechenzentrumsberatung in Frankfurt am Main und treibende Kraft hinter dem jährlichen Branchen-Event „Future Thinking“ und Initiator des Deutschen Rechenzentrumspreis. (Bild: DC-CE-RZ-Beratung)

Der Teufel steckt oft im Detail. Im Fall des hessischen Datacenter-Hotspots sind das – technisch gesehen – die so genannten „Response-Zeiten.“ Hintergrund: Daten benötigen eine gewisse Zeit, um von A nach B zu kommen. Bei vielen IT-Anwendungen sind heute extrem kurze Antwortzeiten bis hin zur „Echtzeit“ erforderlich, damit sie überhaupt funktionieren.

Terrahe: „Viele Daten aus Hamburger oder Düsseldorfer Rechenzentren müssen wieder über Frankfurt geleitet werden, um international verteilt zu werden und verlieren dabei wichtige Millisekunden.“ Nur der Rechenzentrumsstandort Frankfurt Rhein/Main bietet dabei in Deutschland die Möglichkeit, Daten mit der notwendigen Performance in alle Welt zu versenden.

Die Mainmetropole wird ihre herausragende Stellung im Datacenter-Markt auch in Zukunft behaupten

Die Rhein-Main-Region wird daher nach Einschätzung einer aktuellen Borderstep-Studie im Auftrag des Netzwerkes energieeffiziente Rechenzentren (NeRZ) ihre herausragende Rolle in Deutschland auch in Zukunft beibehalten und sogar noch weiter ausbauen. Insbesondere zehn bis zwölf vorwiegend internationale „Player“ wie Interxion, E-Shelter und Equinix treiben im Co-Location-Segment den Markt. „Die Bauvorhaben in Frankfurt gegenüber allen anderen Rechenzentrumsstandorten in Deutschland entsprechen in etwa dem Faktor 2, wenn nicht mehr“, sagt der DC-CE-Geschäftsführer. Bei den vielen kleinen und mittleren Unternehmensrechenzentren dagegen weist Frankfurt gegenüber anderen Standorten keine Spitzenstellung auf. Terrahe: „Der Boom basiert alleine auf den Co-Location- und Cloud-Anforderungen.“

Was bedeutet das nun für den Energiebedarf von Rechenzentren am dermaßen ‚geadelten‘ Standort Frankfurt am Main? Bei ihrer weiteren Ausbaustrategie verfolgen die Rechenzentrumsbetreiber unterschiedliche Ansätze: „Mal sind es einzelne Gebäude, mal sind die Betreiber auf einem Campus ansässig und bauen ihr Gelände nach und nach weiter aus“, analysiert der Berater.

Ein ausgetüfteltes Kaltgang-/Warmgang-Konzept bei der Kühlung schont die kommunalen Energiekapazitäten.
Ein ausgetüfteltes Kaltgang-/Warmgang-Konzept bei der Kühlung schont die kommunalen Energiekapazitäten. (Bild: BT Germany)

Fakt ist: Trotz verhaltenem Einsatz neuer Energie-effizienter Technologien und Konzepte wie der Kaltgang-/Warmgang-Einhausung, energie-effiziente Kühlung und ressourcenschonende USV-Anlagen bleiben die meisten „großen Kästen“ bei ihrem Hunger nach Energie unersättlich. Bereits heute entspricht der Energieverbrauch aller Frankfurter Rechenzentren je nach Quelle etwa 20 bis 25 Prozent des städtischen Energiebedarfs. Alle heimischen Co-Location-Betreiber zusammen haben mit rund 760 Gigawatt in 2017 den Bedarf des Rhein-Main-Flughafens bereits überholt.

Energie-Engpässe entstehen auf der ‚letzten Meile‘

Können die Versorger in die Mainmetropole nicht genügend Strom liefern, um den weiter steigenden Energiebedarf für die geplanten Aus- und Neubauten der Rechenzentren zu stemmen? Mitnichten.

