„Wir befinden uns an dem Punkt, an dem es zu spät ist, den Fortschritt aufzuhalten“

Krypto-Mining fordert die Rechenzentrumstechnik heraus

| Autor / Redakteur: Lisa Mitschak / Ulrike Ostler

Das Rechenzentrum von Evobits I.T. ist gestopft voll mit Mining-Rigs. Die Herausforderung: Die Hardware ist ständig komplett ausgelastet. Das stellt enorme Anfordrungen an die Kühlung und die Stromversorgung.
Das Rechenzentrum von Evobits I.T. ist gestopft voll mit Mining-Rigs. Die Herausforderung: Die Hardware ist ständig komplett ausgelastet. Das stellt enorme Anfordrungen an die Kühlung und die Stromversorgung. (Bild: Vertiv/ Evobits I.T.)

Ein Rechenzentrum, das Krypto-Mining abbildet, ist ein Hochleistungsrechenzentrum – mit ganz neuen Herausforderungen, zu denen es bis dato wenig Erfahrung gibt. Welche Lehren aus dem Bau eines Krypto-Mining-Rechenzentrums gezogen werden können, wo die Unterschiede zu klassischen Rechenzentren liegen, erläutert Silviu Catalin Balaci, CEO von Evobits I.T., Betreiber eines solchen Datacenter.

Im vergangenen Jahr und den vergangenen Monaten dominierte Bitcoin die Schlagzeilen. Es herrschte ein regelrechter Boom. Sie haben ein Rechenzentrum gebaut, das auf Krypto-Mining spezialisiert ist. Doch Krypto-Mining wird nicht gerade positiv assoziiert. Haben die Kritiker recht?

Silviu Catalin Balaci, CEO von Evobits Information Technology, spricht über Kryptowährung, Blockchain und die Herausforderungen für Rechenzentren.
Silviu Catalin Balaci, CEO von Evobits Information Technology, spricht über Kryptowährung, Blockchain und die Herausforderungen für Rechenzentren. (Bild: Vertiv/Evobits I.T.)

Silviu Catalin Balaci: Ja und nein: In der aktuellen Situation schon. Doch wenn man in die Zukunft schaut auf keinen Fall. Kryptowährung ist eine neue Technologie – und dadurch, dass sie so neu ist, noch in der Entwicklungsphase. Im Moment gibt es eine Menge Probleme mit Kryptowährungen, aber an diesen wird gearbeitet und es existieren schon vielversprechende Lösungen für die nahe Zukunft.

Und ganz nüchtern betrachtet: Jedes neue Fachgebiet oder jede neue Technologie ist erst einmal nicht wirklich effizient. Nehmen wir Solarpaneele als Beispiel. Sie waren anfangs sehr schwach und sehr teuer. Die Menschen beschwerten sich darüber, wenn Länder diese subventionieren wollten und forderten, dass keine Subventionierung der Solarenergietechnik stattfinden sollte, da es keinen wirtschaftlichen Sinn ergeben würde und reine Geldverschwendung wäre.

Und jetzt? Solar- und Windenergie sind sehr effizient und wirtschaftlich. Ähnlich sieht es bei Elektroautos aus. Ich meine: Menschen, die sich nicht für die Zukunft interessieren oder einfach nicht in der Lage sind, vorauszudenken, werden sich immer über neue Technologie beschweren. Mining ist keine perfekte Lösung, aber in der jetzigen Situation das „notwendige Übel“, um Blockchain-Projekte zu sichern und zu unterstützen.

Wie kamen Sie dazu, sich mit Kryptowährung und den dazugehörigen Möglichkeiten zu beschäftigen?

Silviu Catalin Balaci: Grundsätzlich beschäftigen wir uns mit Blockchain und den dazugehörigen Applikationen. So entfernte Technologiefelder sind das nicht, da Kryptowährung auf Blockchain-Technologie aufbaut. Der Schritt, ein eigenes Rechenzentrum für Krypto-Mining zu bauen, kam dadurch, dass wir auf Kundenseite den Bedarf eines Großunternehmens im Bereich Krypto-Mining hatten.

Kryptowährung wird durch Blockchain-Technologie gestützt. Wie sehr beeinflusst das den IT-Markt und andere Branchen?

