40 Jahre C64 Januar 1982: Der Commodore C64 erblickt das Licht der Welt

Von Sebastian Gerstl

Ein in neun Monaten entwickeltes Geheimprojekt wurde zum größten Verkaufsschlager der Heimcomputer-Ära: Vor 40 Jahren, auf der Winter-CES 1982 in Las Vegas, stellte Commodore den „C64“ erstmals der Öffentlichkeit vor. Niedriger Preis, ansehnliche Grafik-Eigenschaften und ein für die Zeit unschlagbarer Sound-Chip machten den liebevoll „Brotkasten“ genannten Rechner zum weltweiten Hit.

Mit weltweit 17 Millionen verkauften Exemplaren ist der C64 der mit Abstand meistverkaufte Heimcomputer der Welt. Allein in Deutschland wurden mehr als 3 Millionen Geräte abgesetzt. Dabei war die Erfolgsmaschine anfangs vom Commodore-Management nicht gewollt – und musste von seinen Entwicklern im Geheimen entworfen werden.
Mit weltweit 17 Millionen verkauften Exemplaren ist der C64 der mit Abstand meistverkaufte Heimcomputer der Welt. Allein in Deutschland wurden mehr als 3 Millionen Geräte abgesetzt. Dabei war die Erfolgsmaschine anfangs vom Commodore-Management nicht gewollt – und musste von seinen Entwicklern im Geheimen entworfen werden.
(Bild: Sebastian Gerstl)

Anfang der 1980er Jahre, inmitten der Ära der 8-Bit-CPUs, erlebt der Heimcomputermarkt seine größte Blüte. Die Heimcomputer-Revolution hatte zwar erst 1977 begonnen, doch nur wenige Jahre später hatten bereits Dutzende Hersteller eigene, proprietäre Komplettsysteme auf dem Markt präsentiert, die um einen Platz in den heimischen Büros und Wohnzimmern kämpften. Der „IBM PC 5150“, den Big Blue am 12. August 1981 vorstellte, sollte sich letztendlich als anerkannte Standardplattform durchsetzen, was auch an seiner Erweiterbarkeit lag.

Doch der IBM PC war ein teurer High-End-Rechner: seine Erweiterbarkeit und Arbeitsleistung eignete ihn bestens für Büroanwendungen, doch bei Heimanwendern war der Rechner wegen seiner zunächst stark beschränkten audiovisuellen Eigenschaften bei einem gleichzeitig hohen Anschaffungspreis vergleichsweise wenig begehrt. Bis sich der IBM PC als Standard durchsetzen sollte, gaben ein den meisten Eigenheimen für viele Jahre noch andere Plattformen den Ton an.

Commodore hatte die Heimcomputer-Revolition des Sommers 1977 entscheidend mit geprägt: Der einstmalige Taschenrechnerhersteller war neben Apple und Tandy/Radio Shack eines der drei ersten Unternehmen gewesen, das ein komplettes Computersystem speziell für den Heimanwendermarkt und für kleine Büros im Angebot hatte. Während der „Apple I“I und der „TRS-80“ ihre größten Erfolge in den USA feierten, konnte Commodore mit seinem „PET 2001“ beziehungsweise „CBM 2001“ dank einer besseren internationalen Vertriebspräsenz in Europa, vor allen in Ländern wie Frankreich, Großbritannien oder Deutschland, punkten.

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Drei Jahre später feierte das Unternehmen seinen bislang größten Triumph: Der „VIC20“, der erstmals im September 1980 erschien, war der erste Computer der es schaffte, die Marke von 1 Millionen weltweit verkauften Geräte überschreiten - und das nur knapp ein Jahr nach seiner Markteinführung. Der in Deutschland als „Volkscomputer“ VC20 vertriebene Low-End-Rechner erreichte dies durch einen vergleichsweise günstigen Preis (bei Vertriebsbeginn gerade einmal 300 Dollar) und dank seines dedizierten VIC-Grafikchips beachtlichen Grafikeigenschaften.

Dieser konnte zwar nur 22 Zeilen an Text darstellen, was ihn für Büroanwendungen uninteressant machte. Doch dedizierte Hardware-Sprites und Grafiken in bis zu 8 Farben bei einer Auflösung von 176 x 184 Pixeln machten den Rechner vor allem für Computerspiele interessant – und damit zu einem populären Verkaufsschlager auf dem Consumer-Markt.

