Datacenter Infrastructure Management - Ja? Nein? Was davon?

Wer hat DCIM gemeuchelt? Und was nun?

| Autor / Redakteur: Philippe Haustete* / Ulrike Ostler

DCIM - eine Superkraft im Rechenzentrum, die IT und Facility aufeinander abstimmt, Energie spart, die Effizienz steigert und sich rasend schnell amortisiert. Und sie wurde gekillt, so Philippe Haustete.
DCIM - eine Superkraft im Rechenzentrum, die IT und Facility aufeinander abstimmt, Energie spart, die Effizienz steigert und sich rasend schnell amortisiert. Und sie wurde gekillt, so Philippe Haustete. (Bild: gemeinfrei: Pixabay)

Als die Rechenzentren in Anzahl und Größe zu wachsen begannen, war das Versprechen eines softwarebasierten Managements für alle Gewerke mitsamt der IT sehr attraktiv; und die Aussicht, jede Menge CO2 sowie Geld zu sparen sogar nachweislich erfüllbar. Dennoch hat sich der Markt nicht so entwickelt wie er sollte.

Rechenzentren sind kritisch, komplex, sensibel, kostspielig.... und in unserer digitalen Welt sind sie das Herz, das Gehirn und das Nervenzentrum eines jeden Unternehmens, insbesondere beim Online-Geschäft: Verkaufen, Buchen, Fördern, Handeln,…Datacenter Infrastructure Management, DCIM, sollte die gesamte Infrastruktur verwalten. Das war und ist eine Verheißung.

In der Regel versuchen sich beim Entstehen eines Softwaremarkts mehrere neue Akteure zu positionieren: zunächst stehen zehn, vielleicht 15 in den Startlöchern. Mit zunehmender Reife konsolidiert sich der Markt, Unternehmen fusionieren und manche Software verschwindet schnell.

In der Regel endet das Rennen mit zwei, frei oder vier großen Unternehmen. Auf dem Markt für Rechenzentrums-Management-Software gibt es auch zehn Jahre nach dem Start noch 15 Spieler (die Liste kann beim Autor kostenpflichtig angefordert werden), was überhaupt kein gutes Zeichen ist und ein Alptraum für Entscheidungsträger.....

Mehrere Gründe sind für diese Entwicklung verantwortlich, die im Wesentlichen in der Tatsache kumulieren: Fehlende Ganzheitlichkeit für eine hochkomplexe Umgebung

Wie die indische oder chinesische Medizin

Ein Rechenzentrum ist nun einmal eine komplexe, anspruchsvolle und dichte Umgebung. Die Entwicklung einer Software-Anwendung für das Rechenzentrums-Management erfordert die Fähigkeit, diese ausgeklügelte Umgebung zu verstehen und zu modellieren, mit einem guten Gleichgewicht und Integration in alle ihre Komponenten.

Ungleichgewicht ist hier das Risiko, heißt: zu viel Bedeutung für ein Thema und mangelnde Tiefe oder Konsistenz für mehrere andere Themen. So gibt es beispielsweise für die Echtzeitüberwachung der IT-Assets, der Stromversorgungs- und Kühlgeräte, einschließlich aller Anbieter und Releases, mehr als 100 verschiedene Protokolle, die angesprochen werden müssen.

Spezialisten können nur einen begrenzten Teil behandeln. Ein Rechenzentrum aber weder auf einen oder mehrere Teile noch auf die Summe seiner verschiedenen Teile reduziert werden: Interaktivität und Integration sind entscheidend.

Viele, viele verschiedene Fähigkeiten auf der Benutzerseite

Ein Rechenzentrum ist auch mit vielen Arbeiten und Entwicklungen verbunden, wie Bewegungen, Ergänzungen und Änderungen. Installationen, Transfers, Verlängerungen erfolgen täglich. Ein Datacenter-Management muss daher mit Fähigkeiten ausgestattet sein, den komplexen Workflow in der Umgebung „zu verstehen“ und zu modellieren, und somit die vielen verschiedenen Aufgaben, Verantwortlichkeiten und Erwartungen innerhalb des mehrschichtigen Teams im Rechenzentrum kennen.

