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Rechenzentren in Deutschland und die Corona-Pandemie Datacenter zeigen sich der Situation gewachsen

| Autor / Redakteur: lic.rer.publ. Ariane Rüdiger / Ulrike Ostler

Vor einiger Zeit brachte Datacenter-insider einen Bericht über die Empfehlungen des Uptime-Institute zu möglichen Maßnahmen gegen eine Corona-bedingte Lahmlegung von Rechenzentren. Nun hat die Redaktion nachgefragt: Wie gehen Rechenzentren in Deutschland mit der Krise um?

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Rechenzentrumsbetreiber automatisieren und stellen auf Remote-Betrieb um
Rechenzentrumsbetreiber automatisieren und stellen auf Remote-Betrieb um
(Bild: De-CIX)

In deutschen Rechenzentren scheint es in Corona-Zeiten sehr viel zu tun zu geben. Die per E-Mail durchgeführte Umfrage bei einigen deutschen Rechenzentrumsbetreibern zum Umgang mit der Corona-Krise brachte ein mageres Resultat: Nur ein Betreiber beantwortete die Fragen. Das deutet darauf hin, dass für derartige „Kleinigkeiten“ im Moment keine Zeit ist. Dafür hat die Redaktion Verständnis.

Allerdings ergaben sich auch anderweitige Recherchemöglichkeiten. So haben viele wichtige Datacenter-Betreiber, vor allem solche, die sich an professionelle Kunden wenden, Maßnahmen, Hinweise und Richtlinien online veröffentlicht oder berichten über den aktuellen Status.

Bislang keine Ausfälle

Die gute Nachricht vorweg: Bisher sind keine Rechenzentrumsausfälle bekannt geworden, die auf das Corona-Virus zurückgehen. Natürlich passen sich Rechenzentren an die Situation an.

Beispielsweise macht das Hochschulrechenzentrum Frankfurt auf seiner Website bekannt, dass einzelne, mit elektronischen Prozessen verknüpfte Prozesse, die nicht notwendig für das Funktionieren der Lehre sind, jetzt langsamer vonstatten gehen. Erwähnt wird explizit die Ausstellung der so genannten Goethe-Card, einer Ermäßigungskarte für die Frankfurter Studenten.

Gleichzeitig weist das Rechenzentrum auf eine einzelne geplante nächtliche Downtimes hin. Während der Zeit sollen die Kapazitäten für die Online-Lehre hochgefahren werden, auf die sich die Uni zumindest für das laufende Semester weitgehend einstellen muss.

De-CIX

Gut sieht es bei Deutschlands wichtigstem Internet-Exchange-Knoten aus: De-CIX verzeichnete während der Corona-Krise einen erheblichen Anstieg des Datenverkehrs. Das Unternehmen meldete bereits am 18.3., bis dahin sei der Datenverkehr um 10 Prozent angestiegen. Die Nutzung von Video-Conferencing-Tools wuchs sogar um die Hälfte, Online-Gaming als Möglichkeit, seine Freizeit zu verbringen, legte um ein Viertel zu. Kunden erhöhten ihre Kapazitäten um 20 Prozent.

Dennoch wurden die vorhandenen Kapazitäten nur zu knapp zwei Dritteln ausgelastet. De-CIX schreibt in seinen online verfügbaren Corona-Hinweisen: „Selbst wenn alle Unternehmen Europas ausschließlich remote mit Personal im Home Office arbeiten würden und gleichzeitig die UEFA-Meisterschaften zu übertragen wären, würden wir noch ausreichend Bandbreite für die störungsfreie Übertragung haben.“

Zudem sei De-CIX ohnehin auf ein jährliches Verkehrswachstum von 20 Prozent eingerichtet und halte grundsätzlich 25 Prozent Zusatzkapazität in Reserve.

Der Business-Continuity-Plan wird ständig aktualisiert

Der Business-Continuity-Plan vom De-CIX ist auf ununterbrochenen Betrieb und die Reduktion von Infektionsrisiken ausgerichtet und wird regelmäßig angepasst. Wartungsarbeiten werden, wenn möglich, verschoben.

