Aus der Gerüchteküche Wagt sich Suse aufs Parkett?

Autor / Redakteur: Anna Kobylinska und Filipe Pereia Martins* / Ulrike Ostler

Die Gerüchteküche der IT-Szene brodelt um den nächsten Schachzug der deutschen Softwareschmiede Suse. Das weltweit größte unabhängige Heim quelloffener Software hat trotz der Pandemie ein zweistelliges Wachstum hingelegt. Zeit für einen IPO?

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Das Tier im Suse-Logo ist ein Chamäleon. Diese sind laut Wikipedia eine Familie der Leguanartigen innerhalb der Schuppenkriechtiere.
Das Tier im Suse-Logo ist ein Chamäleon. Diese sind laut Wikipedia eine Familie der Leguanartigen innerhalb der Schuppenkriechtiere.
(Bild: Sebastian Herrmann auf Unsplash)

Der Open-Source-Pionier aus Nürnberg feiert dieses Jahr sein 25-jähriges Jubiläum. Das Unternehmen konnte gerade noch im September zum Ende des dritten Quartals einen erheblichen Zuwachs der Nachfrage nach Linux-Lösungen der Enterprise-Klasse, darunter „Suse Linux Enterprise Server“ (SLES), für SAP-Workloads vermelden und einen Zuwachs an jährlichen Vertragswert in Höhe von satten 50 Prozent verbuchen. Vertragsabschlüsse im Wert von je über 1 Million Dollar hätten um satte 35 Prozent zugelegt.

Im dritten Quartal alleine konnte der Linux-Pionier die globale Dell EMC-Gruppe und den Schweizer Technologieanbieter Endress+Hauser als Kunden gewinnen (siehe auch: „Neuorientierung bei Dell Technologies. Hinter den Kulissen: Dell verabschiedet sich von VMware“.

Mit Vollgas durch die Pandemie

Suse rast durch die Pandemie mit Vollgas. Grund genug, um sich mit einer frischen Kapitalspritze einen neuen Energieschub zu holen. Insider-Berichten zufolge ist ein Börsengang von Suse gerade in der Mache.

Die schwedische Private-Equity-Firma EQT AB, die erst noch 2019 für gerade einmal 2,5 Milliarden Dollar den Zuschlag für die Akquisition von Suse von der Britischen IT-Firma Micro Focus International Plc. bekommen hatte, möchte anscheinend bereits schon abkassieren. Das Private-Equity-Unternehmen sei mit Beratern im Gespräch.

Bei einem Börsengang von Suse könne die EQT AB eine Wertstellung von schätzungsweise 5,9 Milliarden Dollar (Milliarden Euro) anstreben. Zum Vergleich: Micro Focus selbst ist derzeit gerade einmal 939 Millionen Dollar wert. Der EQT AB ist mit Suse anscheinend ein großer Wurf gelungen. Ein Zeitpunkt im kommenden Jahr sei überaus denkbar, so die Gerüchteküche; es dürfte aber noch von der Großwetterlage an den Kapitalmärkten abhängen.

Auf dem „SuperMUC-NG“, dem aktuellen Höchstleistungsrechner des Leibniz Rechenzentrums, läuft „SUSE Linux Enterprise Server“ (SLES): Auf den 311,040 Compute-Kernen mit 719 TB an Speicher und einer Spitzenleistung von 26.9 PetaFlop/Sekunde liefen im Jahre 2020 unter anderem Workloads der Nuklear- und Teilchenphysik und der Quantenmechanik.
Auf dem „SuperMUC-NG“, dem aktuellen Höchstleistungsrechner des Leibniz Rechenzentrums, läuft „SUSE Linux Enterprise Server“ (SLES): Auf den 311,040 Compute-Kernen mit 719 TB an Speicher und einer Spitzenleistung von 26.9 PetaFlop/Sekunde liefen im Jahre 2020 unter anderem Workloads der Nuklear- und Teilchenphysik und der Quantenmechanik.
(Bild: LRZ)

Ein Börsengang von Suse gilt dennoch nicht als beschlossene Sache. Die EQT könnte genauso gut andere Ausstiegsstrategien verfolgen oder die Sache auf die lange Bank schieben. Von EQT selbst ist vorerst keine Stellungnahme zu bekommen.