Auch hier ist Ungleichgewicht das Risiko: zu viel Bedeutung für ein Thema und mangelnde Tiefe oder Konsistenz für viele andere Themen. So kann beispielsweise niemand das DCIM auf das Verkabelungs- oder Patch-Management reduzieren oder auf eine einzige Energieverwaltung.

Ein Hund kann nicht zur Katze mutieren

Das Entwerfen und Entwickeln von Software ist eine Expertise. Das Wissen um das Rechenzentrum (oder einen Teil davon) bedeutet keineswegs, dass man eine gute DCIM-Software entwickelt. Das spiegelt sich auch am DCIM-Markt wider: So haben mehrere Hardware-Anbieter versucht, ins DCIM einzusteigen, unter der Annahme, dass Software eine natürliche Erweiterung ihres Hardware-Know-hows sein könnte: Ganz offensichtlich konnte und hat dies nicht zwangsläufig funktioniert.

Eindeutig: Ein Hunde ist keine Katze und nicht jeder, der will, kann Qualitätssoftware entwickeln.
Eindeutig: Ein Hunde ist keine Katze und nicht jeder, der will, kann Qualitätssoftware entwickeln. (Bild: gemeinfrei: Gisela Merkuur auf Pixabay)

Hardware-Ingenieure können sich nicht plötzlich in Software-Ingenieure verwandeln. Hardware-Produktmanager können nicht plötzlich mutieren und zu Software-Produktmanagern werden. Hardwaremarkt-(ing)-Manager können nicht auf Wiederbelebung oder Wiedergeburt als Softwaremarkt-(ing)-Manager hoffen.

Diesen Denkfehler haben dennoch mehrere Hardware-Unternehmen gemacht: Sie sind in den DCIM-Markt eingestiegen, bereit, einen Teil davon zu nutzen, und haben deshalb versucht, eine Erfolg ohne die erforderlichen Fähigkeiten zu generieren.

Mangel an Geschwindigkeit, Geschwindigkeit, Geschwindigkeit, Geschwindigkeit

Software bedeutet Agilität, tägliche Fragen und Geschwindigkeit, Geschwindigkeit, Geschwindigkeit, Geschwindigkeit. Zwischen der Nacht, in der man schlafen geht, und dem Morgen, an dem man aufwachst, ist viel passiert, weltweit. Das ist die schönste Eigenschaft dieser Software-Industrie. Ein Softwareprodukt ist eben das dauerhafte Ergebnis dieses Wettlaufs, und es erfordert Schnellläufer, die in der Lage sind, kurzfristige Bewegungen oder Lieferungen durchzuführen.

Um DCIM-Software zu liefern, haben Hardware-Anbieter jedoch versucht, die Hardwarekultur und die Hardwareprozesse auf die Software anzuwenden. Das konnte nicht gut gehen. Ein Softwareprodukt ist ein andauernder Prozess und kein auf Jahre unverändertes Produkt. Somit gerieten die DCIM-Tools der Hardware-Lieferanten zu langsam, zu schwer.

Unglücklicherweise hat dieser Fakt einige sehr interessante Produkte mit viel Anfangspotenzial gelähmt, verkrüppelt und betäubt – oder abgemurkst.

Über- und Unterbewertung

Die meisten Hardware-Anbieter haben DCIM-Software als Mittel gesehen, um Hardware-Kunden zu halten oder zu gewinnen so dass einige ihre DCIM-Tools kostenlos oder fast kostenlos) abgegeben haben. Der zunächst vielversprechende Markt füllte sich schnell, galt bald als überfüllt.

Doch ein gutes Softwareprodukt und ein gutes Softwareunternehmen brauchen ein solides Geschäftsmodell, das heißt: Einen angemessenen Preis sowohl für die Software als auch für die professionellen Dienstleistungen. „Kostenlos kaufen“ ist somit nie eine gute Option. Der reale Wert muss einen Preis haben, sonst ist der Wert nicht oder schnell verblasst.

Ein Rat: Wenn ein Lieferant kostenlos anbietet: Einfach weglaufen! Ein kostenloses Softwareprodukt ist ein vergiftetes und vergiftendes Geschenk.

