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Interview mit dem Geschäftsführer von Windcloud 4.0 Wilfried Ritter: Die Vision eines CO2-absorbierenden Rechenzentrums wird wahr

| Autor: Ulrike Ostler

Der erste Spatenstich war im Februar. Ende August hat das Windkraft betriebene Rechenzentrum von Windcloud 4.0 mit der Algenfarm auf der gesamten Dachfläche offiziell eröffnet. Damit schreibt das Datacenter Geschichte. Dahinter steckt viel Engagement und Enthusiasmus sowie der Wille, Geschäft und Umweltschutz zu vereinen. Wilfried Ritter, Geschäftsführer des Rechenzentrumsbetreibers, erläutert im Interview, wie es zum Algenrechenzentrum kam, und ob es sich rechnet.

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Wilfried Ritter, Geschäftsführer von Windcloud 4.0: „Mit der Algenfarm konnten wir jetzt ein lang geplantes Projekt umsetzen, mit dem wir das wichtige Thema nachhaltige Digitalisierung voranbringen wollen.“
Wilfried Ritter, Geschäftsführer von Windcloud 4.0: „Mit der Algenfarm konnten wir jetzt ein lang geplantes Projekt umsetzen, mit dem wir das wichtige Thema nachhaltige Digitalisierung voranbringen wollen.“
(Bild: Ulrike Ostler)

Firmensitz des nordfrisischen Unternehmens Windcloud 4.0 ist in Enge-Sande auf dem Greentec Campus. Es wird hauptsächlich mit Windenergie betreiben, aber auch mit Solar- und Biogasstrom. Mithilfe des neuen Rechenzentrums bietet Windcloud 4.0 Co-Location und Cloud-Dienste, etwa „Managed Nextcloud“. Zum Kundenkreis zählen NGOs und grüne Unternehmen im regionalen Umfeld sowie mittlerweile auch Energieversorger und Institutionen der öffentlichen Hand.

Das neue Rechenzentrum verfügt über eine direkte freie Kühlung. Die Abwärme stellt Windcloud mit zirka 35 Grad einer 240 Quadratmeter großem Algenfarm von Novagreen zur Verfügung. gezüchtet und geerntes werden Mikroalgen wie Spirulina. Diese erfreuen sich als Nahrungsergänzung und in der Kosmetik wachsender Beliebtheit und bauen zudem CO2 ab.

Aus dem CO2-Verursacher Datacenter kann so ein CO2-Absorbierer werden. Weitere nachhaltige Partnerschaften im Bereich Indoor-Farming und Fischzucht sind in Planung, genauso wie der Ausbau der Rechenzentrumskapazität.

Das interessiert auch die Politik, so war kürzlich der Grünen-Politiker Albrecht zu Besuch, seit 2018 Minister für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung in Schleswig-Holstein. Aber auch Armin Laschet, Ministerpräsident Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen, und Daniel Günther, Ministerpräsident von Schleswig-Holstein waren zu einem gemeinsamen Besuch vor Ort.

Wilfried Ritter: „Die vergangenen vier Monate Bauzeit waren wie ein Rausch.“
Wilfried Ritter: „Die vergangenen vier Monate Bauzeit waren wie ein Rausch.“
(Bild: Ulrike Ostler/Vogel IT-Medien GmbH)

Windcloud – Windcloud 4.0? Ist das ein und dasselbe Unternehmen?

Wilfried Ritter: Jain. Windcloud 4.0 ist vor etwa zweieinhalb Jahren im April 2018 gegründet worden und aus „Windcloud“ hervorgegangen. Zur Gründung war Thomas Reimers noch Geschäftsführer, der schon das Vorgängerunternehmen geleitet hat. Der Dritte im Bunde war zu der Zeit Karl Andreas Otto Rabe, der auch schon in der Windcloud (Braderup) GmbH Geschäftsführer war. Reimers und Rabe sind nicht mehr dabei. Dafür gibt es jetzt mit Stephan Sladek eine Doppelspitze in der Unternehmensleitung.

Der Anspruch ist jedoch geblieben, Rechenzentren mit möglichst viel Windkraft zu betreiben. Der Ursprung liegt im Braderup, wo tatsächlich am Acker einige Rechenzentrumscontainer stehen. Heute gibt es allerdings neue Gesellschafter:

- der Windparkentwickler Denker & Wulf AG

- mit Mark Kunze die ABE Ingenieurbüro GmbH, die Umspannwerke entwickelt

- sowie Marten Jensen, Gründer, Geschäftsführer und CEO der Greentec Campus GmbH

Das Konversionsgelände der Bundeswehr mit ungefähr 40 Bunkern auf 70.00 Quadratmetern in Enge-Sande eignet sich viel besser als das in Braderup. Wir haben geschaut, ob wir genügend Geld auftreiben können, ursprünglich waren das 250 Millionen, ein Konzept erarbeitet und das der Gemeinde vorgestellt. Schließlich wurde das ehemalige Unternehmen Windcloud aufgelöst. Nicht alles lief von Anfang an glatt und Streitigkeiten unter den Gesellschaftern, die zunächst auch zugesagt hatten, haben die Anfangspläne etwa zehn Bunker zu nutzen, schrumpfen lassen.