Ein Geheimprojekt von drei Ingenieuren verändert den Commodore-Kurs

Als Computerhersteller stand Commodore allerdings bereits 1981, nur vier Jahre nach der von ihm mitbegründeten Heimcomputer-Revolution, an einem Scheideweg. Der VIC20 war ein Hit, aber „nur“ ein billiger Low-End-Rechner. Die für den günstigen Preis beeindruckenden Grafikeigenschaften machten den Heimcomputer als Spielzeug interessant. Doch Commodore rang um Ansehen, wollte auch als ein Hersteller ernstzunehmender Büro-PCs wahrgenommen werden, der sogar mit IBM konkurrieren könnte.

Das wollte daher seine Entwicklungsbemühungen vielmehr auf den Business-Markt ausrichten: Eine mit 265 KByte RAM ausgestattete „B265“-Reihe ('B' für Business) sollte die bisherige CBM-Familie in Schulen und Büros ablösen und sollte optional mit einem „Intel 8088“-Prozessor nachgerüstet werden können. Für den Heimgebrauch war zudem eine auf 128 KByte reduzierte 'P'-Familie ('P' wie in 'personal computer') in Arbeit, für die eigens ein Gehäusedesign bei Porsche in Auftrag gegeben wurde. Aus Management-Sicht hatte sich der VIC20 bereits im Consumer-Markt etabliert und könnte dort noch mehrere Jahre lang Profit machen - ein Nachfolger des Heimcomputers würde nur dessen weiteren Erfolg untergraben.

Wenigstens drei Ingenieure waren mit diesem Kurs allerdings unzufrieden – dieselben drei Männer, die sich auch maßgeblich für den Erfolg des VIC20 zuständig gezeigt hatten. Charles Winterble war als leitender Ingenieur bei Commodore unter anderem für die Weiterentwicklung des „MOS6502“-Prozessors verantwortlich – jener Commodore-eigenen CPU, die das Herzstück zahlreicher Heimcomputer der frühen Heimcomputer-Ära war, etwa dem Apple II, dem BBC Micro oder Commodores hauseigenen „CBM2001“- und VIC20-Computern.

Albert Charpentier war der ursprüngliche Entwickler des „Video Interface Controller“ VIC, jenes Chips, dessen Grafikeingenschaften den Erfolg des VIC20-Computers garantierten. Und es war der 1980 gerade einmal 22 Jahre alte Bob Yannes gewesen, der auf Grundlage dieser Chips zunächst in Eigenregie den Prototypen des späteren Erfolgscomputers VIC20 entwickelte. Allen drei Männern war klar, dass die Entwicklung im Heimcomputermarkt weiterhin rasant voranschreiten würde – sich mehrere Jahre lang im Consumer-Segment auf einem einzelnen Erfolgsprodukt auszuruhen erschien ihnen nicht sinnvoll. Winterble und Charpentier waren zudem frustriert von den schleppend verlaufenden Bemühungen, endlich einen erfolgreichen Nachfolger des PET auf dem Business-Markt zu etablieren – bisherige Projekte wie der TOI hatten sich als Fehlschläge erwiesen, und auch die B256- und „P128“-Pläne kamen nicht voran.

Winterble holt sich daher von Commodore-CEO Jack Tramiel die Erlaubnis, an einem weiteren „Spielecomputer" zu arbeiten – ohne dabei das restliche Management oder die Marketing-Abteilung zu involvieren. Erstaunlicherweise gab Tramiel dem Team nicht nur sein Einverständnis – Winterble erinnert sich, dass er zu ihm einfach nur „Macht das!" gesagt habe, als er ihm die Idee präsentierte – er ließ den Ingenieuren sogar ungewohnt großen Freiraum.

Als Winterble Tramiel nach einem Budget für das Projekt bat, soll dieser geantwortet haben „Ihr bekommt keines, denn Budgets sind Lizenzen zum Stehlen. Ich behalte euch im Auge: Gebt ihr zu viel aus, dann schreite ich ein!" Im April 1981 machten sich die Männer daher im Stillen an die Arbeit, unter dem Arbeitstitel „VIC40“ an einem Nachfolger des VIC20 zu arbeiten.