Einkäufer und Entscheidungsträger von Unternehmenssoftware sollten immer die Tragfähigkeit der Software-Abschlüsse eines potenziellen Software-Unternehmens überprüfen. Kein gutes Softwareprodukt kann leben und wachsen, wenn es nicht allein von sich selbst oder von 100prozentig engagierten Risikokapitalgebern (aber nur zu Beginn) betrieben wird.

Zu viel Optimismus bei den Analysten

Fasziniert vom DCIM-Potenzial prognostizieren einige sehr professionelle Marktanalysten ein phänomenales Wachstum. Investoren und Venture-Capital-Gesellschaften investierten und bewerteten unter Berücksichtigung dieser Vorhersagen. Doch vor allem aus den oben genannten Gründen setzte dieses Wachstum nicht ein. Und übermäßiger Optimismus führte zur Enttäuschung, zu Pessimismus und Zweifel.

Infolgedessen sahen sich reine DCIM-Softwarehersteller mit wachsenden Schwierigkeiten konfrontiert, Geld von Investoren zu beschaffen und damit das Wachstum einzuschränken. Das anfängliche Wachstum von Software-Anbietern ist jedoch immer Venture-backed, denn man muss so schnell wie möglich sein, um das beste Produkt liefern und den Markt erobern zu können. Die Investoren haben dann beim Ausstieg ihre Rendite.

Fehlende Standardbibliothek

Um das Rechenzentrum zu modellieren oder darzustellen, müssen jedes einzelne Gerät modelliert und dargestellt werden mitsamt grafischer Ansichten (vorne und hinten) und alle Funktionen und Eigenschaften: Strom, Temperatur, Anschlüsse, Steckplätze, etc. etc. etc. Das sind Hunderttausende von Geräte. Kein Player hat diese Bibliothek standardmäßig ausgeliefert, mit schnellem, einfachem und billigem Zugriff für jedermann. Infolgedessen haben viele Software-Anbieter die benötigten Modelle und Vorlagen von Grund auf neu entwickelt und dabei Geschwindigkeit , und manchmal auch den Fokus, verloren.

Außerdem wurde es dadurch auch sehr schwierig, von einem DCIM-Produkt zum anderen zu wechseln. Die Kunden werden zu Gefangenen eines proprietären Systems, während eigentlich Fluss und Mobilität gefordert wären.

Kein Big Player - zu viele Spieler, zu niedriges Wachstum: kein Ausstieg

Eigentlich hätte nach einiger Zeit eine Marktkonsolidierung einsetzen müssen und damit der ein oder andere maßgebliche Akteur. Doch der Markt ist nach wie vor fragmentiert und unruhig. Anbieter wie HP oder IBM oder auch Servicenow hätten DCIM aufgreifen können. Das aber ist nicht geschehen und wird wahrscheinlich auch nicht. CA-Technologies (ehemals Computer Associates), hat es sogar versucht und dann aufgehört – zudem gibt es selbst das Unternehmen nicht mehr.

Also, was jetzt?

Der wichtigste Rat: Gehen Sie keine Kompromisse ein.

