Interview zur Zukunft des Datacenter-Hotspot Frankfurt am Main Restriktionen für den Datacenter-Bau

Die Stadt Frankfurt am Main will den weitgehend unkontrollierten Ausbau von Co-Location-Rechenzentren stoppen. Das sorgt für Aufregung. Autor Harald Lutz hat im Auftrag von Datacenter-Insider bei Peter Kreisel nachgefragt, dem zuständigen Leiter der Abteilung Stadtentwicklung im Stadtplanungsamt der Mainmetropole.

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Ein Beispiel für gelungene Stadtentwicklung, so die Planer in Frankfurt am Main: der zukünftige Digital Park Fechenheim auf dem ehemaligem Neckermann-Gelände. Hier baut Co-Location-Anbieter Interxion.
Ein Beispiel für gelungene Stadtentwicklung, so die Planer in Frankfurt am Main: der zukünftige Digital Park Fechenheim auf dem ehemaligem Neckermann-Gelände. Hier baut Co-Location-Anbieter Interxion.
(Bild: Interxion)

Der jüngste Magistratsbeschluss zur Aktualisierung des Gewerbeflächenentwicklungsprogramms (GEP) hat bei den Datacenter-Lobyisten viel Aufmerksamkeit erfahren. Der Industrieverband German Datacenter Association (GDA) beispielsweise sieht darin so etwas Ähnliches wie den Untergang des christlichen Abendlandes beziehungsweise das Aus für den deutschen Rechenzentrumsstandort Nr. 1 (siehe: Kasten). Teilen der Opposition im Stadtparlament und Umweltverbänden geht er umgekehrt insbesondere in puncto Abwärmenutzung und der Verwendung von Ökostrom nicht weit genug.

Haben Sie die vielen, teilweise heftigen Reaktionen überrascht?

Peter Kreisl: Nein. Es ist nachvollziehbar und selbstverständlich auch völlig in Ordnung, wenn eine Branche und ein Interessenverband für seine Belange eintritt.

Gewerbegebiete im Stadtgebiet dienen jedoch vielfältigen Nutzungen. Und die Stadt Frankfurt am Main muss alle Belange berücksichtigen und in eine Balance bringen. In der vergangenen Wahlperiode hat der Wirtschaftsdezernent der Stadt Frankfurt am Main im Dialog mit vielen Partnern wie der IHK, dem VhU, der HWK, den Gewerkschaften den Masterplan Industrie erarbeitet, um eine Perspektive für den Industrie- und Gewerbestandort Frankfurt aufzuzeigen.

Der Magistrat und die Stadtverordnetenversammlung haben diesen Masterplan Industrie zur Richtschnur ihres Handelns gemacht. Die Grundidee, eine diversifizierte Wirtschaftsstruktur – auch mit verarbeitendem Gewerbe – zu erhalten, ist unverändert nachvollziehbar und gerade in Krisenzeiten wichtiger denn je.

Können Sie diesen Gedanken noch etwas näher ausführen?

Peter Kreisl: Aus der Perspektive der Stadtplanung ist zudem festzustellen: Die künftige gewerbliche Entwicklung im Stadtgebiet wird überwiegend auf Bestandsflächen stattfinden müssen. Das führt letztlich dazu, dass der Verwertungsdruck auf die verbliebenen Lagen und auf die angestrebte Vielfalt innerhalb des gewerblichen Nutzungsspektrums steigt. „Neue Gewerbegebiete“ im Stadtgebiet sind zwar abstrakt schnell gefordert, aber räumlich konkret aufgrund erheblicher Zielkonflikte faktisch nur schwer zu entwickeln.

Auch und gerade für Fragestellungen des Wirtschaftsstandortes gilt: Die räumlich-funktionalen Verflechtungen sind im Ballungsraum Frankfurt/Rhein-Main sehr weit fortgeschritten. Vollständig überzeugende Strategien sind somit letztlich nur stadtregional möglich. Innerhalb eines regionalen Handlungsrahmens kann dann jede Kommune ihren spezifischen Beitrag leisten. Die Stadtverordnetenversammlung Frankfurt hat diese Erkenntnis mit dem im November 2019 beschlossenen integrierten Stadtentwicklungskonzeptes 'Frankfurt 2030+' auf eine griffige Formel gebracht: Die Region ist die Stadt.

