IT und OT, Sensorik und Aktonik Automatisierungstreff 2022: Kabelbaumexplosion und Digitale Zwillinge

Von Michael Matzer

Beim „Automatisierungstreff 2022“ in Böblingen haben Anwender und Interessenten den aktuellen Stand von Industrial Internet of Things (IoT) und Industrie 4.0 erfahren können. In Workshops ist es möglich gewesen, Produkte auszuprobieren und in einer Ausstellung auf dem „Marktplatz“ konkrete Lösungen in Augenschein zu nehmen.

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Die Veranstaltung „Automatisierungstreff 2022“ hat in der Kongresshalle Böblingen stattgefunden.
Die Veranstaltung „Automatisierungstreff 2022“ hat in der Kongresshalle Böblingen stattgefunden.
(Bild: ccbs_gf)

Industrial IoT (IIoT) und Industrie 4.0 wachsen im Alltag vieler Unternehmen, die sich der digitalen Transformation verschrieben haben, bereits heute zusammen, denn IT verschmilzt dabei mit OT, vertreten durch Automatisierung. Sensorik reicht nicht, sondern muss mit Aktorik ergänzt werden, damit aus Erkenntnis auch Handlung wird.

Künftig werden Erfolge nur nachhaltig sein, wenn sie Schritt halten mit einer vollständigen digitalen Integration von Produkten, Prozessen und den Daten, die darin entstehen. Der Weg zur Industrialisierung und damit zu einer effizienteren Produktentwicklung führt nach Ansicht von Johannes Dietz, der bei der Rittal GmbH & Co. KG, im Bereich Schulungen und Value Chain Consulting aktiv ist, über Digitalisierung, Standardisierung und Automatisierung im Steuerungs- und Schaltanlagenbau. Dies seien die Schlüssel, um Kosten zu senken und unnötigen Mehraufwand zu vermeiden.

Im Zentrum stehe dabei der Digitale Zwilling, der im Engineering-Prozess entsteht und alle nachfolgenden Prozess-Schritte - Beschaffung, Herstellung, Betrieb inklusive Service - miteinander verbindet. Darüber hinaus bieten IoT-fähige Lösungen deutliches Optimierungspotenzial hinsichtlich der Anlagenverfügbarkeit.

Sie dienen Optimierung Ihrer wertschöpfenden Prozesse, der Senkung der Durchlaufzeiten und somit der Erhöhung der Anlagenverfügbarkeit. Insgesamt diene dies der nachhaltigen Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit.

Die Teilnehmer des Workshops „Der Digitale Zwilling in der Anwendung“ sollten erfahren, wie sie ihre wertschöpfenden Prozesse optimieren und somit Effizienz und Produktivität steigern. Das Seminar richtete sich an Konstrukteure im Steuerungs- und Schaltanlagenbau sowie an Mitarbeiter aus Werkstatt und Instandhaltung, die ja im Rechenzentrum ja auch gern gesehen sind.

Rittal VX25

Die Rittal GmbH hatte zusammen mit der Friedhelm Loh Group schweres Geschütz aufgefahren: einen kompletten Bus, der bis obenhin mit Technik vollgestopft war. Für Besucher war ein schmaler Gang zwischen Schaltschränken freigehalten worden, um die neueste Modellreihe gebührend bewundern zu können: „VX25“.

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Der rund 220 Seiten starken Broschüre zu diesem Anreihsystem ist zu entnehmen, dass das 19-Zoll-Großschranksystem VX25 den Vorgaben der Industrie 4.0 entspricht und pro Tag weltweit rund 15.000 Stück davon zusammengebaut werden. Denn zusammengebaut werden hier vorgefertigte Komponenten, die der Kunde an einem digitalen „Schaltschrankkonfigurator“ individuell wählen und assemblieren kann.

Dazu gehören die Stromzufuhr, die Netzwerkverteilung und zusätzlich Kühlaggregate und Klimatisierung. Das Kühlgerät trägt die Bezeichnung „VX25 Blue E+“. Von einem der insgesamt 90 Lager wird das fertige System geliefert und beim Kunden von Servicetechnikern zusammengeschraubt und angeschlossen. „Die ganze Prozedur von der Konfiguration bis zur Inbetriebnahme dauert lediglich 24 Stunden“, sagte ein Vertreter der Friedhelm Loh Group, der die Mini-Expo im Bus betreute. Manchmal muss es eben schnell gehen.

Die Produktion

Rittal hat in Haiger ein neues Werk errichtet – mit dem Ziel, mit vollständig digital integrierter Produktion eines der modernsten Schaltschrankwerke der Welt zu schaffen. Dort sollen durch den Einsatz neuer Technologien wie etwa anhand der auf der Edge-Cloud-basierten Digitalisierungsplattform „Oncite“ des Schwester-Unternehmens German Edge Cloud, substanzielle Schritte für die digitale Transformation gelingen können.

