Der zweite Frühling der Colocation Colocation neu gedacht – Warum TGA-Standards den Unterschied machen

Ein Gastbeitrag von Ulrich Terrahe* 5 min Lesedauer

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Colocation erlebt eine Renaissance, doch mit steigender Rack-Dichte wachsen die Anforderungen an Stromversorgung, Kühlung und Redundanz. Entscheidend ist daher, was die technische Gebäudeausrüstung tatsächlich leisten kann.

Colocation entwickelt sich vom klassischen Rack-Vermietungsmodell zur strategischen Infrastrukturentscheidung, bei der technische Leistungsfähigkeit, Energieeffizienz und langfristige Flexibilität zusammengehören.(Bild:  Midjourney / Paula Breukel / KI-generiert)
Colocation entwickelt sich vom klassischen Rack-Vermietungsmodell zur strategischen Infrastrukturentscheidung, bei der technische Leistungsfähigkeit, Energieeffizienz und langfristige Flexibilität zusammengehören.
(Bild: Midjourney / Paula Breukel / KI-generiert)

In den letzten Monaten beobachten wir in Deutschland einen bemerkenswerten Trend: Colocation ist zurück – und zwar mit Macht. Doch es geht längst nicht mehr um das einfache „Rack mieten“, das wir aus den 2000er Jahren kennen. Die moderne Colocation-Nachfrage ist technisch anspruchsvoll, dichtgepackt und stellt Anforderungen, die viele etablierte Provider erst noch lernen müssen.

Unternehmen, die ihre Cloud-Kosten in den Griff bekommen wollen, aber keine eigenen Rechenzentren bauen möchten, landen unweigerlich bei Colocation. Die Vorteile liegen auf der Hand: Professionelle Infrastruktur, skalierbare Kapazitäten und keine Kapitalbindung in Immobilien. Doch die Tücke liegt im Detail – genauer gesagt in der Technischen Gebäudeausrüstung.

Denn während früher 3 bis 4 Kilowatt (kW) pro Rack als „High Density“ galten, sind heute 15 bis 20 Kilowatt keine Seltenheit mehr. Und genau hier trennt sich die Spreu vom Weizen: Nicht jeder Colocation-Provider kann diese Lasten tatsächlich bereitstellen – zumindest nicht ohne dramatische Einschränkungen bei der Verfügbarkeit oder Effizienz.

Was „High Density Colocation“ wirklich bedeutet

Wir haben in den letzten zwei Jahren mehrere Unternehmen bei der Colocation-Provider-Auswahl begleitet. Die Erkenntnis: Marketing und Realität klaffen oft weit auseinander. Ein Provider wirbt mit „bis zu 25 kW pro Rack“, verschweigt aber, dass dies nur für ein kleinen Teil der Racks verfügbar ist.

Die TGA-Realitätscheck-Fragen, die wir stellen:

Erstens: Wie ist die tatsächliche Kühltopologie aufgebaut?

Klassische Umluftkühlungen mit Doppelboden stoßen bei mehr als 8 kW pro Rack an ihre physikalischen Grenzen. Row-based-Cooling schafft 12 bis 15 kW, darüber wird es ohne direkte Flüssigkühlung schwierig bis kritisch.

Zweitens: Welche Vorlauftemperaturen werden gefahren?

Ein Provider, der mit 12 Grad Vorlauf arbeitet, verschenkt Effizienz und begrenzt die Möglichkeiten zur Abwärmenutzung. Moderne Konzepte setzen auf 22 bis 27 Grad Celsius und ermöglichen damit Freikühlung an deutlich mehr Tagen im Jahr.

Drittens: Wie redundant ist die Kühlung wirklich ausgelegt?

N+1 klingt gut, bedeutet aber bei Vollauslastung im Störfall eine thermische Überlastung innerhalb von Minuten. Wir empfehlen mindestens N+2 bei High-Density-Colocation, besser noch 2N.

Stromanschluss: Die unterschätzte Limitierung

Ein Aspekt, der uns in Projekten immer wieder begegnet: Die versprochene Leistung steht auf dem Papier, aber die tatsächliche Verfügbarkeit ist begrenzt.

Ein typisches Szenario: Ein Provider bietet 100 Racks mit je 10 kW an – also theoretisch 1 Megawatt IT-Last. Das Rechenzentrum hat aber nur einen 1,3-Megavoltampere-Anschluss (MVA). Bei einem prognostizieren Power Usage Effectiveness (PUE) von 1,3 bleiben theoretisch 1.000 kW für die IT übrig – allerdings ist der PUE ein Jahresmittelwert.

Bei extremen Wetterbedingungen im Hochsommer ist aber nicht der PUE-Wert der anzusetzende Wert für Redundanz, sondern der unter diesen Bedingungen anfallende Gesamtverbrauch, der deutlich höher liegen kann als der PUE-Wert.

Was bedeutet das für Ihre Colocation-Strategie?

Lassen Sie sich die Netzanschlusskapazität schriftlich bestätigen – nicht die theoretische, sondern die tatsächlich verfügbare unter Berücksichtigung aller bestehenden Kunden und einer Berechnung für die „ungünstigen“ zu Grunde gelegten Rahmenbedingungen.

Fragen Sie nach dem N-1-Szenario: Was passiert, wenn eine Einspeisung ausfällt? Wie lange läuft die USV? Wie schnell startet die Netzersatzanlage, und wie viel Dieselvorrat ist verfügbar?

SLA versus Realität: Was Verfügbarkeit wirklich kostet

Colocation-Provider werben gerne mit „99,99 Prozent Verfügbarkeit“ oder gar „Level 3“ oder „Tier III“-Zertifizierungen. Doch was bedeutet das konkret für Ihre Infrastruktur?

