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Studie zu Sekundär-Datacenter-Standorten In Europa Die Megawatt-Aufsteiger

Autor / Redakteur: M.A. Jürgen Höfling / Ulrike Ostler

Die Rechenzentrums-Kapazitäten der großen Fünf (Frankfurt, London, Amsterdam, Paris und Dublin) sind nicht unbegrenzt. Jetzt schlägt die Stunde der 2.Liga. Eine neue Studie untersucht die Potenziale des Sekundärmarkts.

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Die Cloud-Service-Anbieter sind auch in Europa die Motoren für die rasante Entwicklung der Rechenzentrums-Kapazitäten
Die Cloud-Service-Anbieter sind auch in Europa die Motoren für die rasante Entwicklung der Rechenzentrums-Kapazitäten
(Bild: Tim_Caspary_pixelio.de)

Der Bedarf an Rechenzentrumskapazität wächst und wächst, in Europa ebenso wie in anderen Teilen der Erde. Die weltweite Pandemie in diesem Jahr wird diesem rasanten Wachstum sicher noch zusätzlichen Schub geben. Allein der Hyperscaler-Ausbau in Europa soll sich von 8,7 Milliarden Euro im Jahr 2019 auf 50 Milliarden Euro im Jahr 2024 erhöhen.

Allein der Hyperscaler-Ausbau in Europa soll sich von 8,7 Mrd Euro im Jahr 2019 auf 50 Mrd. Euro im Jahr 2024 erhöhen
Allein der Hyperscaler-Ausbau in Europa soll sich von 8,7 Mrd Euro im Jahr 2019 auf 50 Mrd. Euro im Jahr 2024 erhöhen
(Bild: Structure Research)

Wenn man allein Europa nimmt, ist abzusehen, dass die derzeitigen Rechenzentrums-Metropolen Frankfurt am Main, London, Amsterdam, Paris und Dublin den riesigen Hunger an bebaubarer Fläche und Energie nicht mehr allein werden stemmen können und wollen. Die Stadt Amsterdam hat kürzlich schon strikte Maßnahmen in puncto Rechenzentrumsbau und -betrieb erlassen, die zwischenzeitlich im Grunde einem Moratorium gleichkamen.

Mit seiner neuen Studie zum Datacenter-Sekundärmarkt in Europa (1) untersucht die Global Datacenter Advisory Group (GDCAG) des Rechenzenztrumsimmobilien-Entwicklers Cushman & Wakefield (CW) deshalb die Potenziale der derzeitigen zweiten Liga der Datacenter-Standorte in Europa und analysiert deren Wachstumsmöglichkeiten.

Die Städte Warschau, Mailand, Madrid, Oslo, Prag, Zürich, Marseille, Wien, Berlin und Reykjavik zählt CW GDCAG zu den Kandidaten, die den Aufstieg in die erste Liga schaffen könnten und analysiert im Detail die Gründe.

Noch haben viele Cloud-Service-Betreiber das Potenzial der europäuschen Sekundär-RZ-Standorte nicht erkannt
Noch haben viele Cloud-Service-Betreiber das Potenzial der europäuschen Sekundär-RZ-Standorte nicht erkannt
(Bild: Cushman & Wakefield GDCAG)

Die Analysten betonen indes, dass die Zuwachsraten der etablierten Erstligisten auch in Zukunft so schnell nicht abnähmen. Immerhin seien in den derzeitigen Rechenzentrumsmetropolen in Europa Datacenter-Objekte mit einem Energiebedarf von sage und schreibe 500 Megawatt (MW) im Bau.

Warschau: Von 64 MW auf 128 MW

Dem Standort Warschau prognostizieren die CW-Analysten einen Kapazitätssprung von 64 auf 128 MW. Die polnische Hauptstadt habe gerade ein diesem Jahr Milliarden-Dollar-Investitionen von Microsoft (1 Milliarde Dollar) und Google (2 Milliarden Dollar) für Entwicklungsmaßnahmen im IT-Bereich an Land gezogen.