Verbesserte CPU und Grafik-Controller...

Charles Winterble, Al Charpentier und Bob Yannes sind für unterschiedliche Teile des C64 verantwortlich, die den Computer in ihrer Gesamtheit zu einem unschlagbaren System machen sollte. Teil von Winterbles Aufgaben war, den 8-Bit-Prozessor MOS6502 weiterzuentwickeln. Es gelang seinem Team, einen „6502“-Kern zu entwickeln, der in andere Prozessoren eingesetzt werden konnte.

Das erste Resultat dieser Bemühungen war der MOS6510 – essentiell ein 6502-Prozessor, der um zusätzliche 8-Bit-I/O-Ports erweitert wurde (sechs Pins des Chips standen für I/Os zur Verfügung). Diese CPU sollte zum Hauptprozessor im C64 werden. In amerikanischen „NTSC“-Modellen war der Chip auf 1,023 MHz getaktet, in Europa aufgrund des PAL-Videostandards nur auf 985 KHz.

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Um Peripheriegeräte anschließen zu können entwickelte Winterbles Team den MOS 6526 CIA. Der „Complex Interface Adapter" wurde intern zunächst auch als „Charlie's Interface Adapter" bezeichnet, da er die Architektur dafür entwickelte. Der C64 verfügt über zwei solche CIA-Chips, die diverse interne Steuerungssignale und Ein- und Ausgabeleitungen sowie Timer und eine Echtzeituhr zur Verfügung stellen. Ein MOS 6526 CIA verfügt über 16 einzeln programmierbare Ein- und Ausgabeleitungen (TTL), eine 8- oder 16-Bit-Datentransport (lesend und schreibend) mit Handshaking-Funktion, ein 8-Bit-Schieberegister für serielle Ein- und Ausgabe und 2 TTL-Handshake-Leitungen.

Carpentiers Hauptanliegen war es, seinen Video Interface Controller VIC zu verbessern. Da Tramiel dem Team weitgehend freie Hand ließ, machte sich der Ingenieur zum Ziel, den in 5-Mikrometer-Technologie gefertigen Chip mit so vielen Features auszustatten wie die Chipfläche ihm erlaubte. Zusammen mit Winterble studierte und untersuchte er die Grafikeigenschaften der aktuellen Konkurrenzcomputer und Spielkonsolen wie dem „TI 99/4AV“, dem „Atari 800“ oder der „Matell Intellivision“.

Daraus gewann Charpentier die Erkenntnis, dass vor allem die Implementierung von Sprites – zweidimensionale Grafikelemente, die sich unabhängig von den restlichen Grafiken frei über den Bildschirm bewegen lassen – wichtig für das Endprodukt sein würde. Indem der Video-Controller diese Aufgabe direkt übernimmt, wird der CPU viel Rechenarbeit abgenommen. Der verbesserte VIC-Chip MOS 6566 unterstützt acht solcher Hardware-Sprites mit bis zu 24x21 Pixeln Größe.

8kByte für Hintergrundgrafiken

Der im Vergleich zum im VC20 verbaute Vorgänger optimierte, auch VIC-II genannte Controller bekam zudem 16 KByte Speicher spendiert. 8 KByte davon sind für Hintergrundgrafiken reserviert. Da Speicher teuer und begrenzt war, entschied sich Charpentier für eine maximale Bildschirmauflösung von 320x200 Pixeln, den Support von bis zu 16 unterschiedlichen Farben und die Unterstützung mehrerer Grafikmodi. Die volle Auflösung (Hi-Res) kann nur in einem zweifarbigen Modus erreicht werden.

Der Multi-Color-Modus erlaubt den Einsatz von bis zu vier Farben mit 160 × 200 (doppeltbreiten) Pixeln, bei 3 frei wählbaren Farben je 4 × 8 Pixel-Feld sowie einer bildschirmweit einstellbaren, generell gültigen Farbe. Findigen Programmierern gelang es allerdings, die Illusion zu erwecken, als wären mehr Farben gleichzeitig in Verwendung. Der VIC-II im C64 übernimmt zudem einige Aufgaben, die nicht üblich für einen Grafikchip sind – so kümmert er sich beispielsweise um das Refresh des RAMs.

