Ein Fork verunsichert Anwender – die Firmen beruhigen

Es kracht zwischen OwnCloud und Nextcloud

| Autor: Ludger Schmitz

(Bild: Logos:OwnCloud/Nextcloud)

Für ziemlich viel Furore unter den Anwendern und in der Community hat im Juni die Spaltung zwischen OwnCloud und Nextcloud gesorgt. Beide Seiten zeigen sich bemüht, ihre Vitalität zu beweisen.

In Zukunft könnte die Open-Source-Gemeinde mulmige Gefühle kriegen, wenn ein Projekt eine Foundation gründet. Kaum war die OwnCloud Foundation ins Leben gerufen, krachte es in dem Projekt gewaltig. Ein Fork, also eine Abspaltung, entstand. Jetzt gibt es owncloud und Nextcloud.

Foundations: Von der Sicherung zur Verunsicherung

Gemeinhin bedeutet die Gründung einer Foundation, dass eine Stiftung alle Rechte an einem Open-Source-Produkt bekommt. Geleitet wird die Foundation dann in der Regel von einem Gremium aus Entwicklern, Anwendern und anerkannten Persönlichkeiten aus der Open-Source-Szene, es entscheiden also nicht mehr allein die Programmierer, was gemacht wird.

Und es entscheiden auch nicht mehr jene, die irgendwie an die Markenrechte des Produktnamens gekommen sind. Gerade dieser Faktor hat sich als schon sehr wichtig erwiesen. Beispielsweise haben die Aktiven der Open-Source-Datenbank MySQL und der Bürosuite OpenOffice Rechte einst an Sun verkauft, um Rückhalt zu gewinnen. Doch als Sun von Oracle übernommen wurde, sah es um die Zukunft beider Produkte sogleich fraglich aus.

"Kollektive Weisheit der Community"

In beiden Fällen reagierten die Entwickler mit einer in der Open-Source-Welt üblichen Maßnahme. Sie nahmen sich den Open-Source-Code und entwickelten ihn unter anderem Namen weiter. So entstanden in den genannten Beispielen MariaDB und LibreOffice, beide heute etabliert und technisch besser als die Oracle-Entwicklungen. Beide Projekte haben eine Foundation gegründet, damit die Rechte an den Produkten nicht mehr so einfach in falsche Hände geraten können.

Das ist inzwischen ein recht übliches Vorgehen. Deswegen hat es zunächst auch nicht sonderlich für Aufsehen gesorgt, als Ende Mai eine OwnCloud Foundation entstand. „Wir legen das Projekt in die Hände der Community“, erklärte Markus Rex, CEO und einer der Gründer von OwnCloud Inc. „Dabei verlassen wir uns auf die kollektive Weisheit der OwnCloud Community.“

Sehr schnelle Eskalation

Doch dann eskalierte die Sache sehr schnell. Wenige Tage später kündigte der OwnCloud-Initiator Frank Karlitschek einen Fork an und gründete Nextcloud. Erst jetzt sprach es sich herum, dass Karlitschek seit Ende April nicht mehr Technikchef bei OwnCloud war. Es liegt nah, dies mit der Gründung der Foundation in Verbindung zu bringen.

Die Hintergründe sind nebulös. Beide Seiten halten sich mit Erklärungen zurück. Auf Internet-Plattformen gibt es nicht nur Hinweise auf Dissonanzen über technische Ausrichtungen und Prioritäten der Produktentwicklung. Es deuten sich auch persönliche Differenzen an. Der Konflikt soll sich daran entzündet haben, dass Karlitschek und einige Topentwickler nicht mehr einverstanden waren mit der Open-Core-Strategie von OwnCloud.

OwnCloud hat eine breite Anwenderbasis

OwnCloud ist eine Software zum Speichern und Synchronisieren von Dateien aller Art. Von ihr gibt es eine kostenlose Community- und eine funktional erweiterte Enterprise-Version, die Einnahmequelle von OwnCloud. An OwnCloud sollen seit den Anfängen im Jahr 2010 mehr als 1000 Entwickler mitgearbeitet haben. OwnCloud hat nach Firmenangaben mehr als zehn Millionen Nutzer. In Deutschland ist es weit verbreitet, auch in öffentlichen Verwaltungen, die damit eine kleine Private Cloud aufgebaut haben.

Die Gründung von Nextcloud war noch nicht alles. Laut Karlitschek wechselten auch neun von zehn der Owncloud-Topentwickler die Seite. Und der Hauptkreditgeber von OwnCloud Inc. in den USA strich die Kreditlinie. Die OwnCloud Inc. schloss und entließ ihre acht Mitarbeiter. Sogleich gab es Befürchtungen, das könne das Ende von Owncloud insgesamt sein.

Beide Firmen zeigen sich aktiv

Doch die deutsche OwnCloud GmbH (mit rund 40 Mitarbeitern) beeilte sich festzustellen, ihre Existenz sei von diesen Ereignissen nicht unmittelbar betroffen. Wie weit sie das mittelbar ist, bleibt allerdings offen. Um Zweifel an ihrer Vitalität auszuräumen, brachte sie am 22 Juni einen neuen Desktop-Client und eine neue Android App heraus. Einen Tag später folgte in Zusammenarbeit mit der Firma Collabora die Integration von LibreOffice Online in OwnCloud Enterprise.

Nicht weniger zügig ging Nextcloud zur Sache. Die erste Version ist eigentlich für Mitte Juli 2016 angekündigt. Aber schon Mitte Juni brachte die Firma als Nextcloud 9.0.5 eine mit kleinen Neuerungen ausgestattete Variante des aktuellen OwnCloud 9. Beide Seiten zeigen sich also entschlossen, sich nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen.

Anwender können in Ruhe abwarten

Für Anwender ist das in erster Linie ein gutes Zeichen. Eine kurzfristige Reaktion – in welcher Richtung auch immer – wäre eindeutig fehl am Platz. Es bleibt vielmehr abzuwarten, was Nextcloud mit der ersten halbwegs eigenständigen Version Mitte Juli vorweisen kann. Gleichzeitig ist dann deren Lizenz- und Supportform von Interesse, und man darf erwarten, dass es mehr Aufklärung gibt, welcher Open-Source-Linie das neue Unternehmen folgen will.

Es wird Monate oder noch länger dauern, bis sich halbwegs sicher feststellen lässt, welche Firma auf stabilen Füßen steht und wie sich die Produkte technisch und funktional differenzieren. In der Open-Source-Welt ist „Survival of the fittest“ kein Gesetz. Es kann durchaus zwei Gewinner geben.

* Ludger Schmitz ist freiberuflicher Journalist in Kelheim.

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Danke für den Artikel. Allerdings bietet Nextcloud wirklich mehr Innovationen und Vorteile als das...  lesen
posted am 20.01.2017 um 04:06 von MikeyDread

Let me add that: * Nextcloud has done a major release, nextcloud 11, improving security (with...  lesen
posted am 02.01.2017 um 20:04 von Unregistriert


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