Kostengünstig, schnell, flexibel: Eine Private Cloud entwickelt sich rasant

OpenStack bei BMW

| Autor: Ludger Schmitz

BMW: Mit OpenStack stellt sich der Autobauer auf neue Herausforderungen der Branche ein.
BMW: Mit OpenStack stellt sich der Autobauer auf neue Herausforderungen der Branche ein. (Bild: Ludger Schmitz / CC BY 3.0 / CC BY 3.0)

Seit zweieinhalb Jahren nutzt BMW – neben diversen Public Clouds – eine Private Cloud auf OpenStack-Basis. Die wächst rasant, obschon die Unternehmensabteilungen sie nicht so einfach nutzen dürfen.

Andreas Pöschl ist an seinem Wohnort Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr. In seinem Beruf ist er ähnliches, nämlich Senior Solutions Architect Linux/Cloud bei der BMW Group. Er leitet ein nur vierköpfiges Team, das seit April 2015 die auf OpenStack aufbauende Private Cloud bei BMW betreibt und ausbaut. Auf den Deutschen OpenStack-Tagen 2017 hielt er einen viel beachteten Vortrag, auf dem die folgende Zusammenfassung basiert.

Der Urknall einer Private Cloud

Hardwareseitig stützt sich die BMW-Cloud auf 24 Computer-Nodes mit 72 Cores und 1 Terabyte (TB) Arbeitsspeicher. Hinzu kommen 26 Ceph-Nodes mit 36 TB Speicher pro Node. Derzeit verwenden mehr als 130 Projekte mit Quotas bis zu 1000 virtuellen Prozessoren (vCPUs). Im Schnitt sind in Projekten rund 3000 vCPUs eingebunden.

Pro Monat werden 70.000 Instanzen erzeugt und gelöscht. Der Automobilhersteller plant den Ausbau seiner Cloud sowohl in München als auch in den USA und im australisch-pazifischen Raum. Bis Ende 2017 sollen mehr als 25.000 vCPUs zur Verfügung stehen.

Andreas Pöschl, OpenStack-Apostel bei BMW, während seines Vortrags bei den Deutschen OpenStack-Tagen 2017.
Andreas Pöschl, OpenStack-Apostel bei BMW, während seines Vortrags bei den Deutschen OpenStack-Tagen 2017. (Bild: Ludger Schmitz / CC BY 3.0 / CC BY 3.0)

Die BMW-Cloud steht nicht allen Unternehmensabteilungen als schneller IT-Selbstbedienungsladen – wie sich Public Clouds gerne darstellen – zur Verfügung. Ihre „Kunden“, so bezeichnet Pöschl die Anwender grundsätzlich, sind BMW-IT-Projekte mit dem Fokus auf neue Business-Felder. Es geht um autonomes Fahren, Mobility Services, mobile Apps und ähnliches, allesamt neue Anwendungen.

"Cloud first" - aber nicht für alles

Es gibt bei BMW eine „Cloud-First“-Strategie. Neue Anwendungen werden nur noch mit Cloud-Technologien entwickelt. Allerdings wird Legacy-Software nicht in die BMW-Cloud übertragen. „Nicht alles, was technisch auf OpenStack laufen kann, macht betrieblich auch Sinn“, bekräftigt Pöschl. „Uns war von Anfang an eins klar: Nicht Cloud um der Cloud willen!“

In der Cloud betreibt BMW einen neuen Ansatz seiner IT-Nutzung. Es gab keine Management-Order, die Cloud zu nutzen; sie ist nicht mehr als ein neues Angebot. „Wir wollen unseren Kunden einen Infrastruktur-Service bieten, der bisher so nicht abbildbar war“, erklärt Pöschl. „Unsere Kunden sollen diejenigen sein, die bisher nicht Kunden bei uns waren.“ Denn das ist allemal besser als eine Schatten-IT.

