Liquid Cooling im Rechenzentrum Hydraulik wird zum dritten Engpass im KI-Rechenzentrum

Ein Gastbeitrag von Masud Wasay* 7 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Hohe Leistungsdichten bringen Liquid Cooling ins Rechenzentrum. Damit rückt neben Compute und Power ein weiterer Engpass in den Fokus: Die hydraulische Auslegung entscheidet mit über Kühlleistung, Effizienz und Verfügbarkeit.

Flüssigkeitskühlung verlagert einen Teil der Rechenzentrumsplanung in die Hydraulik. Druckverluste, Ventilautorität, Fluidqualität und hydraulischer Abgleich werden damit zu Faktoren für Effizienz und Hochverfügbarkeit.(Bild:  Midjourney / Paula Breukel / KI-generiert)
Flüssigkeitskühlung verlagert einen Teil der Rechenzentrumsplanung in die Hydraulik. Druckverluste, Ventilautorität, Fluidqualität und hydraulischer Abgleich werden damit zu Faktoren für Effizienz und Hochverfügbarkeit.
(Bild: Midjourney / Paula Breukel / KI-generiert)

Wenn Kühlung zur Ingenieurdisziplin wird

In Gesprächen mit Rechenzentrumsbetreibern in Deutschland höre ich derzeit immer wieder dieselbe Frage: Wie bekommen wir die installierte Kühlleistung tatsächlich und sicher an die IT? Genau an diesem Punkt beginnt aus meiner Sicht die eigentliche Herausforderung von Liquid Cooling.

Während viele Rechenzentrumsracks über Jahre im einstelligen bis niedrigen zweistelligen Kilowattbereich betrieben wurden, verschieben moderne GPU- und HPC-Systeme die Anforderungen deutlich nach oben. Ab etwa 20 bis 25 Kilowatt (kW) pro Rack werden Direct Liquid Cooling, Rear-Door-Heat-Exchanger oder eng gekoppelte Präzisionsluftkühlung zunehmend wirtschaftlich relevant. Luftgekühlte Hochleistungsracks sind auch darüber hinaus möglich, erfordern jedoch deutlich höhere Luftvolumenströme, höhere Lüfterleistungen, präzisere Luftführung und häufig engere Temperaturfenster.

Damit verändert sich der Blick auf Kühlung. Sie ist nicht mehr nur eine Frage der Luftführung im Raum, sondern wird zu einer integrierten Ingenieuraufgabe aus Thermodynamik, Hydraulik, Regelungstechnik und Betriebssicherheit. Liquid Cooling wird in diesem Umfeld nicht als Experiment betrachtet, sondern als notwendige Weiterentwicklung, wenn hohe Leistungsdichten zuverlässig, effizient und skalierbar betrieben werden sollen.

Die CDU als hydraulische Schnittstelle

Zentrales Element vieler flüssigkeitsgekühlter Rechenzentrumsarchitekturen ist die Coolant Distribution Unit (CDU). Sie trennt den gebäudeseitigen Facility-Water-System (FWS) vom IT-nahen Technology-Cooling-System (TCS) über einen Wärmetauscher. Dadurch werden Wärmeübertragung, Druckniveau, Kühlmittelqualität, Filtration und Regelung des IT-nahen Kühlkreises beherrschbar.

Die CDU ist damit mehr als ein Wärmetauscher. Sie bildet die hydraulische Schnittstelle zwischen Facility und IT. Je nach Systemdesign stellt sie Volumenstrom, Differenzdruck, Temperaturregelung, Pumpenleistung, Filterung, Sensorik und Betriebsüberwachung für den sekundärseitigen Kühlkreis bereit. Moderne CDUs können dabei unterschiedliche Regelstrategien unterstützen, etwa Differenzdruck-, Volumenstrom- oder Temperaturdifferenzregelung.

Wichtig ist aber, ein stabiler Differenzdruck an der CDU schafft nur die Voraussetzung für eine definierte Versorgung des nachgelagerten Netzes. Ob jedes Rack den erforderlichen Volumenstrom erhält, entscheidet sich erst durch die korrekte Auslegung von Rohrnetz, Manifolds, Kupplungen, Filtern, Cold Plates, Regelarmaturen und der Pumpenreserve.

Jedes Rack ist ein hydraulischer Verbraucher

In einem flüssigkeitsgekühlten Rechenzentrum ist jedes Rack hydraulisch ein eigenständiger Verbraucher – vergleichbar mit einem Kühlregister oder Heizkörper in der Gebäudetechnik. Die thermische Leistung der IT bestimmt den erforderlichen Kühlmittelvolumenstrom, der unabhängig von der Position im Netz zuverlässig bereitgestellt werden muss.

Ohne hydraulischen Abgleich folgt der Durchfluss dem geringsten Strömungswiderstand statt dem tatsächlichen Kühlbedarf. Nahe oder besonders strömungsgünstige Verbraucher können überversorgt werden, während entfernte oder druckverlustreiche Stränge unterversorgt bleiben. Das Risiko zeigt sich nicht immer sofort bei der Inbetriebnahme, sondern häufig erst bei Nachrüstungen, Teillastbetrieb, Filterbeladung oder geänderten Workload-Profilen.