In der Broschüre des Greentec Campus findet sich eine Abbildung, wie die Bunker als Rechenzentren ausgestattet sein könnten. (Die Grafik darf DataCenter-Insider nicht benutzen, deshalb findet sich hier nur ein Ausschnitt.)
In der Broschüre des Greentec Campus findet sich eine Abbildung, wie die Bunker als Rechenzentren ausgestattet sein könnten. (Die Grafik darf DataCenter-Insider nicht benutzen, deshalb findet sich hier nur ein Ausschnitt.)
(Bild: Greentec Campus)

Doch zu Beginn haben wir uns von verschiedener Seite her Konzepte für Rechenzentren erstellen lassen, ungefähr ein halbes Jahr lang. Alle waren für den Ausbau der Bunker gedacht. Doch wir mussten einsehen, dass das nicht so einfach würde, wie wir angenommen hatten. Zudem war die Umwidmung des Geländes noch nicht abgeschlossen und die entsprechenden Genehmigungen machten uns Probleme. Zudem lag kein Konzept unter 1,5 Millionen Euro – zu hoch für eine Anfangsinvestition.

Allerdings gab es auf dem Gelände bereits einen kleinen Rechnerknoten. Das Datacenter sollte sechs Racks auf einem Doppelboden fassen. Das haben wir fertiggestellt. Doch damit sich Co-Location und Cloud rechnen, beides bieten wir primär Mittelständlern an, musste das Rechenzentrum wachsen. Das sehen die Gesellschafter als Zwischenschritt an

Noch sieht es im Rechnerraum leer aus. Haben Sie schon Kunden?

Wilfried Ritter: Um eine echte KMU-Cloud anzubieten, mussten wir erstens ein richtiges Rechenzentrum werden und haben in dem Anbau 24 Racks untergebracht. Zweitens ist eines davon mit unserem eigenen Equipment gefüllt. Dazu haben wir uns Dell-Equipment ausgesucht. Die Ausstattung kostet in etwa so viel wie das Einfamilienhaus meiner Eltern. Und ja: Wir haben bereits Kunden, zum Beispiel eine große Event-Agentur aber auch Commitments für rund 4 Millionen.

Wann soll das Rechenzentrum profitabel sein?

Wilfried Ritter: Das war nie die Absicht. – Aber ja, trotzdem werden wir in rund fünf Jahren Gewinn einfahren, die Algenfarm schon in eineinhalb Jahren.

Wie kam es zu der Kooperation mit Novagreen und der Algenfarm auf dem Dach?

Wilfried Ritter: Von Anfang an war klar, dass das Rechenzentrum heutigen Ansprüchen an Sicherheit, Effizienz und Verfügbarkeit genügen muss, aber zugleich gab es schon immer die Idee, die Wärme-Energie nicht zu verschwenden, etwa Gewächshäuser damit zu beheizen. Irgendwann, vor eineinhalb Jahren, sind wir dann auf Rudolf Cordes gestoßen, den Chef von Novagreen, der sich seit 34 Jahren mit Algenzucht beschäftigt. Und Algen, müssen Sie wissen, absorbieren CO2 aus der Luft.

Zugleich wollten wir mehr erreichen als einen Marketing-Gag, wenngleich das Gewächshaus auf dem Dach etwa her macht und Neugierde entfacht. Zugleich mussten und wollten wir die Technik, die notwendig ist, um Synergien zu erzielen, möglichst einfach halten. So setzen wir auf freie Kühlung. Das ist in Nordfriesland gar kein Problem, weil die Durchschnittstemperatur um zirka 3 Grad unter der vom gesamten Bundesgebiet liegt. So gärte die Idee mit den Mikroalgen bis vor einem halben Jahr.

Jetzt geht ein Klimakanal nach oben. Wir führen die 35 Grad warme Abwärme direkt an die Schläuche, damit die Algen optimal wachsen können. Darüber hinaus tauchen wir die Luft die ganze Zeit über; es gibt also einen Kreislauf – Heizen im Winter und Kühlen im Sommer. Durch eine Klappensteuerung, die ich selbst entwickelt habe, können wir einen Teil der Luft für etwa 10 Kilowatt unsere Büros und andere Räume, wo sich Menschen aufhalten, abzweigen. Insgesamt können wir bis zu 60 Kilowatt Abwärme nutzen.

Wie viel geht in dem Prozess verloren?

Wilfried Ritter: Da es Gänge außerhalb des Rechenzentrums gibt, verlieren wir 10 bis 15 Prozent, das macht bis zu 4 Grad aus.