  • 1. Kaufen Sie vorzugsweise von Unternehmen, deren Schwerpunkt auf Software liegt. Würdest du ein Auto von einem Bootsbauer oder einem Hausbauer kaufen? Eine Anwendung ist ein immaterielles aber ein technologieintensives Produkt, das viele Hardware-Leute weder vollständig noch leicht verstehen. Es ist eine ganz andere Kultur.
  • 2. Keine Kompromisse eingehen, sich nicht täuschen lassen. Einige Anbieter lassen jedoch wichtige DCIM-Funktionen vermissen und verschleiern durch neue Bezeichnungen diese Tatsache. Das kann nicht akzeptabel. Ein Rechenzentrum ist ein Rechenzentrum. Datacenter Infrastructure Management ist Datacenter Infrastructure Management – nicht weniger. Wie bereits erwähnt, lässt sich ein Rechenzentrum weder auf einen noch auf mehrere Teile oder auf die Summe seiner verschiedenen Teile reduzieren: Interaktivität und Integration sind der Schlüssel.
  • 3. Nicht kostenlos kaufen – Im Software-Business ist ein Kurzzeitgeschenk kein Geschenk. Niemals. Qualität hat einen fairen Preis.
  • 4. Kunden sollten eine detaillierte Produkt-Roadmap für die nächsten drei bis fünf Jahre einfordern. Wenn in Software investiert werden soll, dann in Qualität, langfristig.
  • 5. Wie sehen Vision und Strategie des Lieferanten aus? Kunden sollten den Lieferanten herausfordern. Er muss beweisen, dass es sich um eine echte Strategie und nicht um einen kurz- bis mittelfristigen opportunistischen Ansatz des Marktes handelt. Kunden sollten auch sicherstellen, dass das Top-Management diese Vision wirklich trägt und stark eingebunden ist. Die Vision muss von oben kommen; sie ist ein Top-Down-Weg.
  • 6. Wie viele Personen beim Lieferanten arbeiten Vollzeit für die Entwicklung und Weiterentwicklung der Software? Mein Rat: Berücksichtigen Sie keine Freelancer: Per Definition sind Freelancer frei; sie sind nicht engagiert, nicht involviert und nicht loyal: sie sind kurzfristige, volatile Lieferanten. Söldner. Freiberufliche Entwickler können zwar für Lösungen von Dienstleistungsunternehmen interessant sein - ein spezifisches Produkt für einen Kunden. Für Softwarehersteller - ein generisches Produkt für viele Kunden – empfiehlt sich das nicht.
  • 7. Auch der Bereich Forschung und Entwicklung mitsamt Namen, Umsatz, Verantwortlichkeiten und Erfahrungen, kann hilfreich sein. Potenzielle Kunden können sich schriftlich die Finanzkennzahlen der reinen DCIM-Geschäftseinheit geben lassen, mindestens für die vergangenen drei Jahre: Jahresumsatz, aufgeteilt in Softwarelizenz, Professional Services und Wartung; und Ausgaben (dies kann eine NDA beinhalten).
  • 8. Die vorhandene Bibliothek aus Hardwaremodellen und Vorlagen ist essentiell. Die Bibliothek sollte einen sehr bedeutenden Teil, mindestens jedoch 10 Prozent, der genannten Zahl von 500.000 Geräte enthalten.
  • 9. Welche Modelle und Daten ließen sich beim Wunsch oder beim Muss eines Anbieterwechsels leicht migrieren? Überprüfen lässt sich das mithilfe von Templates, etwa als Bestandteil des Proof of Concept. Sollte eine Datenbank migriert werden müssen, die nicht mehr vom Lieferanten gepflegt wird, ist das ein neues Projekt und Anwender sollten mehrere Anbieter konsultieren.
  • 10. Um die Informationsanfrage, Ausschreibung und Angebotsanfrage korrekt formulieren zu können, sollten alle Mitarbeiter Unternehmen eingebunden werden.
  • 11. Zur Evaluation gehört ein Proof of Concept. Danach sollten in der Auswahlliste drei Lieferanten übrig bleiben.
  • 12. Gut ist, wenn der potenzielle Lieferant schon Kunden hat und der künftige Kunde mit den bisherigen, etwa drei, sprechen kann. Es sollte auch in Betracht gezogen werden, einen echten, effektiven Endverbraucher zu besuchen.
  • 13. Wo ist der Code? Es muss mindestens zweimal archiviert werden, an einem engen, sicheren und gesicherten Ort, mit täglichem Aktualisierungsprozess. Ein entfernter Server ist inakzeptabel. Der Backup-Prozess gehört ebenfalls vollständig überprüft.
  • 14. Bei Restzweifel haben, eine verbleibende oder unbeantwortete Frage, warten Sie bitte: Eilen Sie nicht und drängen Sie nicht. Sie werden jahrelang mit dem System leben, und Sie werden sich nicht einfach oder billig ändern.

*Der Autor

ist 'Serial Software Entrepreneur'. Nach sechs Jahren bei Apple, wo er vom CEO etwa als "Mitarbeiter des Jahres" ausgezeichnet wurde, gründete und leitete er mehrere Software-Startups, zuletzt Datacenter Vision in der Schweiz. Er verfügt über umfangreiche Erfahrung im Bereich Infrastruktur-Management.

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