Was war das die Grundidee oder der konkrete Problemdruck dahinter, sich von Seiten des Stadtplanungsamtes beziehungsweise der Stadt Frankfurt am Main überhaupt mit dem Thema Rechenzentrumsstandortpolitik zu beschäftigen?

Peter Kreisl: ... Zunächst die vorgenannte, sehr dynamische Entwicklung von neuen unternehmensunabhängigen Rechenzentren in erheblicher Größe – verbunden mit der Sorge des Verlusts einer diversifizierten Wirtschaftsstruktur aufgrund der Bodenpreisentwicklung. Zudem die Wahrnehmung des hohen Energieverbrauchs der Rechenzentren in Frankfurt, die in Summe als Gefährdung der kommunalen Klimaschutzziele wahrgenommen werden. Städtebaulich: unter anderem das schiere Volumen der Baukörper und deren verbesserungsfähige städtebauliche Gestaltung.

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Was genau ist in dem Magistratsbeschluss vorgesehen beziehungsweise soll in verbindliches Planungsrecht umgesetzt werden?

Peter Kreisl: Aufgrund des erhöhten Wachstums von Rechenzentren in Gewerbe- und Industriegebieten sollen die Erhaltungs- und Entwicklungsziele, Maßnahmen sowie die Standorttypik (siehe: Download Karte 1) der am 04.03.2021 beschlossenen Fortschreibung des Gewerbeflächenentwicklungsprogramms angepasst werden, um auf konzeptioneller Grundlage eine gesamtstädtische Standortsteuerung von Rechenzentren zu ermöglichen.

Mit dem Gewerbeflächenentwicklungsprogramm definiert die Stadt Frankfurt am Main ihre Zielvorstellung für die städtebauliche Entwicklung aller gewerblichen Bauflächen in Frankfurt. Ein städtebauliches Entwicklungskonzept schafft oder ändert selbst kein Baurecht.

Bereits vorgeprägte Standorte sollen als Eignungsgebiete für die Aufnahme Co-Location-Rechenzentren vorgesehen werden. In eingeschränkten Eignungsgebieten sollten solche unternehmensunabhängige Datacenter nur im Ausnahmefall realisiert werden, denn diese Flächen sollen dem industriellen Kern der Stadt vorbehalten bleiben.

In Ausschlussgebieten soll eine Feinsteuerung der gewerblichen Nutzung erfolgen. Das kann eine Zonierung innerhalb der Gewerbegebiete bedeuten – mit Teilflächen für Rechenzentren – aber auch deren völliger Ausschluss. Diese Feinsteuerung setzt Bebauungspläne voraus, die sukzessive aufgestellt oder geändert werden, sofern und sobald die Stadtverordnetenversammlung den Magistrat entsprechend beauftragt.

Darüber hinaus ist zu vernehmen: Die Aktualisierung des Gewerbeflächenentwicklungsprogramms sei nur ein Teil eines größeren Vorhabenpakets, um Datacenter künftig Stadt- und klimaverträglich zu integrieren. Welche konkreten Dinge will die Stadt Frankfurt in puncto Rechenzentren noch angehen, und wie ist der Stand der Dinge dazu?

Peter Kreisl: Zwischen den tangierten Magistratskollegen wurde noch während der letzten Wahlperiode der Stadtverordnetenversammlung vereinbart, dass die Federführung des Themas bei der Umweltdezernentin der Stadt Frankfurt am Main liegt. Eine Arbeitsgruppe aus Energiereferat, Umweltamt, Wirtschaftsförderung und Stadtplanungsamt bearbeitet unter Leitung des Energiereferats die genannten Themen.