Silviu Catalin Balaci: Die Blockchain-Technologie ist für verschiedene Branchen und Anwendungsbereiche sehr nützlich – vor allem dann, wenn die Unveränderbarkeit von Daten eine entscheidende Rolle spielt. Sie ist aber kein Wundermittel, das überall eingesetzt werden kann und für alle Unternehmen sinnvoll ist. Für den Finanzbereich und im Handel ist die Blockchain-Technologie beispielweise jetzt schon äußerst interessant.

Wir sehen aber auch, dass immer mehr Unternehmen versuchen, die Blockchain-Technologie in ihr Tagesgeschäft zu integrieren – beispielsweise die Schifffahrt. Wenn es darum geht, dass Daten nicht verändert werden, ist die Blockchain-Technologie die beste Wahl. Blockchain ist einfach super, wenn es um die Sicherung historischer Daten geht und diese immer erreichbar sein müssen.

Beeinflusst diese Entwicklung unsere Gesellschaft?

Silviu Catalin Balaci: Definitiv, da sie eine zuverlässige und manipulationssichere Technologie ist, die bei richtiger Anwendung allen Beteiligten zugutekommen kann. Stellen Sie sich vor: Ihre Steuerunterlagen sind immer sicher und der Zugang zu Ihren Gesundheitsakten ist nicht von einem Server abhängig, der online sein muss.

Am häufigsten lese ich Kommentare, dass Blockchain-Technologie nicht nützlich ist, von Menschen, die in hochentwickelten Ländern leben. Sie haben nie Probleme mit dem Zugriff auf Server, sie können auch jederzeit Geld überweisen. Das ist aber nicht in allen Ländern der Fall: Es gibt Länder, in denen das nationale Gesundheitskartensystem tagelang offline war. Länder, in denen es sehr schwierig ist, Geld zu transferieren oder auch solche in denen es einen hohen Grad an Wahlbetrug gibt.

Eine Tatsache, an die man sich in diesem Kontext immer erinnern sollte, ist folgende: Nur, weil man selbst keinen Nutzen in einer Sache sieht, bedeutet das nicht, dass es nicht für einen anderen nützlich ist!

Unterscheidet sich Ihre Anlage von traditionellen Rechenzentren? Wenn ja, wie?

Die erste Krypto-Mining-Farm von Evobits sah allerdings weniger wie ein klassisches Rechenzentrum aus - wie in vergleichbaren Anlagen bestand es aus Miming-Rigs, die in Regalen gestapelt wurden. Allerdings rechnet sich die Installation von Racks, Einhausungen und Kühlanalgen nach nur etwa drei Jahren.
Die erste Krypto-Mining-Farm von Evobits sah allerdings weniger wie ein klassisches Rechenzentrum aus - wie in vergleichbaren Anlagen bestand es aus Miming-Rigs, die in Regalen gestapelt wurden. Allerdings rechnet sich die Installation von Racks, Einhausungen und Kühlanalgen nach nur etwa drei Jahren. (Bild: Vertiv/Evobits I.T.)

Silviu Catalin Balaci: Es gibt viele Ähnlichkeiten mit traditionellen Rechenzentren, aber es gibt auch zahlreiche Unterschiede. Ähnlich ist beispielsweise der Datenraum. Unserer kommt einem echten Rechenzentrum sehr nahe: Von der Stromverteilungsmethode über das Racking-System bis hin zur Kühlmethode – wie bei einem traditionellen Rechenzentrum wird auch bei uns ein Feuerlöschsystem mit Inertgas verwendet. Bei der Netzverbindung haben wir mehrere Glasfaserleitungen auf verschiedenen Routen.

Kurzum: Wir machen unser eigenes Routing. Wir nutzen das gleiche Equipment wie traditionelle Rechenzentren und wir bieten 24/7-Sicherheit mit dem Einsatz von CCTV-Kameras, Sicherheitskräften vor Ort, schnellen Notfallmaßnahmen und ähnlichem.

Der größte Unterschied liegt auf Ebene der redundanten Systeme: Verfügbare Betriebszeit ist für uns nicht relevant und wir haben nur eine USV-Anlage für die kritischen Server und Router, keine Generatoren. Allerdings haben wir Platz freigehalten, um diese bei Bedarf nachzurüsten.