Die Schatten-IT wieder zurückgeholt

Dass es in Unternehmen eine Schatten-IT gibt, ist für den OpenStack-Spezialisten Ausdruck dafür, dass Mitarbeiter das Vertrauen in die klassische IT verloren haben. Pöschl gesteht, dass er manchmal überrascht ist, was Teams sich da zusammengebastelt haben, die jetzt in die BMW-Cloud möchten. Der Anstieg der Projekte in der BMW-Cloud hat auch damit zu tun, dass die Schatten-IT zurückkehrt. Pöschl: „Mir ist es lieber, ich weiß, was die machen, als dass sie irgendwo machen, was sie wollen.“

„Wir können die Kunden nur gewinnen und halten, wenn sie Vertrauen zu uns haben“, steht für ihn fest. Und das hat eine Konsequenz: „Die größten Herausforderungen bei Clouds ist nicht die Technik, sondern das Thema Mindset und – in großen Unternehmen wie BMW – die Prozessintegration.“

Kürzlich auf der IAA in Frankfurt vorgestelle: "BMWi Vision Dynamics"
Kürzlich auf der IAA in Frankfurt vorgestelle: "BMWi Vision Dynamics" (Bild: BMW)

Ein Mindset für einen exklusiven Kreis

Wer den BMW-Cloud-Chef erlebt, glaubt sofort, dass es ihm gelingt, in seinem Team und im Umgang mit den Kunden das zu pflegen, was er für essentiell hält: Spaß an der Sache, ein lockerer Umgangston, ein entspanntes Verhältnis, Identifizierung mit Projekten und Leidenschaft in der Produktentwicklung. „Da geht es nicht um umfassendes Wissen; das kann man nachschieben. Aber wenn‘s vom Herzen nicht passt, dann wird‘s schwierig.“

Kein IT-Projekt von BMW kann sich so einfach an den Ressourcen der Cloud bedienen. Es gibt keine automatische Einrichtung und Zutrittsberechtigung. Vielmehr braucht es einen Projektantrag, und dem folgt eine Art Bewerbungsgespräch. Hier geht es nicht nur um die Cloud-Fähigkeit der geplanten Projekte, um die Lizenzproblematik oder um die Fähigkeit der Teams Instanzen selbst zu betreiben. Nicht weniger wichtig ist die Erwartungshaltung, das „Mindset“ der Bewerber.

„Wir sind die BMW-Cloud!“

Die BMW-Cloud hat es nicht nötig, für sich zu werben; die Mundpropaganda reicht. Pöschl: „Exklusivität fördert die Loyalität.“ Wer es schafft, in diese Cloud zu kommen, erhält eine E-Mail: „Congratulations. Your Are Now a Member of the BMW OpenStack Community.“ Die Zugelassenen sorgen für Mundpropaganda: „Wir sind in der BMW-Cloud!“ Um die Loyalität zu wahren, organisiert das Cloud-Team Birds of Feather Session, interne Fortbildungen und Cloud Summits.

Bei diesen Gelegenheiten wird geholfen, aber ansonsten müssen die Kunden schon selbst machen. Das Cloud-Team stellt nur die Infrastruktur samt APIs zur Verfügung und sorgt für deren Verfügbarkeit. Das sind Basis-Images von Suse Linux Enterprise Server, Ubuntu und CentOS sowie Basis-Repositories. Die Images werden jede Nacht mit den aktuellen Paketen neu gebaut und hochgeladen. Außerdem gibt das Cloud-Team Meldungen aus der IT-Sicherheit über Auffälligkeiten an die Kunden weiter und informiert über Host-Ausfälle.

"BMW Connected" (auf der IAA 2017) - die Anwendung gilt als eine typische Cloud-Applikation bei BMW.
"BMW Connected" (auf der IAA 2017) - die Anwendung gilt als eine typische Cloud-Applikation bei BMW. (Bild: BMW)

Instanzen der klassischen IT gelten hier nicht

Das Betriebsmodell unterscheidet sich damit deutlich von der klassischen IT. Der eigentliche Betrieb der Instanzen liegt vollständig beim Kunden, den anderen IT-Teams. Das Cloud-Team überwacht die Instanzen nicht und startet sie im Falle eines Fehlers auch nicht neu. Das ist Sache der Kunden.

