Hyperscale-Dimensionen, Kritik und grüne Pläne Hanau bekommt ein 180-Megawatt-Rechenzentrum

Redakteur: Ulrike Ostler

Auf Linkedin und Twitter sorgt das neue geplante Rechenzentrum in Hanau bereits für reges Interesse; des es soll riesig werden: Im Endausbau sind 180 Megawatt geplant, ein Energiebedarf, der etwa der doppelten Jahresleistung der Stadt entspricht, inklusive der Großindustrie. Dafür sorgen sollen etwa eine Photovoltaik-Anlage und ein Umspannwerk auf dem Gelände der ehemaligen Großauheim-Kaserne. Geplant ist auch ein Blockheizkraftwerk.

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So könnte die ehemalige Großauheim-Kaserne zukünftig aussehen.
So könnte die ehemalige Großauheim-Kaserne zukünftig aussehen.
(Bild: Stadt Hanau)

Energie-Experte Staffan Revemann kommentiert: „‘Fossil-Deal‘ in Hanau. Gigantisches 180 MW Datacenter wird hauptsächlich mit Erdgas betrieben und verursacht dadurch gigantisch viel CO2. Burn Now – Pay Later.“ Entsprechend sind die Reaktionen:

Jörg Euler, Geschäftsführer bei JE Energieversorgung, ergänzt: „Und keinen Kilometer entfernt wird der Block 4 vom Staudinger Kraftwerk stillgelegt. Das BHKW wird dann an die bisherige Gasleitung vom Kraftwerk angeschlossen. Der Einzige Vorteil für die Umwelt ist, dass die Stadtwerke ohnehin eine eigene Produktion für die Fernwärmeversorgung der Stadt Hanau hätte bauen müssen, so erhöht sich zumindest die Effektivität der Anlagen, wenn zeitgleich auch der Strom genutzt werden kann.“

Anders Johansson, Senior Nuclear Technology Advisor på Vattenfall, schreibt auf derselben Plattform: „In the north part of Sweden the fit would be perfect. 100% Fossil free power is available for data centers like this. And I mean 100 percent fossilfree power Every day and hour of a year.“

Und Antje Tauchmann von DataCenter-Betrieber Maincubes antwortet: „Absolutely. However, I don't think we can build the entire future data center demand on the Swedish territory. Do you believe that?“

Lars Schumacher kommentiert: „Hoffentlich wird der Markt solche Dinosaurier-Projekte und deren Verursacher entsprechend ignorieren“, worauf Günter Scherer bemerkt: „Dann empfehle ich Ihnen sofort auf Internet zu verzichten, keine Cloud zu nutzen, weder bei Amazon einkaufen, bei Linkedin, Facebook zu posten, kein Telefon zu nutzen und überhaupt der Digitalisierung abzuschwören. Kostet halt alles Rechenkapazität und damit die Notwendigkeit von Rechenzentren. Homeoffice, Industrie 4.0 und smart technology fallen natürlich auch weg.“

Versöhnlich klingt dagegen Christopher Jestädt von Schneider Electric auf Linkedin: „Spannend, dass es hier wieder weiter geht, nachdem der erste Investor abgesprungen war.

Wofür Datacenter?

Spannend ist es in der Tat. Nachdem die Datacenter-Branche jahrelang um Anerkennung als Zukunftsindustrie gekämpft hat, viele Male mit Bedauern festgestellt wurde, dass aufgrund des hohen Strompreises, bürokratischer Stolpersteine und Dauerschleifen sich hierzulande keine Mega-Datacenter ansiedeln wollten, werden sie nun zum Problem?

Tatsache ist, dass Rechenzentren weiterhin für wirtschaftliche Entwicklung sorgen, dass die Branche ein großer Arbeitgeber ist, dass sie sehr Energie-effizient arbeiten können, dass eine sektorübergreifende Nutzung der Energie – etwa in Form von Strom zur Unterpufferung der Sekundärnetze beziehungsweise zur Stabilisierung der Stromnetze beitragen können und in Form ihrer Abwärme von Bürogebäuden bis zur Fernwärmenetzen grüne Energie liefern – sogar zur Klimaverbesserung beitragen können.

Klar ist aber auch, dass sie zunächst einmal Energie benötigen und es in Deutschland zur wenig nachhaltig produzierte beziehungsweise gespeicherte gibt. Maincubes-Frau Tauchman schreibt: „Für die Dekarbonisierung sind andere Industriezweige zuständig. Kopf in den Sand?“

Carsten Siebels (Stromnetzberater) twittert: „Die Standortgunst wegen des im Raum Frankfurt bestehenden Internet-Knotens wiegt schwerer als der Standortnachteil des bezüglich des EE defizitären Hessens. Internet-Verbindungen müssten privatwirtschaftlich finanziert werden. Den Stromtransport zahlen alle Stromkunden per Umlage.“

Doch wie weit ist die Planung eigentlich gediehen?