Derzeit aber ist das Rechenzentrum noch leer. Reicht die Kapazität für die Algenfarm und die Trocknung der Ernte?

Wilfried Ritter: Algen sind sehr genügsam. Gerade haben wir eine Anfrage für sechs oder acht Racks bekommen. Ein Jahr nach der Fertigstellung wird unser Rechenzentrum ausgelastet sein.

Zudem funktioniert das Rechenzentrum für sich. Die Algenfarm steigert lediglich die Profitabilität. Umgekehrt ist es genauso. Die Beheizung mit Abwärme senkt die Produktionskosten der Algen.

Das Rechenzentrum soll nach EN 50600, Verfügbarkeitsklasse 3, mithilfe des TSI-Katalogs (Trusted Site Infrastructure) zertifiziert werden und Sie wollen zusätzlich den „Blauen Engel“.

Wilfried Ritter: So haben wird das Rechenzentrum entwickelt. Alle Racks sind mit eine Karten-basierten Schließsystem versagen, wir haben Überwachungskameras und Sensoren, alle wesentlichen Komponenten für die Ausfallsicherheit sind redundant, etwa die Wöhlte-USV, die Biodiesel-Notstromversorgung.

Doch darüber hinaus soll ein Cloud-Kunde uns fragen können: Ich benötige so viel Cloud, wie viel CO2 kostet das?

Haben Sie Pläne nicht umsetzen können?

Wilfried Ritter: Ursprünglich wollten wir die „eChiller“ von Efficient Energy; die sollten genauso teuer sein, wie vergleichbare Systeme , die auf anderen Kältemitteln basieren. Tatsächlich aber hätte der Einbau die Investitionskosten verdoppelt, selbst mit der Bafin-Förderung; denn zum Beispiel waren die notwendigen Pumpen nicht im Preis enthalten.

Aber wir haben bereits einen Wasserkreislauf in der Planung. Wir wollen mit dem Algenwasser die Rechner kühlen. Denn das Wasser wird ohnehin wiederverwendet. Erst nach drei Jahren ist ein Austausch notwendig.

Möglich wäre auch der Einbau eines Teracool-Systems. Die Grundlage ist verflüssigtes Erdgas (LNG), um es wieder in den Gaszustand zu bringen, braucht es Wärme, die jedes Rechenzentrum hat. Es gäbe sogar die Möglichkeit der Stromerzeugung: Für ein 90-Megawatt-Rechenzentrum mit einem 30-Megawatt-Kühlbedarf (1,3 bis 1,6 PUE) könnte das System die gesamte Kühlleistung plus etwa 11 Megawatt des Gesamtenergiebedarfs der Anlage bereitstellen.

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Wie teuer war denn nun der Bau? Und wie lange hat es gedauert bis er jetzt in Betrieb genommen werden konnte?

Wilfried Ritter: Die Bauzeit betrug vier Monate, trotz der manchmal schwierigen Situation durch Corona. Gekostet hat er 550.000 Euro, ein wenig über dem Budget, weil wir zum Beispiel aufgrund statischer Probleme nachbessern mussten.

Was war das größte Hindernis?

Wilfried Ritter: Die größte Herausforderung war und ist, alle davon zu überzeugen, dass es funktioniert.

Ergänzendes zum Thema
Windcloud 4.0 auf dem DataCenter Day 2020

Am 6. Oktober findet im Vogel Convention Center (VCC), Würzburg, der diesjährige DataCenter Day statt. Zwei Tage später, am 8. Oktober 2020, können Interessenten noch mehr DataCenter-Input saugen: Dann veranstaltet die Vogel IT-Akademie die Datacenter Virtual Conference. DataCenter-Insider ist jeweils Medienpartner und: Die Windcloud 4.0 GmbH ist jedes Mal vertreten!

Wer will, kann den Geschäftsführer Wilfried Ritter kennenlernen - beide Events bieten ein Matchmaking-Tool zur persönlichen Verabredung an.

Allerdings lädt Ritter auch zu seinen Vorträgen ein:

  • am 6.10.2020 ab 15:10 Uhr in Würzburg
  • am 8.10.2020 ab 11:55 Uhr im Web

Teilnehmer können sich von seiner Begeisterung für ein Rechenzentrum als CO2-Absorbierer anstecken lassen, denn er stellt noch einmal mit seinen Worten das Algenrechenzentrum vor. „Mit der Algenfarm konnten wir jetzt ein lang geplantes Projekt umsetzen, mit dem wir das wichtige Thema nachhaltige Digitalisierung voranbringen wollen. Das positive Feedback zahlreicher Teilnehmer bestätigt uns darin, dass wir mit unserer Vision eines CO2-absorbierenden Rechenzentrums auf dem richtigen Weg sind.“

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Ammeldung zur Datacenter Virtual Conference

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Über den Autor

 Ulrike Ostler

Ulrike Ostler

Chefredakteurin DataCenter-Insider, DataCenter-Insider