Ein typischer erster Anblick nach Einschalten eines C64 ist der hellblaue Text auf einem dunkelblauen Hintergrund. Dies war eine bewusste Entscheidung der Entwickler, die wollten, dass Anwender sofort einen Eindruck der Grafikeigenschaften des Rechners erhalten sollten. Ein einfacher weißer Text auf schwarzem Hintergrund, wie ihn die meisten Konkurrenzprodukte verwendeten, erschien ihn dafür nicht geeignet.

Man entschied sich für eine dunkelblauen Hintergrund, um einen möglichst guten Kontrast zu erzielen. Aus Praktikabilitätsgründen wurde dann allerdings doch mit der hellblauen Textfarbe eine nicht ganz so kontrastreiche Sekundärfarbe gewählt, die dennoch ihren Zweck erfüllte.

...und ein revolutionärer Synthesizer

Das wahre Markenzeichen des C64 sollte aber sein unverkennbarer Sound werden. Bob Yannes war tatsächlich über seine Begeisterung für elektronische Musik zum Chipdesign gekommen. In den 70er Jahren experimentierten erste Musikpioniere mit elektronisch generiertem Sound, doch waren Synthesizer zu dieser Zeit unerschwinglich teuer. Der musikbegeisterte Yannes nutzt die Freiheiten, die Winterbles Team zur Entwicklung eines Spielcomputers erhält, um sich einen persönlichen Traum zu erfüllen: Mit dem „Sound Interface Device", kurz SID, entwarf der Ingenieur einen günstigen, aber dennoch leistungsstarken Sound-Chip, der den Konkurrenzprodukten seiner Zeit weit voraus war. Effektiv war es mehr als „nur" ein Geräuschgenerator für Videospiele – Yannes' explizites Ziel war die Entwicklung eines mehrstimmigen, polyphonen Musik-Synthesizers.

Der Baustein vom Typ „MOS 6581“, gefertigt in einem 7-Mikrometer-Verfahren, verfügte über drei unabhängige Tongeneratoren beziehungsweise Stimmen, die vier Wellenformen wiedergeben können (Sägezahn, Dreieck, Rechteck mit einstellbarer Pulsbreite, „weißes" Rauschen) – im Gegensatz zu vielen anderen 8-Bit-Soundchips dieser Zeit war der SID allerdings in der Lage, durch findige Programmierung innerhalb einer Stimme mehrfach die Wellenform zu ändern, was vielfältige Klangmöglichkeiten eröffnete.

Der Tonumfang der drei Stimmen umfasste acht Oktaven. Der SID verfügte darüber hinaus unter anderem über drei Amplitudenmodulatoren mit einem Bereich bis 48 dB oder über programmierbare Filter (Tief-, Band-, Hochpass, Notchfilter).

Arbeiten unter Hochdruck

Das Geheimprojekt schritt in Windeseile voran – anders als andere Commodore-Projekte wie die B256- oder P128-Reihen oder die konsolisierte Commodore Max Machine, deren Entwicklung stockten und keine Innovationen wie Bob Yannes' SID-Chip vorweisen konnten. Winterble war zuversichtlich, auf Basis dieses Projekts bis zur Sommer-CES 1982 einen VIC20-Nachfolger präsentieren zu können.

Die Entscheidung, die Jack Tramiel allerdings traf, schockierte auch ihn: Im November 1981 beschloss der Commodore-CEO, dass er bereits zur kommenden Winter-CES, die vom 7. bis 10. Januar 1982 stattfindet, einen fertigen Computer präsentieren können will. Das Team hatte erst im April mit der Entwicklung begonnen, nun blieben für die Fertigstellung gerade einmal zwei Monate.

Es war auch Tramiel, der entschied, dass der neue Computer 64 KByte Arbeitsspeicher bekommen sollte. Diese Entscheidung stammt nicht aus Entwicklungsgründen, sondern aus einem Marketing-Gedanken: Konkurrenten wie der zu jenem Zeitpunkt brandneue Apple II plus verfügten über 48 KByte Arbeitsspeicher, also sollte der neue Commodore-Rechner mehr haben.

