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Dauereinsatz am Herzen des Internets Hochsicherer Datacenter-Betrieb während der Krise, notfalls aus dem Feldbett

| Autor / Redakteur: Holger Nicolay* / Ulrike Ostler

Ausnahmesituationen wie die aktuelle Corona-Pandemie führen dazu, dass viele Menschen Arbeit und Freizeit in den eigenen vier Wänden gestalten – und dabei verstärkt das Internet nutzen. Neben Videokonferenzen und Datentransfer treiben vor allem Streaming und Gaming den Internet-Traffic nach oben.

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Interxion beherbergt einen Teil des Deutschen Internet-Austauschknotens De-CIX, der im März 2020 einen Spitzenwert von von 9,1 Terrabit pro Sekunde verzeichnet hat.
Interxion beherbergt einen Teil des Deutschen Internet-Austauschknotens De-CIX, der im März 2020 einen Spitzenwert von von 9,1 Terrabit pro Sekunde verzeichnet hat.
(Bild: Interxion)

Ob bereits tagsüber das übliche Drittel der Höchstauslastung im Internet oder derzeit sogar die Hälfte des abendlichen 24-Stunden-Peaks erreicht wird, ist für die Maximallast der ausgelegten Netze aber irrelevant. Mit Blick auf einen theoretisch möglichen Datendurchsatz von 54 Terabit pro Sekunde ist es nachvollziehbar, dass sich der DE-CIX trotz des Weltrekord-Peaks von 9,1 Terrabit pro Sekunde im März betont gelassen zeigt. Als größter Internet-Austauschknoten ist der DE-CIX auf weitaus höhere Kapazitäten der Peering-Plattformen vorbereitet.

Obwohl Streaming-Dienste mit ihrem Vorstoß, die Bildqualität zu senken, das Internet entlasten und Social-Media-Plattformen einige Services vorübergehend einstellen, um der Datenflut Herr zu werden: Bei den Internet-Service-Providern herrscht Hochbetrieb. Denn alle Endkunden erwarten eine verzögerungsfreie Übertragung der Internet-Inhalte.

Um dieses Nutzererlebnis weiterhin gewährleisten zu können, sind vor allem kurzfristige Maßnahmen wichtig: Denn nicht die theoretisch mögliche Netzkapazität der Internet-Anbieter zu den Cloud-, Gaming- oder Internet-Exchange-Plattformen, sondern die wirklich realisierte Bandbreite bestimmt die Leistungsfähigkeit der Netze. Es geht um die kurzfristige Aktivierung der bereits vorgehaltenen Provider-Reserven innerhalb der Datacenter. Zudem schaffen die Anbieter von Cloud- und Hosting-Plattformen mit der Installation von weiteren Servern und Switches neue Kapazitäten - sie bauen so zusätzliche Redundanzen und Puffer auf. Der vieldiskutierte Glasfaser-Netzausbau in Richtung Haushalte wird nur langfristig entscheidend sein.

Aktivierung von Server-Kapazitäten, hohe Nutzung der Stromkontingente und neue Verkabelung

All dies geschieht im Herzen der Digitalisierung: den Co-Location-Rechenzentren. Hier treffen die Telekommunikationsnetze der bekannten Public Cloud Hyperscaler auf die Netze der Social-Media-Plattformen und Online-Händler, um Internet-Verkehr auszutauschen oder die Anbindungen zu weiteren Cloud-Plattformen zu realisieren. Der Hochbetrieb in den Rechenzentren der führenden Co-Location-Provider schlägt sich dabei vor allem in der Ausnutzung der gebuchten Stromkontingente nieder. Denn neu aktivierte Server-Kapazitäten erhöhen den Energiebedarf.

Genau dort, wo die virtuelle Welt der Anwendungen auf die physische Realität von Stromversorgung und Verkabelung trifft, sind die Techniker der Co-Location-Datacenter im Dauereinsatz. Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass nicht alle Anbieter in solchen Ausnahmesituationen gleich flexibel agieren können. Insbesondere kleineren Betreibern mit weniger Personal vor Ort fällt es schwerer, zusätzliche Maßnahmen umzusetzen.