Am Montag hatte der Magistrat der Stadt Hanau dem Bebauungsplanentwurf für die ehemalige Großauheim-Kaserne und der anschließenden Offenlage zugestimmt. Die Stadtverordnetenversammlung wird am 17. Mai abschließend über die Vorlage entscheiden.

In der Pressemitteilung der Stadt wird deutlich worum es dem Bürgermeister und dem Magistrat geht: Es geht darum, eine 38,5 Hektar große Konversionsfläche des Bundes sinnvoll zu nutzen, Steuern und Arbeitsplätze in die Region zu holen. „Ziel der Planung ist es, die brachliegende, ehemals von der US-Armee genutzte Großauheimer-Kaserne als Gewerbegebiet, insbesondere zur Nutzung durch Rechenzentren, zu entwickeln,“ so Oberbürgermeister Claus Kaminsky.

Projektträger ist die P3 Hanau S.a.r.l, mit der ergänzend zum Bebauungsplan ein städtebaulicher Vertrag abgeschlossen wird. Und der Vertrag sei etwas Besonderes, so der OB. „In hervorragender Partnerschaft – aber auch in schweren Verhandlungen mit dem Investor P3 – haben wir uns auf messbare Nachhaltigkeitsziele für den Betrieb der Rechenzentren verständigen können.“

Die Nähe zu Frankfurt aber etwa auch Hattersheim macht sich bemerkbar. „Wir machen damit auch einen ersten Aufschlag, um mit benachbarten Kommunen und regionalen Institutionen über gemeinsam abgestimmte Leitlinien und Qualitätsanforderungen für zukünftige Ansiedlungen von Rechenzentren im Rhein-Main-Gebiet zu diskutieren. Insbesondere die Frage der Stromversorgung, der Beanspruchung von Ressourcen wie Fläche und Trinkwasser sowie die Emissionen, die nicht vor Gemeindegrenzen haltmachen, zeigen, dass es sich bei der Standortnachfrage von Rechenzentren mindestens um ein Thema mit einer regionalen Dimension handelt“, so Kaminsky.

Ein Erfahrungsaustausch mit anderen Städten auf Arbeitsebene sei bereits angeleiert, erste Kontakte mit Frankfurt, Offenbach, dem Regierungspräsidium Darmstadt und dem Regionalverband FrankfurtRheinMain geknüpft.

Für den Standort Großauheim-Kaserne plant der Projektentwickler P3 Gebäude für die Ansiedlung von Rechenzentren mit einer Anschlussleistung im Endausbau von 180 MW auf etwa einer Gesamtfläche von 250.000 Quadratmetern. Diese Dimension ist in der bundesweiten Gesamtschau der Entwicklung von Rechenzentren als Großprojekt („Hyperscale Datacenter“) einzustufen, das auch im europäischen Vergleich beachtenswert ist.

Lageplan: der Bebauungsplan für die Entwicklung der Großauheim-Kaserne ist auf den Weg gebracht.
Lageplan: der Bebauungsplan für die Entwicklung der Großauheim-Kaserne ist auf den Weg gebracht.
(Bild: Stdat Hanau)

Die Ansiedlung von Blockheizkraftwerken zur Fernwärmeerzeugung gehören ebenso ins Konzept wie eine Freiluftschaltanlage (Umspannwerk) vorgesehen. Die Stadtwerke Hanau werden in Kooperation mit ihrer Muttergesellschaft Mainova auf einer Teilfläche vier Blockheizkraftwerke errichten, um nach Auslaufen der Lieferverträge Ende 2024 die Fernwärmeversorgung für die Stadt Hanau in eigener Verantwortung sicherzustellen. Bislang wird die Fernwärme durch das Kraftwerk Staudinger/Uniper geliefert (s.o.). Hierfür soll das Gebiet an eine bestehende Ferngasleitung angeschlossen werden.

Auf dem südlichen Teil der Großauheimer -Kaserne wird eine Freiflächenphotovoltaikanlage mit einer Jahresleistung von rund 7 MW entstehen. Hierfür wird derzeit ein eigenständiger vorhabenbezogener Bebauungsplan aufgestellt.

Auch die Nutzung der Rechenzentrumsabwärme ist bereits angedacht. In einem Bericht des „Hanauer Anzeiger“ vom 17.10. 2018 wird Jürgen Diehl, ehemaliger Deutschland-Chef von der (P3), mit Folgendem zitiert: Auch in Sachen Wasser und Abwasser für die Kühlung der Server gebe es „erheblichen Anschlussbedarf“. Gleichzeitig werde darüber nachgedacht, die Abwärme als Fernwärme zu nutzen, so der Bericht von einer damaligen Ratssitzung.