Die Entscheidung erwies sich vor allem für Anwender als praktisch: Nicht der gesamte Arbeitsspeicher steht frei zur Verfügung. 8 KByte sind für den Kernel reserviert, weitere 8 KByte für den BASIC-Interpreter, 4 KByte für die Zeichensätze und weitere 4 KByte für die restlichen I/O-Adressen. So konnten Anwender direkt nach Einschalten immerhin noch 38911 Bytes des 64-KByte-Hauptspeichers für BASIC-Programme verwenden. Findige Programmierer konnten mittels Bank Switching auch noch Teile des etwa für Zeichensätze oder für das BASIC reservierten RAMs zeitweise für eigene Programme beanspruchen. Unterm Strich ergab dies komfortabel viel Arbeitsspeicher für einen Heimcomputer jener Zeit.

Die Marketing-Abteilung drängt aufgrund der kurzen Vorbereitungszeit darauf, den noch unter dem Arbeitstitel VIC40 entwickelten Rechner umzubenennen. Das für die CES entwickelte Material bewirbt den Business-Computer B256 mit 256 KByte RAM und den Personal-Computer P128 mit 128 KByte RAM. Also wird aus dem 64-KByte-Rechner für den Consumer-Markt kurzerhand der C64. Später wird der Commodore C64 allgemein nur noch als Commodore 64 bezeichnet. (In Deutschland bürgert sich auch mancherorts die Bezeichnung VC64 ein, da der Rechner vor allem bei Discountern, wie sein Vorgänger VC20, weiterhin als „Volkscomputer" beworben wird).

Schwächen eines revolutionären Computers

In den zwei Monaten bis zur Messe blieb keine Zeit mehr, ein eigenes Gehäuse für den C64 in Auftrag zu geben. So wurde der Rechner letztendlich in eine umlackierte Version der VIC20-Umhausung gesteckt, die legendäre „Brotkasten"-Form. Dennoch geriet die Präsentation des C64 zu einem fulminanten Erfolg – zumal ein Großteil der Konkurrenz bis zur Sommer-CES warten wollte, um ihre neuen Produkte zu enthüllen. Der C64 gab, auch dank seines revolutionären Soundchips, im wahrsten Sinne des Wortes den Ton an. Doch der Zeitdruck blieb auch nach der Winter-CES enorm: Im April 1982, so wollte es Jack Tramiel, sollte der Computer bereits serienreif auf dem Markt erscheinen.

Der Zeitdruck führt dazu, dass einiges von den Potential, das die neuen Chips versprachen, auf der Strecke bleiben musste. Einige Entscheidungen waren naheliegend - so wurden für das Serial-Interface sowie für den Anschluss von Kasettenlaufwerk, User-Port und Joystick-Eingang dieselben Chips und Interfaces verwendet wie für den Vorläufer VIC20, was die vorhandene Peripherie weitgehend kompatibel macht. Um das komplexe Speicher-Array in der kurzen Zeit bis zur Winter-CES zu realisieren, verwenden die Entwickler einen PLA-Chip (Programmable Logic Array), den sie bei Bedarf im Nachgang noch neu nachprogrammieren können.

An anderen Stellen werden Fehler und Schwächen offenbar. So verfügt der SID-Chip über ein hörbares Rauschen, das Yannes aufgrund der kurzen Entwicklungszeit nicht endgültig beseitigen kann. Winterbles Team hatte auch geplant, dass zwei SID-Chips im C64 verbaut werden konnten um Stereo-Sound zu erzeugen, und entsprechend Adressraum im Speicher des C64 reserviert. Doch Produktionsengpässe zwangen die Entwickler letztlich dazu, dass nur ein SID verbaut werden konnte. Obwohl also der C64 theoretisch über die Möglichkeiten zum Stereoklang verfügt hätte, mussten die Verbraucher mit einer reinen Mono-Version vorlieb nehmen.