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  • Für Fragen des Energieverbrauchs, eine Zertifizierung von Rechenzentren und der Abwärmenutzung verfügt das Energiereferat über einschlägige Expertise. Leitvorstellungen zur städtebaulichen Qualität wird das Stadtplanungsamt einbringen. Dabei wird es im Kern um folgende Aspekte gehen:
  • Nachnutzung bestehender Gebäude, wo immer es möglich ist.
  • Bei Neuentwicklungen: neben einer hohen Energie-Effizienz der Objekte auch eine flächen- und ressourcensparende Bauweise.
  • An städtebaulich integrierten Standorten: eher kleine und mittlere Baukörper, statt große „Monolithen“, die schwer in die Stadt „einzubauen“ sind.
  • Idealerweise: Kombination von Rechenzentren mit anderen Nutzungen, so dass sie ein (Stadt-) Baustein in komplexeren Projektentwicklungen werden.
  • Notwendige Sicherheitsmaßnahmen wie Zäune, Überwachungskameras, Scheinwerfer zum Beispiel so angelegen, dass sie gestalterisch nicht abweisend bis verstörend in den öffentlichen Raum wirken.

Wie das Beispiel der Nachnutzung des ehemaligen Neckermann-Areals an der Hugo-Junkers-Straße im Osten Frankfurts durch das Unternehmen Interxion zeigt, sind gute Lösungen schon heute möglich.

Der Magistrat hat seinen Beschluss zur Gewerbeflächenentwicklung an die Gremien der Stadtverordnetenversammlung zur Beratung und Beschlussfassung weitergeleitet. Da fließt bekanntlich noch viel Wasser den Main hinunter. Muss sich in der Datacenter- beziehungsweise Co-Location-Branche also überhaupt jemand ernsthafte Gedanken machen, gegenüber dem unkontrollierten langjährigen Wildwuchs, zeitnah etwas umzustellen?

Peter Kreisl: Nach meiner Kenntnis beschäftigt sich die Branche und die GDA bereits mit der Frage, wie Rechenzentren zur Nachhaltigkeit beitragen können - und wie sie als gute Nachbarn auch ihren Beitrag zur Standortentwicklung leisten können. Das ist nur zu begrüßen und sollte fortgesetzt werden, zum Beispiel durch eine Mitwirkung in Standortgemeinschaften.

Aber auch das gilt: Der Magistrat ist selbstverständlich stets gehalten, Aufträge der Stadtverordnetenversammlung ohne Verzug im Rahmen seiner Möglichkeiten umzusetzen.

Im Frankfurter Umland, zum Beispiel in Hattersheim, aber auch in Offenbach oder Hanau, haben sich längst respektable Rechenzentrumsstandorte vor der Haustüre entwickelt. Kann die Ansiedlung von Datacenter, insbesondere unter Berücksichtigung von Abwärmenutzung und aktiver Klimapolitik, überhaupt noch von einer Kommune alleine gestemmt werden. Ist nicht vielmehr eine übergreifende Abstimmung und einheitliche Politik in der gesamten Region gefragt?

Peter Kreisl: Unbedingt. Der Regionalverband Frankfurt-Rhein-Main, dessen Kernaufgabe ja die Flächenvorsorge im Rahmen der vorbereitenden Bauleitplanung für den gesamten Ballungsraum ist, hat sich inzwischen dem Thema auch angenommen. Größere eigenständige Rechenzentren sind aus den genannten Punkten ganz klar raumbedeutsam. Und somit sollten Sie auch Thema der Regionalplanung werden, zum Beispiel im Rahmen der laufenden Neuaufstellung des Regionalplans Südhessen durch das Regierungspräsidium Darmstadt und die Regionalversammlung Südhessen. (siehe:„Bei der Ansiedlung neuer Rechenzentren setzt Regionalverband auf verstärkten Dialog mit Kommunen und Betreibern“ / Regionalverband FrankfurtRhein-Main

Übrigens wurden die Rechenzentrumsstandorte in Hattersheim, Offenbach und Hanau bereits lange vor städtebaulichen Zielvorstellungen der Stadt Frankfurt am Main in Bezug auf Rechenzentren entwickelt. Diese Entwicklung kann dementsprechend keine Folge der nun vorgeschlagenen Aktualisierung des Gewerbeflächenentwicklungsprogramms sein, was fälschlicherweise gelegentlich behauptet wird.

Regionale Kooperation und Arbeitsteilung ist gefragt. Nicht jedes unternehmensunabhängige Rechenzentrum kann und muss zwingend im Stadtgebiet von Frankfurt seinen Standort finden.

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