Das Problem für die aktuellen und absehbaren Engpässe im Co-Location-Markt liegt offenbar woanders: „Beim Stromnetz gibt es – ähnlich wie beim Datennetz – die ‚letzte Meile‘, den Weg von einem Umspannwerk hin zu einem Rechenzentrum. Dafür müssen auch entsprechend Mittelspannungsleitungen zur Verfügung stehen“, analysiert der DC-CE-Geschäftsführer. Aufgrund der hohen Anforderungen nach zusätzlichen Rechenzentren ist in Frankfurt am Main offenbar sowohl bei der Leitungsverlegung als auch bei Erweiterung und Bau neu benötigter Umspannwerke ein erheblicher Engpass entstanden!

Bei einem Rechenzentrumsneubau, wie von Digital Realty im Nordwesten der Stadt, mit Anforderungen von fünf Megawatt und mehr muss in der Regel vom städtischen Versorger – in diesem Fall SYNA - eine neue Mittelspannungsleitung gelegt werden, damit die entsprechende Energie überhaupt im Datacenter ankommt. Diese für den Betrieb von großen Rechenzentren notwendige Infrastruktur ist nicht prophylaktisch in den Straßen vorhanden.

„Auch viele bestehende Umspannwerke sind oftmals nicht so ausgerüstet, dass sie die benötigte Energie liefern können“, sagt der RZ-Berater. Bei einer Anfrage für einen großen Datacenter-Neubau im angrenzenden Offenbach stellte sich heraus, dass zu-nächst völlig neue Umspannwerke gebaut werden müssen. Terrahe: „Bevor das geschehen ist, gehen schon mal ein bis zwei Jahre ins Land.“

Dieselgeneratoren zur Notstromversorgung

„Von einem derartigen Engpass ist uns nichts zu Ohren gekommen. Wir wissen aber natürlich, dass derzeit im Raum Frankfurt in großem Umfang neu gebaut wird“, sagt Pressesprecher Boris Kaapke von BT Germany. Das Unternehmen ist seit mehreren Jahren mit einem leistungsfähigen und Energie-effizienten Mietrechenzentrum im Stadtteil Sossenheim präsent.

Sven Klindworth, Head of IT & UCC Solutions bei BT Germany, führt durch „sein“ Datacenter in Frankfurt-Sossenheim.
Sven Klindworth, Head of IT & UCC Solutions bei BT Germany, führt durch „sein“ Datacenter in Frankfurt-Sossenheim. (Bild: BT Germany)

Ein Problem bei der Energieversorgung sieht Kraapke eher bei den Dieselgeneratoren zur Notstromversorgung: „Da gibt es offenbar in Frankfurt Bestrebungen, die Zahl der Aggregate zu beschränken oder die Aufstellung neuer Generatoren genehmigt zu bekommen. Was in der Konsequenz auch dazu führen kann, dass die Zahl neuer Rechenzentren beschränkt ist.“

Dass bei den angefragten Co-Location-Betreibern offiziell kaum eine Stellungsnahme zu diesem durchaus auch heiklen Thema zu bekommen ist, kann den DC-CE-Geschäftsführer nicht wirklich verwundern; denn „potenzielle und Bestandskunden könnten leicht irritiert reagieren.“

Akuter Handlungsbedarf am Daten-Hub

Alles in allem ist der Handlungsbedarf beim Ausbau und Neubau von Rechenzentren am Daten-Hub Frankfurt am Main offenbar sehr groß: Lange Genehmigungsprozesse sowohl für die Verlegung von Mittelspannungsleitungen als auch die Erweiterung und den Neubau von Umspannwerken sind nicht wegzudiskutieren.