Aus Zeitdruck weggefallen

Jack Tramiel hat darüber hinaus kein Interesse daran, ein eigenes Betriebssystem oder eine neue BASIC-Version in Auftrag zu geben; das Commodore-BASIC im C64 basiert weiterhin auf der ursprünglichen Einmal-Lizenz, die der Commodore-Chef 1977 bei Microsoft für den PET erworben hatte. Der C64 verwendet sogar dieselbe BASIC-Version 2.0, die bereits im Vorgänger VIC20 zum Einsatz kam. Das führt dazu, dass im BASIC selbst keine Befehle für die SID-Sondereigenschaften oder die Programmierung der Grafik-Sprites vorhanden sind, die den VIC-II-Controller auszeichnen: Anwender müssen diese Aufwendig über POKE-Befehle direkt in den Videospeicher schreiben oder gleich in Maschinencode programmieren.

Tatsächlich ist das BASIC 2.0 im C64 auch für seine Zeit sehr primitiv: Es existiert noch nicht einmal Befehle zum gezielten Löschen von Dateien oder zum Formatieren von Disketten, für die kryptische Befehlsketten wie OPEN 1,8,15,"N:DISKNAME,MD": CLOSE 1 notwendig sind. Zwar kursierte bei Commodore auch bereits eine Version 4.0 des hauseigenen BASICs, für das allerdings im ROM des C64 kein Platz mehr war.

Auch der VIC-II birgt einige Fehler: Der Chip wird im laufenden Betrieb sehr heiß, weswegen eine passive Kühlung ins Gehäuse gebaut werden musste. Dennoch konnte es nach längerer Zeit geschehen, dass sich dem Bildschirm-Hintergrund hellblaue Flcken zeigten - unter Programmierern wurde der Effekt als 'sparkle bug' bekannt. Die Commodore-Entwickler versuchten, diesen Bug mit einer Software-Lösung zu kaschieren: Durch findige Programmierung wurden aus den hellblauen Pixeln dunkelblaue, die vor einem dunkelblauen Hintergrund nicht weiter auffallen.

Eine hektische Produktionsphase sorgte auch dafür, dass bei der Produktion der ersten ROM-Chips ungeprüfter Code verwendet wurde, bei dem einige Großbuchstaben fehlerhaft klein dargestellt wurden. Ehe man den Fehler fand, war bereits eine Großzahl fehlerhafter Chips produziert worden – und damit unbrauchbar. Hinzu kam ein weltweiter Chipmangel, der sich im Frühjahr und Sommer 1982 bemerkbar machte und die Produktion weiter verzögerte. Dennoch konnte der C64 im August 1982 flächendeckend ausgeliefert werden.

Doch auch nach der Auslieferung des fertigen Rechners geschahen noch Fehler. So beeindruckend der C64 an sich ist, so legendär langsam ist auch sein Diskettenlaufwerk. Eigentlich sollte das Laufwerk ein hohes Tempo bekommen: Die Entwickler verbauten denselben CIA-Chip, der sich auch zweimal im C64 findet, im „1541“-Diskettenlaufwerk, was schnelle Handshakes garantieren sollte. Doch um Geld zu sparen ließen die Board-Fertiger, entgegen dem ursprünglichen Design, die zusätzlichen Leitungen auf der Platine des Laufwerks weg.

So blieb am Ende ein neues Laufwerk, das letztendlich nicht schneller lief als die zwei Jahre ältere Variante für den VC20 - obwohl die verbauten Chips das Potential für viel mehr besaßen. Dennoch sollte sich das 1541-Laufwerk als notwendig erweisen: Zwar war geplant, dass Besitzer eines älteren VIC20-Diskettenlaufwerks auch dieses am C64 verwenden können sollten. Doch ein weiterer Bug im VIC-II-Controller, der bis zur Serienproduktion nicht behoben werden konnte, machte auch diese Pläne zunichte.

Management-Fehler

Al Charpentier, Charles Winterble und Bob Yannes waren stolz auf ihre Entwicklung, doch nach Erscheinen des C64 zeigte Jack Tramiel seine unangenehme Seite, die ihn in der Branche gefürchtet sein ließen: Da der sehr knapp gehaltene Zeitplan nicht gehalten werden konnte, und da zahlreiche Produktionsfehler den Ablauf verzögerten, enthielt er den meisten seiner Ingenieure für ihre bahnbrechenden Entwicklungen die Bonuszahlungen vor. Die Folgen waren vor allem für Commodore langfristig schwerwiegend: Zum Jahresende 1982 hatten fünf der sechs wichtigsten, an der Entwicklung des C64 beteiligten Ingenieure Commodore verlassen.