Es gibt keine Dokumentation in einer CMDB. Pöschl: „In der Cloud wäre das unsinnig, weil die Instanzen vielleicht nur zehn Minuten leben.“ Wer solche Informationen braucht, findet sie bei OpenStack über die API in der Datenbank, aber nicht in der CMDB. Ebenso wenig gibt es ein anderes Heiligtum der klassischen IT, nämlich Service Licence Agreements (SLAs). „Wenn im Bewerbungsgespräch der Begriff SLA fällt, ist eigentlich schon aus.“ Da ist Pöschl humorlos. „Eine SLA gibt es nur auf die APIs und das Gesamtsystem.“

Wegschmeißen wird belohnt

Dass Cloud-Team ist BMW-intern kein Profit-Center. „Wir belohnen das Wegschmeißen der Instanzen“, erklärt Pöschl die Anlage der Kostenberechnung, die drei Modelle vorsieht. „On Demand“ empfiehlt sich für eine Nutzung unter 30 Prozent der CPU-Online-Stunden. „Reserved“ ist am günstigsten bei einer Auslastung von 30 bis 70 Prozent. „Dedicated“ bedeutet unabhängig vom Nutzungsgrad die volle Bezahlung des Quotas.

Das Ergebnis ist im Vergleich zur klassischen IT-Welt vielleicht überraschend. Während dort alles inklusive ist, muss in der BMW-Cloud die Nutzer selbst Arbeit einbringen. Würde man die mitberechnen, ist die klassische IT-Welt günstiger, so Pöschl. „Die klassische IT ist nicht teuer, sondern nur anders geschnitten.“

Günstiger als die Public Cloud

Nicht weniger überraschend ist der Kostenvergleich zur Public Cloud. „Wegen der Kosten gehen Leute in die Public Cloud, und warum kommen sie zurück?“ fragt Pöschl und liefert die Antwort sogleich: „Wegen der Kosten.“ Bei BMW haben sie den Preisvergleich zu Amazon Web Services ausgerechnet. Das Ergebnis laut Pöschl: „Wir sind ungefähr 20 Prozent billiger. Dabei sind die Netzwerk- und Storage-Kosten nicht einmal mitgerechnet, und auch nicht die Betreuung der Anwendungen in der Public Cloud.“

Für die Public Cloud gibt es in den Augen von Pöschl nur zwei Gründe: massives Scale-out und Location. Massives Scale-out dreht sich nicht um ein paar CPUs wie in der klassischen Cloud, sondern um zehntausende Instanzen. „Wer braucht das? Nur sehr wenige.“ Und Location: „Wo kein IT-Standort ist, braucht es Public Cloud.“

Erfahrungsaustausch und Kooperation gesucht

Die Erfahrungen bei BMW sprechen stark für die OpenStack-Private-Cloud. Das heißt aber nicht, dass alle Fragen geklärt seien. Controller möchten Zahlen sehen, welche Mittel die BMW-Cloud in absehbarer Zeit benötigen wird, aber niemand kann die dynamische Entwicklung realistisch abschätzen. Es sind verschiedene Datenbanken im Einsatz, Freigabeprozesse aber erst rudimentär geklärt. Ohne geht es nach Ansicht von Pöschl nicht; „aber wie macht man das, ohne in die alte Bürokratie zurückzufallen?“

Ebenfalls unklar ist das Lizenz-Management. Wie lässt sich das in den Griff kriegen, wenn Workloads dynamisch rauf und runter fahren? Pöschl schloss seinen Vortrag mit einem Apell: „Wir hoffen, dass wir vielleicht mit anderen Unternehmen ein Modell für den sinnvollsten Weg entwickeln können.“

* Ludger Schmitz ist freiberuflicher Journalist in Kelheim.

Was meinen Sie zu diesem Thema?

Schreiben Sie uns hier Ihre Meinung ...
(nicht registrierter User)

Kommentar abschicken
copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 44892919 / Private Cloud)