Für europäische Verhältnisse wäre der Suse-Börsengang einer der größeren Kaliber. Technologie-Unternehmen in Europa konnten im laufenden Jahr gerade einmal 7,9 Milliarden Dollar aus IPOs aufbringen (immerhin 2 Milliarden Dollar mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres), und dies vor dem Hintergrund lebhafter Bewertungen und eines starken Investorenappetits für den Sektor. Im kommenden Jahr wollen unter anderem die deutsche Online-Gebrauchtwagenplattform Auto1 Group GmbH und der französische Cloud-Computing-Anbieter OVH Groupe SAS an die Börse gehen.

Der nächste Streich folgt sogleich

Suse (ursprünglich SuSE, ein Akronym für „Software und System-Entwicklung“) hat in ihrer ein Vierteljahrhundert langen Unternehmensgeschichte schon so Einiges durchgemacht. Mit ihrer Linux-Distribution aus dem Jahre 1994 zählt die deutsche Softwareschmiede aus Nürnberg zu den Pionieren von Open Source. Knapp 10 Jahre später, in 2003/2004, ging die damalige Suse Linux AG in den Besitz von Novell über.

2010/2011 konnte sich die Mainframe-zentrische Softwareschmiede Attachmate mit einer Finanzierung von Microsoft die Novell-Gruppe samt Suse unter den Nagel reißen. Knapp ein Jahrzehnt später, in 2014, fusionierte die Attachmate-Gruppe mit der britischen Micro Focus zur neuen Muttergesellschaft von Suse.

Als eine semi-autonome Geschäftseinheit schickte sich dann Suse selbst auf Einkaufstour. Es folgte eine Serie von Acquisitionen, von Open-Attic-Speicher-Management (von der deutschen IT-Novum) bis hin zum ganzen Portfolio von Tools rund um OpenStack und Cloud Foundry (von Hewlett Packard Enterprise). Aus jenen Tools ging unter einem OEM-Vertrag „Helion OpenStack“ und „Stackato“ hervor.

Wieder selbständig

Anfang Juli 2018 trennte sich Micro Focus von Suse endgültig. Die schwedische EQT Partners hat hierzu ihre deutsche Neugründung Blitz 18-679 GmbH vorgeschickt, heute als die Marcel Bidco GmbH bekannt. Das Unternehmen ist bis heute die unmittelbare Muttergesellschaft der Nürnberger Open-Source-Schmiede. Im Juli hat Suse den Cloud-Spezialisten Rancher Labs übernommen (siehe dazu den Bericht „Fusion im Enterprise Kubernetes Management. Suse übernimmt Rancher Labs“.

Der schwedischen EQT AB ist mit Suse sicherlich ein großer Wurf gelungen, aber wohltätig ist die VC-Firma sicherlich nicht. Die florierende Suse soll jetzt einen Börsengang absolvieren und damit voraussichtlich mehrere Milliarden Dollar in die Taschen der schwedischen VC-Firma hinein spülen.

Viele andere IT-Großunternehmen (HPE, IBM & Co.) hätten in den deutlich besseren Nicht-Pandemie-Jahren (2019 und vorher) bereits über einen Bruchteil des Wachstums, den Suse im Vorbeigehen zaubert, mit fliegenden Champagne-Korken gefeiert. Ein Zuwachs des jährlichen Gesamtwertes von Cloud-Verträgen (Annual Contract Value) in Höhe von 81 Prozent sucht sicherlich seines Gleichen. Im Kontext von 14 konsekutiven Quartalen mit Y-o-Y-Growth ist Suse das klare Wunderkind der IT-Landschaft (siehe hierzu auch den Bericht: „Susecon Digital 2020. Simplify, Modernize, Accelerate“.

Der Mitbewerb wird da leicht grün vor Neid und den VCs läuft das Wasser im Munde zusammen. Da ist ein IPO mit 5 Milliarden Euro gar nicht so weit hergeholt.

Das Fazit der Autoren

Suse wäre für den Börsengang des Jahres sicherlich ein geeigneter Kandidat. 'Mal schauen.

* Das Autoren-Duo Anna Kobylinska und Filipe Pereia Martins arbeitet für McKinley Denali Inc. (USA).

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