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SOA-Plattform macht Datenmigration beherrschbar Größtes Migrationsprojekt Europas erfolgreich abgeschlossen

| Autor / Redakteur: Jürgen Wasem-Gutensohn / Dipl.-Ing. (FH) Andreas Donner

Nach der Übernahme von Debitel durch Mobilcom mussten im laufenden Geschäftsbetrieb über 12 Millionen Debitel-Kundendatensätze mit denen von Mobilcom verschmolzen sowie verschiedenste Business-Anwendungen migriert und abgelöst werden. Damit ist das Migrationsprojekt eines der größten in Europa jemals abgewickelten.

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Der Zusammenschluss der Unternehmen Mobilcom und Debitel gilt als das größte Migrati-onsprojekt Europas. (Bild: Mobilcom-Debitel)
Der Zusammenschluss der Unternehmen Mobilcom und Debitel gilt als das größte Migrati-onsprojekt Europas. (Bild: Mobilcom-Debitel)

Bei Mobilcom, dem Vorläufer der heutigen Mobilcom-Debitel GmbH, legt man seit jeher großen Wert auf leistungsfähige, maßgeschneiderte IT-Lösungen. Den Grundstein für die heutige IT-Landschaft bildet das 1996 von Mobilcom-Entwicklern komplett in Java geschriebene MobilCom BillingSystem (MCBS). Da es seinerzeit Java EE noch nicht gab, wurde die Anwendung als monolithisches System angelegt.

Dieses System wurde im Lauf der kommenden Jahre immer stärker erweitert, um nach und nach alle Geschäftsprozesse des Unternehmens wie Kundenbetreuung, POS-Prozesse (Point of Sale) oder Pro-duktinventarisierung abbilden zu können. Das Ergebnis war eine sehr große Java-Anwendung, in der etliche Funktionen und Datensätze aufgrund der getrennten Entwicklungsteams redundant vorhanden waren.

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Zehn Milliarden Datensätze

Durch das starke Wachstum des Unternehmens nach der Übernahme des Mitbewerbers Debitel – Debitel hatte seinerzeit über zwölf Millionen, Mobilcom zirka sechs Millionen Kunden – wurde den Ver-antwortlichen schnell klar, dass die vorhandene Systemarchitektur dem Anschwellen der Datenmengen nicht gewachsen ist. Insgesamt waren im neuen Unternehmen mehr als zehn Milliarden Datensätze zu verwalten.

„Es galt, das komplexe System durch ein flexibleres Konstrukt selbstentwickelter Anwendungen abzu-lösen und dabei gleichzeitig die Datenbestände der ehemals getrennten Unternehmen zu verschmelzen“, sagt Jochen Ohl, Systemarchitekt Entwicklung bei Mobilcom-Debitel im schleswig-holsteinischen Büdelsdorf. Das Migrationsprojekt – aufgrund der verschiedenen Farben der einzelnen Unterneh-menslogos mit dem Codenamen „Rainbow“ versehen – war entscheidend für den geschäftlichen Erfolg des neuen Unternehmens Mobilcom-Debitel. Gleichzeitig war Rainbow bis dato eine der größten jemals in Europa realisierten Migrationen überhaupt.

Erste Schritte mit JBoss

Da man bei Mobilcom schon im Jahr 2004 erste Gehversuche mit der Community Edition von Red Hat JBoss unternommen hatte, wussten die Technikspezialisten um die Fähigkeiten der Plattform. Die ersten kleineren EJB-Komponenten liefen seit 2004 zufriedenstellend im Praxiseinsatz. Daher entschied man sich für JBoss und eine SOA-Plattform (Service Oriented Architecture) – nicht zuletzt, weil JBoss den vergleichbaren Anwendungsservern bei der Kosten-Nutzenkalkulation durch die IT-Spezialisten von Mobilcom bei weitem voraus war.

„SOA erforderte ein Umdenken bei den Entwicklern. Wir definierten Services, die einzelne Probleme lösen. Jedes Problem, wie beispielsweise das Verwalten von Namen- und Adressdaten, sollte nur einmal gelöst werden, ganz egal, ob es sich um Daten von Kunden oder Lieferanten handelte“, erklärt Ohl. Die zum hochverfügbaren Betrieb der Anwendungen notwendige Redundanz sollte künftig allein in Hardware und nicht länger in Codezeilen abgebildet werden.

Im Lauf der Zeit entstanden so mehr als 20 Services in Form von EJB-Komponenten, die in ZAP (Zentrale Applikation Plattform) zusammengefasst wurden. Über ZAP werden bis auf extrem selten benötigte Abläufe alle Geschäftsprozesse von Mobilcom abgewickelt: Angefangen beim Billing und dem Kun-densupport über grundlegende ERP-Funktionen oder dem Workforce-Management bis hin zu kompletten Workflows wird alles über diese SOA-Services abgebildet.

