IBM eröffnet weltweiten Hauptsitz von Watson IoT in München

Das Internet der Dinge und die Mainframes

| Autor: Ludger Schmitz

Die Enthüllung des Logos Watson IOT Center ließ sich live im Vortragsraum der IBM-Räume auf einer Video-Leinwand verfolgen; denn die wurde von einer Drohne aus gefilmt.
Die Enthüllung des Logos Watson IOT Center ließ sich live im Vortragsraum der IBM-Räume auf einer Video-Leinwand verfolgen; denn die wurde von einer Drohne aus gefilmt. (Bild: IBM, Youtube)

Was IBM da in München mit vielen Partnern gestartet hat, wird groß – und wichtig für ein Stammgeschäft von Big Blue. Milliarden Daten aus dem Internet der Dinge sind sinnlos ohne transaktionsstarke Rechner. Ein Revival für Mainframes?

IBM lässt es richtig krachen: 200 Millionen Dollar hat Big Blue allein bis zur Eröffnung des neuen Geschäftsbereichs Watson IoT in München investiert. Und dahin dürfte noch viel mehr Geld fließen. Allein rund 1000 IBM-Experten für das Internet of Things sollen hier arbeiten – nicht gezählt die Mitarbeiter von Partnerunternehmen.

Crisp-Analyst: konsequente Neuausrichtung

Mit dem Echo dürfte IBM gut leben können. IBM, HPE und Cisco hätten zwar „den Turn-Around noch lange nicht hinter sich“ und machten sich neben Google und AWS als „alte Garde“, merkte Steve Janata, Senior Analyst und COO beim Marktforschungsunternehmen Crisp, an und schob Lob hinterher: „Zumindest kann man IBM nicht vorwerfen inkonsequent zu handeln, wenn es um die eigene Neuausrichtung geht. So hat IBM doch wie kein Zweiter in die Zukunftsthemen IoT und Künstliche Intelligenz investiert.“

In der Tat gehören IoT und AI (Artificial Intelligence) zusammen. Laut Gartner sollen im Jahr 2020 21 Milliarden vernetzte Geräte im Einsatz sein. „Die größte Datenquelle der Welt“ merkt Harriet Green, General Manager bei IBM Watson Iot, Cognitive Engagement and Education, an. (Weiter unten dazu, was den Titel in die Länge treibt.) Die von den „intelligenten“ Dingen verschickten Daten sind nur noch mit sehr durchsatzstarken Rechnern für irgendwelche Ergebnisse gut. Entsprechend hat der neue IBM-Geschäftsbereich die Doppelkompetenz für IoT und AI.

Betonte Offenheit

Die Herangehensweise von IBM zeigt nichts mehr von der als arrogant empfundenen Suprematie, wegen der das Unternehmen in den 70er und 80er Jahren den Titel „Big Blue“ bekam. Zur Eröffnung präsentierte IBM eine Reihe von Partnern, denen die IT-Größe ihre Plattformen „IBM Bluemix“ und „Watson IoT“, so die Wortwahl, „zur Verfügung“ stellt. Mehrfach betont finden sich die Begriffe „offene Standards“ und „Open Source“. Eine erdrückende Umarmung sieht anders aus.

IBM legt bei IoT und AI größten Wert auf Zusammenarbeit. Am IoT-Headquarter werden so genannte „Collaboratories“ entstehen, eine Wortbildung aus „Collaboration“ und „Laboratories“. Sie sollen „Keimzellen eines neuen Ökosystems für Innovation“ werden. In ihnen sollen nämlich IBM-Experten mit Kunden, Partnern und Forschungseinrichtungen an neuen Technologien und Lösungen zusammenarbeiten.

"Industry Collaboratories" für Partner

Was IBM an Partnern präsentierte geht quer durch die Branchen, hier nur einige Beispiele: In so ein Industry Collaboratory wird BMW einen Teil seiner Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten verlagern. Raum hat dort ebenfalls ein Zweig der französischen Finanzgröße BNP Paribas Group, nämlich die Consorsbank. Ebenfalls ist EEBus vertreten, eine von der Bundesregierung ins Leben gerufene europäische IoT-Initiative für die Standardisierung und technologieübergreifende Interoperabilität im Bereich „Smart Home“. Die Initiative hat über 60 Mitglieder, darunter Bosch, ABB, SMA, Miele, Schneider und Vaillant sowie große europäische Automobilunternehmen.