Es gehe dabei um Infrastruktur-Maßnahmen, Schulung und Cloud-Services für Unternehmen und Verwaltung. Google wolle bis 2021 einen regionalen Cloud-Knoten in Warschau etablieren. Der Rechenzentrumsgigant Equinix habe zudem schon drei Rechenzentren in Warschau und der Edge-Datacenter-Spezialist Edgeconnex habe bekannt gegeben, dass man zusammen mit Megaport und Ori Industries die Anschluss- und Leitungsdichte stark erhöhe.

Auch der italienische Cloud-Betreiber Aruba und das lokale Unternehmen Atman seien bei dieser Kooperation dabei. Den größten Coup in Warschau bereite allerdings der Hyperscale-Betreiber Vantage vor, der 2021 mit dem Bau eines Campus beginnen wolle, der im Endausbau die Kapazitäten beziehungsweise den Energiebedarf von jetzt 64 MW auf 128 MW glatt verdoppele.

Mailand: Von 61 MW auf 95 MW

Als wichtigster Finanz- und Wirtschaftsstandort in Italien ist Mailand natürlich auch im Fokus der IT-Giganten. So haben die Amazon Web Services (AWS) im Mai ihren Cloud-Knoten in Mailand in Betrieb genommen., der erste für Italien und Südeuropa überhaupt. AWS bietet damit drei „Verfügbarkeits-Zonen“ an.

Ebenfalls im Mai 2020 hat Microsoft eine 1,5 Milliarden-Euro-Investition über fünf Jahre öffentlich gemacht. Gemeinsam mit der italienischen Post will man „Azure“ breitbandig in den italienischen Markt bringen.

Google seinerseits will zusammen mit Telecom Italia ein Netz von Rechenzentren in Mailand und im übrigen Italien installieren. Und zusammen mit Betreibern wie Aruba, Telecom Italia und DATA4 will das amerikanische Unternehmen Switch einen Rechenzentrums-Campus mit einer Endausbau-Kapazität von 32 MW in der Lombardei etablieren.

Madrid: 71 MW

In Madrid habe sich lange in Sachen Rechenzentrumsentwicklung nicht allzu viel bewegt; das sei nun schlagartig anders geworden, vermerken die CW-Analysten. Schließlich sei die spanische Hauptstadt eine der Regionen in Europa, die als relativ risikoarm bezüglich Naturkatastrophen einzuordnen seien.

Microsoft werde demnächst einen Azure-Knoten betreiben und Google Cloud habe gerade eine Partnerschaft mit Telefonica in Sachen 5G-Infrastruktur für spanische Unternehmen bekannt gegeben, die über einen eigenen Cloud-Knoten versorgt werden sollen. Auch AWS plane einen eigenen Cloud-Knoten bis zum Jahr 2023. Da durch diese neuen Aktivitäten viel Leitungs-Kapazität benötigt werde, habe Global Switch kürzlich eine Partnerschaft mit dem Frankfurter Internet-Knoten DE-CIX verkündet.

Oslo: Von 50 MW auf 125 MW

Für die norwegische Hauptstadt prognostizieren die CW-Analysten deutlich mehr als die doppelte Rechenzentrumskapazität in den nächsten Jahren. Grund ist vor allem ein von dem lokalen Marktteilnehmer Green Mountain projektierter Datacenter-Campus, der im Endausbau 75 MW Energie ziehen soll. Diese Energie kommt in Norwegen ausschließlich aus regenerativen Quellen, vor allem aus Wasserkraft.

Ein weiteres Standort-Plus ist nach Aussage der Analysten die neue 175-Kilometer-Glasfaser-Verbindung von Oslo beziehungsweise Larvik durch das Skagerrak ins dänische Hirthals (Skagenfibre), das die Osloer Datacenter-Areale deutlich schneller an das übrige Europa anbindet. Insgesamt ist die norwegische Rechenzentrumslandschaft sehr lokal geprägt, die Ausrichtung ist aber absolut international.

Prag: 41 MW

Die tschechische Hauptstadt gilt es für die Datacenter-Entwicklung und besonders für Hyperscaler erst noch zu entdecken, aber das wird nach Meinung der CW-Analysten sehr schnell geschehen, was schon an der idealen geografischen Lage mitten in Europa liegen dürfte. Tatsächlich liegt ja Prag in Mitteleuropa und nicht „irgendwo im Osten“, wie manche immer noch vermuten. Derzeit beherbergt die Stadt an der Moldau drei Internet-Knoten und wird in Sachen Rechenzentren vor allem von internationalen Telekom-Schwergewichten wie O2 oder T-Mobile genutzt.