Die gesamte Koordinierung benötigt immer mehr Zeit. Anfragen bei Behörden sind erforderlich, die Freigabe muss erteilt werden, teilweise sind die Straßen mit anderen Leitungen voll belegt, sodass man gar nicht mehr die Wege für eine neue Trasse findet, es müssen etwa Straßen gesperrt werden, so Terrahe über den Aufwand: „Je näher man dem Stadtinneren von Frankfurt kommt, umso komplexer wird es.“

Die Analyse des gut mit den Frankfurter Verhältnissen vertrauten Beratungsunternehmens lautet: „Alle Beteiligten, ob RZ-Betreiber, Energieversorger, Berater oder Politik haben nicht mit einem solchen Wachstum gerechnet. Deshalb sind wir heute dafür nicht aufgestellt, die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Um diese Misere zu lösen müssen des-halb Prozesse vereinfacht und Weg beschleunigt werden. Wir müssen schneller denken, planen, freigeben und umsetzen“, so Terrahe.

Baustelle eines Umspannwerks südlich der Mainzer Landstraße in Frankfurt am Main
Baustelle eines Umspannwerks südlich der Mainzer Landstraße in Frankfurt am Main (Bild: Mainova / NRM)

Bei Telehouse Frankfurt beispielsweise musste für die Erweiterung des auf dem Gelände bereits ansässigen RZ-Bestandes um einen weiteren Block ein neues Umspannwerk erreichtet werden. Terrahe: „Das hat von der Planung bis zur Realisierung eineinhalb Jahre gedauert.“ Bei einem oder zwei Rechenzentrumsneubauten war das früher alles zu bewältigen. Wenn aber aktuell zehn und mehr ‚Co-Lokateure‘ gleichzeitig bauen wollen, sind nach Einschätzung des Experten Engpässe, auch in der Arbeitskapazität, einfach programmiert.

Perspektiven und Lösungsoptionen

Was also gilt es konkret zu tun, damit die geplanten und im Bau befindlichen neuen Co-Location-Rechenzentren in und um Frankfurt am Main nach Fertigstellung nicht unnötig lange auf dem Trockenen sitzen?

„Eine Schlüsselfunktion dabei kommt nach unserer Einschätzung der Einführung eines/einer zentralen Beauftragten – angesiedelt bei den Netzdiensten Rhein-Main – zu, der oder die die tatsächlich benötigten RZ-Kapazitäten analysiert und einverlässliches Forecasting macht“, plädiert der DC-CE-Geschäftsführer. Diese können dann in einer gemeinsamen Kommission aller Beteiligten gegebenenfalls noch etwas nivelliert werden.

das Co-Location-Rechenzentrum von Digital Reality im Nordwesten der Mainmetropole. Bestandsrechenzentren mit festen Stromzusagen werden auch in Frankfurt am Main zukünftig keine Energie-Engpässe haben.
das Co-Location-Rechenzentrum von Digital Reality im Nordwesten der Mainmetropole. Bestandsrechenzentren mit festen Stromzusagen werden auch in Frankfurt am Main zukünftig keine Energie-Engpässe haben. (Bild: Digital Reallty)

In der Vergangenheit sei einfach nicht schnell genug erkannt worden, mit welcher Rasanz der Rechenzentrumsmarkt in Frankfurt am Main wächst und auch weiterhin wachsen wird. Terrahe: „Es fehlt an einem Masterplan für den Datenumschlagplatz Frankfurt am Main. Jeder Betreiber beantragt derzeit sein Rechenzentrum individuell für sich. Dadurch kann auch von städtischer oder von Versorgerseite perspektivisch nichts vorbereitet werden.“

* Harald Lutz ist Fachjournalist und Technikredakteur in Frankfurt am Main.

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Der eindeutig politisch Kommentar bzgl. der Strompreise und der Gutmenschen hat keinerlei...  lesen
posted am 28.01.2019 um 14:25 von Unregistriert

Während in der deutschen Energiepolitik in ideologischem Gutmenschentum zartgrüne...  lesen
posted am 28.01.2019 um 08:17 von Unregistriert

Wir trennen uns von Kern- und Kohlekraft (50% der Stromerzeugung 2018), brauchen für digitale...  lesen
posted am 23.01.2019 um 13:38 von Unregistriert


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