Wenn Maschinen Stimmung machen

Brexit: Forscher kommen der Twitterbot-Armee auf die Spur

| Redakteur: Tina Billo

Social Bots eröffnen neue Dimensionen, um die öffentliche Meinung bei politischen Diskursen zu beeinflussen.
Social Bots eröffnen neue Dimensionen, um die öffentliche Meinung bei politischen Diskursen zu beeinflussen. (Bild: alluregraphicdesign/Pixabay / CC0)

Dass Social Bots in Debatten zunehmend als politische Stimmungsmacher zum Einsatz kommen, ist nicht neu. So auch 2016 im Vorfeld des Brexit-Referendums: Hier wurde über knapp 13.500 gefälschte Twitter-Accounts, die kurz darauf wieder verschwanden, gezielte Meinungsmache betrieben. Forscher der City University of London nahmen das "Zombie-Agenten-Netzwerk" genauer unter die Lupe.

Bei der jetzt in der Fachzeitschrift "Social Science Computer Review" veröffentlichten Studie "The Brexit Botnet and User-Generated Hyperpartisan News" handelt es sich um die erste, die systematisch die während der Referendumskampagne von Bots getwetteten Inhalte, deren Umfang, Intensität und Reichweite sowie andere wichtige Merkmale untersucht.

Hierfür analysierten die Forscher mit der Abstimmung über den britischen EU-Austritt verbundene Schlüsselwörter (Hashtags). Insgesamt identifizierten sie 794.949 Accounts, über die im Zeitraum vom 10. Juni bis zum 11. Juli 2016 rund zehn Millionen Tweets verschickt wurden. Fast 13.500 der Konten wiesen dabei Social Bots eigene Merkmale wie beispielsweise ein orchestriertes Verhalten auf und bildeten ein Netzwerk von Zombie-Agenten.

Stärkere Unterstützung des "Leave"-Lagers

Laut den Urhebern der Studie, Dr. Marcos Bastos und Dr. Dan Mercea, enthielten 31 Prozent der über die Accounts verbreiteten Nachrichten das Wort "Leave", zudem wurde der Slogan von Bots achtmal häufiger als von realen Nutzern getwittert. Dies zeige eine klare Pro-Brexit-Neigung auf. In 17 Prozent der Tweets wurde aber auch der von den Gegnern für das Verbleiben in der europäischen Union genutzte Begriff "Remain" aufgegriffen. Dies deutet aus Sicht der Akademiker darauf hin, dass es sich bei den Twitter-Bots um ein automatisch betriebenes "beaufsichtigtes Netzwerk von Zombie-Agenten" handelte und die Konten zur Unterstützung beider Seiten verwendet wurden.

"Wir haben keine Beweise gefunden, dass Bots gefälschte Nachrichten verbreitet haben. Stattdessen wurden sie zum Einspeisen und Wiederholen benutzerkuratierter, parteiischer und polarisierender Informationen genutzt", erklärt der leitende Forscher des Projekts, Dr. Marco Bastos.

Dennoch lege die Massenkoordination und die plötzliche Deaktivierung der "Sockenpuppen"-Konten offen, wie sich Twitter-Bots strategisch nutzen lassen, um während politischer Ereignisse bestimmte Ansichten zu verstärken. Die Streichung der Konten in den Wochen nach dem EU-Referendum hätte jedoch dafür gesorgt, dass die hinter den Aktivitäten stehenden "Strippenzieher" verborgen geblieben wären.

Twitter-Bots sind ein Geschäft

Die Untersuchung ergab zudem, dass sich neben den selbst gelöschten oder durch Twitter blockierten oder entfernten 13.493 Accounts, bei weiteren 26.538 Konten kurz nach der Schließung der Wahllokale der Benutzernamen änderte. Zusätzlich wurden fünf Prozent aller EU-Referendum-Tweeter entweder entfernt oder tauchten unter neuem Namen auf. Dies werten die Akademiker als Zeichen dafür, dass es einen potenziellen Markt für Bots gibt, die nach dem Ende einer Kampagne in anderen wiederverwendet werden.

Die Studie enthüllte auch, dass über einen Teil des Zombie-Agenten-Netzwerks lediglich andere Bots retweetet wurden, während ein anderer ausschließlich dazu bestimmt war, Posts einer kleinen Zahl an realen Nutzern weiterzuverbreiten.

Zu den weiteren Studienergebnissen zählt, dass

  • Bots waren vor allem in der Woche vor der Abstimmung und am Vorabend des Referendums aktiv waren,
  • 54 Prozent der Bots keinen Orignal-Tweet verfassten und es sich bei den meisten Beiträgen um Retweets handelte,
  • die über gefälschte Konten verschickten Tweets im Schnitt bis zu sechshundertmal retweetet wurden,
  • Softwareroboter durchschnittlich fünf Beiträge posteten, reale Nutzer hingegen 1,2 Tweets,
  • 10 Prozent der Bot-Tweets über fünf Konten verbreitet wurden (@trendingpls, @EuFear, @steveemmensUKIP, @ uk5am und @no_eusssr_thx),
  • in vier Wochen 2.474 Nachrichten alleine über das Konto @trendingpls versandt wurden,
  • 63 Prozent der URLs in Bot-Tweets nicht mehr existieren oder funktionieren.
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