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Level III beziehungsweise Tier III bedeutet nach TÜV Nord beziehungsweise nach der Uptime-Institute-Definition „concurrently maintainable“ – also wartbar ohne Ausfallzeiten.

Das setzt voraus, dass sämtliche TGA-Systeme redundant ausgelegt und über getrennte Pfade angebunden sind. In der Praxis bedeutet das: Zwei unabhängige Stromeinspeisung, doppelte Kälteerzeugung, redundante Pumpengruppen und getrennte Verteilsysteme.

Die Frage ist: Gilt das auch für Ihr Rack?

Einige Provider bieten Level/Tier III auf Gebäudeebene, nicht aber auf Rack-Ebene. Ihr Rack hängt dann an einem einzigen Strompfad – fällt der aus, ist Ihre IT offline, auch wenn das Gebäude „Tier III“ ist. Wir bestehen in unseren Projekten auf Dual-Power-Feeds pro Rack – zwei unabhängige Stromkreise, die im besten Fall aus unterschiedlichen USV-Systemen gespeist werden.

Das kostet mehr – typischerweise 20 bis 30 Prozent Aufpreis pro Rack – aber es ist der einzige Weg, die versprochene Verfügbarkeit auch tatsächlich zu erreichen.

Energie-Effizienz: Ihr Problem, nicht das des Providers

Ein oft übersehener Punkt bei Colocation: Die Energie-Effizienz der Infrastruktur zahlen Sie. Wenn der Provider einen schlechten PUE hat, bezahlen Sie für jeden Kilowatt IT-Last zusätzlich entsprechend mehr für Kühlung, Beleuchtung und sonstige Infrastruktur und das rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr.

Wir empfehlen daher in unseren Projekten: Rechnen Sie den PUE-Faktor in Ihre Total-Cost-of-Ownership-Kalkulation (TCO) ein. Ein scheinbar günstiger Provider mit schlechter Energie-Effizienz ist langfristig teurer als ein Premiumanbieter mit modernem TGA-Konzept.

Wärmerückgewinnung: Eine gesetzliche Vorschrift.

Einer der größten Vorteile moderner Colocation-Rechenzentren ist die Möglichkeit zur Wärmerückgewinnung. Während bei luftgekühlten Systemen die Abwärme meist nur mit 28 bis 32 Grad anfällt – zu niedrig für sinnvolle Nutzung –, ermöglicht direkte Flüssigkühlung Vorlauftemperaturen von 45 bis 60 Grad.

Das ist heiß genug für Fernwärmenetze, Prozesswärme oder Gebäudeheizung. Wir haben mittlerweile mehrere Projekte begleitet, bei dem die Colocation-Provider die Abwärme ihrer Flüssigkühlsysteme in das Nah- oder Fernwärmenetz einspeisen.

Mittlerweile ist die Wärmerückgewinnung eine gesetzliche Vorschrift, die bei Nichteinhaltung mit Strafen verbunden ist. Gibt es von dem Provider hierzu kein Konzept und keine Lösung vor, wird er bestenfalls vermutlich die Vertragsstrafen in den Mietpreis mit einkalkulieren. Im ungünstigsten Fall (was aber aktuell noch völlig unklar ist) wird er bei einer nicht Abstellung des Mankos vom Gesetzgeber zur Aufgabe des Rechenzentrums gezwungen.

Flexibilität bei der Hardware: Der oft vergessene Faktor

Ein weiterer Aspekt, der bei der Provider-Auswahl oft zu kurz kommt: die Flexibilität bei der Hardware-Integration. Moderne KI- und HPC-Workloads setzen auf Spezialhardware – GPUs, Field Programmable Gate Array (FPGAs), Application-Specific Integrated Circuits (ASIC, auch Custom Chip, oder Custom-ASICs). Diese Systeme haben oft ungewöhnliche Formfaktoren, Stromstecker oder Kühlanforderungen.

Unser Rat: Klären Sie bereits vor Vertragsabschluss, welche Hardware-Flexibilität der Provider bietet. Falls Sie perspektivisch auf GPU-Server oder Liquid-Cooling umsteigen möchten, muss das von Anfang an eingeplant sein.

Fazit: Colocation ist so gut wie seine TGA

Die Entscheidung für Colocation ist mehr als eine IT-Strategie – es ist eine TGA-Entscheidung. Denn egal wie gut Ihre Hardware ist: Wenn die Kühlung versagt, die Stromversorgung schwankt oder die Redundanz nur auf dem Papier existiert, ist Ihre Verfügbarkeit dahin.

Als TGA-Planer sehen wir uns in der Verantwortung, unsere Kunden bei der Provider-Auswahl nicht nur zu beraten, sondern aktiv die Infrastruktur zu prüfen. Datenblätter sind Schall und Rauch – entscheidend ist, was im Technikraum tatsächlich verbaut ist.

Über den Autor:
Ulrich Terrahe (dc-ce RZ-Beratung GmbH & Co. KG) ist Geschäftsführer und seit fast 30 Jahren in der Rechenzentrumsbranche zu Hause.
Sein Fokus liegt auf der strategischen Planung und zukunftsfähigen Dimensionierung von Rechenzentren – mit besonderem Blick auf Energieeffizienz, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit.

Sein Fazit lautet: Wer heute Colocation strategisch richtig nutzen will, braucht Provider mit moderner TGA, transparenten SLAs und der Bereitschaft, individuelle Anforderungen zu unterstützen. Dann wird Colocation das, was es sein sollte: eine flexible, kosteneffiziente und hochverfügbare Alternative zum Eigenbau.

Bildquelle: dc-ce RZ-Beratung GmbH & Co. KG

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