Druckverlustberechnung als Grundlage

Voraussetzung für einen funktionierenden hydraulischen Abgleich ist eine vollständige Druckverlustberechnung. Sie muss die gesamte sekundärseitige Schleife erfassen: CDU-interne Komponenten wie Wärmetauscher, Pumpenstrecke und Filter, die Verteilrohre, Manifolds, Schläuche, Schnellkupplungen, Rackverteiler, Cold Plates und den Rücklauf bis zum CDU-Sekundäreintritt.

Jetzt Newsletter abonnieren

Täglich die wichtigsten Infos zu RZ- und Server-Technik

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Entscheidend ist dabei nicht nur der Auslegungszustand. In realen Rechenzentren verändern sich Lasten, Volumenströme und Betriebszustände permanent. Filter können sich zusetzen, Racks werden ergänzt oder umgerüstet, Kupplungen und Manifolds erzeugen zusätzliche Druckverluste. Eine robuste Auslegung betrachtet deshalb nicht nur den idealen Anfangszustand, sondern auch Betrieb, Wartung und Erweiterbarkeit.

Gerade bei Cold Plates ist diese Betrachtung besonders wichtig. Kleine Strömungskanäle ermöglichen eine hohe Wärmeübertragung, reagieren aber empfindlich auf Partikel, Luft, ungeeignete Medien oder unzureichende Filtration. Hydraulische Stabilität ist daher immer auch eine Frage von Fluidqualität und Betriebsdisziplin.

Regelstabilität und Ventilautorität

Bei klassischen druckabhängigen Regelventilen ist die Ventilautorität ein zentrales Maß für die Regelstabilität. Sie beschreibt, welcher Anteil des gesamten Druckverlusts eines geregelten Strangs am Regelventil selbst abfällt. Ist dieser Anteil zu klein, wirkt sich die Ventilstellung nur schwach auf den Volumenstrom aus; die Regelung wird unpräzise und kann instabil reagieren.

In der Praxis gilt ein Zielbereich um a ≈ 0,5 häufig als guter Kompromiss zwischen Regelgüte und vertretbarem Pumpenenergieeinsatz. Dieser Wert sollte jedoch nicht isoliert betrachtet werden. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Ventilauswahl, Pumpenregelung, Differenzdruckniveau, Rohrnetz und tatsächlichem Betriebsbereich.

Bei druckunabhängigen Kombiventilen verschiebt sich die Betrachtung. Diese Armaturen kombinieren Durchflussbegrenzung, Differenzdruckregelung und bei entsprechender Ausführung auch modulierende Regelung. Hier sind Mindestdifferenzdruck, maximaler Volumenstrom, Regelbereich, Stellverhalten und Abstimmung mit der Pumpenregelung entscheidend. Sie können klassische Strangregulierventile in vielen Anwendungen ersetzen oder vereinfachen, machen die hydraulische Planung aber nicht überflüssig.

Dynamische Lasten – systemische Auswirkungen

Rechenzentren sind keine statischen Systeme. Racks werden umgerüstet, Leistungsdichten steigen, Workloads verändern sich, und KI-Anwendungen können Lastprofile stark und schnell verschieben. Hydraulische Systeme reagieren darauf stets systemisch und nicht lokal.

Auf Veranstaltungen wie der Data Centre World in Frankfurt oder der Datacloud in Cannes wird dies immer deutlicher: Betreiber sprechen längst nicht mehr nur über Kilowatt (kW) pro Rack, sondern über Volumenstrom, Differenzdruck, Regelbarkeit und Betriebssicherheit. Genau diese Verschiebung der Diskussion ist aus meiner Sicht der eigentliche Indikator dafür, dass Liquid Cooling im Mainstream angekommen ist.

Wenn ein Rack weniger Volumenstrom benötigt oder ein Ventil schließt, verändert sich das Druckniveau im restlichen Netz. Ohne geeignete Regelstrategie kann dies zu Überversorgung anderer Stränge, unnötiger Pumpenleistung oder instabilen Regelzuständen führen. Druckunabhängige Kombiventile können helfen, den maximalen Volumenstrom eines Rack-Strangs unabhängig von Druckschwankungen zu begrenzen. In Kombination mit Stellantrieb und geeigneter Regelstrategie können sie den Volumenstrom zusätzlich lastabhängig modulieren.

Damit wird deutlich: Liquid Cooling verlangt nicht nur thermische, sondern auch hydraulische Intelligenz. Die Frage lautet nicht allein, wie viel Kühlleistung installiert ist, sondern ob diese Kühlleistung unter realen Betriebsbedingungen dort ankommt, wo sie benötigt wird.

Fluidqualität, Filtration und Taupunktmanagement

Hydraulische Stabilität endet nicht bei Volumenstrom und Differenzdruck. Gerade in TCS-Kreisen mit Cold Plates sind Fluidqualität, Filtration, Entgasung, Materialverträglichkeit und Taupunktüberwachung entscheidend. Partikel, Luft, ungeeignete Medien oder verschmutzte Filter erhöhen den Druckverlust und können die Wärmeübertragung an den empfindlichsten Stellen des Systems beeinträchtigen oder zu einem Ausfall führen.