Vor allem Yannes war über die Entwicklung schwer enttäuscht. Im Herbst 1982, nur kurz nachdem der C64 tatsächlich den Markt erreichte, verließen er, Winterble und Charpentier Commodore. Yannes gründete zusammen mit anderen enttäuschten Commodore-bzw. MOS-Ingenieuren die Firma Ensoniq – ein Unternehmen, dass sich auf die Entwicklung von Hardware-Samplern und Synthesizern für den Musikmarkt konzentrierte.

Kult-Hit und Dauerbrenner

Trotz dieser Fehler geriet der C64 zu einem unverkennbaren Hit. Der Rechner mit 64 KByte Arbeitsspeicher besaß bei Erscheinen auf dem US-Markt einen Preis von 595 US-$ – dabei kostete Commodore das komplette System gerade einmal 130 Dollar in der Herstellung. Selbst zusammen mit einem externen Diskettenlaufwerk kostete das gesamte System unter 1.000 Dollar.

Commodore, das mit MOS Technologies über eine eigene Chipherstellung verfügte, konnte dank vertikaler Integration den Preis gering halten. Der IBM-PC kostete in einer 16 KByte-Variante zur selben Zeit bereits 1.565 Dollar – und konnte nicht im Ansatz die selben Grafik- und Soundeigenschaften bieten. Ein Apple II mit 48 KByte RAM – und ohne Diskettenlaufwerk – schlug ebenfalls mit 1.530 Dollar zu Buche. 1983 erschien der C64 auch auf dem deutschen Markt, wo er bei Erscheinen 1.495 DM kostete.

Innerhalb von weniger als 12 Monaten konnte Commodore bereits mehr als eine Millionen Exemplare verkaufte Exemplare melden. Zur Sommer-CES 1983 wurde ein entsprechend golden angesprühter C64 in einer Sonderedition vorgestellt, um den Anlass zu feiern. Vor allem in Deutschland wurde der Rechner ein Hit: am 5. Dezember 1986 meldete Commodore Deutschland, dass alleine in diesem Land eine Millionen C64-Computer verkauft werden konnten. Das nimmt die lokale Commodore-Niederlassung zum Anlass, sogar eine eigene goldene Sondererdition des C64 herauszugeben.

Geringe Preise und Sondereditionen

Ironischerweise wurde der C64 genau zu der Art von Produkt, an das Winterble und Charpentier nicht geglaubt hatten, als das Commodore-Management am VIC20 festhalten wollten: Der Brotkasten sollte sich noch bis in die 90er Jahre hinein als ein günstiger Computer, vor allem Spielecomputer, gut verkaufen.

Als die Verkaufskurve Ende der 80er Jahre zu sinken begann, sorgte die Öffnung des Ostblocks plötzlich wieder für neue Märkte in Ostdeutschland, Polen oder Ungarn, die die Absätze wieder ankurbelten. Wie viele Exemplare genau verkauft wurden lässt sich heute schlecht sagen. Weltweit wird geschätzt, dass Commodore zwischen 12,5 und 17 Millionen Geräte absetzen konnte – bis Ende 1993 entfielen davon etwa 3 Millionen Exemplare allein auf Deutschland.

Der C64 war damit der mit Abstand am häufigsten verkaufte Heimcomputer weltweit – und für lange Zeit auch effektiv der meistverkaufte Einplatinenrechner. Erst 2017 konnte eine andere Plattform dem altgedienten 8-Bit-Rechner den Rang ablaufen: Die Raspberry Pi Foundation meldete in jenem Jahr, dass die damals fünf Jahre alte SBC-Plattform weltweit über 12,5 Millionen Exemplare absetzen konnte. Seitdem hat diese Zahl nur noch umso rasanter zugenommen: Mittlerweile wurden schätzungsweise mehr als 40 Millionen Raspberry Pis auf der ganzen Welt verkauft.

Hinweis:Diesen Artikel hat DataCenter-Insider vom Schwesterportal „Elektronik Praxis“ übernommen.

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