Jetzt heißt es: „Durch die ortsnahe Erzeugung von Wärme und Strom entstehe eine weitere Möglichkeit von Synergie-Effekten, zum Beispiel durch die mögliche Einspeisung des geernteten Solarstroms in die Energieversorgung der Rechenzentren“, so die Stadt Hanau.

Der Oberbürgermeister legt die Vorteile einer Rechenzentrumsansiedlung für die Stadt dar: „Die Ansiedlung von Rechenzentren bietet große Chancen für Kommunen, denn es können Altstandorte einer Verwertung zugeführt werden, die ansonsten eventuell dauerhaft brachliegen würden, weil die Aufbereitung nicht finanzierbar wäre.

Die Nutzung erzeuge keine nennenswerte (Schwer-)Verkehrsbelastung. Gerade bei größeren Flächen, die ansonsten vor allem von Logistikern nachgefragt würden, bietet sich so eine Nutzungsalternative. Im Umfeld von Rechenzentren erhöhe sich zudem die Chance von weiteren attraktiven Unternehmensansiedlungen aus der IT-Branche und auch das Gewerbesteueraufkommen sei attraktiv und nicht exportabhängig, so der OB.

Der Vertrag

Wie Kaminsky weiter erläutert, werden im städtebaulichen Vertrag, neben den üblichen Regelungen zur Erschließungsplanung, zu Artenschutzmaßnahmen oder zu Kostenübernahmen, die Vereinbarungen zum Thema Nachhaltigkeit in einer eigenen Vertragsanlage geregelt. Diese Vertragsanlage ist in den nachgelagerten Verträgen zwischen dem Investor P3 und den zukünftigen Nutzern des Rechenzentrumscampus zu berücksichtigen, so dass die Zielsetzungen verbindlich an Rechtsnachfolger des Projektentwicklers weitergegeben werden.

Es wird vereinbart, dass der genutzte Stromanteil bei Inbetriebnahme zu 80 Prozent und nach fünf Jahren 100 Prozent aus erneuerbaren Energien stammen muss. Auch soll vorzugsweise regional erzeugte Energie genutzt und in einen zertifizierten lokalen Klimafonds der Stadt Hanau eingezahlt werden.

Die Energie-Effizienz der Rechenzentrumsinfrastruktur und der Kühlung muss sich an den Kriterien des Zertifikats „Blauer Engel für Co-Location-Rechenzentren“ orientieren. Neben der Möglichkeiten der Nutzung von Abwärme gehört zu den Anforderungen die Bilanzierung und Reduzierung des CO2-Ausstoßes und die Vermeidung des Einsatzes von klimaschädlichen Substanzen (Treibhausgase, Kältemittel, Emissionen der Notstromaggregate).

Auch an die Überprüfung wird gedacht: Regelmäßig soll eine Dokumentation und Überprüfung durch unabhängige Sachverständige stattfinden.

„Ein wesentliches Ziel der Stadt ist es, dass die vereinbarten Ziele im Zeitverlauf dynamisch an den technischen Fortschritt angepasst werden. Es werden nicht nur einmalig Vorgaben für die Anlagentechnik definiert, sondern im Sinne eines Monitorings kontinuierlich die tatsächlichen laufenden Verbrauchswerte gemessen und bewertet“, erklärt der Oberbürgermeister.

Und schließlich argumentiert Kommunalpolitiker Kaminsky: „Die Stadt Hanau ist Teil einer Region, in der aufgrund der Nähe zum in Frankfurt beheimateten Internetknoten DE-CIX eine besondere Standortgunst für die räumliche Konzentration von Rechenzentren besteht. Wenn die Stadt auf ihrer eigenen Gemarkung sich gegen ein solches Großprojekt wenden würde, so entstünden in Kommunen im näheren Umfeld zahlreiche Anlagen, deren Auswirkungen auf Hanau ausstrahlen“, erläuterte der Oberbürgermeister.

Die Stadt wäre von Wirkungen betroffen und könnten keinerlei Einfluss darauf nehmen und das auch noch ohne an den oben dargestellten Chancen zu partizipieren. „Da die Digitalisierung ein globaler Trend ist, werden hierfür neue Infrastrukturen benötigt. Dies ist ein neuer Aspekt der Daseinsvorsorge, für die die öffentliche Hand auf allen Ebenen die Verantwortung trägt. In Hanau haben wir uns dieser Aufgabe angenommen.“

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