Tech Mahindra zieht ebenfalls ein. Das ist der IT-Zweig des größten indischen Fahrzeugherstellers, Mahindra & Mahindra, und der will bis 2020 nicht weniger als 100 Millionen Dollar Umsatz über die Watson IoT-Plattform schaffen. Dabei geht es den Indern nicht nur um seine Stärke in Sachen Traktoren oder Automobile, Fertigung und Industrie 4.0, sondern auch um Landwirtschaft, Gesundheitswesen, Versicherungen und Banken.

Der IMB-Partner Avnet will im IoT-Lab auf Bluemix und Watson IoT basierende neue Lösungen entwickeln. Von Capgemini zieht ein Team von Beratern nach München, um für Kunden des IT-Beratungs- und Technologie-Dienstleisters Potenziale in Richtung Industrie 4.0 und kognitive Lösungen zu eruieren.

Weit reichende Kooperation mit Bosch...

Eine deutsche Industriegröße ist Bosch. Das Unternehmen wird seinen Kunden die Services der Bosch IoT Suite über die Plattformen Bluemix und Watson IoT zur Verfügung stellen. Es geht vor allem um Services und Cloud-basierte Software Updates für Bosch-Geräte.

So sollen Automobilhersteller ihre Software-Updates für Millionen von Fahrzeugen im Voraus planen und organisieren können, ohne dass die Fahrzeuge zuerst in die Werkstatt müssen. Ein Hausgerätehersteller kann Remote-Updates an Tausende von Waschmaschinen und Trockner schicken. Diese Updates wiederum könnten Zugang zu neuen Services wie beispielsweise die automatische Nachbestellung von Waschmittel ermöglichen.

... und Visa

Am Tag der Eröffnung des IoT-Zentrums gab IBM auch noch einen Vertrag mit Visa bekannt, die IoT-Geräte mit Zahlungsverkehr verbinden soll. So könnten Autos nicht nur die Fahrer informieren, wenn Wartungszyklen fällig oder Ersatzteile notwendig sind. Visa möchte auch gleich Werkstatttermine abstimmen und Ersatzteile bestellen – und die jeweiligen Kosten abwickeln. Oder an der Tankstelle über den vernetzten Zapfhahn den Spritverkauf übernehmen.

Die Kooperation IBM-Visa geht noch weiter: Alle Kunden der Watson IoT-Plattform erhalten über die IBM-Cloud Zugang zu den Visa-Services. Mit denen können sie eigene personalisierte Commerce- und Bezahl-Lösungen für ihre spezifischen Zielgruppen und Endkunden entwickeln. Der Visa Token Service bietet darüber hinaus eine zusätzliche Sicherheitsebene. Er ersetzt sensible Kontoinformationen, wie etwa die Kontonummer, das Gültigkeitsdatum oder den Sicherheitscode der Zahlungskarten durch eine eindeutige, digitale Kennung, die für Zahlungen verwendet wird – ohne die tatsächlichen Kontodaten des Inhabers sichtbar zu machen.

Nichts geht ohne Machine Learning...

Es liegt auf der Hand, dass die angepeilte IoT-Welt gewaltige Dimensionen hat. Schon die reinen Datenmengen werden transaktionsstarke Systeme erfordern. Die Datenberge in Aussagen und damit ins Business umzuformen verlangt „Cognitive Automation“ und „Machine Learning“. Dazu propagiert IBM naheliegender Weise Mainframes und „Machine Learning for z/OS“, am Tag vor der Münchner Eröffnung angekündigt und eine Kernkomponente von Watson IoT.

IBM Machine Learning soll Entwicklung, Training und Implementierung von Analyse-Modellen automatisieren. Unterstützt wird dabei jede gängige Programmiersprache wie beispielsweise Scala, Java oder Python, jedes populäre Machine Learning Framework wie Apache SparkML, TensorFlow oder H20 sowie jede Art von transaktionalen Daten. Das System nutzt erstmals auch die von IBM Research entwickelte Cognitive Automation for Data Scientists, die den Nutzern dabei hilft, den richtigen Algorithmus für ihre Daten auszuwählen. Dabei werden die zu analysierenden Datensätze gegen verfügbare Algorithmen gewertet und der geeignetste empfohlen – abhängig davon, welche Aufgabe zu leisten ist und wie schnell das Ganze Resultate zeigen soll.

... und Mainframes

Dieser IBM-Hinweis zum Machine Learning sagt eigentlich alles: „Ein einzelner IBM z Systems Mainframe kann pro Tag bis zu 2,5 Milliarden Transaktionen durchführen.“ Tatsächlich ist auch noch „zu einem späteren Zeitpunkt“ die Verfügbarkeit vorgesehen für – nein, nicht Allerweltsserver, sondern: Power-Systeme.

* Ludger Schmitz ist freiberuflicher Journalist in Kelheim.

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