Wir haben auch keine Multi-Tenant-Umgebung, wie sie reguläre Co-Location-Rechenzentren haben, da wir die einzigen mit Zugang sind. Ich würde sagen, dass wir am ehesten mit einem privaten Rechenzentrum zu vergleichen sind, das nicht über eine redundante Stromversorgung verfügt.

Trotzdem laufen sie die ganze Zeit auf voller Last. Gibt Ihnen das mehr Flexibilität bezüglich möglicher Betriebsunterbrechungen oder Downtime?

Das Krypto-Mining ist ein energiefressendes Unterfangen und das gehört zu den großen Kritikpunkten.
Das Krypto-Mining ist ein energiefressendes Unterfangen und das gehört zu den großen Kritikpunkten. (Bild: Vertiv/ Evobits I.T.)

Silviu Catalin Balaci: Es gibt uns eigentlich weniger Flexibilität, weil wir unsere Ausrüstung ständig belasten. Wir versuchen, ein N+1-Verhältnis so weit wie möglich beizubehalten, aber das können wir nicht immer tun - besonders in der Energieabteilung. Das bedeutet also, dass wir, wenn wir einen kritischen Ausfall in unserem Energiesystem haben, gezwungen sind, einen Teil der Miner abzuschalten. Wir kompensieren dies jedoch, indem wir immer zusätzliche Miner haben und diese einsetzen, um die Kundengeräte, die offline gehen, automatisch zu ersetzen.

Am Ende merken die Kunden dadurch nicht, wenn es Probleme gibt. Es ist immer eine Risiko/Ertrags-Entscheidung: Geben wir Geld für eine USV aus oder ist das Risiko einer Stromunterbrechung gering genug, um es auf eine andere Weise auszugleichen?

Was waren für Sie die größten Herausforderungen und wie haben Sie diese gelöst?

In Vertiv fand Evobits I.T. einen Partner, der die Herausforderungen eines Krypto-Mining-Rechenzentrums annahm, auch wenn nicht alles auf Anhieb klappte. Im Mai 2018 konnte das Rechenzentrum den Betrieb aufnehmen.
In Vertiv fand Evobits I.T. einen Partner, der die Herausforderungen eines Krypto-Mining-Rechenzentrums annahm, auch wenn nicht alles auf Anhieb klappte. Im Mai 2018 konnte das Rechenzentrum den Betrieb aufnehmen. (Bild: Vertiv( Evobits I.T.)

Silviu Catalin Balaci: Beim Bau der ersten Anlage gingen wir davon aus, dass wir problemlos eine Kühlung mit Direktverdampfung verwenden könnten. So wird es schließlich auch bei gängigen Rechenzentren gemacht.

Da wir allerdings ständig auf hoher Last laufen, war das keine Lösung für uns. Somit hatten wir Bedenken, ob unsere zweite Anlage bei den extremen Temperaturen im Sommer überhaupt funktionieren würde. Dazu kam noch die hohe Luftfeuchtigkeit, kurzum die schlimmsten Voraussetzungen für die Kühlung der Technik.

Anstatt einer Kühlung mit Direktverdampfung wird in unserer zweiten Anlage eine Kühlungslösung von Vertiv mit Direktkondensation verwendet. Das System verfügt über einen indirekten Luft-Luft-Wärmetauscher und erzielt die Kühlung über Verdunstung. Selbst bei unserer extremen Luftfeuchtigkeit oder den sehr hohen Temperaturen funktioniert die Einheit einwandfrei. Wir erreichen damit einen PUE-Wert von nur 1.15. Für uns ist das ein außergewöhnlich gutes Ergebnis!

Zum Abschluss noch eine Prognose: Wie sehen Sie die nahe Zukunft und Entwicklung bezüglich Kryptowährung?

Silviu Catalin Balaci: Ich glaube, dass wir uns an dem Punkt befinden, an dem es zu spät ist, den Fortschritt aufzuhalten. Wir sind im letzten Schritt von Gandhis Zitat: „Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“ Die Kryptowährung wurde lange Zeit ignoriert, dann wurde sie verspottet und dann angegriffen. Jetzt sind wir darüber hinweg und beginnen mit der Adoptionsphase – wir sind also auf der Zielgeraden.

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