Selbst bei den marktführenden Co-Location-Providern gibt es gewaltige Unterschiede: Während der bisherige globale Marktführer aus den USA seine deutschen Rechenzentren für alle Externen schließt, gewährleistet Interxion zum Beispiel seinen Kunden weiterhin Zugang zum Rechenzentrumscampus, um Expansionsprojekte, Kundeninstallationen und unaufschiebbare Wartungen zu ermöglichen. Der Anbieter, der sich seit seiner Fusion mit Digital Realty (siehe: Angebot im Wert von 8,4 Milliarden Dollar liegt vor, Digital Realty will Interxion übernehmen) als Teil des neuen globalen Marktführers präsentiert, kommuniziert dabei offen mit seinen Kunden und sorgt dafür, dass alle aktuellen Vorschriften zum Gesundheitsschutz auf dem Campus eingehalten werden. Umsichtig handeln auch die meisten Kunden, so kommt aktuell nur noch ein Drittel für Installationsarbeiten vor Ort, weniger Dringendes wird schon aus Eigenschutz von den Kunden selbst auf später verschoben.

Remote-Hands-Support für Kunden und Cross Connects

Viele Kunden setzen verstärkt auf „Hands & Eyes“-Supportleistungen. Diese individuellen Remote-Services werden von Interxion-Technikern immer dann im Auftrag eines Kunden durchgeführt, wenn diese nicht vor Ort sind. Da dies derzeit in erhöhtem Maße der Fall ist, steigt die Nachfrage nach den Supportleistungen auf dem Frankfurter Campus merklich und kontinuierlich an.

Eine sprunghafte Steigerung beobachtet Interxion seit Mitte März 2020 vor allem bei den Aufträgen für Cross Connects. In den ersten beiden Wochen der pandemiebedingten Isolation sind mehr dieser Glasfaser-Verkabelungen zwischen verschiedenen Kunden durchgeführt worden als in den zehn Wochen seit Jahresbeginn.

In einem Co-Location-Rechenzentrum, wie in denen von Interxion, treffen Telekommunikationsnetze auf die Präsenz der Hyperscaler, Social-Media-Plattformen auf Online-Händler, Internet-Verkehr auf Interconnection.
In einem Co-Location-Rechenzentrum, wie in denen von Interxion, treffen Telekommunikationsnetze auf die Präsenz der Hyperscaler, Social-Media-Plattformen auf Online-Händler, Internet-Verkehr auf Interconnection.
(Bild: Interxion)

Dieser zusätzliche Bedarf entsteht insbesondere auf demjenigen Teil des Datacenter-Campus in Frankfurt, auf dem Internet-Service-Provider und Telekommunikationsunternehmen kollokiert sind. Dies liegt an Kapazitätserweiterungen durch Zusammenschaltungen untereinander und zu den Internet-Austauschknoten.

Strikte Trennung von Arbeitsbereichen und ein Krisen-Management-Team vor Ort

Dieser Anstieg der Nachfrage stellt auch einen führenden Co-Location-Provider aufgrund der organisatorischen Maßnahmen zur Bewältigung der Pandemie vor Herausforderungen. Der Schutz der Gesundheit aller Beteiligten erfordert eine Separierung der Teams und Datacenter, so dass Kolleginnen und Kollegen sich nur bedingt untereinander aushelfen können.

So sind beispielsweise Security- und Interventionskräfte für den Zugangsschutz, das Facility Management zum Betrieb der Infrastruktur und die Durchführung von Wartungsarbeiten sowie Customer-Service-Techniker, die Verkabelungsarbeiten und „Hands & Eyes“-Services im Kundenauftrag kurzfristig ausführen, in kleinere Einheiten aufgeteilt und dediziert Rechenzentren zugewiesen. Ihre Arbeitsbereiche und Laufwege überschneiden sich nicht mehr, so dass die Begegnung und damit auch die Ansteckungsgefahr mit den in anderen Gebäuden Arbeitenden ausgeschlossen ist. Nur durch solch strikte Trennung und die vorausschauende Planung dieser Maßnahmen lässt sich der Betrieb auch mit verkleinerten Teams vor Ort aufrechterhalten.

Krisen-Szenarien für Rechenzentren

Ein Krisen-Management-Team bei Interxion ist Institution, doch hat sich dieses bislang eher mit potentiellen Gefährdungslagen wie Unwetter oder Bombenfunden befasst. Erfreulich ist daher, dass auf die Herausforderungen der aktuellen globalen Pandemie Co-Location-Provider, Lieferanten und Kunden gemeinsam kooperierend und improvisierend reagieren. Auch bei nicht vorhersehbaren Szenarien:

So werden mittels Besucher-Screenings Personen mit einer erhöhten Ansteckungsgefahr identifiziert und gar nicht erst auf den Campus gelassen. Da Technikerteams der globalen Public Cloud Provider oftmals europaweit unterwegs sind, gilt hier besondere Vorsicht.