Die SOA-Plattform basierte zu Beginn weiterhin auf der Community Editon von JBoss, wurde aber im Rahmen der Rainbow-Migration auf JBoss EAP 5.1 umgestellt und läuft heute auf einem Cluster aus vier Acht-Kern-Servern von Sun. „Bei diesem Umstieg von der Community Edition leisteten die Berater von Red Hat immens wichtige Hilfestellung. Sie halfen uns, den Schwenk ohne Ausfall binnen kürzester Zeit abzuwickeln“, sagt der Systemarchitekt.

Problemloser JBoss-Übergang

Die Umstellung verlief problemlos, so dass der Übergang von einer JBoss-Version auf die anderen nahtlos war. Es gab keine schwerwiegenden Probleme. „JBoss und das SOA-Konstrukt ermöglichten uns eine so gut beherrschbare Umgebung, sodass wir lediglich kleinere Bugs zu beheben hatten. Das war nach zwei Tagen erledigt und wir konnten zur Tagesordnung übergehen“, erinnert sich Ohl.

Nach der Übernahme von Debitel wurde schnell klar, dass die JBoss-basierte Plattform von Mobilcom das flexiblere und leistungsfähigere System ist. Es fiel die Entscheidung, sämtliche Bestandsdaten der zwölf Millionen Debitel-Kunden in die Systeme von Mobilcom zu überführen. Damit entstand parallel zum Aufbau der SOA-Plattform noch ein zweites, weitaus größeres IT-Projekt im Unternehmen.

„Auch während der Migration machte sich SOA bezahlt. Allein rund um die Systeme für das Billing und die Kundenbetreuung liefen im Rahmen von Rainbow über 3.000 Change Requests auf. Hätten wir nach wie vor mit einem monolithischen System gearbeitet, hätten wir diese Anforderungen niemals in vertretbarer Zeit und in akzeptabler Qualität umsetzen können“, konstatiert Jochen Ohl. Im Vorfeld der Migration war für ein Jahr ein Red-Hat-Spezialist der Red Hat Consulting Services fest vor Ort bei Mobilcom-Debitel. Er unterstützte die Entwickler bei Fragen rund um JBoss und setzte später einen JON-Server zur Überwa-chung des JBoss-Clusters auf.

Zukunftssicherheit eingebaut

Nicht genug, dass der Umstieg auf die SOA-Plattform und die in der Folge beherrschbare Übernahme der Debitel-Kundendaten erfolgreich gemeistert wurden: Die JBoss-Umgebung bietet Mobilcom-Debitel darüber hinaus weitere Vorteile, die sich auch in der Zukunft überaus positiv bemerkbar machen.

Durch das Auflösen der monolithischen Anwendung sind die IT-Verantwortlichen frei in der Wahl der Backend-Systeme. Für die Anwender spielt es keine Rolle, ob die von ihnen benötigten Daten aus einem SAP-System, der Informix-Datenbank des Billing-Systems oder der MySQL-Datenbank des Händ-lersystems stammen. ZAP sorgt für eine einheitliche, gut benutzbare Oberfläche. Die IT-Spezialisten wiederum profitieren von der Architektur, weil sie eine leistungsstarke, fehlertolerante und vor allem übersichtliche Umgebung geschaffen haben.

Außerdem wurde auf der SOA-Plattform eine flexible Lösung geschaffen, die sich auch nach der Migration laufend an die aktuellen Anforderungen anpassen lässt. „Nachdem durch die Übernahme faktisch ein neues Unternehmen entstanden ist, müssen auch in Zukunft zahlreiche Prozesse in Software implementiert werden. Dank der flexiblen Struktur können wir neue Anforderungen unkompliziert um-setzen, ohne jeweils die komplette IT-Landschaft betrachten zu müssen“, erklärt Jochen Ohl.

Vielmehr müssen sich die Entwickler bei neuen Wünschen ihrer Kollegen aus den Geschäftseinheiten nur mit den Services beschäftigen, die für den jeweiligen Prozess relevant sind. Um die Abhängigkeiten der Services noch weiter zu senken, werden in Zukunft die bislang auf Dateien basierenden Schnittstellen ersetzt: Die Services sollen per Messaging direkt miteinander kommunizieren können. JBoss macht auch das möglich. „Dank des JBoss-Anwendungsservers konnten wir unsere komplexe Java-Anwendung in kleine, leichter zu beherrschende Applikationen aufteilen. Die JBoss-Plattform selbst funktioniert überaus stabil und ist somit eine verlässliche Basis für all unsere Geschäftsprozesse”, sagt Jochen Ohl.

Über den Autor

Jürgen Wasem-Gutensohn ist freier Journalist in München

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