Die Trennung zwischen FWS und TCS ist deshalb ein wesentlicher Vorteil vieler CDU-Architekturen. Der gebäudeseitige Primärkreis kann andere Anforderungen an Wasserqualität, Druckniveau und Betrieb haben als der IT-nahe Sekundärkreis. Die CDU schafft die Systemgrenze, an der diese Anforderungen technisch beherrschbar werden.

Zusätzlich muss die sekundärseitige Vorlauftemperatur so geführt werden, dass Kondensation in der IT-Umgebung vermieden wird. Taupunktmanagement ist deshalb kein Komfortmerkmal, sondern Teil der Betriebssicherheit. Besonders bei wechselnden Raumluftbedingungen, hohen Lastdichten oder dynamischen Kühlwassertemperaturen muss die Regelung diese Randbedingungen berücksichtigen.

Inbetriebnahme entscheidet über Betriebssicherheit

Ein korrekt geplanter Kühlkreis kann seine Wirkung nur entfalten, wenn er sauber in Betrieb genommen wird. Spülen, Befüllen, Entlüften, Prüfen der Fluidqualität, Einstellen der Volumenströme, Dokumentieren der Druckverluste und Überwachen der Filterzustände sind keine Nebenschritte, sondern die Voraussetzung für einen stabilen Betrieb. Und genau deswegen sind Nachwuchskräfte und die aktive Schulung von Fachkräften wichtiger denn je für die Rechenzentrumsbranche.

Gerade in modularen Rechenzentren ist Inbetriebnahme und hydraulische Einregulierung kein einmaliger Vorgang. Jede Erweiterung, jeder Racktausch und jede Änderung im Verteilsystem kann die hydraulische Balance verändern. Deshalb sollten Messpunkte, Sensorik, Wartungszugänge und Betriebsdaten von Beginn an mitgedacht werden.

Das dritte Bottleneck: Hydraulik

Traditionell werden Rechenzentren entlang zweier Engpässe geplant: Compute und Power. Mit Liquid Cooling tritt ein dritter, häufig unterschätzter Faktor hinzu: Hydraulik. Sie entscheidet darüber, ob die vorhandene Kühlleistung tatsächlich dort ankommt, wo sie benötigt wird, und beeinflusst Regelbarkeit, Energieeffizienz, Hochverfügbarkeit und Betriebssicherheit gleichermaßen.

Die installierte Kühlleistung allein ist daher kein ausreichender Erfolgsindikator. Entscheidend ist die hydraulische Balance des Gesamtsystems – von der CDU über das Verteilsystem bis zum einzelnen Rack und zur Cold Plate. Erst wenn Druckverlust, Volumenstrom, Fluidqualität, Regelventile, Sensorik sowie Inbetriebnahme und hydraulische Einregulierung zusammenpassen, entsteht aus technischer Kühlleistung tatsächlich betriebliche Verfügbarkeit.

Über den Autor:
Masud Wasay ist Sales Manager für Data Center Solutions bei nVent. Sein Schwerpunkte liegen auf Data Center Cooling Solutions und hochverfügbare Rechenzentrumsinfrastrukturen.

Sein Fazit lautet: Wie in der Gebäudetechnik entscheidet nicht allein die installierte Leistung, sondern die hydraulische Balance über den Betriebserfolg. In flüssigkeitsgekühlten Rechenzentren ist Hydraulik kein Nebenthema mehr, sondern ein kritischer Planungs- und Betriebsparameter neben Compute und Power.

Für mich, der täglich mit Betreibern, Planern und Errichtern an genau dieser Schnittstelle arbeitet, ist die Botschaft eindeutig: Hydraulik ist ein neuer Engpass. Wer diesen Aspekt früh in Planung, Auslegung und Betrieb mitdenkt, gewinnt Zeit, Effizienz und Verfügbarkeit und schafft die Grundlage für einen nachhaltigen Einsatz von Liquid Cooling in enger Zusammenarbeit zwischen Betreibern, Kühlungsspezialisten und IT-Hardware-Anbietern.

Bildquelle: nVent

Mehr zum Thema: Liquid Cooling im Rechenzentrum

Liquid Cooling ist eine Schlüsseltechnologie für Hochleistungsrechenzentren mit KI- und HPC-Workloads. Moderne Konzepte kombinieren Coolant Distribution Units, Wärmetauscher, Sensorik, Regeltechnik, Luftkühlung, Stromverteilung und Monitoring zu skalierbaren, hochverfügbaren Gesamtsystemen.

Quellen und Referenzen

Uptime Institute – Rack Density Is Rising, Andrew Lawrence, 2020

ASHRAE – Liquid Cooling Guidelines for Datacom Equipment Centers, ASHRAE Datacom Series, Book 4

nVent – RackChiller CDU800 Coolant Distribution Unit Specification, 2025

VDI 2073 Blatt 2 – Hydraulik in Anlagen der technischen Gebäudeausrüstung – Hydraulischer Abgleich, 2024

(ID:50933411)