Kleines Mistvieh: Der Coronavirus nötigt auch Rechenzentren zu strikten Anpassungs- und Schutzmaßnahmen
Kleines Mistvieh: Der Coronavirus nötigt auch Rechenzentren zu strikten Anpassungs- und Schutzmaßnahmen
(Bild: gemeinfrei Vektor Kunst auf Pixabay / Pixabay )

Kapazitätserweiterungen haben Vorrang vor neuen Diensten. Bestandskunden und ihr Bedarf sowie die Aufrechterhaltung der bestehenden Dienste haben Vorrang vor neuen Kunden, deren Servicebedarf möglicherweise verzögert befriedigt wird.

Unvermeidliche Wartungsarbeiten werden, wenn möglich, per Roboter oder remote ausgeführt, so sind etwa Patching-Roboter im Einsatz. Dadurch entfällt nahezu die gesamte händische Arbeit im Rechenzentrum oder wird verschoben. Sollte eine ganze Stadt abgeriegelt werden, in der sich ein De-CIX-Austauschknoten befindet, sorgen die Automatisierungsmechanismen dafür, dass selbst ohne Personal vor Ort das Rechenzentrum in der Regel weiterarbeitet.

Equinix

Equinix, einer der derzeit größten Rechenzentrumsbetreiber und Co-Location-Anbieter weltweit, hat einen Brief seines CEO online veröffentlicht, der sich mit der Situation und den getroffenen Maßnahmen befasst. Auch bei Equinix arbeiten alle Rechenzentren wie geplant, sind voll verfügbar und haben die Pläne für Business Continuity aktiviert.

Der Zugang zu den Co-Location-Rechenzentren ist allerdings beschränkt. In Rechenzentren können die, sonst durch Kunden durchführbare Prozesse, vorübergehend von Equinix-Personal („Smart Hands“) erledigt werden, um die Personenzahl im Rechenzentrum gering zu halten. Vor Ort sollen nur kritische Arbeiten erfolgen. Nur Service-kritische Kunden erhalten mit Sondergenehmigung Zugang.

Die eigenen Mitarbeiter arbeiten so weit wie möglich in Homeoffices, die Büros sind weltweit geschlossen. Die Mitarbeiter weltweit werden darüber hinaus aufgefordert, sich an Gemeinwohl-Aktivitäten zur Linderung der Corona-Krise zu beteiligen. Equinix stiftet auch Plattform-Services beispielsweise an gemeinnützige Organisationen, Akteure aus dem Gesundheitsbereich und so weiter, um deren Kommunikationsmöglichkeiten zu stärken.

Digital Realty

Der nach Equinix zweitgrößte Datacenter-Betreiber hat neben den üblichen Maßnahmen (keine Geschäftsreisen, Homeoffice) besonders strenge Sanitärmaßnahmen implementiert: Spezialisierte Trainings für Hygienie, regelmäßige Desinfektion kritischer Bereiche, Überprüfung aller Besucher vor dem Eintritt ins Rechenzentrum, in Singapur und Hongkong inklusive Fiebermessung. Personal kann nötigenfalls bis zu 72 Stunden am Stück auf dem Datacenter-Gelände bleiben. Dafür sind alle nötigen Vorräte und Einrichtungen vorhanden.

Deutsche Telekom

Die Deutsche Telekom/T-Systems hat wie viele Große für die gesamte Welt gültige Regeln erlassen. Der Service wurde, dem steigenden Bedarf der Kunden entsprechend, eher erweitert. Kritische Changes werden weitestmöglich verschoben. Kraftstoff- und Notstromversorgungen wurden geprüft und, wenn nötig, die Vorräte erhöht. Es wird in kürzeren Abständen gereinigt und desinfiziert.

Die Lieferanten sind in die Business-Continuity-Planung einbezogen. Sie sagen zum Beispiel selbst Schutzmaßnahmen zu, um kontinuierliche Lieferbereitschaft sicherzustellen.