Zürich: Von 62 MW zu 117 MW

Als wichtigster Finanzplatz der Schweiz wird die Rechenzentrumsszenerie von Zürich durch internationale Player wie Colt und Equinix ebenso geprägt wie durch europaweite Champions wie Interxion und die NTT-Tochter E-Shelter und lokale Größen wie Green Datacenter mit drei Rechenzentren. Google Cloud und Microsoft Azure betreiben beide einen regionalen Knoten und Equinix hat kürzlich eine „Azure Expressroute“ in seine Zürcher Lokationen fertig gestellt.

Auch die Oracle Cloud hat in Zürich Kapazitäten aufgebaut, um ihr Smart Innovation Lab am Ort zu unterstützen. Große Pläne hat der amerikanische Hyperscaler-Entwickler Vantage, der in einer ersten Phase Kapazitäten mit einem Energiebedarf von 8 MW aufbaut. Bis Ende 2021 will Vantage einen Datacenter-Campus mit Rechnerkapazitäten im Umfang von 40 MW in Zürich errichten.

Marseille: Von 39 MW auf 50 MW

Ebenso wie Prag müssen Cloud-Betreiber Marseille erst noch entdecken. Denn auch Marseille hat ebenso wie Prag natürliche geografische Qualitäten. Bei Marseille sind diese Qualitäten auf das Meer bezogen. Nicht weniger als zehn vorhandene Kabel verbinden Marseille und den Süden Frankreichs mit dem Mittleren Osten und Afrika, demnächst auch über das neue PEACE-Kabel (2021) und das 2Afrika-Kabel (2023).

Der derzeitige lokale Champion ist Interxion mit mehreren Rechenzentren in der zweitgrößten Stadt Frankreichs. Weitere Co-Location-Zentren sind gerade im Bau. Unter den Cloud-Betreibern ist Microsoft der erste, der einen Cloud-Knoten (für Südfrankreich) in Marseille installiert hat.

Wien: Von 46 MW zu 61 MW

Auch Wien ist als zentraler Cloud-Datacenter-Standort in Europa noch zu entdecken. Ebenso wie Prag ist die Lage mitten in Europa mit dem traditionellen Blick nach Osten und auf den Balkan ein Plus für die zukünftige Entwicklung. Platzhirsche sind derzeit Interxion und E-Shelter. Für den E-Shelter-Campus ist ein Ausbau um 15 MW geplant. Cloud-Betreiber haben bisher noch keinen Knoten in der Donaumetropole etabliert.

Berlin: Von 45 MW auf 199 MW

Die deutsche Hauptstadt wird nach Einschätzung der CW-Analysten neben Frankfurt am Main der zweite Rechenzentrums-Hotspot in Deutschland. Campus-Ausbau-Pläne von e-Shelter (schon etabliert in Berlin) und Vantage (neu in Berlin) würden im Endausbau die Kapazitäten in Berlin von derzeit 45 MW auf fast 200 MW erweitern. Von den Cloud-Betreibern ist derzeit nur Microsoft mit einem Azure-Knoten für den deutschen Norden in Berlin aktiv.

Reykjavik: Von 52 MW auf 212 MW

Der Datacenter-Geheimtipp schlechthin ist für die Analysten von Cushman & Wakefield Reykjavik. Die isländische Hauptstadt ist von ihrer geografischen Lage in der Mitte zwischen den „beiden Amerikas“ und Europa einerseits und von den vorhandenen regenerativen Energiequellen (Geothermie und Wasserkraft) ein attraktiver Standort für die Rechenzentren der Zukunft.

Etix Everywhere, das kürzlich von Vantage gekauft worden ist, hat in Reykjavik schon einen Rechenzentrums-Campus und andere werden nach Meinung der CW-Analysten schnell folgen. Es gebe viele lokale Firmen, die Datacenter-Erschließungen anböten. Und nicht zuletzt gibt es wohl interessante Steuerangebote der isländischen Regierung.

(1) Cushman & Wakefield, Global Datacenter Advisory Group : European Secondary Markets : The Growth Story for the New Decade

(ID:46823391)

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