Doch was ist beispielsweise zu tun, wenn ein Techniker bereits am Vortag Zutritt hatte, noch ehe auffällt, dass dieser aus einer zum Risikogebiet erklärten Region angereist war? In diesem Fall erhält der betreffende Techniker keinen Zutritt mehr, die von ihm betretenen Bereiche und benutzten Werkzeuge werden desinfiziert und alle Mitarbeitenden mit Kontakt zur Person vorsorglich in häusliche Quarantäne geschickt.

Das Uptime-Institut rät während der Pandemie gegebenenfalls auf Vereinzelungsanlagen zu verzichten. Interxion setzt auf Desinfektion.
Das Uptime-Institut rät während der Pandemie gegebenenfalls auf Vereinzelungsanlagen zu verzichten. Interxion setzt auf Desinfektion.
(Bild: Interxion)

Desinfektion

Zu den weiteren Maßnahmen auf dem Interxion-Campus gehören Desinfektionsmittelspender vor und hinter jeder Tür, Schleuse und Vereinzelungsanlage. Die Reinigungsfrequenz mit Desinfektionen insbesondere in Meeting- und Sanitärräumen, Pausenbereichen, Türklinken und Handläufen wurde trotz erheblicher Mehrkosten und Beschaffungsprobleme deutlich erhöht. Jegliche an Kunden oder Lieferanten ausgehändigten Schlüssel, Zugangskarten, Werkzeuge und Transportwagen werden sofort bei der Rücknahme desinfiziert.

Das Krisen-Management-Team korrespondiert derweil täglich mit allen Fachabteilungen, protokolliert eng die Umsetzungsfortschritte und stimmt sich „in Echtzeit“ mit den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts sowie dem europaweiten, dreistufigen Business-Continuity-Plan der Interxion-Gruppe ab:

  • Die erste Phase der vorbereitenden, aufklärenden und präventiven Maßnahmen für Mitarbeiter und Kunden ist abgeschlossen.
  • Separierungs- und Abwehrmaßnahmen für die mögliche Phase zwei, eines bestätigten Corona-Falls auf dem Datacenter-Campus, sind vorsorglich getroffen.
  • Phase drei wird für das Szenario einer Frankfurt-weiten Quarantäne und vollständigen Ausgangssperre vorbereitet: Essensvorräte und Feldbetten für eine Rumpfmannschaft an Freiwilligen, die auf dem Campus bleibt, ist dabei vorgesehen. Angenehmer Nebeneffekt der Größe das Interxion-Standortes in Frankfurt: Duschen und Umkleideräume sind bereits vorhanden, um auch im Normalbetrieb den schichtarbeitenden Kolleginnen und Kollegen ein angenehmes Arbeitsumfeld zu bieten.

Nur die nach Kundenleistung großen Co-Location-Provider sind als systemrelevante Unternehmen anerkannt und gemäß UP KRITIS gelistet. Was vor kurzem noch wie ein bürokratischer Aufwand mit zusätzlichen Berichtslinien und Auditierungen aussah, erweist sich im heutigen Pandemiefall als unschätzbares Privileg mit weitreichenden Berechtigungen. So werden die für den operativen Betrieb essentiellen Interxion-Mitarbeiter von einer etwaigen Ausgangssperre befreit sein, um den Betrieb der für die Bevölkerung kritischen Rechenzentrums- und Internet-Infrastruktur aufrechtzuerhalten.

Der Autor, Holger Nicolay, ist Business Development Manager bei der Interxion Deutschland GmbH.
Der Autor, Holger Nicolay, ist Business Development Manager bei der Interxion Deutschland GmbH.
(Bild: Interxion)

Holger Nicolay ist Business Development Manager bei „Interxion: A digital Realty Company“ in Frankfurt, einem führenden Co-Location-Provider mit 267 Carrier- und Cloud-neutralen Datacenter auf sechs Kontinenten. Sein Fokus sind die Digitale Transformation sowie Connectivity- und Infrastruktur-Konzepte, mit denen Interxion seine Kunden als Infrastrukturpartner und Cloud Exchange Provider bei der Implementierung von hoch-integrierten hybriden Clouds und flexiblen Multi-Cloud-Lösungen unterstützt.

Nicolay ist Diplom-Informatiker (TU) und hat vor Interxion in verschiedenen Sales-, Marketing- und Management-Rollen in der Telekommunikationsbranche gearbeitet. Frühere berufliche Stationen waren die heutige 1&1 Versatel und Colt Technology Services.

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