„Durch hochautomatisierte Produktionssteuerung wird hier eine lückenlose, integrierte Auftragsabwicklung realisiert“, heißt es im Rittal-Eintrag auf der Webseite des Automatisierungstreffs 2022. „Dank der Digitalisierung gewinnt Rittal heute schon maximale Transparenz in der Fertigung, kann schnell reagieren, die Effizienz steigern und die hohen Vorgaben an die Produktqualität erfülle.

In den neuen Fabrikhallen würden mit mehr als 100 Hightech-Maschinen und Anlagenkomponenten auf 24.000 Quadratmetern hochautomatisiert rund 8.000 „AX“-Kompaktschaltschränke und „KX“-Kleingehäuse pro Tag gefertigt. Dabei fielen täglich bis zu 18 Terabyte Daten an. 20 fahrerlose Transportsysteme erledigten die integrierte Intra-Logistik.

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Panduit

Dass die Rittal-Vertragstechniker beim Zusammenbau alles richtig machen, sollte der Kunde erwarten können. Doch wenn es schnell gehen muss, kann es auch ganz anders laufen, und zwar selbst in hochentwickelten Industrieländern. Nötig sind dabei nur ein paar minderwertige Materialien an kritischen Stellen und Verbindungen, die weniger als hundert Prozent Festigkeit aufweisen.

Eine entsprechende Horrorvision hielt der US-amerikanische Kabelhersteller Panduit parat. Das Familienunternehmen, das 2021 rund 1,2 Milliarden Dollar Umsatz machte, ist in aller Welt präsent, um physikalische und elektrische Infrastruktur für Rechenzentren, die Industrie- und Gebäude-Automatisierung und die damit verbundenen Services anzubieten. Mit dem aufgekauften Unternehmen Atlona kann Panduit inzwischen auch Audio- und Videotechnik anbieten, etwa auf Flughäfen.

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In mehreren Videos schockte Panduit die Zuschauer, als darauf zu sehen war, wie ein Kabelbaum aus lediglich drei dicken Stromkabeln sich plötzlich aufgrund Überlastung - beispielsweise 180 Kilo-Ampère - aufbäumte, die Schellen sprengte und eine Explosion beziehungsweise einen Lichtbogen emittierte. Diese Art von Kurzschluss sollte unbedingt vermieden werden, so die einhellige Reaktion des Publikums.

Wenn der Kabelbaum explodiert

Der Schwachpunkt des Kabelbaums waren die zu schwachen Schellen am Kabelbaum und die unzureichenden Abstände zwischen den Kabelsträngen. Hier wären Energiemessgeräte von „PQ Plus“ für die Vorwarnung hilfreich gewesen.

Panduit bietet entsprechende Apps an. Und natürlich Kabelschellen aus Edelstahl.

Martin Kandziorra, der Marketingleiter für die Region EMEA, kündigte einen neuen europäischen Standard für 2022 an, der solche hohen Stromstärken und Spannungen handhaben können soll.

Expo & Workshops

Zur den Zielgruppen des Marktplatzes Industrie 4.0 – also der Ausstellung - gehören technisches und kaufmännisches Management, IT-Fachleute, Technische Leiter und Projektierer, Anlagenplaner in der Automotive-Industrie sowie Service- und Instandhaltungstechniker, die eine automatische Selbstüberwachung aller Geräte wünschen und mehr Effizienz bei der Wartungsplanung erreichen wollen.

Der Organisator Strobl GmbH schreibt in ihrem Ausstellerverzeichnis: „Das Ziel: Der Anwender kommt mit einer Aufgabenstellung auf den Marktplatz Industrie 4.0 und entdeckt eine Industrie 4.0-Anwendung, die eine Lösung für seine Aufgabe ist. Oder er findet eine Idee für eine Lösung.“

Ein Logo des Automatisierungstreffs IT & Automation
Ein Logo des Automatisierungstreffs IT & Automation
(Bild: Strobl)

Ähnlich praxis- und ergebnisorientiert sind auch die Workshops gewesen. „Da das Zusammenwachsen von Automatisierung und IT die Branche aktuell sehr stark beschäftigt, zielen die Inhalte der praxisbezogenen Workshops verstärkt in Richtung Industrial IoT und Industrie 4.0 ab. Auch bereits ganz konkret im Alltag der Anwender. Deshalb haben die Teilnehmer die Möglichkeit, einzelne Technologien vor Ort auszutesten und können selbst Hand anlegen.“

So sollen die Workshops eine direkte Auseinandersetzung rund um das Zusammenwachsen von IT und Automatisierung ermöglichen. „Teilnehmer erhalten tiefen Einblick in den Einsatz von bereits verfügbaren Produkten, Systemen und Methoden“, so der Plan des Veranstalters Strobl.

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