Kundenbesuche finden nicht statt, auf den Campus dürfen nur betriebsrelevante Personen. Die Datacenter-Teams sind, um personalbedingten Ausfällen vorzubeugen, auf mehrere Standorte verteilt oder arbeiten im Homeoffice, so dass sich Mitarbeiter in der Regel gegenseitig ersetzen können.

Auch der Rechenzentrumsbetrieb wird remote gesteuert. Nur der Sicherheitsdienst bleibt über Nacht im Datacenter; Schlafräume vor Ort gibt es aber nicht.

Die Telekom rät im Rahmen der DataCenter-Insider-Umfrage, auch Kunden gezielt in die Krisenmaßnahmen einzubinden, um deren gestiegenen Kommunikationsbedarf nötigenfalls rechtzeitig durch Erweiterungen der Infrastruktur sicherstellen zu können.

Noris Networks und Finanzinformatik

Der Nürnberger Datacenter-Dienstleister Noris Networks betreibt insgesamt fünf Dienstleistungs-Rechenzentren in Bayern. Das Unternehmen konnte bisher den Rechenzentrumsbetrieb uneingeschränkt fortführen.

Noris Networks rechnet allerdings mit Effizienzeinbußen, beispielsweise bei der Bearbeitung von Change-Aufträgen. Auch neue Projekte können sich wegen verzögerter Hardwarelieferung im Einzelfall verzögern.

Besucher mit Krankheitssymptomen können nicht ins Rechenzentrum. Auch Besucher, die zuvor in Risikogebieten waren, werden gebeten, fern zu bleiben. Führungen gibt es nicht und Besprechungen erfolgen virtuell.

Menschenleere Gänge im RZ, hier von Noris Networks in Nürnberg, sind auch sonst normal, aber jetzt extrem wichtig
Menschenleere Gänge im RZ, hier von Noris Networks in Nürnberg, sind auch sonst normal, aber jetzt extrem wichtig
(Bild: Noris Networks)

Die Versorgungsleitungen funktionieren automatisch, technische Systeme sind ohnehin auf Hochverfügbarkeit ausgelegt. Kritische Dienstleister sind in die Notfallplanung eingebunden.

Zudem hat Noris Networks einen Notfallplan, der beispielsweise laufende und umfassende Mitarbeiterinformation umfasst. Für aktuelle Notfälle gibt es ein spezielles Lagezentrum, das Kunden per Mail informieren kann. Bei Anfragen und Zwischenfällen im Rahmen des Üblichen hilft der normale Support.

Ganz ähnlich wie die bisherigen Beispiele hält es auch Finanzinformatik: Mitarbeiter wurden vereinzelt, Schutzzonen eingerichtet, wer kann, arbeitet von zu Hause. Teams wurden räumlich aufgeteilt, um Infektionsrisiken zu verringern. Betriebsengpässe vermeldete auch dieser wichtige Datacenter-Betreiber, der die deutschen Sparkassen mit IT-Services versorgt, nicht.

Fazit

Die Datacenter-Branche bewältigt die Krise mit Professionalität und Gelassenheit. Rechenzentrumsbetreiber zeigen, dass man sich zumindest in einer durch einen nicht digitalen Virus hervorgerufenen Krise auf ihren Service verlassen kann. Mehr noch: Sie zeigen, dass die Branche unverzichtbar ist für die Aufrechterhaltung vitaler Grundfunktionen der Gesellschaft, und dass Rechenzentrumsbetreiber dieser tragenden Rolle gewachsen sind.

Hinweis:Sie auch: „Dauereinsatz am Herzen des Internets, Hochsicherer Datacenter-Betrieb während der Krise, notfalls aus dem Feldbett“ von Holger Nicolay, Interxion.

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(ID:46520040)

Über den Autor

lic.rer.publ. Ariane Rüdiger

lic.rer.publ. Ariane Rüdiger

Freie Journalistin, Redaktionsbüro Rüdiger